„Alles was Spaß macht“: Darin sind sich Otis Hagen, Sohn der Sängerin und Punk-Ikone Nina Hagen, Schauspieler und DJ und Holger John, Künstler und Galerist einig. Er legte zur Ausstellungseröffnung von John in der Kunsthochschule Musik auf und ein Bild von Otis Hagen hängt auch dort.
Mit buntem Pappfisch, viel Humor & Biss & Fantasie führt der Künstler Holger John durch seine Ausstellung in der Kunsthochschule Dresden. Noch bis diesen Sonntag. Geöffnet: 11 bis 18 Uhr.

Ein Kunst-Tsunami, der auf die Leute zurollt

Die Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ des Zeichners und Galeristen Holger John zeigt einen fantasiereich eigenwilligen Bilderkosmos und löste schon kurz nach der Eröffnung eine Protestaktion von Studenten in der Dresdner Kunsthochschule aus. Ein Bild eines Gastkünstlers musste sogar abgehangen werden.

Die Farbe fließt im Überfluss, sprengt spielerisch leicht Formen und Konventionen, schert sich nicht um Akribie und Ebenmaß, zerschneidet Bilder im Kopf und lässt immer wieder neue entstehen. In seinen ganz eigenen Bilderkosmos voller fantastischer, witzig skurriler und ironischer Blicke auf das Leben und die Kunst nimmt der Zeichner und Galerist Holger John die Besucher seiner Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ mit – eine Retrospektive seiner Malerei auf Papier, die erstmals in dieser farbigen Fülle zu sehen ist und zu Walpurgis am Donnerstagabend letzte Woche im Oktogon der Dresdner Hochschule für Bildende Künste auf der Brühlschen Terrasse vor reichlich Publikum eröffnet wurde.

Für den Ausstellungstitel nahm John eine Zeile aus dem Lied „Ich glotz TV“ von Nina Hagen. „Ich hab ihr davon erzählt. Sie findet es großartig und beglückwünscht mich dazu“, so Holger John. „Alles so schön bunt hier!“ sei auch eine Kampfansage an die zeitgenössische Kunst, sagte er zur Ausstellungseröffnung. Eine Anspielung auf bunt beliebige Oberflächlichkeit und Effekthascherei. Holger John ist ein Bilderzauberer, ein grandioser Zeichner und Magier der Farben und Formen, der sich äußerst experimentierfreudig, humorvoll und selbstironisch auf den Leinwänden und Papier austobt. Es ist seine bisher größte Ausstellung, mit rund 600 überwiegend farbigen Arbeiten aus 66 Lebensjahren des Künstlers Holger John. Abstrakte und konkrete, figürliche Malerei und Zeichnungen in vorwiegend kräftigen Farbtönen, in großen, kleinen, runden und eckigen Formaten. In Bildergruppen, einzeln und oberhalb der Wände gehängt sind die stark farbigen, comichaften Bilder. Daneben und darunter ist viel weiße Freifläche. Bis in neun Meter Höhe hängen die Bilder verteilt unter der Kuppel des Oktogon, bei den Dresdnern auch als Zitronenpresse bekannt mit dem darauf schwebenden, goldenen Famaengel mit der Fanfare.

Zur Ausstellungseröffnung kam Nina Hagen zwar nicht selbst, doch sie entsandte Otis „Oski“ Hagen Chevalier, deutsch-französischer Schauspieler, DJ und Sohn der Punk-Ikone Nina Hagen. Er legte bei der anschließenden Walpurgisnacht-Party im Innenhof der Kunsthochschule als DJ einen bunten Mix aus Funk, Soul, HipHop und Reggae auf. Vorher spielten Luys & Dream-Rock, eine Leipziger Newcomer-Band punkigen Gitarrenrock und natürlich auch das Lied „Ich glotz TV“ von Nina Hagen mit dem Vers: „Ich kann mich gar nicht entscheiden. Alles so schön bunt hier. Ich glotz TV.“ Otis Hagen und Holger John sahen sich das erste Mal zur Ausstellungseröffnung und verstanden sich auf Anhieb, gut gelaunt saßen sie zusammen auf der Treppe im Innenhof mitten im Trubel. „Holger John ist ein guter Familienfreund von meiner Mama“, sagt Otis Hagen im Gespräch mit der OAZ. Er ist 35 Jahre alt, geboren in der Nähe von Paris und als Kind mit seinen Eltern viel gereist, auch nach Spanien und Ibiza. Jetzt wohnt er in Berlin.

„Es ist sehr schön hier zu sein“, sagt er über Dresden. Sonst sei er immer nur durchgefahren und zwischen Berlin und Prag gependelt, wo er zweieinhalb Jahre gelebt hat. Er fühlt sich als Kosmopolit. „Halb deutsch, halb französisch. Ich bin stolz, beides zu sein und beide Sprachen zu sprechen“, so Otis Hagen. Doch seine Muttersprache sei eigentlich Englisch, das sie zusammen in der Familie sprechen. Als Schauspieler hat er kürzlich im TV im „Tatort Bremen“ eine kleine Rolle als Türsteher gespielt. Als DJ legt er auf bei Partys und in Galerien. Er malt auch. Ein Bild von Otis Hagen, mit Hochhäusern, Fernsehturm und rätselhaftem Zeichen, wie ein schwarzer Vogel, hängt auch in der Ausstellung zusammen mit Arbeiten von Künstlerkollegen und Wegbegleitern Johns. „Alles was Spaß macht“, sagt Otis über sein Schaffen. Darin ähnelt er seiner Mutter Nina Hagen sehr. „Ich mag den Charme, ihre Kreativität und Lebensfreude. Es ist ein Glück, so eine Mutter zu haben“, sagt er. Mit ihrer manchmal etwas verrückten Art komme er gut klar. „Sie ist wie sie ist, eine starke Frau, lustig und sie glaubt immer an ihren eigenen Weg“. Sagt Otis John und geht auf die Bühne und legt stimmungsvolle sphärische Klänge an diesem lauen Frühlingsabend auf.

„Die Ausstellung von Holger John ist ein Rückblick auf sein künstlerisches Schaffen, die Wahrnehmung der DDR-Zeit, die Wende und ein Blick in den bunten Westen, als Künstler und Zeitzeuge“, sagte Professor Oliver Kossack, Rektor der HfBK Dresden zur Eröffnung. „Seine Arbeiten erzählen vom Suchen und Finden und Perspektiven dazwischen.“ Einfälle habe er wie Sand an der Ostsee, wo er ja herstammt, so der Laudator, Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung, Professor Raimund Stecker. Kunst sehe Holger John immer auch als sozialen Akt, nach dem Spektakel. „Nicht die Message steht im Vordergrund, sondern, dass es gemacht wird. Er macht es ohne Angst zu haben. Weil diejenigen, die Macht haben, oft nichts machen.“ Wir sollten diese Differenzen zwischen Ost und West, die es historisch und mental gibt, als Bereicherung sehen, um nach vorne zu kommen, so Stecker. Geboren wurde Holger John 1960 als Sohn des Grafikers Joachim John in Schollene im Havelland und ist aufgewachsen am Meer auf der Insel Usedom. Frühen Zeichenunterricht erhielt John bei dem Maler Otto Niemeyer-Holstein in Koserow und erlernte zunächst das Töpferhandwerk bei Hedwig Bollhagen von 1977 bis 1982. Einige bemalte Keramiken von ihm und seiner Lehrerin sind auch in der Ausstellung zu sehen. 1988 begann er sein Studium an der Dresdner Kunsthochschule bei Gerhard Kettner. 1993 erhielt John bei Ralf Kerbach das Diplom für Malerei und Grafik. Von 1993 bis ´96 und 2007 bis `09 wurde John zum künstlerischen Assistent und zum Dozent an die Kunstakademie Dresden berufen.

Johns Eltern hatten eine Fischräucherei in Zempin. „Dort waren Wolf Biermann und Eva-Maria Hagen einige Male zu Gast. Biermann hat Gitarre gespielt. Ich hab dann im Garten mit Nina gespielt“, erzählt Holger John. „Aber wir konnten nicht soviel miteinander anfangen. Nina, die Berlinerin aus der Hauptstadt, ich der naive Bube vom Fischerdorf.“ Immer mal wieder haben sie dennoch bis heute Kontakt und telefonieren, so John. In der Ausstellung steht auch ein Vitrinentisch mit Fotos, Bildern und Erinnerungsstücken aus der Hagenfamilie, auch ein Porträt seiner Mutter Lissy John, gemalt auf einem Hutkarton von Niemeyer-Holstein und Fotos von den legendären Faschingsfesten in der Kunsthochschule in den 50er Jahren sind dort zu sehen. Außerdem eine alte Orwo-Filmverpackung zu ihrem legendären „Farbfilm“-Hit und ein Farbfoto von Nina Hagen und Band bei einem Konzert bei Orwo in Bitterfeld. Von ersten farbigen Kinderzeichnungen bis zu neuen Arbeiten reicht die Bandbreite der Bilderschau. Mit einem der Bilder, das einen Zug mit Wagen voller lustiger märchenhafter Figuren und Tiere zeigt, gewann John als Fünfjähriger bei einem Malwettbewerb der Ostsee-Anrainerstaaten den ersten Preis und bekam eine Urkunde und einen hässlichen Keramikteller, erzählt er.

Er hält einen bunten Pappfisch mit bissigen Zähnen am Stab hoch, als Erkennungszeichen wie ein Reiseführer, bei seiner persönlichen Führung für die Besucher in der Ausstellung. Zu jedem Bild und bemalten Requisit erzählt John unterhaltsam eine Anekdote. Darunter eine von ihm mit zehn Jahren bemalte, alte Schranktür mit beflügelten Fabelwesen. Schön witzig-hintergründig auch seine Zirkusbilder zwischen Sensationslust, Dressur und Unangepasstheit. Kunst kennt für Holger John keine Grenzen. „Die  Schlummernde Venus mit Schere und fliegenden Toastscheiben hat alle Bedenkenträger überzeugt“, so John. „Der Rektor war glücklich.“ Schmunzeln lassen auch seine eigenwilligen Zeichnungen auf bemalten Dosen mit dem Schokoladenmädchen und der Altdresdner Kulisse unter einer Glasglocke. Das Bild „Der Doppelschrei“ frei nach Edvard Munch zeigt zwei Mickymäuse in gelben Trikots und Dynamo-Fußballschals.

Irgendwann beschloss Holger John, die Farbe in seinen Bildern wegzulassen. Seine Zeichenlust tritt dadurch um so stärker, klarer, nuancierter, dabei immer spielerisch leicht und detailfreudig erzählerisch, hervor in den schwarz-weißen Arbeiten in der Geburtstagsausstellung „66 x John“ in der Galerie Holger John, noch bis 7. Juni zu sehen in der Rähnitzgasse 17 im Barockviertel unweit vom Goldenen Reiter. Als Gäste zeigt er Arbeiten von Elke Hopfe, seiner Lehrerin und Professorin für Zeichnung an der Dresdner Kunsthochschule und von seinem Schüler Kurt Kern, 16 Jahre jung. Die Galerie Holger John sei ein Unikat in Dresden, die weit über die Grenzen Dresdens hinaus strahlt, sagte Barbara Klepsch, die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus bei der Ausstellungseröffnung in der Kunsthochschule. „Er schafft Räume für herzliche Begegnungen, Erlebnisse und Austausch, die man nicht vergisst. Er holt Künstler aus dem Ausland nach Dresden, inspiriert und begeistert Menschen für Kunst“, so Klepsch über Holger John. Und er sei auch ein Unruhestifter für eine lebendige Kulturszene in Dresden und Sachsen.

Es gab sogar eine Protestaktion einiger Kunststudenten kurz nach der Ausstellungseröffnung. „Eine kleine Studentenrevolte. Manche Besucher dachten auch noch, das sei von mir inszeniert“, sagt Holger John dazu. Er musste sogar ein Bild eines Gastkünstlers wegen angeblich sexistischer Darstellungen abnehmen. Das ausgerechnet an einem Ort wie der Kunsthochschule, die sich weltoffen und aufgeklärt gibt nach außen. Wo Kunstfreiheit eigentlich selbstverständlich sein sollte. „Da gibt es nur zwei Varianten: Umschulung oder Weiterbildung“, so John zur Akion der Kunststudenten. „Ich möchte mit der Ausstellung anregen, auch mal die eigene Scholle zu verlassen und ins kalte Wasser zu springen.“ Oliver Estavillo, ebenfalls Künstler, sagt dazu: „Die Ausstellung ist ein Kunst-Tsunami, der auf die Leute zurollt, sie beinahe verschluckt und sehr kraftvoll ist.“ Holger John war selbst überrascht von den teils heftigen Reaktionen auf die Bilder. Er nimmt es locker und gelassen auch das Älterwerden. Sein Vater Joachim John habe mit 80 Jahren noch einmal ganz neu angefangen zu malen, farbig kolorierte Zeichnungen. „Jetzt fängt es erst richtig an!“, sagt Holger John schelmisch lächelnd. Den Kopf immer noch voller Ideen und Pläne für Bilder, Ausstellungen und Kulturevents in Dresden.
Text + Fotos (lv)

Die Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ ist noch bis 31. Mai zu sehen. Führungen mit Holger John gibt es täglich um 13 Uhr in der Ausstellung. Geöffnet hat sie Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Eingang am Georg-Treu-Platz 1 hinter der Hochschule.


Eine Aufnahme vom Fasching an der HFBK aus den 50er Jahren: Die Dame mit dem Hut ist Lissy, die Mutter von Holger John. Sie studierte dort einige Semester.

Geburtstagsausstellung „66 x John“: Dichtes Gedränge zur Eröffnung der Bilderschau in der Galerie Holger John in der Rähnitzgasse 17 in Dresden. Noch bis 7. Juni zu sehen.

Die Kunst hält ihn frisch: Holger John hält es wie sein Vater und probiert gern Neues. Joachim John begann mit 80 Jahren noch mal von vorne – mit farbig kolorierten Zeichnungen. Zwei seiner Bilder hängen in Johns Ausstellung in der HfBK.