Advertisements

Keine für Alle! – Lara Finesse

Hervorgehoben

Kolumne: Neue Mauern…

Wie es zu meinem Namen kam, das bleibt mein Geheimnis. Ob es mich wirklich gibt? Nun ja. Wie heißt es so schön: Ich denke, also bin ich. Was auch nicht unbedingt selbstverständlich ist. Neulich hörte ich im Radio in einer Humorsendung, es war gerade Fasching, den unglaublichen Satz: Das Lachen unterscheide den Menschen vom Tier. Das habe kein Geringerer als Aristoteles einst festgestellt, wie auch die gefährliche und befreiende Wirkung auf die Lachenden und Ausgelachten zeitlos ist.

Wer lacht, zeigt, dass er etwas erkannt und verstanden hat. Oder es zumindest meint. Während Tiere, wenn sie lachen mit heraushängender Zunge oder fiependen Lauten,gar nichts denken, sondern sich einfach ihres Daseins freuen. Das unterscheidet Tiere tatsächlich sehr von Menschen.

Manche von letzteren verziehen keine Miene, egal was um sie herum passiert. Es ist ja nicht zu übersehen, dass sich gerade ein großer Wandel in der Welt von draußen nach drinnen – damit meine ich nicht nur die über Ländergrenzen hinweg ziehenden Flüchtlingsströme – vollzieht. Neue Mauern tun sich auf, mit denen wir uns selbst umgeben. Man sehe sich nur die Leute an, die draußen unentwegt nach unten auf diese glatten, flimmernden Teile starren und darauf herumtippen und die Ohren oft verstöpselt halten.

Wie ferngesteuert laufen sie durch die Gegend, manche rennen einen fast um. Ich frage mich dann immer: Was ist so ungeheuer wichtig, dass diejenigen dieses Teil kaum eine Minute mehr aus den Augen lassen?! Was würde passieren, wenn sie es verlieren? Was taten sie, bevor es Smartphones gab?

Mittlerweile braucht man gar nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Man bekommt alles aus dem weltweiten Netz. Man kann Tag und Nacht einkaufen, mit den Augen überallhin reisen, sich vergnügen, den idealen Partner per Fragebogen zusammenpuzzeln, für zwischendurch, nur virtuell oder auch mal in echt. Heldenhafte Essensbringer aus dem Internet (die nennen sich wirklich so!) gibt es auch inzwischen.

Anderes wie Postkarten und Briefe schreiben, stirbt allmählich aus. Vielleicht werden Briefkästen deshalb auch immer seltener?

Neulich fragte tatsächlich jemand auf Facebook, ob es eigentlich noch Schreibpapier gäbe! Als ob es davon abhinge. Wenn man das Bedürfnis hat, kann man auf allem schreiben. Oder? Nur gehen mir leider allmählich die Empfänger aus. Es wird noch soweit kommen, dass ich mir selbst Karten und Briefe mit schönen Briefmarken schreibe, nur um mir die unverhoffte Freude, dass jemand an einen denkt und überrascht, zu erhalten neben all dem Werbekram und Rechnungen, die mir beim Gang zum Briefkasten täglich entgegen grienen.

Warum gehen wir manchmal trotzdem noch hinaus? Um zu schauen, ob da draußen noch alles da ist, noch andere außer uns und wie die Luft ist. Warm oder kalt. Auf den Wetterbericht ist ja kein Verlass mehr trotz moderner Technik. Das Wetter macht, was es will. Einmal richtig Schnee muss reichen, dann geht der Winter schon wieder. Statt Schlitten und Skier fahren schnelles Surfen im Internet. Merkt doch eh keiner. Seit Ende Januar, draußen ist noch alles kahl und grau, bestürmen einen schon in knallbunten Farben grinsende Schokohasen und Eierallerlei im Supermarkt, obwohl man gerade erst die Silvesterknallerei überstanden hat und das Schatzkästchen auf dem Tisch mit den erfüllten, vergessenen und neuen Wünschen für das neue Jahr noch auf Durchsicht wartet. Indes grüßen schon die ersten Schneeglöckchen auf der Wiese, wird es wieder früher hell und später dunkel. Was manche Nachbarn schon zu eifrig geräuschvollem Frühjahrsputz derart treibt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Und das Leben rauscht vorbei.

Macht was draus.

Bis zum nächsten Mal!

Eure Lara Finesse

BilderGedichtKalender 2016 „Von Tier zu Mensch“

Hervorgehoben

Vom Raubtier Mensch

Skurill-poetische Gedichte und Bilder versammelt der neue BilderGedichtKalender von Lilli Vostry und Babak Nayebi.

Ein Mann mit Hahn im breitkrempigen Hut, den nichts zu erschüttern scheint, ist auf dem Titelblatt des Kalenders zu sehen. Gut behütet schaut er in die Welt. Skurril-poetische, heitere und ernsthafte, beherzt geborgene Gedankenflüge und Gefühlssprünge versammelt der neue BilderGedichtKalender für 2016 unter dem Titel „Von Tier zu Mensch“. 

Es ist der nunmehr dritte Kalender, den Lilli Vostry, freie Journalistin und SZ-Autorin, zusammen mit dem iranischen, in Dresden lebenden Bildenden Künstler Babak Nayebi in limitierter Auflage herausgegeben hat im Typostudio SchumacherGebler in Dresden. In Abwandlung der Redewendung „Von Mensch zu Mensch“ wird in reizvollem Kontrast von Bildern und Lyrik das Verhältnis von Mensch und Tier betrachtet. Das Raubtier Mensch, der mal Jäger, mal Getriebener ist, mal innige Nähe und Ausgeliefertsein, Stärke und Ohnmacht erfährt und die verletzte, leidende Kreatur stehen sich gegenüber in den farbigen Ölzeichnungen auf Papier. Es geht außerdem facettenreich, vieldeutig um Zwischenmenschliches. Etwa im Gedicht „Frei Wild“ um Fortschnurren in fremde Galaxien, um Fortträumen, Sehnsucht nach der Ferne und Neues entdecken. Da tauchen Fledermäuse am Strand auf, ergibt sich ein Admiral auf Landgang duftenden Blüten. Da bringt ein rätselhaftes Wesen mit roten Augen, das sich Lori nennt, Schatten zum Leuchten. Und begrüßt eine Robbe das neue Jahr und sucht im unendlichen Weiß nach wärmenden Worten. 

Dieser zeitlose BilderGedichtKalender „Von Tier zu Mensch“ ist jetzt zum Schnäppchenpreis erhältlich. Einige Exemplare sind noch über die Autorin Lilli Vostry auf Anfrage zu beziehen.

Zwischen Welten – Grafische Malerei von Anne-K. Pinkert in der Stadtgalerie Radebeul

Von Mythen und Träumen angeregt ist die Bilderwelt der Malerin und Kunsttherapeutin. Ihre Arbeiten spiegeln die Welt im Innen und Außen.

Anne-K. Pinkert und Laudator Thomas Gerlach zur Ausstellungseröffnung

Bezaubernde Klänge zwischen Klassik und Bossa Nova, Pachelbel und Bossa Nova, romantisch, beschwingt und expressiv spielten auf Geige und Cello die Musikerinnen Sigrid Penkert und Beate Hofmann.

Eine Frau mit wirbeligem Haar lässt sich von den Wellen tragen, aus denen das Glück als goldglänzender Fisch auftaucht. Es ist verheißungsvoll, schwer zu fassen und zu halten. Das “Zufriedensein“, so der Bildtitel von 2016, ist eine Kunst für sich. Traumhaftes, Mythen und Alltägliches verbinden sich in den leuchtendfarbigen Natur- und Lebensbildern in der derzeitigen Ausstellung „Zwischen Welten“ mit grafischer Malerei von Anne-K. Pinkert in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21.
Da taucht der Betrachter in den überwiegend figürlichen Arbeiten, Mischtechniken, Aquarellen und Lithografien, in meerblauen, sonnigen und erdigen Farbtönen ein in die Welt zwischen Außen und Innen, zwischen Mensch und Tier.

Die Bilder erzählen vom Suchen und Finden, Halten und Loslassen, von Stille und Ganzheit. Da tummeln sich „Untersee“ in den mal schwebend leichten, lichten und mal von dunklen Flecken durchzogenen Gewässern Flossentiere aller Art. Vom uralten „Ahn“ umgeben von wuchernden Schlingpflanzen, kleinen Gold- und tiefroten Feuerfischen bis zu Nixe und Fisch, die sich umschwänzeln. Da werden Tiere zu Gefährten des Menschen, erscheinen Männer als knorrig-kraftvolle Baumgestalten und Frauen von Blau umflossen als Schöpferinnen des Lebens. Da küsst eine Frau einen Fisch. Begegnet man einem Hochzeitsstier, Dämmerungs- und Paradiesvögeln, einem Eisvogel und vielen anderen wundersamen Wesen. Trifft „Vainamoinens Gesang“ nach einer alten finnischen Sage auf „Die Klage der Fische“ in teerschwarzem Wasser.
Bei aller Farbenfreude spiegeln die Bilder von Anne-K. Pinkert keine heile Welt. „Es ist eine Ausstellung über inneren Reichtum, aus dem sie ihre Bilderwelt schöpft und sichtbar macht, was ihr wertvoll ist“, sagte Thomas Gerlach zur Eröffnung, der ihr Schaffen seit längerem begleitet. Darin zeige sich auch ihre Sehnsucht nach Aussöhnung des Menschen mit sich und der Welt. Anne-K. Pinkert wurde 1973 in Radebeul geboren.

Sie arbeitet seit 17 Jahren künstlerisch. Bilder sind für sie wie Seelenlandschaften. Das mediterrane Flair ihrer Arbeiten entstammt wohl auch von ihren Aufenthalten in Frankreich. Dort reiste und lernte sie Vielfältiges, arbeitete als Kuhhirtin, bei Winzern und Bauern und als Betreuerin in einer Gemeinschaft mit geistig und körperlich behinderten Menschen. Sie hat ein Kunst-Diplom an der Burg Giebichenstein in Halle im Jahr 2000 erworben und absolvierte danach ein Aufbaustudium in Kunsttherapie an der Dresdner Kunsthochschule. Seither arbeitet sie freischaffend als Malerin und Grafikerin und als Kunsttherapeutin hauptsächlich in der Kinder- und Jugendhilfe.

Die Ausstellung ist noch bis 2. Juli zu sehen.

Text + Fotos (v)

Geöffnet: Di., Mi., Do. und So. von 14 – 18 Uhr

 

Advertisements

Besuch aus dem Garten Eden

 

Garten Eden

Als ich zurückkam
aus dem Garten Eden
mit den vielen Wildblumen
die an verwunschenen Orten
von Menschen verlassen
blühen
sogar am Asphalt
sich entgegen recken
den grellen Autolichtern

am Himmel die Farben
explodierten
angefüllt mit der Pflanzenfülle
ließ ich das tote Grün
gemähter Großstadtwiesen
hinter mir
da fielst du aus den wilden Blüten
heraus
auf den Küchentisch

ein helles Muschelgehäuse
aus dem sich Fühler reckten
ein agiles Wesen
aus dem Garten Eden
saß auf meinem Finger
und einen Augenblick
träumte ich
ich wäre dort

Text + Fotos (lv)

 

BilderAlbum: Die Natur führt sich auf

Eine Entdeckungsreise im Wald

Eigentlich wollte ich zum Elbhangfest. Ich habe bestimmt einiges verpasst dort. La Dolce vita mit Genüssen aller Art lockte zwischen Loschwitz und Pillnitz. Doch ich blieb auf dem Weg dorthin am Sonnabend nachmittag im Wald im Prießnitzgrund. Vier Stunden lang. Bis die Sonne hinter den Bäumen verschwand. Sie warf ihre gleißenden Scheinwerfer an und ich konnte diesem besonderen Schauspiel nicht widerstehen: Die Natur führt sich auf! Ich dachte an Luthers Ausspruch, die Welt ist voller Wunder. Ich war lange nicht mehr im Wald. Mir gingen fast die Augen über. Was ich alles verpasst hatte.

Berauschend und berührend was einem da alles begegnet. Allein die vielen Baumgestalten, vieläugig, knorrig, wirbelig oder grazil mit ihrer lebhaften Mimik im wechselnden Licht- und Schattenspiel auf den Stämmen, dem Raunen und Rascheln der Blätter. Der würzige Duft nach Walderde und leicht zitronige der Wildpflanzen, innig versonnene Gräserpaare, Vogelstimmen und die murmelnde Wasserquelle…

Von einem grünen Thron aus, einem bemoosten Baumstumpf, lausche und überlasse ich mich ihnen. Manchmal knackt es im Unterholz. Etwas Geheimnis und Spannung gehört zu jedem guten Schauspiel. Nein, da lauern keine wilden Tiere oder finsteren Gesellen. Ein Jogger mit verschwitztem Gesicht steht auf einmal mit erhobenen Armen vor mir. Weiter hinten halb im Gebüsch entdecke ich einen urigen Waldgeist aus Holz mit grünem Kautabak im Mund. Ab und an sausen Radler recht schnell den steinigen Abhang am Ausgang des Waldes hinunter, platzen in die Stille. Ich bin gespannt wo ich herauskomme. Ein Pfeil auf einer Lichtung zeigt 4 km bis zur Elbe an, ein anderer 0,8 km bis zur Königsbrücker Straße. Den wähle ich, stehe nach einem schlängelnden, steilen und holprigen Weg auf einem freien Platz, wo zwei Welten aufeinander treffen. Eine geräuschvolle Motorenhalle auf der einen Seite, eine üppige Wildblumenwiese im Glanz der Abendsonne und Vogelgezwitscher auf der anderen Seite. Ich radele am Technopark Nord entlang mit einem großen Strauß Wildblumen. Die Welt ist eben voller Wunder. Bin gespannt aufs nächste Waldschauspiel.

Text + Fotos (lv)

Herzlichen Dank an Petra Schöne vom Atelier Petruschka – Textiles Recycling im Alten Bahnhof Klotzsche, die mir den Weg durch den Prießnitzgrund empfahl und so landete ich unversehens mitten im Wald.

Elbhangfest: Zwischen Paradiesgärtlein und Höllenkirmes

Von Rom durch die Hölle ins Paradies – Auf den Spuren Luthers pilgern, geistigen, kulturellen und kulinarischen Genüssen frönen ganz im Zeichen des großen Reformators und Genussfreundes kann man beim diesjährigen Elbhangfest. Dabei locken vom 23. bis 25. Juni unter dem Motto „Martins Most und Katharinas Äpfel“ anlässlich des Reformationsjubiläums über 350 Veranstaltungen auf 15 Bühnen sowie viele Stände, offene Häuser und Gärten von Loschwitz bis Pillnitz.

Der Körnerplatz wandelt sich zur italienischen Piazza La Dolce Vita mit Wein, Musik und Tanz. Dort legt zum Auftakt am Freitag, ab 22.30 Uhr DJ Umberto aus Neapel heiße italienische Klassiker auf. Ebenfalls am Eröffnungsabend erklingt das Vocalconcert „Musica Lutherana“ in der Loschwitzer Kirche, um 19.30 Uhr. Dort startet am Sonnabend wieder der historische Festumzug um 11 Uhr. Weitere Höhepunkte sind die Höllenkirmes mit Feuerspektakel in Wachwitz am Sonnabend ab 22 Uhr und das Pillnitzer Paradiesgärtlein mit einer Aufführung der „Carmina Burana“ und einem Konzert der „Kentonmania-Bigband und 8 French Horns“.

Text (lv)

http://www.elbhangfest.de

Wut – Jelinek, Wagner und Jesus von Nazareth in einer Orchesterperformance

Fotos: Matthias Horn

„Oh Gott! Ich muss nachschauen welcher…“

Dunkel-Dramatische, Lichtfunkelnde und Aufrüttelnde Klänge, Bittere, beschwörende und Tragikomische Worte darüber, wie Menschen heute mit sich, anderen und der welt umgehen, wechselten in der Orchesterpeformance „Wut – Jelinek, Wagner und Jesus von Nazareth“ von Christian von Borries am Sonnabend zum Abschluss der Dresdner Musikfestspiele. Eine gemeinsame Aufführung der Dresdner Sinfoniker mit Schauspielern des Staatsschauspiels und dem Dresdner Bürgerchor in der Frauenkirche, die dabei allerdings akustisch an ihre Grenzen stieß, da viele der Chorpassagen – Ironie des Schicksals oder der Zeit – kaum gehört verhallten.

Zuerst stehen die Akteure in blauen Gewändern brav in einer Reihe hinter dem Orchester, später rücken sie immer weiter vor, von einer Zuschauerreihe in die nächste und lassen im Chor mit geballter Stimmkraft ihrer „Wut“ freien Lauf nach der gleichnamigen zornig-scharfzüngigen Textvorlage der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek, entstanden nach den Terroranschlägen in Paris 2015, im weiten Kirchenraum. Klanggewaltig begleitet von den Dresdner Sinfonikern – zu Musik von Wagner, Bach, Mendelssohn Bartholdy, Popmusik und Militärmärschen – suchen sie sich Gehör zu verschaffen in einem zunehmend um sich greifenden Klima der Angst vor Terror, Gewalt, Hass, Leid und Zerstörung, des Zerfalls von Werten und fordern Veränderungen. Sie halten vor dem Altar Schilder mit der Aufschrift Wut und Videobildern mit davonrennenden, fliehenden Menschen und dem aufragenden Bus-Monument, das vor der Frauenkirche für viel Aufsehen sorgte. „Wir brauchen nichts mehr, keinen Gott, keinen Führer“, rufen sie und führen sich auf als „Selbsterschaffene“, die vor Wut übergehen und sich mal ohnmächtig fühlen, in Deckung gehen, hinters Podium stellen, auf die Brüstung springen und sich in dunkle Allmachts- und Vergeltungsfantasien vor dem imaginären Fremden, Unheimlichen flüchten.

Das hinterließ starken Eindruck, ging unter die Haut und bietet viel Zündstoff zum weiteren Nachdenken, wie mit der Wut über das Wegsehen und Nichtgehörtwerden umgegangen werden kann – persönlich und auf gesellschaftlicher Ebene – angesichts der vielen nicht zu übersehenden sozialen Spannungen und vielen ungelösten Fragen zu Zuwanderung und Integration hier im Lande und in anderen Ländern Europas.

„Wir haben das Maß verloren. Fallen aus der Ordnung der Welt heraus, aber die hat noch nie Ordnung halten können“, heißt es in einer Textpassage von Jelinek. „Keiner ist schuld. Keiner ist schuld?“

Wir sind ja nur unsere eigene Wahrheit, wir spielen sie nur, lässt sie die Akteure abschließend sagen. Vielleicht hat es sich aber doch gelohnt, weil alle bezahlt haben?!, fragt sie sarkastisch. Zumindest gab es trotz streckenweise schwer verständlicher Rede im Gegensatz zur wunderbaren Musik dennoch reichlich Applaus vom Publikum.

Die Spieler verteilten neben Taschentüchern auch diesen Wut-Text von Elfriede Jelinek an die Zuschauer:
„Ich sage wir, aber ich bin es nicht, ich bin die alle nicht,
ich bin auch die Flüchtlinge nicht, die da sprechen,
wie könnte ich denn ein Flüchtling sein, wo ich doch nicht mal ins Kino oder
ins Theater oder in ein nettes Restaurant flüchten kann!,
wie kann ich mich in diese Leute hineinversetzen, in diese Mörder?
Ich kann es nicht und tue es nicht.
Ihr Inneres verstehe ich nicht, ihr Äußeres sehe ich nicht, obwohl es oft im
Fernsehn war und ich nur sehe, was dort stattfindet.
Das Äußerste kann das Innerste sein, aber das Innerste sieht man eben nicht,
ich habe das schon öfter irgendwo erwähnt, glaube ich.
Sie wollen das Innerste der Menschen von mir, aber wie soll ich das kennen?
Sie wollen richtige Menschen von mir?
Dann müssen Sie sich an jemand anderen wenden!“

 

 

 

Nachlass – ein Theaterstück ohne Menschen im Kleinen Haus

Fotos: Daniel Koch

Was Dinge über Menschen erzählen

Tür auf, Tür zu steht der Betrachter in einem anderen Lebens-und Erinnerungs-Raum in der berührend-eindrucksvollen szenischen Installation „Nachlass – Pièces sans personnes“ der Künstlergruppe Rimini Protokoll im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Ein abgedunkelter Gang mit vielen Türen, die sich öffnen und schließen.  Jeder der acht Räume birgt individuelle Gegenstände, Geschichten, Bilder und Blicke auf Menschen, die nicht mehr da sind. Was bleibt, wenn die Lebensuhr stehen bleibt, von uns zurück? Davon erzählt „Nachlass – Pièces sans personnes“, eine szenische Installation der Künstlergruppe Rimini Protokoll (Stefan Kaegi, Dominic Huber). Sie besuchten Menschen, die wissen, dass sie bald sterben werden und haben berührend-eindrucksvolle Räume des Erinnerns an sie geschaffen. Die Premiere dieser ungewöhnlichen Theateraufführung ohne Menschen war am Freitag abend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Es ist ein seltsames Gefühl, einen Raum mit persönlichen Lebensdingen zu betreten und die Stimme des nicht mehr lebenden Menschen zu hören, dem sie gehörten. Der einen freundlich begrüßt und bittet Platz zu nehmen. Um sich Videoaufnahmen, Fotografien und andere Erinnerungsstücke auf dem Tisch, in Schubladen, Kartons und an den Wänden anzusehen. Und sie verabschieden den Besucher mit einem vieldeutigen „Adieu“ und „Auf Wiedersehen“. Da wird man scheu, erstaunt, ergreifend und fasziniert zum Augenzeugen, wie verschiedene Menschen – vom älteren Unternehmerpaar, über den im Höhenrausch sein Leben riskierenden, leidenschaftlichen Basespringer bis zur früheren EU-Botschafterin  – offen und freimütig, anrührend, gelassen, klar und gefasst und zuweilen mit leisem Humor über den Tod und ihr bald nicht mehr Dasein sprechen. Wie sie letzte Dinge ordnen, ihre Wünsche, Visionen und ihr Vermächtnis an die Nachwelt weitergeben. Da sitzt man in einem Raum auf einem bunten Orientteppich, lauscht den Klängen und sieht auf dem Bildschirm der letzten Reise eines älteren Mannes aus der Türkei zu, der in Istanbul bei seiner Familie bestattet werden möchte. “Vergessen Sie mich nicht. Schönen Tag“, wünscht er abschließend den Besuchern. Ein 44-jähriger, unheilbar kranker Mann hat ein Urlaubsvideo für seine kleine Tochter Marie zur Erinnerung aufgenommen. Dort steht er mit einer Angel an einem Fluss und denkt über sein Leben und die Fische nach, die bei ihm am Haken zappeln.

In einem Raum mit Bühne wandert das Scheinwerferlicht zu einem weißen Wollpullover auf einem Hocker, während die Stimme einer alten Dame erklingt. Sie war Schauspielerin und singt noch einmal eins ihrer Lieblingslieder. „Wenn Sie mich hören, bin ich nicht mehr da“, sagt Nadine Gros.

In einem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer liegen auf dem Tisch Familienbilder ausgebreitet, ticken zwei Wecker ohne ihre Besitzerin weiter und hören die Besucher der wechselvollen Lebensgeschichte der fast 91-jährigen Ururgrossmutter zu, der die Ärzte als sie ins Altersheim kam zunächst nur noch wenige Tage gaben. Der Tod sei gerecht, sagt Jeanne Bellugi, da er natürlich ist und alle trifft. Und der Anblick auch nicht schlimm. „Tote sehen immer schön aus, so wunderbar entspannt, selbst die schlechten Menschen“, sagt sie.

Skurril und nachdenklich zugleich ist ein etwas anderes Beratungsgespräch im Büro des Unternehmers Dr. Günther Wohlfarth und seiner Sekretärin, Haus- und Ehefrau Annemarie. 62 Jahre waren sie ein Team. Jetzt sind die zwei Sessel leer. Die Lampe auf dem Schreibtisch brennt noch. Mit „Liebe Menschen in der Zukunft“ empfängt er die Zuhörenden. „Wenn Sie ein Glas Wasser möchten…“, sagt  seine Frau höflich zu den Gästen, die sich allerdings selbst bedienen müssen am Wasserbehälter. „Wie sieht Ihr Geschäftsplan für die Zukunft aus? Haben Sie eine aussichtsreiche Idee?“, kommt ihr Mann gleich zur Sache, als könne er anderen immer noch helfen. Und er gibt den Menschen der Zukunft als Lebensrat mit, dass sie skeptisch sein und keiner Ideologie glauben sollen.

In einem Raum voller Umzugskisten erzählt in einer Höraufnahme die ehemalige EU-Botschafterin Gabriele von Brochowski, zu dem Zeitpunkt 80-jährig und zeitlebens eine Weltreisende, noch immer energiegeladen, wie ihr Lebenswerk nach ihrem Tod weitergeführt werden soll. Aus ihrem Besitz gründete sie eine Stiftung, die Afrika helfen will und dafür Künstler, Intellektuelle und Unternehmer – das „Trio der Zukunft“ – fördert und zusammenbringt, um Armut und Korruption zu bekämpfen. „Afrika kann sich nur von innen heraus entwickeln“, ist ihre Vision. „Sie werden es erleben. Ich nicht mehr.“

Im letzten Raum mit heißen Punkrockklängen, die der Extremsportler sich auf seiner Beerdigung wünschen würde falls er verunglückt, begleiten die Besucher den Schweizer Basespringer Michael Schwery. Er ist 44jährig und Vater einer kleinen Tochter und zeigt in imposanten Videobildern seine Route in die Berge, bis zum Exit, dem Absprungort mit dem Gleitschirm aus schwindelerregender Höhe. Er weiß, dass immer etwas passieren kann, hat seine Familie entsprechend abgesichert. Doch das Gefühl der totalen Freiheit, nur mit seinem Körper in der Luft und nichts dazwischen während des Flugs zur Erde, sei stärker als die Angst vor dem Absturz und Tod. Die atemberaubenden Bilder aus der Vogelperspektive lassen offen, ob er diesen Sprung überlebte. Kaum ist der Film abgelaufen, geht die Tür auf und warten schon die nächsten Betrachter. So dass das besinnliche Element, Zeit zum Innehalten und Nachklingen im jeweiligen Lebensraum mit den vielen Eindrücken etwas zu kurz kommt. Am Premiereabend war ein reges Kommen und Gehen von Beginn ab 17 Uhr an. Rund 90 Minuten dauert der Besuch der szenischen Installation. Ein authentisches Theatererlebnis vor und hinter dem Lebensvorhang, das man nicht so schnell vergisst.

Weitere Aufführungen:

19. – 24.6., jeweils ab 17 bis 20.30 Uhr startet aller 15 Minuten eine Gruppe von ca. zehn Zuschauern in die szenische Installation. Beim Kauf einer Karte entscheidet man sich für eine bestimmte Uhrzeit. Durch die variable Aufenthaltsdauer kann es zu leichten Verschiebungen der Einlasszeit kommen.

 

Offene Gartenpforte Dresden: „Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage“

Im Gartenreich: Adelheid Neupert, Ehemann Frieder und Freund Dieter (vorn im Bild)

Lustvolle Pflanzenformen: Von ihnen lässt sich Adelheid Neupert gern zu ihren sinnlichen Gartengedichten anregen und fotografiert die reizvollen Gewächse auch.

„Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage“

Von der Lust im Grünen zu leben und der Sexualität der Pflanzen erzählt Adelheid Neupert Besuchern in ihrem Bühlauer Garten am „Tag der offenen Gartenpforte“ am 18. Juni. Dann laden von 10 bis 18 Uhr private Gartenbesitzer in Dresden und Umgebung in ihre blühenden Oasen ein.

Hinter der Fensterscheibe kleben Gedichte von Adelheid Neupert aus dem „Garten der Lüste“. „Ich will Grashüpfer im Bauch. Feuer im Wacholderstrauch und Dich will ich (meistens) auch“, steht dort. Ihr Erleben in der Natur hält sie gern in lustvoll augenzwinkernden Versen fest. In ihrem Gartenreich auf der Reitzendorfer Straße 57 in Dresden-Bühlau grünt und blüht es aber nicht nur.

Für sie ist es vor allem ein offener Erlebnisraum im Grünen, in dem Geselligkeit gelebt und mit Musik, Bildern und Poesie verbunden wird. „Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage. Er erfordert alles, was selten und kostbar geworden ist: Nämlich Raum, Zeit und Zuwendung“, sagt Adelheid Neupert. „Haus und Garten werten sich gegenseitig auf und sind uns gleichermaßen Kultur- und Lebensraum.“

Ein Wohnraum in der Natur

Schon seit kleinauf wohnt sie hier im Haus ihrer Großeltern, erbaut in den 1930er Jahren innerhalb einer Siedlergemeinschaft mit Garten zur Selbstversorgung, und seit nunmehr 50 Jahren lebt sie hier mit ihrem Mann Frieder. Von Beruf Bauingenieur, konnte sie vieles am Haus selbst erledigen. Ihr Mann hat Elektrotechnik studiert. Nun sind beide im aktiven Ruhestand. „Andere gehen in den Garten, doch wir sind mitten im Garten. Wir brauchen einfach das Draussensein können, und so haben wir auch den Garten werden lassen“, erzählt sie. Den sieht sie als Wohnraum in der Natur. Die Küche öffnet sich an der Südwestecke nahtlos zum Garten.

Das aktivste Prachtbeet, das Gemüsebeet, kann sie ohne Schuhwechsel erreichen. Natürlich gibt es heute keine materielle Notwendigkeit zur Selbstversorgung mehr. „Aber es sind einfach Gipfelgefühle, größer als ein teurer Rosenstrauß, wenn man mir ein frisch geerntetes, tropfnasses Bündel Radieschen, Möhren oder Porree in die Küche reicht“, sagt Adelheid Neupert schmunzelnd. Die Pflanzen werden nicht hinter gerade gezogenen Kanten zurückgehalten. Sie können sich in den Rasen ausbreiten. Fingerhut, Spornblume und Malven können sich selber ihren Platz suchen. „Gepflanztes und Verwildertes mischen sich. Blumen werden fast nie geschnitten und Zimmerpflanzen gibt es kaum“, so Adelheid Neupert. Auf den ersten Blick wirkt der Kulturgarten, der an einem leichten Nordhang liegt, mit seiner weiträumigen Rasenfläche recht leer. Rundherum stehen Büsche und Bäume und ranken leuchtend farbige Blüten. „Ich mag den Rasen auch als optische Ruhefläche, die ich nicht missen möchte wie Pausen in der Musik und wenn die Bäume geheimnisvoll ihre Schatten darauf legen“, so Adelheid Neupert.

Es gibt mehrere Sitzplätze verteilt im Garten, wo man je nach Tageszeit und Licht die Pflanzenpracht genießen kann. Hier fühle sich das Leben ein Stück freier an. Kann sie bestimmen, wer sich hier bewegt. Frühmorgens barfuß den taufrischen Rasen spüren, abends lange draußen sitzen und bei Mondschein noch mal rausgehen.

Ihr Garten entstand aus der Lust, sich in der freien Natur, an der Grenze zur Kultur zu bewegen. Eine Lebensart, die ihre Ursprünge in der Lebensreformbewegung anfangs des 20. Jahrhunderts hat. Mit der Adelheid Neupert sich sehr verbunden fühlt. Neben den Gartengedichten sieht man im Fensterrahmen eine historische Fotografie. Sie zeigt einen bärtigen Mann mit längerem Haar und Stirnband im Adamskostüm beim Ackerbau auf dem „Berg der Wahrheit“ (Monte Verita), aufgenommen 1907 bei Ascona in der Schweiz. Dort siedelte sich unter dem Motto „Zurück zur Natur“ einst mit den Lebensreformern eine Künstlerkolonie an, in der auch Literaten wie Hermann Hesse zeitweise wohnten. Heute ist dort ein Museum. Ein zweites Foto zeigt einen Mann mit Bart in ähnlicher Pose mit Spaten im Bühlauer Garten im Jahr 2017. Adelheids Freund Dieter ist dort regelmäßig zu Besuch seit elf Jahren. Die Aufgaben in ihrem grünen Reich sind klar verteilt. Ihr Mann Frieder gräbt um und pflegt den „Lustacker mit Gemüse“. Während Dieter einen kleinen Steingarten angelegt hat und besondere Gewächse wie selbstgezogene, seltene Kakteen mitbringt und Adelheid hält die Fäden im Gartenreich zusammen. Dort wo etwas Neues blüht und treibt im Steingarten, liegt ein kleines Herz für den Besucher und wandert weiter zur nächsten Pflanze.

Sie schauen sich auch gern gemeinsam schöne Gärten an, vom Botanischen Garten der TU Dresden bis nach Zürich und Ascona. Pfingstrosen und Malven, auch Stockrosen genannt und Allium, langstielige Kugelblumen, sind die Lieblingspflanzen von Adelheid Neupert. Malven sehen nicht nur wunderschön aus an ihren langen Stängeln, sie säen sich auch selber aus. Ihre Blütezeit ist im August. Dichterfürst Goethe liebte Malven besonders, weiß sie. Eine prächtige Allee umwogte sein Gartenhaus in Weimar. Und jedes Jahr am 9. August gab er eine „Große Teegesellschaft“ für Freunde und Bekannte.

Geheimnisvolle Sexualität der Pflanzen

Auf dem Gartentisch bei Neuperts liegt ein prachtvoller Bildband
mit dem Titel „Die geheimnisvolle Sexualität der Pflanzen – Von Blüten und Pollen“ von Rob Kessler und Madeline Harley. Er versammelt  Makrofotografien der Natur aus ungewöhnlichem Blickwinkel. Auf dem Titelbild reckt eine rosa Blüte keck ihre Spitzen in die Höhe. Nein, sie geizen nicht mit ihren Reizen. Ob grazil, glockig, zackig oder üppig rund, die Blumenschönheiten zeigen was sie haben, damit Bienen und Schmetterlinge schnurstracks auf sie fliegen. Um sie mit ihrem betörenden Farbenspiel und wohlduftenden Nektar anzulocken, zu verführen im Blütenrausch und sich von ihnen bestäubt zu vermehren. „Wenn man mit ihnen umgeht, dann möchte man auch mal etwas tiefer eintauchen in die Welt der Pflanzen und wissen, was da vor sich geht. Wie sich weibliche und männliche Teile in der Blüte finden. Die machen es ohne unser Zutun“, sagt Adelheid Neupert. Da gebe es viel Faszinierendes zu entdecken. „Aber etwas Romantisierendes oder ein Liebesleben der Pflanzen gibt es in der Natur nicht. Da geht es nur um die Befruchtung“, ergänzt ihr Freund Dieter.

Dafür blühen und sprießen eine Fülle von Gewächsen in unübersehbar sinnlicher Gestalt, die an weibliche oder männliche Körperformen erinnern, auch in ihrem Garten. Da ist die Kanadische Blutwurz, deren länglich phallusartige Blüte sich aus dem Blatt wickelt oder die Arisaema, deren Blütenkelch weibliche und männliche Formen vereint. Diese und viele weitere Bilder mit Pflanzenporträts, die von der Bestäubung, Befruchtung und Sexualität der Pflanzen erzählen, zeigt Adelheid Neupert in einer Fotogalerie, neben erotischen Skulpturen von Bildhauer Bernhard Männel und der Kakteensammlung von Dieter in ihrem Bühlauer Garten am „Tag der offenen Gartenpforte“ am 18. Juni (10 – 18 Uhr), an dem bundesweit private Gartenbesitzer ihre blühenden Oasen und Gartenhäuser für Besucher öffnen. Diese sind eingeladen zu Rundgängen, Vorträgen, anregenden Gesprächen, Ausstellungen im Freien und Hausmusik mit Kaffee und Kuchen.

Natürlich liest Adelheid Neupert auch ihre sinnlichen Gartengedichte. „Niemals bin ich Massliebchen. Das ist mir zu schwach in den Triebchen. Was sollen Blumen im Korn? Ich mag eher die mit `nem Sporn. Auch finde ich besser die Wicken. Nicht nur, weil sie beim Pflücken nicht knicken“, lässt sie ihrer Garten- und Lebenslust freien Lauf.

Von der Schönheit der Malven war schon Dichterfürst Goethe entzückt, die an seinem Gartenhaus in Weimar prachtvoll Spalier standen. Zur Blütezeit lud er jedes Jahr am 9. August zu einer „Großen Teegesellschaft“ Freunde und Bekannte ein. Im Foto Autorin Lilli Vostry von meinwortgarten.com

Text + Fotos (lv)

www.offene –gartenpforte-dresden.de

Bild

Theater auf dem Theaterplatz mit 120 Dresden: „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ von Peter Handke

Fotos: Klaus Gigga/Staatsschauspiel Dresden

Skurrile Momente zwischen Traum und Alltag in dieser Stadt

Wundersame Dinge geschehen in dieser Stadt. Pilze wachsen plötzlich aus dem Steinboden vor der Semperoper. Straßenfeger kehren Kaffeebecher und Zeitungsfetzen zusammen. Ein roter Luftballon und ein weißer Taubenschwarm fliegen in den strahlend blauen Abendhimmel. Ein Stadtführer mit Fähnchen und eine Dame mit eingerollten AfD-Fahnen gehen über den Theaterplatz.

Der Theaterplatz wandelt sich zur Bühne für Peter Handkes Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Die Premiere war am Sonntagabend. Dabei gibt es keine Grenze zwischen Spielern und Zuschauern, die beidseits des Platzes sitzen und sich gegenseitig neugierig und aufmerksam betrachten. Zu erleben war ein bunt-lebenspralles, kontrastreiches Bildertheater ohne Sprache, begleitet von atmosphärischen Klängen und Großstadtgeräuschen über die vielen Gesichter der Stadt, inszeniert mit 120 Dresdner Bürgerinnen und Bürgern unter Regie von Uli Jäckle. Die Darsteller tragen Alltagssachen, unter sie mischen sich berühmte Gestalten aus der Dresdner Historie und Kunst wie August der Starke im Goldenen Gewand, barocke Hofdamen oder Papageno neben adretten Stewardessen, schrulligen alten Frauen mit klappernder Spielzeugeisenbahn im Schlepptau und dunklen Gestalten schwer bepackt mit Koffern.

Sie laufen kreuz und quer über den Platz, stehen sich gegenüber und halten inne in ihren Posen. Ein Clown im bunten Flickenmantel schubst einen bequem lümmelnden Mann aus seinem Thronstuhl. Eine Kellnerin mit Kaffeetablett sucht in der Menge den einen passenden Gast. Eine Frau reicht ein großes knusprig braunes Kunstbrot an die Zuschauer, die es weitergeben. Ein Polizist mit Schäferhund streift vorbei an Fußballfans, einer Zirkusgruppe und anderen kuriosen Gestalten. Ein Segelboot fährt mit Möwengekreisch auf den Theaterplatz und ein Elefant auf blauen Rädern, gezogen von einer Nonne, die zu orientalischen Klängen gen Mekka betet.

Ein Mann in brauner Uniform tritt ans Mikro und fuchtelt mit den Armen nach oben und allen Seiten. Die bunte Menge marschiert an ihm vorbei mit mal offen ausgebreiteten Armen, mal hin und her rudernd, dirigierend oder mit geballten Fäusten. Momente aus dem Leben der Stadt zwischen banal Alltäglichem und Surrealem, Skurril-Komisches, Ernstes, Trauriges und Nachdenkliches treffen aufeinander, die jeder Betrachter für sich deuten kann.

Leider gab es wenig spannende Interaktion auf dem Platz. Nur die Uhr am
Schlossturm schlug zwei Mal dazwischen in der einstündigen Aufführung. Dabei sollte das Spiel unter freiem Himmel doch gerade auch von überraschender Spontanität leben und auftauchende Passanten Teil des Spiels werden. Bleibt zu hoffen, dass bei den weiteren der insgesamt sechs Vorstellungen (wieder am 12., 16., 17., 18. und 19.6., jeweils 19.30 Uhr) noch mehr die Zufälle des Lebens mitspielen. Dennoch herzlicher Beifall für den originell-wagemutigen Versuch der kulturellen Rückeroberung des Theaterplatzes.

(lv)

Now – Malerei von Wiebke Herrmann und Objekte/Zeichnungen von Elizabeth Charnock in der Galerie Ines Schulz

Ihre Bilder sind ein Spiel mit der Realität und Fantastischem. Sie entwerfen Szenerien mit und ohne Menschen, zeigen Sinnbildhaftes zum Verhältnis Mensch und Tier und Zwischenmenschliches. So verschieden ihre Farb- und Formsprache ist, gemeinsam ist der farbig, vieldeutigen, figürlichen Malerei von Wiebke Herrmann und den Miniaturmodellen von imaginären Städten und den menschenleer, reduzierten Landschaftsszenen in schwarz-weiß und Grautönen von Elizabeth Charnock ihre Fabulierlust und Freude am witzig-hintergründigen Geschichten erzählen. Unter dem Titel „Now“ – Jetzt zeigen die beiden Künstlerinnen und Meisterschülerinnen an der Dresdner Kunsthochschule derzeit ihre Arbeiten in ihrer ersten gemeinsamen Galerieausstellung in den Räumen der Galerie Ines Schulz am Obergraben 21 im Dresdner Barockviertel. Die Ausstellung ist am heutigen Freitag zur Langen Nacht der Galerien und Museen im Areal bis 23 Uhr zu sehen und danach noch bis 17. Juni.

Mehr zur Ausstellung folgt.

Text + Fotos (lv)

Reizvolles Gegenüber der Farben und Formen: Elizabeth Charnock und Wiebke Herrmann stellen erstmals gemeinsam aus in der Galerie Ines Schulz.

Galeristin Ines Schulz (2. v.li.) im Gespräch mit einer Besucherin in der Ausstellung.

Bauteile zum Selberbauen von Miniaturstädten und -landschaften gibt`s auch, entworfen von Elizabeth Charnock, in der Galerie.

Vater und Tochter freuen sich über die erste Galerieausstellung.

Junge Kunst sorgt für frischen Wind im Barockviertel.

Youkali – Eine musikalische Reise in die Goldenen Zwanziger

Konzert mit Charme und Frauenpower, Tango, Jazz, Klassik und Klezmer auf der Bühne von Büchers Best am 8. Juni, um 20.30 Uhr.

Es gab eine Zeit, da hingen noch keine Fahrradhelme an Designergarderoben in Doppelhaushälften. Statt dessen rauchten Frauen mit Kurzhaarfrisuren Filterlose auf dem Rollfeld. Dies waren die Goldenen Zwanziger, eine große Zeit der emanzipatorischen Selbstentfaltung, und zugleich auch eine große Zeit der populären Kulturen – der Casinos und Clubs, der Salons und Jazzschuppen. Am Donnerstag wollen wir genau dorthin eine musikalische Reise unternehmen mit Tango und Jazz, Klassik und Klezmer und natürlich viel Frauenpower.  

Youkali ist der Titel eines Liedes von Kurt Weill und umschreibt einen Ort, an dem die Sehnsucht ihr Zuhause hat. Einen imaginären Ort, an dem man Glück, Sinn und erwiderte Liebe findet. Das Ensemble Youkali möchte die Zuhörer auf eine musikalische Reise dahin mitnehmen. Am Klavier ist Elena Schoychet zu erleben, am Cello Laura Härtel, an der Klarinette Tatjana Davis und mit Gesang Marie Hänsel. Die klassisch studierten Musikerinnen interpretieren Musik verschiedener Stilrichtungen aus der Zeit der Goldenen Zwanziger, einer Zeit in der die Frauen voller Lebenslust zu neuen Ufern aufbrachen. Na dann: Leinen los !

Text: Team Büchers Best
Foto: Youkali

+ HRH Musashi, Burmakater und heimlicher Herrscher des Ladens.

Buchhandlung „Büchers Best“/ 01099 Dresden / Louisenstr. 37 / 0351/8015087 / Mo 12-20, Di-Fr 11-20, Sa 10-16 Uhr / www.buechersbest.de

https://soundcloud.com/user-189637305/tango-appasionato

Youkali – Großes Gefühlskino mit kessem Glanz

Umgeben von Bücherregalen und Bildern mit Papierfliegern träumen sie von der großen weiten Welt, von Liebe, Glück und davon ein Glanz zu sein, auf der Bühne, im Leben und die Sterne zum Greifen nah… Kess, charmant, witzig, launig, lässig, leise, melancholisch und temperamentvoll-verführerisch begeisterten die vier jungen Musikerinnen von Youkali mit Liedern und Texten aus den Goldenen Zwanzigern das dicht gedrängt sitzende Publikum auf der Bühne von Büchers Best gestern abend. Großes Gefühlskino, hinreißend intensiv in Musik und Gesang, übermütig und gefühlreich funkelnd! Das weckte unweigerlich die Sehnsucht nach mehr.

Zur Bunten Republik Neustadt ist die Frauenband wieder zu erleben auf dem Martin-Lutherplatz am Sonntag nachmittag.

(lv)