
Der Text zu dieser Aufführung ist aufgrund eines technischen Fehlers leider nicht verfügbar.
Ich hoffe, dieser Kultur-Tipp erreicht dennoch einige Interesssierte.
(lv)
11 Freitag Sept 2026

Der Text zu dieser Aufführung ist aufgrund eines technischen Fehlers leider nicht verfügbar.
Ich hoffe, dieser Kultur-Tipp erreicht dennoch einige Interesssierte.
(lv)
09 Mittwoch Sept 2026

Öffentliche Besichtigung im Lügenmuseum
Für seine Besucher ist das Lügenmuseum eine unvergleichliche Erfahrung – ein Gesamtkunstwerk – das beste Museum in Deutschland.
Als das Künstlerpaar den ruinösen Gasthof Serkowitz mit der Perspektive eines Erbpachtvertrags von der Stadt übernahm, besuchten sie das Dalí-Museum in Figueras. Es ist das meistbesuchte Museum Spaniens. Dort hat der Bürgermeister gemeinsam mit dem Künstler Salvador Dalí ein leer stehendes Theater mit einer Inszenierung über das Innenleben eines Künstlers geschaffen.
Ein solches Zusammenspiel von Kunst, Ort und Stadt war auch in Radebeul gedacht. Hat leider nicht geklappt.Am 10. September um 11 Uhr gibt es eine öffentliche Besichtigung des Lügenmuseums mit Gutachtern und Vertretern der Stadt. Außerdem öffnet von 11 bis 13 Uhr der Gasthof seine Türen. Alle Welt ist eingeladen, einzutreten, zu staunen und sich selbst ein Bild von diesem poetischen Ort zu machen. Letzte Gelegenheit, bevor dieses überwältigende Gesamtkunstwerk untergeht – wie die Titanic. Im Lügenmuseum ist auch der Originalsound zu hören: „Untergang der Titanic – 20 Minuten danach.“08 Dienstag Sept 2026
Posted in Aktuelles, Lebensart, Theater, Zwischenmenschliches

Trio Infernale mit drei Frauen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, beschwipst, frech & frei sagen, was sie denken über Vergangenheit und Gegenwart in Ostdeutschland: In dem Stück von Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann spielen die Schauspielerinnen Christine Hoppe, Anna-Katharina Muck und Fanny Staffa grandios. Fotos: Sebastian Hoppe

DREI OSTDEUTSCHE FRAUEN BETRINKEN SICH UND GRÜNDEN DEN IDEALEN STAAT feiern 25. Vorstellung
Am Dienstag, dem 8. September 2026, 19.30 Uhr feiert die Vorstellung DREI OSTDEUTSCHE FRAUEN BETRINKEN SICH UND GRÜNDEN DEN IDEALEN STAAT von Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann (Bühnenfassung: Henriette Hörnigk und Sophie Scherer) ihre 25. Vorstellung am Staatsschauspiel Dresden.
Die Inszenierung in der Regie von Henriette Hörnigk hatte Premiere am 20. März 2025 und ist seitdem fast immer ausverkauft.
Dieser Buchtitel klingt wie eine Schnapsidee oder wie die Pointe eines Witzes und lässt keine Frage offen zu der angenehm größenwahnsinnigen Versuchsanordnung, mit der wir es hier zu tun haben. Das Trio Infernale, bestehend aus den Autorinnen Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann, schaut aus der Perspektive jener Generation, die in der DDR aufgewachsen und erwachsen geworden ist. Ihr besonderer Blick auf Wende und Wiedervereinigung reflektiert unsere Gegenwart und untersucht sie auf ihre Utopien. Es spielen und musizieren: Christine Hoppe, Anna-Katharina Muck, Fanny Staffa und Leo Goldberg.
Pressestimmen
Deutschlandfunk Kultur: „Diese drei Schauspielerinnen machen das wirklich extrem grandios.“
MDR Kultur: „Die Inszenierung ist weit mehr als nur ein Ostalgie-Abend mit Humorbeilage. Da steckt so unglaublich viel Substanz drin. Dazu Live-Musik, die Videos, die Fotos.“
Dresdner Morgenpost: „Ein kluges Stück mit grandiosen Schauspielerinnen zum Niederknien.“
Termine
Di, 8. September 2026, 19.30 Uhr | So, 20. September 2026, 19.00 Uhr | So, 27. September 2026, 19.00 Uhr | Sa, 3. Oktober 2026, 19.00 Uhr im Kleinen Haus 1
Karten sind an allen Vorverkaufsstellen des Staatsschauspiels Dresden sowie online unter http://www.staatsschauspiel-dresden.de erhältlich.
Text: Franziska Blech/Staatsschauspiel Dresden
05 Samstag Sept 2026

Wunderbarer Ort vor herrlicher Naturkulisse im Freien zum Musizieren: die Musikerin, Sängerin und Komponistin Agnes Ponizil lud zu einer Klangwanderung im Rahmen des diesjährigen Musiksommer Bärenstein am vergangen Sonnabend ein. Losging es auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht auf die Landschaft im Osterzgebirge, mit einem Dutzend wander- und sangesfreudigen Menschen, die aus der Umgebung kamen und extra aus Dresden anreisten. Um zusammen zu singen, tönen, pfeifen, jodeln. Da wurden zusammen alte Volkslieder gesungen wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Zieh aus mein Herz und suche Freud“. Außerdem konnten die Teilnehmer dem zauberhaften Harfenspiel von Aerdna Harp lauschen. Die Wanderung führte weiter zum Schloss Bärenstein, das seit längerem im Dornröschenschlaf schlummert, über Wiesen, Wälder und Feldwege, über die Sachsenhöhe bis nach Lauenstein. Fotos: privat



Mehr über die Musikerin und Klangkünstlerin Agnes Ponizil, sie ist Diplomkomponistin und 2. Vorsitzende des Landesverband Sachsen/Sachsen-Anhalt im Deutsche Komponistinnenverband e.V., zum Hineinhören:
QuAsar M LjOrc2023 für Mandoline und Orchester UA Landesjugendorchester Sachsen https://youtu.be/GxxTRf-tTzo?si=0OFkr_yDtfc_jysY
Stimmklangcollage „wirf deine hand in meinen fuß“ zu Grafiken und Texten von Fritz Peter Schulze https://youtu.be/E8IsNV_87ac
04 Freitag Sept 2026
Posted in Aktuelles, Lebensart, Musik, Unterwegs, Zwischenmenschliches

Seine Musikbegeisterung sieht man ihm an und überträgt sich sofort auf`s Publikum, immer von einem Lächeln und viel Schwung begleitet: der aus Mexiko stammende neue Generalmusikdirektor und Dirigent José Luis Gutiérrez hat natürlich auch ein Klavier in seinem Büro im Mittelsächsischen Theater in Freiberg stehen. Er dirigiert das Orchester zur Spielzeiteröffnung dort an diesem Sonnabend, dem 5. September bei der Musiktheater-Gala um 19 Uhr.

Die Liebe zur Musik begleitet José Luis Gutiérrez schon immer. “Musik als Sprache ist sehr vielseitig und sie wird überall auf der Welt verstanden“, das erlebt der aus Mexiko stammende Dirigent und Musiker auf seinen Konzerten und Reisen. Seit 2025 ist er der neue Generalmusikdirektor der Mittelsächsischen Philharmonie in den Theatern in Döbeln und Freiberg. Gutiérrez dirigiert das Orchester mit viel Schwung, Esprit und Temperament. „Es ist keine Show. Ich merke das gar nicht. Es ist meine Natur“, sagt er lächelnd. Die Vorstellung soll den Zuschauern gefallen. Dafür gibt er alles. Den Weg dahin sieht keiner. Alle Mühe ist in dem Moment auf der Bühne vergessen, wenn sich seine eigene Begeisterung an der Musik und Emotionen auf das Publikum übertragen. „Die Stille vor dem ersten Ton, bevor es losgeht, ist ein besonderer Moment“, so Gutiérrez. „Das ist pure Magie.“
Es beginnt mit der ersten Probe im Orchester. „Ich bin fasziniert von dem, was ich gefunden habe in der Partitur. Die Energie gebe ich zurück“, sagt der Dirigent. Dabei strahlt er Ruhe und Gelassenheit aus. Vertrauen schenken dem Entstehenden ist ihm wichtig. Er kann aber auch streng sein. „Ich muss auf Genauigkeit achten, auch auf Unvorhergesehenes in der Vorstellung reagieren. Das ist mein Job“, so Gutiérrez. Es gehe dabei viel um Dosieren. Dass die Geigen und Posaunen gut zusammen klingen, alles harmoniert im Orchester, auch im Zusammenspiel mit Gesang, Tanz und Schauspiel. Beim Musizieren wiederholt sich nichts, es klingt jedes Mal anders. Darin sieht Gutiérrez die Schönheit dieser Kunst.
Diese Saison wird im Mittelsächsischen Theater eine musikalische Achterbahnfahrt – voller Höhenflüge, überraschender Wendungen und tiefer Emotionen. Mit Werken von Ponce, Dvorák, Britten bis Tschaikowski. „Wir haben im Orchester mit derzeit rund 50 Musikerinnen und Musikern ein großes Pensum zu spielen, von Sinfoniekonzerten über Opern wie ,Carmen` bis zum Musical ,Cabaret` und auch neue Programme“, so Gutiérrez. Mit dem Konzert „La Noche de los Mayas“ entführte er das Publikum auch schon in mitreißende Klangwelten seiner mexikanischen Heimat. „Musik war mir immer nah.“ Mit neun Jahren bekam José Luis Gutiérrez eine Gitarre von seinem Vater geschenkt. Er stammt aus Guanajuato im Zentrum des Landes nördlich von Mexiko City. Dort lebte er mit seiner Familie in Dolores Hidalgo, einer Kleinstadt mit ca. 45 000 Einwohnern ähnlich wie Freiberg. Mit elf Jahren gewann bei einem ersten Bundeswettbewerb zu seiner Überraschung gleich einen ersten Preis mit seinem Klavierspiel. Er hat Cello und Klavier an der Musikhochschule in Puebla studiert.
Mit Hilfe eines Privatstipendiums kam José Luis Gutiérrez nach Europa, um Dirigent zu werden. „Es war für mich spannend, eine dritte Sprache, Deutsch zu lernen und in der Nähe von Frankreich, Italien und England zu sein“, sagt er. 2015 setzte er sein Musikstudium am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck fort, wo er neben Klavier im Fach Orchesterdirigieren bei Professor Dorian Keilhack mit Auszeichnung abschloss. 2019 kam José Luis Gutiérrez ans Mittelsächsische Theater nach Freiberg, zunächst als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung und wurde ein Jahr später mit 24 Jahren Erster Kapellmeister. Er spricht akzentfrei Deutsch. „Sprache ist wie Musik und es wird an jedem Ton, jeder Silbe und am Ausdruck gearbeitet.“ In den sieben Jahren am Haus hat er das Orchester kennengelernt und sich natürlich gefragt, was er anders machen würde. „Tradition und Neues müssen sich immer wieder finden. Die Neugier dafür finde ich sehr wichtig“, so Gutiérrez. Um diese Verbindung gehe es auch in der Gesellschaft. „Man sucht immer einen Kompromiss, um in der jetzigen Welt zu wohnen.“ Er bringt neue Impulse in den Spielplan ein.
Mittlerweile hätte er auch Möglichkeiten zu gehen. „Aber ich bin hier geblieben. Ein Grund ist, weil man viele Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Theater hat. Außerdem werde ich als Dirigent auch zu Gastspielen mit anderen Orchestern in Deutschland und in den USA eingeladen und fühle mich wohl in Freiberg“, so Gutiérrez. Mit seiner Familie in Mexiko telefoniert er regelmäßig. Für Hobbys bleibe keine Zeit. Er mag es im Wasser zu sein, gern auch ein gutes Essen und Gespräche im Restaurant. Er wurde noch nie wegen seiner ausländischen Herkunft angegriffen. Das könne einem überall auf der Welt passieren, auch in Mexiko, dass man nicht nur freundliche Menschen trifft. Er sei ein offener und toleranter Mensch, sagt Gutiérrez über sich. Der Dirigent hat eine herzliche und charmante Art. Und deswegen inzwischen auch eine große Fangemeinde jeden Alters. Er gehe gern auf Menschen zu, man umarmt sich vor der Bühne nach der Vorstellung als nette Geste, redet miteinander. Dieser Körperkontakt ist üblich in meiner Kultur, so Gutiérrez, kann hier aber missverstanden werden. Daher sei er schon etwas vorsichtiger geworden. Er nimmt die Komplimente jedoch gern an und freut sich, wenn die Konzerte gut ankommen beim Publikum.
Text + Fotos (lv)

27 Donnerstag Aug 2026
Posted in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Natur, Poesie, Projekte, Zwischenmenschliches


Einmaliger Kunstort & Wunderkammer voller skurriler Dinge & wechselnde Ausstellungen & Zeitgeschichte zum Anfassen aus dem DDR-Alltag und künstlerischen Underground: Das Künstlerpaar Dorota und Reinhard Zabka hat das Lügenmuseum Radebeul im früheren Gasthof Serkowitz jahrelang mit viel Liebe, Engagement und öffentlicher Förderung aufgebaut. Nach einem langen Rechtstreit und ausbleibender Einigung mit der Stadt Radebeul droht dem Lügenmuseum Ende September die Schließung.




Absurder Streit um das Lügenmuseum
Dem originellen und vielbesuchten Kunstort droht Ende September die Zwangsräumung durch die Stadt Radebeul per Gerichtsbeschluss. Obwohl bereits mehrere Verkaufsversuche scheiterten und Rettungsversuche ungehört bleiben.
Das ganze Haus ist eine Kunst-Baustelle. Wie auf einer großen Leinwand prangen überall Bilder, Ideen und Sprüche rings um den Eingang des Lügenmuseums Radebeul, das den ehemaligen Gasthof Serkowitz an der Kötzschenbrodaer Straße 39 seit vielen Jahren neu belebt. Jedoch weniger mit kulinarischen Genüssen, als mit kultureller und geistiger Nahrung werden die Gäste hier empfangen von Betreiber Reinhard Zabka und seiner Frau Dorota. Höchst lebendig, originell, vergnüglich, unterhaltsam, auch streitbar, zum Austausch anregend über das Gesehene geht es hier zu. Aufhorchen lässt schon der Name des Museums. Dazu liest der Besucher: “Wahre Dinge sind wie umgekehrt“ auf die Fassade geschrieben. „Die Zukunft war früher auch besser“, „ein bisschen stimmt es, aber nicht immer“ und „Es gibt Lügen, da hört der Spaß auf“. Auf einem Papierrollo steht der Titel einer Ausstellung: „Underground and Revolution of GDR“.
Vor dem strahlend weiße Gebäude stehen Installationen, aus Stühlen und Leitern errichtete Türme mit rot-weißer signalartiger Bemalung, kreisenden Rädern und ausschwirrenden Strahlen. Viele Schilder mit Pfeilen und Fragezeichen sieht man da. Da wird auf eine „Kultur-Schutz-Zone“ und auf Artikel 5 im Grundgesetz zur Kunstfreiheit verwiesen. Das Lügenmuseum ist noch bis 31. September geöffnet – dann Gnade uns Gott, schallt der eindringliche Hilferuf aus einem Bild. Dem Lügenmuseum droht nach einem bereits jahrelangen Rechtsstreit und einer Räumungsklage der Stadt Radebeul, welche nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Dresden nun rechtskräftig ist, die Schließung. Die angekündigte Zwangsräumung im Oktober würde das Ende dieses Kunstortes besiegeln. „Das Lügenmuseum kapituliert nicht vor der Komplexität der Welt. Mit Distanz, Humor und dem Blick auf das Ganze macht dieses Gesamtkunstwerk Widersprüche, Täuschungen und die Illusionen der Macht sichtbar“, sagt Richard von Gigantikow. So nennt sich der Künstler und „Ideenmillionär“ Reinhard Zabka, der Erfinder und Betreiber des Lügenmuseums vor den Toren Dresdens. „Das Lachen wird zum Erkenntnisinstrument, denn vom Wahren lässt sich heute oft nur noch über das Falsche, über die Lüge, sprechen. Diese Erfahrung macht das Lügenmuseum sinnlich erfahrbar.“
Viele Besucher nutzen derzeit die Gelegenheit, diesen außergewöhnlichen Kunstort noch einmal zu erleben. Sie beweisen einen besonderen Geschmack, so Zabka. Als Seismograf der Gegenwart mache dieser Kunstort gesellschaftliche Spannungen, Brüche und Widersprüche sichtbar und entwickelt daraus eine eigenständige künstlerische Sprache. Zwei Petitionen, fachliche Stellungnahmen von Bundes- und Landeseinrichtungen sowie zahlreiche Appelle und Gnadengesuche stießen jedoch auf taube Ohren. Dabei wird im Kulturentwicklungskonzept der Stadt Radebeul bis 2030 das Lügenmuseum ausdrücklich erwähnt als hervorragender Kunstort in der Region. Die Stadträte haben dieses Konzept einstimmig verabschiedet im Mai 2024. Doch der Radebeuler Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) hat dem Betreiber des Lügenmuseums zur gleichen Zeit gekündigt, so Zabka. „Er hat Verkaufsverhandlungen geführt, die sind gescheitert und der Käufer ist zurückgetreten. Die Stadt wirft dem Lügenmuseum vor, wir seien nicht kompromissbereit. Doch wir haben mit ihm verhandelt.“ Es habe mit dem Kaufinteressenten Unstimmigkeiten zur künstlerischen Ausrichtung des Lügenmuseums in Zukunft gegeben. Persönliche Befindlichkeiten spielen wohl auch eine Rolle. Der OB habe Zabka als Privatperson gekündigt, nicht dem Lügenmuseum an sich, das mit diesem Künstler nicht tragbar wäre, sagt er.
„Kunstfreiheit bedeutet, dass der OB ein fachliches Gutachten einholt. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung von ihm“, so Zabka. „Nach der Kündigung hat uns die Radebeuler Kulturamtsleiterin noch gefördert mit einer Ausstellung.“ Reinhard Zabka ist Kunstpreisträger der Stadt Radebeul von 2016. „Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude“, sagte die Laudatorin Dr. Susanne Köstering in ihrer Rede zur Kunstpreis-Verleihung. Seine Kunst erreiche deshalb Menschen aller Weltgegenden, aller Altersgruppen und aller sozialen Millieus.
Dennoch ist das Lügenmuseum in seinem Fortbestand gefährdet. Die Stadt Radebeul hat das Haus zum Verkauf ausgeschrieben mit der Auflage an den Eigentümer, drei Millionen Euro für die Sanierung aufzubringen. Vier Verkaufsversuche sind bereits gescheitert. „Die haben keinen Bewerber, keine Idee und kein Konzept“, weiß Zabka. Nach ausbleibenden Einigungen kündigte die Stadtverwaltung Radebeul den Mietvertrag mit Zabka und setzte den Auszug juristisch durch. Für ein Statement über die Hintergründe, warum keine Einigung oder andere Möglichkeit als die Räumung des Lügenmuseums gefunden werden konnte, war OB Wendsche nicht erreichbar. Er hoffe nun, dass der Mieter und Betreiber des Lügenmuseums nun das Gebäude in der gewährten Frist räumt. teilte er schriftlich über die Pressestelle der Stadtverwaltung Radebeul mit.
Während es hinter den Kulissen des Lügenmuseums wackelig zugeht, schauten sich in den Sommerferien noch mehr Besucher als sonst dort um und tauchten in eine wunderreiche Welt ein, die ihresgleichen sucht in dieser Weise. Seit nunmehr 35 Jahren besteht das Lügenmuseum. In einer alten Landarbeiterkate in Babe, einem brandenburgischen Dorf 1990 gegründet, beginnt Zabkas Traum vom Künstlerhaus und Lügenmuseum als Wunderkammer mit skurrilen Objekten. Sieben Jahre später zieht er ins Gutshaus nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul in den historischen, denkmalgeschützten Gasthof Serkowitz. Diese Wanderschaft wohnt auch den Kunstobjekten selbst inne. Oft sind es mobile Objekte auf Rädern und mit Reiseattributen versehen wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe – wie angeblich dem von Fontane!
Seit 2012 öffnet das Lügenmuseum in Radebeul als ein Ort der Kunst und Fantasie, Träume und Visionen für kleine und große Besucher seine Türen. Den sie eigenständig erkunden, entdecken und erfahren können mit allen Sinnen und eigenständiges Denken und Wahrnehmen wird hier großgeschrieben. „Wir sind ein Lernort für visuelles Denken. Museen sind aber meist auf Design, Didaktik und Archiv ausgelegt“, so Zabka. „Wir haben eine Kunstsammlung, mehrere Künstlernachlässe und das Lügenmuseum zeigt den Geist der Friedlichen Revolution atmosphärisch.“ Alles authentisch. Zeitgeschichte zum Anfassen und Hineinbegeben. Zabka, 1950 in Erfurt geboren als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, hat viele Dinge selbst zusammengetragen aus jener Zeit. Als ein Akteur der Erfurter und Berliner Subkultur befasste er sich und kennt die Mechanismen der Lüge als Machtinstrument, aber auch als Überlebensmittel. Lüge bedeutet hier nichts weniger als Gegenwelt.
Die Zeitreise in die DDR-Vergangenheit und ihren Alltag führt durch 16 Räume voller wundersamer und paradoxer Dinge. Der erste Raum erinnert an den übermächtigen Wunsch nach Reisefreiheit, anderen Kulturen und Eindrücken mittels mechanischen, akustischen und optischen Effekten, wunderlichen Apparaten, exotischen Souvenirs und farbenfrohen Assemblagen. Zu sehen ist außerdem das Atelier eines Dissidenten, das man über einen begehbaren „Giftschrank“ voller Bücher betritt, hinter einer Art Geheimtür. Dort sieht man auf Regalen zumeist illegal fabrizierte Drucksachen, Poster von Ausstellungen und Bilder an den Wänden z.b. von Manfred Butzmann, Elke Erb, Martin Hofmann, Cornelia Schleime oder Robert Rehfeldt. Per Knopfdruck an einer Art Radio kann der Betrachter sich dazu einen Sound aus DDR-Geräuschen aus Tonkonserven selber mixen. Durch fantastische Bilderwelten reisen und ein Sammelsurium seltsamer, witzig-skurriler Kunstobjekte und Installationen zwischen ironischem „Happy Ossy Land“ und absurd-komischem „Welttheater“ voller Schaukästen und Altäre mit originalen Zeitzeugnissen und kurios sinnverwandelten Alltagsdingen erwartet die Besucher treppauf, treppab auf den Gängen und im Saal im Obergeschoss. Ehemals ein Ballsaal mit noch erhaltener, stuckverzierter Jugendstildecke, Säulen und hohen Bogenfenstern. Die prunkvolle, gläsern schimmernde Kugellampe an der Decke in der Raummitte stammt aus dem abgerissenen Friedrichstadtpalast in Berlin.
Die Stimmung wandelt sich stetig mit den rings herum bunt aufleuchtenden und wieder verlöschenden Lämpchen, drehenden Windspielen mit Fähnchen, Händen und Füßen in der Luft, leise surrenden, klopfenden und trommelnden Klängen der Installationen im Wechsel von Stille und Bewegung, Ergriffensein und Verzauberung. Derzeit laufen dort zwei Ausstellungen, eine mit dem Titel „Tanz auf dem Holzweg“ zeigt kinetische, schwebende und schwingende Objekte von Reinhard und Dorota Zabka, Sophie Cau, Klaus Liebscher, Justus Ehras, Jan Heinke, Jola Brejdak und unter dem Motto „Skeleton Dance“ werden mittelalterliche Totentanz-Darstellungen in die Gegenwart transformiert in Bildern und Objekten. Hinter dem Lügenmuseum steht man plötzlich in einem urwüchsig prächtigen Garten, den Zabkas vor Jahren angelegt haben. Eine blühende Oase mit Betonboden, aber dennoch wachsen Bäume darauf. Überall stehen hoch rankende Pflanzentöpfe, dazwischen Holzbänke. Es wäre schade, wenn dieser zauberhafte Platz verlorengeht zumal Radebeul als Gartenstadt sich sieht. Einen Teil des Grundstücks am Lügenmuseum hat die Stadt schon abgeteilt. Ein Feigenbaum steht dort. Die Stadt will das Grundstück verkaufen.
Wir sitzen am Tisch unter dem grünen Blätterdach. Dorota Zabka, die Frau des Künstlers und selbst Künstlerin, serviert Salat und leckere Quiche, dazu Zitronenwasser. Zusammen haben sie diesen Kunstort mit viel Liebe, in Eigeninitiative größtenteils mit vielen Helfern jahrelang aufgebaut. Sie mag sich nicht vorstellen, wenn dies alles bald wegfiele, sagt Dorota Zabka leise. Ihre kleine Hündin „Ella“ bellt fröhlich als wolle sie den Garten und das Haus bewachen. Viele Projekte, Symposien für Kreative und Kunstfeste fanden hier schon statt. Das Künstlerpaar Zabka erfährt viel Unterstützung von Freunden, Förderern und Kennern dieses besonderen Museums, die sich für seinen Erhalt einsetzen. „Wir haben über 100 Briefe bekommen und an die Stadt Radebeul geschickt“, erzählt Reinhard Zabka. Darunter von der Akademie der Künste, vom ehemaligem Rektor der Dresdner Kunsthochschule, Matthias Flügge, vom Landesamt für Denkmalpflege bis zur Bundesstiftung Aufarbeitung von SED-Unrecht. Selbst der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer versuchte im Rechsstreit Zabkas mit dem Radebeuler OB Wendsche zu vermitteln. Ohne Erfolg. Da es eine Sache der Komnune sei, so Zabka.
„Wir haben einen interessierten Käufer gefunden, der für 300 000 Euro ohne Sanierungsauflagen das Lügenmuseum übernehmen möchte. Ein Museumsbetreiber aus der Schweiz. Der Name ist dem OB bekannt und wird ignoriert!“ Zabka hat der Stadt Radebeul in einem Brief an die Stadträte im Mai sogar die Schenkung des Lügenmuseums als Gesamtkunstwerk angeboten, das Arbeiten von über 500 Künstlerinnen und Künstlern vereint, verbunden mit dem Ziel, das Lügenmuseum zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Zurzeit ist ein Gast aus Schwaben bei uns. Er kommt aus der Finanzwelt und macht ein Sabbatjahr. Ihn arbeiten wir gerade als neuen Museumsdirektor ein. Er macht Führungen, begrüßt die Gäste und kommt gut an bei den Besuchern“, so Reinhard Zabka. Vorstellbar sei auch eine temporäre Ausstellung für etwa zwei Jahre mit Rauminstallationen des Lügenmuseums im Japanischen Palais in Dresden, dessen schöne Räume damit auch wieder mehr mit Leben erfüllt würden.
Text + Fotos (lv)
Öffnungszeiten: Sa und So, Ferien und Feiertag von 13 bis 17 Uhr
27 Donnerstag Aug 2026

Der Filmprojektor rattert. Zwei Männer im Auto, eine wilde Schießerei sind auf der Leinwand zu sehen. Dann bricht der Streifen ab, der Apparat springt nicht mehr an. In dem verlassenen Lichtspieltheater treffen sich regelmäßig Cineasten, um große Klassiker zu feiern. Kurzerhand beschließen daraufhin, den Film „Manche mögen`s heiß“ selbst aufzuführen. Es sind buchstäblich leidenschaftliche Kino-Ratten, die sich zu ihrer Jahreshauptversammlung an diesem Abend in Hoppes Hoftheater in Dresden-Weißig versammelt haben.
Da auf dieser Veranstaltung Rättisch gesprochen wird, erhalten die Zuschauer Kopfhörer-Öhrchen, damit sie die Sprache verstehen, am Theatereingang. Das klingt sonderbar, geheimnisvoll, fast subversiv. Und tatsächlich kam Billy Wilders berühmte Filmkomödie „Manche mögen`s heiß“ von 1959 zum 100. Geburtstag von Marilyn Monroe als besonderer, witzig-origineller Theaterabend in einer Mischung aus Figurentheater, Schattenspiel, Schauspiel und Musik voll skurriler Einfälle, Fantasie und Improvisationskunst bei sommerlichen Temperaturen in das urige, angenehm kühle Scheunengemäuer. Für den Filmklassiker-Sommerspaß unter Regie von Arne Retzlaff, die liebevoll nostalgische Ausstattung von Bühne und Kino-Ratten stammt von Ella Späte, holte sich das Hoftheater Dresden Verstärkung aus dem hessischen Steinau, der Geburtsstadt der Gebrüder Grimm, im Theatrium Steinau. Die drei Puppenspieler und Schauspieler Detlef Heinichen, Marcel Wagner und Dirk Neumann spielen mit hinreißender Komik, Hingabe, Spiel- und Musizierfreude in flottem Rollenwechsel zu wunderbaren Jazz-Ohrwürmern und Tingeltangel-Musik vom Band die Geschichte um die zwei arbeitslosen Musiker Joe und Jerry – im Film verkörpert von Tony Curtis und Jack Lemmon – auf der Flucht vor schießwütigen Gangstern in Chicago Ende der 1920er Jahre.
Die Film-Freaks tauchen anfangs als elegante Herren in grauen Anzügen mit Fliege, rosa Ohren und Rattenschwänzen auf, die den Film schon tausend Mal gesehen haben und wissen was passiert. Ein paar Perücken, Schminke, Frauenkleider und Büstenhalter und schon landen die drei Kino-Ratten mitten im turbulenten Geschehen. Als Augenzeugen eines Mordes der Mafia tauchen die beiden Musiker, mit Saxofon und Kontrabass, auf der Flucht vor den Ganoven verkleidet in einer Damenkappelle unter und treffen auf die blonde, naive wie sexy Sängerin und Ukulelespielerin Sugar (Marilyn Monroe), in die sich Joe sofort verliebt. Herrlich komisch anzuschauen, wie die zwei Rattenmänner Jerry und Joe als Daphne und Josefine in adretten Kleidern und Glitzerbändern auf den Bubikopfperücken ihre Männlichkeit verbergen müssen, um nicht aufzufliegen, sanft und galant mit der reizenden Sugar sprechen. Wie sie Joe als falschen Millionär auf seiner Jacht scheu küsst aus und erlöst aus seiner vermeintlichen Gefühllosigkeit und als Rattendame mit blonden Locken und großen Augen im weißen Glitzerkleid charmant und verführerisch singt, tanzt und übermütig die Beine wirft – so hat man die Monroe noch nie gesehen! Sie teilen heimlich Whiskey, Freud und Leid und am Ende sind sie zwar immer noh arm wie Kirchenmäuse, aber finden die Liebe und das nächste große Abenteuer wartet schon. Herzlichen Beifall vom Publikum gab es für diese doppelt reizvolle Verkleidungs-Komödie über einen unverwüstlichen Film-Klassiker.
Text (lv)
Letzte Vorstellung: 30.8., 16 Uhr.

Charmant, witzig und rattenscharf: Szene aus der Aufführung „Manche mögen`s heiß“ in Hoppes Hoftheater. Fotos (2): Hoppes Hoftheater
18 Dienstag Aug 2026
Posted in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Musik, Natur, Projekte, Unterwegs, Zwischenmenschliches


Eine Fülle an Klängen, mal fein und zart wie Lichtgefunkel und Blätterspiel, mal sirrend, flirrend, knarrend, leicht, erdig, kraftvoll, verträumt und sehnsuchtsvoll, gab es am vergangenen Sonntagnachmittag bei einem Konzert mit frei improvisierter Musik im Rahmen des Musiksommer Bärenstein. Die drei Musikerinnen Andrea Hofmann (Violine), Karoline Schulz (Flöten) und Sabine Grüner (Violoncello) ließen stimmungsreiche Klangbilder und -landschaften vor zauberhafter Naturkulisse entstehen, von ihr angeregt, flüsternd, innig, harmonisch und quirlig bis leise wehmütig und melancholisch immer neue Räume nach innen und außen in Verbindung mit der Umgebung öffnend. Die Schönheit des Moments, Innehalten, Verrinnen von Zeit, Vergänglichkeit und ferne Erinnerungen, die immer wieder aufleuchten und weiterklingen, verbanden sich zu wundervollen Melodien. Mit den Zuhörern lauschten andächtig weiter hinten die Esel in ihrem Gehege, ebenso wie die Katzen, der Hahn und die Schafe ein Stück weiter auf der Wiese. Die Vögel in den Bäumen stimmten ab und zu in die beschwingten Klänge der Musikerinnen ein. Bezaubernd!
Text + Fotos (lv)

Musik in vielen Klangfarben an ungewöhnlichen Spielorten: Dafür sorgen der Jazzmusiker und Initiator des Musiksommer Bärenstein, Hartmut Dorschner und die Musikerin, Sängerin und Mitgestalterin Agnes Ponizil.
Neugierig und aufmerksam lauschten auch die zwei Eseldamen Lucy und Charlott den Klängen und freuten sich über die Besucher im Milchschafhof Bärenstein. Dort gibt es auch einen Hofladen mit frischen Naturprodukten,





Zum „KlangStroom“ mit fantastischen Klängen an der Harfe und am E-Piano luden bereits Aerdna Harp und Sven Haubold am Klavier ein. Die Meißner Künstlerin Else Gold zeigt derzeit farbenfrohe Bilder und Objekte in der Kirchgasse 10. Keramik-Köpfe und Fische aus Ton von Karin Dorschner und Porträts von Eleni Haase sind im Musikladen in der Kirchgasse 2 während des Musiksommer Bärenstein zu sehen.













13 Donnerstag Aug 2026
Posted in Aktuelles, Bildende Kunst, Lebensart, Musik, Projekte, Zwischenmenschliches

Malerei voller Farbkraft, Akribie, Lebensfreude und Hintersinn: Die Bilder des deutsch-mexikanischen Künstlers Oliver Estavillo zeigen unverkennbar seine Wurzeln und verbinden eindrucksvoll Tradition und Moderne.

Auf den ersten Blick wirken sie wie große farbige Lampions, die vor einem lodernden Himmel auf der Leinwand schweben. Fünf farbenfroh bemalte Totenschädel. Aus den Augen sprießen Blumen, die Köpfe sind geschmückt mit Ornamenten, Herzchen und Kreuz. Sie fliegen zwischen Kakteen und einem schwarzen Vogel, der eine Schlange in den Krallen hält, vor dem Sonnenball.
Das Titelbild „Mexiko“ von 2026 von Oliver Estavillo entführt in eine besondere Bildwelt voller Farbenfreude, Kontraste, hintergündigem Witz und Fantasie in der Galerier Holger John in der Rähnitzgasse 17 im Dresdner Barockviertel.
Figürliche Szenen voller Symbolik und ambivalenter Stimmung zwischen Faszination, diffusem Schrecken und gelassener Heiterkeit sind dort zu sehen. Da tanzen Paare leidenschaftlich Tango, mit gehaltener Pistole von Männern und Frauen zwischen den Umarmungen. Da prallen die Welt der Reichen und Schönen, Macht, Gier und Gewalt, Leben, Liebe und Tod in grellen Farbtönen, grotesk überhöht in der Darstellung immer wieder aufeinander in den meist großformatigen Gemälden. Das vielseitige Schaffen des deutsch-amerikanischen Malers mit mexikanischen Wurzeln, der in seinen Arbeiten überwiegend gesellschaftskritische Themen aufgreift, stellt Holger John, selbst Künstler und Kurator, derzeit in gleich zwei Ausstellungen hintereinander in seiner Galerie vor. Unter dem Titel „Fiesta Mexicana“ hat er 36 Bilder aus den Jahren 1989 bis 2026 ausgewählt. Sinnliches und Bedrohliches, Schönheit und Abgründe des Lebens liegen nah beeinander in den Gemäden von Estavillo.
„Die Farbkraft, Akribie und Aggressivität in der Darstellung, der sarkastische Humor und die Lust am Fabulieren stechen heraus in seinen Bildern, mit denen er der Gesellschaft einen Spiegel vorhält“, sagt Holger John über die gezeigten Arbeiten. Bitterböse und absurd zugespitzt ist beispielsweise sein Blick auf die Münchner Schickeria, wenn er bayerische Mädels adrett in Dirndkleidern und Zöpfen als feierwütige, gruslige Zombies zeigt in einem Bild. Oder die „Botox Elfen“, so nennt Estavillo die künstlich gestrafften Frauen, die aussehen wie Wachspuppen mit erstarrten Mienen. Einige Bilder wirken wie eine verschraubte Mauer, so John, an den Bilderrahmen sind sie mit spitzen Nägeln befestigt. „Flambierte Barrrikaden“ nennt der Galerist Estavillos Arbeiten, die den schönen Schein und Sein, die Doppelmoral in der Gesellschaft spiegeln. Das brachte Holger John auch auf die Idee zur nächsten Ausstellung. Nach den figürlichen Bildern werden nun abstrakt farbige Werke von Estavillo unter dem Titel „Wenn Farben Liebe machen“ gezeigt.
Die Ausstellungseröffnung ist am 13. August, am Tag des Mauerbaus, um 19 Uhr in der Galerie Holger John. „Das wird ein buntes Kaleidoskop aus Farbflecken, das die Mauer noch mal direkt abreißen w ill und den Kalten Krieg in der Kunst auflöst“, kündigt John an. „Kunst ist ein großes Kaleidoskop, immer auch in Bewegung und Veränderung.“ Dabei gehe es um das Ost-West-Spiel und tatsächlich immer noch vorhandene Vorurteile auf beiden Seiten ebenso wie um den Kunstmarkt, Kommerz und Wertigkeiten. Um verschiedene Blicke auf die Kunst. Was gute Kunst ausmacht. Inwieweit der gezahlte Höchstpreis tatsächlich entscheidet über die Qualität und den Wert eines Bildes.
„Es geht um die zwei Enden in der Wurst, wo man nicht weiß, wer ist der Gute oder der Böse. Wir sind Ost wie West in einer Wurstpelle und wenn wir die auffressen, schwimmen wir auf der Pelle daher oder was kommt dann?“, fragt John. „Wir machen es uns gegenseitig so schwer.“ Als Galerist in Dresden will Holger John aber auch über den Tellerrand schauen. „Diese mexikanische Malerei ist so anders. Mit der anderen Bildsprache bringt sie einen Störfaktor und zugleich frischen Wind herein“, so John. Es werde eine schöne, lebensfrohe Sommerausstellung. Bei der Konfetti fliegt und die Besucher zur Vernissage auf der nicht mehr sichtbaren Mauer ausgelassen tanzen können zu den wildrockigen Country-Klängen der jungen Band „Bandana Brothers“ aus Tennesee/USA.
Oliver Estavillo ist halb Mexikaner, halb Deutscher. „Ich bin durch und durch Maler. Die mexikanische Seele und Farbe habe ich in den Genen. Das ist wie Essen und Trinken notwendig für mich das Malen“, sagt Estavillo. Er wurde 1964 als Sohn eines US-Amerikaners und einer deutschen Familie in Fulda geboren. Sein Vater war amerikanischer Soldat, verließ aber seine Frau und seine vier kleinen Kinder und kehrte in die USAzurück, ohne jemals die geringste Unterstützung zu leisten. Ein sehr persönliches Bild von Estavillo „Mein Vater in der Hölle“ schockiert und erzählt von seiner Wut und Entbehrungen. Wenigstens hat er ihm den klangvollen Namen mitgegeben. Viele denken, es ist ein Künstlername oder ein Pseudonym, lacht Oliver Estavillo. Aufgewachsen ist er mit seiner Mutter und den Geschwistern in München. Er hat in Gelegenheitsjobs und als Restaurator gearbeitet, auch am Fuldaer Dom mitgewirkt. Estavillo ist künstlerischer Autodidakt und arbeitet seit 2006 ausschließlich aks freischaffender Künstler. Im Jahr 2017 zog er zurück in seine Heimatstadt Fulda. „München war einfach nicht mehr bezahlbar“, sagt er. Fulda sei eine schöne kleine Barockstadt in Hessen, auch landschaftlich. „Doch es ist nicht viel los dort.“ Ihm fehlt es, an der Isar spazieren zu gehen. Ab und zu besucht er Freunde in München. An seiner Malbesessenheit hat sich hingegen nichts geändert.
Auch wenn Estavillo kein Wort spanisch spricht und noch nie in Mexiko war, sieht man in jedem seiner farbenfreudigen, kraftvollen Bilder seine Wurzeln. „Bei den abstrakten Bildern ist die Farbe die Handlung“, sagt er. Da kann er intuitiv und beschwingt wie beim Jazz losmalen. Er hört auch gern Musik dazu, auf MDRKultur und Klassik Radio. Bei seinen figurativen Bildern zeichnet Estavillo mit Bleistift vor und dann malt er mit dem Spitzpinsel weiter in seiner fein ausgearbeiteten, detailreichen Ölmalerei. Dort gehe es in Millimeter-Schritten vorwärts. „Das Abstrakte ist ein Ausgleich, fast wie eine Wellnesskur“, sagt er. „In die Farben reinspringen und dann muss ich schwimmen.“ Die abstrakten Bilder von Estavillo sind zeichenreiche, intensive und wunderbare Farblandschaften, in denen angeregt von der alten mexikanischen Kultur der Mayas immer wieder Symbole wie Sonnen, Kreise, Spiralen, Schlangen, Augen und Ornamente auftauchen, Mythen und Pflanzliches sich eindrucksvoll verbinden. Mal luftig, leicht und offen, mal dicht verwoben, verschlungen und verstrickt, manchmal fast labyrinthartig verlaufen die Wege zwischen Himmel und Erde.
Die Farben strömen, wirbeln, rotieren mal wild, chaotisch, unbändig und dann fließen sie wieder sanft und harmonisch auf den Leinwänden. In warmen Rot- und Orangetönen, ocker, türkis, tiefblau bis zu knalligem Pink und Violett ziehen diese Farbgebilde einen magisch an, wird man als Betrachter förmlich hineingesogen. Charmant oder hinterrücks, erfrischend oder wie klebrige Bonbons wirken sie wie „fleischfressende Bilder“, liegen Schönes und Dunkles nah beieinander zwischen Supernova und Scherben ähnlich wie in den Darstellungen der High Society in der vorherigen Ausstellung. „Das geht an die Seele. Wenn es zu viel Kunst wird, bist Du vergiftet oder berauscht“, so Galerist John. Er fühlt sich der mexikanischen Kunst auch verbunden. Seit er weiß, dass dort auch Vorfahren von ihm lebten. Aus Neugier und Interesse, da er immer noch schwarze Haare hat mit Mitte 60, ließ Holger John einen DNA-Test zu Abstammung und Herkunft machen, es war ein Weihnachtsgeschenk seiner Familie vor einer Weile. Vom Ergebnis war er doch sehr überrascht, so der Künstler. Da er eine Affinität zu Keramik, Lebensweise und Ruhe der asiatischen Kultur hat, dachte er eher an China oder Mongolei. „Doch ich bin zu 20 Prozent Mexikaner, außerdem zu 10 Prozent Italiener und 25 Prozent Ire. Der Rest ist das Slawische“, sagt Holger John. Daher fühle er sich Oliver Estavillo natürlich ein bisschen verwandt im künstlerischen Geist. „Das ist ein Welttheater. Wenn diese Farben Liebe machen, entsteht Ekstase, pure Lebens- und Sinnesfreude“, so John zur neuen Ausstellung von Estavillo. „Die Farben bewirken ja auch etwas. Das sind lustige Drogen. Der eine würgt daran, der andere ist vergnügt.“
Kunst müsse manchmal auch etwas weh tun und kann auch mal querliegen im Magen. Sonst mache man etwas falsch als Galerist. „Wenn die Farben dann gefressen sind und sich vermehren, wer weiß was dann herauskommt?“ Dieser spannenden Frage können die Besucher in der Ausstelllung nachgehen. Holger John. „Die Mauer ist schon weg. Doch bis sie wirklich weg ist, wird es noch einige Generationen dauern. Da die Sehgewohnheiten und Erfahrungen sich weiter übertragen.“ Die Mauer bunt anmalen von beiden Seiten bis sie transparent und unsichtbar ist, lautet seine Devise. „Die bunten Farben werden uns vielleicht retten, wenn sie Liebe machen. Sonst wäre die Welt finster“, so Holger John. „Ich sehe, dass wir alle Deutsche sind hüben wie drüben“, sagt Oliver Estavillo. Er habe sehr interessante, liebe Menschen im Osten kennengelernt. Doch er sieht auch die Unterschiede:
„Die Ostdeutschen sind pfiffiger, haben einen gewissen Mutterwitz, sie sind lebensbejahender und haben mehr Zusammenhalt“, fällt ihm bei seinen Aufenthalten auf. „Im Westen geht es mehr egoistisch und gefühlskalt zu.“ Dresden sei eine wunderschöne Stadt und er freut sich darauf, wieder herzukommen. Estavillo hat seine Bilder auch schon in Berlin ausgestellt. „Da ist noch mal ein größeres Publikum. Aber leben möchte ich nicht dort. Die Berliner sind mir zu unfreundlich.“ Holger John kennt er seit einigen Jahren und hat schon mehrmals in Gruppenausstellungen figurative Bilder gezeigt. Es sei beeindruckend, wieviele Leute immer zu den Aussellungseröffnungen bei ihm kommen. „Er ist Charisma auf zwei Beinen“, sagt Estavillo über den Künstlerkollegen John. Sein Traum ist es, seine Bilder auch mal in Mexiko im Nationalmuseum für Kunst zu zeigen. „Das fänden die bestimmt spannend, moderne Kunst von einem Deutsch-Mexikaner zu sehen“, hofft Oliver Estavillo. Vielleicht kann der als Konsul in Mexiko-Stadt lebende Alexander Prinz von Sachsen den Kontakt herstellen, der die Ausstellung Fiesta Mexicana im Juni in Dresden eröffnet hat.
Text (lv)
11 Dienstag Aug 2026
Eine Auswahl der Gedichte von Zoe Nora Goerges, die bisher noch unveröffentlicht sind, erscheinen hier erstmals mit ihrer Erlaubnis auf meinem wortgarten-Blog. Diese Autorin ist eine großartige Entdeckung für mich! Doch lest selbst.

Über dem golden glimmenden Gipfel
im Nebel, rauchig und flach
tanzt eines zarten Kleides Zipfel
wird wilde Welt langsam wach
du tanzt über Berges Wiesen
mit Malven, Schaumkraut und Löwenzahn
meine Gedanken werden zu Riesen
doch du folgst deiner schwebenden Bahn
Kaum berühren den Tau deine Zehen
was flüstern die Halme sich zu
pflückst meine Träume im Gehen
verströmst unendliche Ruh
Du sammelst die Farben des Morgens
und ich nenne sie grüblerisch mein
aber es ist nur ein Akt des Borgens
Deine Silhouette wird kleiner und klein
für Lilli am 8.8.202



Clara Schumann
Aufrecht sitzen
vor Auftritten schwitzen
sie trägt allein aller Takte Gewicht
doch ohne Pathos im Gesicht
Schumann zerfällt währenddessen
in der Anstalt in seine Einzelteile
man wird ihn nicht vergessen
aber ruhigstellen, für eine Weile
Clara hat acht Kinder, die spielen hinter der Bühne
möglicherweise liebt sie einen andern, möglicherweise betreibt sie hier Sühne
aber groß ist es, was sie da tut, auf dem Klavier
führt einen Kanon ein, nach neuer Manier:
Beethoven, Schumann und Brahms
auch der letzte Hörer vernahm’s
das Repertoire es folgt einem Sinn,
der war in Konzerten vorher nicht drin
Vater Wieck – mit größter Disziplin
er formte die Tochter (die kriegen wir schon hin!)
seine Rechnung ging nicht auf, aber Europa lauscht
sie verbeugt sich bescheiden,
und der Beifall, er rauscht
Diese niedlichen Zehen, vom dampfenden Badewasser umspült
rot rot rot bleiben sie zur Betrachtung bis das Wasser auskühlt
und sich Frida erhebt
und die Erde erbebt
unter ihrem Tritt, sprießen die Blumen
sie heben die Köpfe, aus Schmerz geboren
Nägel im Fleisch, unterm Tisch liegen Krumen
von denen sich Frida ernährt, die Diego verloren
Sie malt sich selbst, rahmt unsägliche Pein
aufgespießt von Stangen, eigentlich von zwein,
der aus der Straßenbahn und der ihres Mannes
aber sie gibt nicht auf, sie ist es, sie kann es
umformen, transformieren,
sie benutzt ihr eigenes Blut
versuchst du ihre Bilder zu interpretieren
findest du Kraft,
Leidenschaft,
Mut
Zersprungenes Glas, Tehuana-Tracht
sie kennt sich selbst, sie kennt ihre Macht,
das Schöne zu finden in jeglichem Schmutz
der sie stets beschattet
sie selbst hat’s gestattet,
doch nur um zu stehen, wo andere fallen
hängt sie am Leben mit Klauen und und Krallen
Wächst drüber hinaus, über Schmerz und Leid
und wird uns Symbol einer neuen Zeit
die mit ihr begann, sie breitet sich aus
und leuchtet uns heim, in das prächtige Haus
von Menschen bewohnt, die Verantwortung tragen
geistig nicht mehr am Hungertuch nagen
Gemeinschaften bilden, die blühen und schützen
und letztendlich uns allen nützen
Gegenwart, Wille – vollkommene Präsenz
Paare auf Augenhöhe
Balance, Gewichtung und Transzendenz
Der Kuss in absoluter Nähe
Stilistisch geht Klimt den Weg, den er muss
Akademische Mauern, er meidet sie
Schöpft aus Emotionen im Überfluss
Man fragt sich: Dekoration oder reine Magie?
Würde, codiert, und tiefes Begehren
Szenen, die Erotik nähren
Beschwört der Maler im sakralen Glanz
ganz byzantinisches Mosaik
hält Judith Holofernes lässig beim Schopf
eben durchtrennt sie brutal sein Genick
Das Weib bedrohlich, sinnlich, bewusst
Klimt stellt sie dar im Triumph ihrer Lust
erschöpft vom mörderischen Genuss
weil Liebe auch mal weh tun muss
Skandalös, was er zeigt
existenzielle Intensität
weibliches autonomes Subjekt
der Bürger fragt, wo kommen wir denn hin,
wenn sich die Frau nicht mehr versteckt
Nur Husten im Saal
da wird Musik zur Qual
4’33 sitzen die Leute herum
und alles bleibt stumm
keine Melodie kommt uns zu retten
er streift sie ab, jegliche Ketten
der Definition
war es das jetzt schon
ist da wer, der an Nägeln kaut?
Und wer atmet da so laut?
Selbstkonfrontation bis zum Erbrechen
lässt er die Gebrechen sprechen
Knarrende Stühle, kratzende Hände
hat denn das hier nie ein Ende
und dann klatschen sie enthusiastisch
alles löst sich, was vorher spastisch
und verkrümmt gewartet hat
mir was es eigentlich zu platt
das Schweigen
der Geigen