Ein Gedicht aus dem Poesiealbum Nr. 89, das 1975 erschien und seine einzige Veröffentlichung in der DDR blieb. Es entstand nach einem Verhör Braschs, der nach einem öffentlichen Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Wiederentdeckung eines großen Freigeistes

Mit einem musikalisch-literarischen Abend im Minckwitzschen Weinberghaus in Radebeul am Sonntag abend erinnerte die Sängerin Ursula Kurze an das Leben und Schaffen des Dichters Thomas Brasch.

“Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“, heißt eine Gedichtzeile von Thomas Brasch. Direkt, intensiv, ohne Umschweife kehrt er sein Inneres nach außen. Wenn er sich auf etwas einließ, ob Ideen oder Menschen, dann voll und ganz. Doch er war auch ein Suchender, Rastloser und Träumender bis an sein Lebensende.

Davon erzählen die Texte, Erzählungen, Stücke und Gedichte des Schriftstellers, Dramatikers, Drehbuchautors, Regisseurs und Lyrikers Brasch. Mal leise lyrisch, zärtlich, mal bluesig, unbändig, innehaltend nachdenklich und kraftvoll, sang und rezitierte die Sängerin und Schauspielerin Ursula Kurze zur Gitarre in einem musikalisch –literarischen Abend Gedichtvertonungen und Texte über das Leben und Schaffen von Thomas Brasch (1945 – 2011) und Wegbegleitern von ihm am Sonntag abend im Minckwitzschen Weinberghaus in Radebeul. Sie freute sich über die rege Resonanz und dass der „ins Vergessen geratene große Dichter Brasch jetzt allmählich wieder entdeckt wird. Er spiegelt ja auch ein Stück Leben von uns“. Seit mehreren Jahren lädt zu den Dichterlesungen, verbunden mit Natur- und Kunstgenuss, die Künstlerin Dorothee Kuhbandner von der Galerie mit Weitblick ins nahe gelegene Weinberghaus ein.

Bei sommerlichem Wetter war der Raum voll. Unter den Zuhörern war auch Wolfram von Minckwitz, der Besitzer des Areals. Mit 84 Jahren ist er immer noch vital und fast täglich oben in dem Waldgrundstück und Weinberg. „Die Bewegung an der Luft hält mich gesund“, schmunzelt er. Thomas Brasch hätte es hier sicher gefallen. Weit und frei wie seine Gedanken und vom Wind umweht, schweift der Blick von der Terrasse am Weinberghaus über das Häusermeer und die Elblandschaft. Als ältester von drei Söhnen einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie kam Brasch als Zweijähriger aus dem englischen Exil nach Ostberlin. Anders als sein Vater, der zum stellvertretenden Kulturminister in der DDR aufstieg, eckte Thomas Brasch mit seiner Haltung an als ebenso lebenssprühend-anziehender wie unbequemer, unangepasster Freigeist und Sprachgenie. Seine Vorbilder waren Heine und Brecht, Rimbaud und Heiner Müller. Er übersetzte die Stücke von Shakespeare, Tschechow und Gorki. Brasch durfte in der DDR nichts veröffentlichen außer einem schmalen Poesiealbum, weshalb er 1976 in die BRD ausreiste mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Katharina Thalbach und ihrer Tochter Anna.

Im Westen schlug er wie ein Meteor auf der Bühne ein, sagte Ursula Kurze in ihrem Programm über Brasch. Er wurde über Nacht bekannt mit seinen Gedichtbänden und dem Prosaband „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Für die einen war die Lesung eine schöne wie ergreifende Wiederbegegnung mit seinem Werk nach langer Zeit, für andere eine spannende Neuentdeckung. Thomas Brasch dachte laut nach über seine innere Zerrissenheit zwischen den beiden Deutschlands, über Enge und Aufbruch, vertane Chancen nach der Wende und er glaubte weiter an die Utopie einer sozial gerechteren Gesellschaft.

„Mein Volk ist frei. Jetzt kann es tun, was es mit sich tun lässt“, schrieb Brasch nach dem Mauerfall. „Die hassen müssen lieben/ ins Paradies vertrieben.“ In letzter Zeit erschienen vier Biographien über Brasch, ein Buch seiner Schwester Marion Brasch, „Ab jetzt ist Ruhe“ über das bewegte Leben in ihrer „Bonzenfamilie“ und eine Gedichtsammlung – vor zwei Jahren wäre Braschs 70. Geburtstag gewesen – mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ bei Suhrkamp. 2001 starb er gerade 56-jährig an Herzversagen in Berlin. Es liegen noch tausende unveröffentlichte Seiten von Thomas Brasch im Literaturarchiv Marbach. Als nächstes plant Ursula Kurze ein Programm über den großen Menschenkenner und Satiriker Kurt Tucholsky.

Text + Fotos (lv)

http://www.ursula-kurze.de

der Eingang zum Minkwitzschen Weinberghaus

Dorothee Kuhbandner lädt regelmäßig zu den Dichterlesungen zusammen mit Ursula Kurze ins Minckwitzsche Weinberghaus in Radebeul ein.

Jens Kuhbandner sorgte für Speis und Trank.

Fantastische Aussicht von der Freiterrasse ins Elbtal: meinwortgarten-Autorin Lilli Vostry

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