Eine Auswahl der Gedichte von Zoe Nora Goerges, die bisher noch unveröffentlicht sind, erscheinen hier erstmals mit ihrer Erlaubnis auf meinem wortgarten-Blog. Diese Autorin ist eine großartige Entdeckung für mich! Doch lest selbst.

Über dem golden glimmenden Gipfel
im Nebel, rauchig und flach
tanzt eines zarten Kleides Zipfel
wird wilde Welt langsam wach
du tanzt über Berges Wiesen
mit Malven, Schaumkraut und Löwenzahn
meine Gedanken werden zu Riesen
doch du folgst deiner schwebenden Bahn
Kaum berühren den Tau deine Zehen
was flüstern die Halme sich zu
pflückst meine Träume im Gehen
verströmst unendliche Ruh
Du sammelst die Farben des Morgens
und ich nenne sie grüblerisch mein
aber es ist nur ein Akt des Borgens
Deine Silhouette wird kleiner und klein
für Lilli am 8.8.2026

Clara Schumann

Aufrecht sitzen
vor Auftritten schwitzen
sie trägt allein aller Takte Gewicht
doch ohne Pathos im Gesicht
Schumann zerfällt währenddessen
in der Anstalt in seine Einzelteile
man wird ihn nicht vergessen
aber ruhigstellen, für eine Weile
Clara hat acht Kinder, die spielen hinter der Bühne
möglicherweise liebt sie einen andern, möglicherweise betreibt sie hier Sühne
aber groß ist es, was sie da tut, auf dem Klavier
führt einen Kanon ein, nach neuer Manier:
Beethoven, Schumann und Brahms
auch der letzte Hörer vernahm’s
das Repertoire es folgt einem Sinn,
der war in Konzerten vorher nicht drin
Vater Wieck – mit größter Disziplin
er formte die Tochter (die kriegen wir schon hin!)
seine Rechnung ging nicht auf, aber Europa lauscht
sie verbeugt sich bescheiden,
und der Beifall, er rauscht

Frida Kahlo

Diese niedlichen Zehen, vom dampfenden Badewasser umspült
rot rot rot bleiben sie zur Betrachtung bis das Wasser auskühlt
und sich Frida erhebt
und die Erde erbebt
unter ihrem Tritt, sprießen die Blumen
sie heben die Köpfe, aus Schmerz geboren
Nägel im Fleisch, unterm Tisch liegen Krumen
von denen sich Frida ernährt, die Diego verloren
Sie malt sich selbst, rahmt unsägliche Pein
aufgespießt von Stangen, eigentlich von zwein,
der aus der Straßenbahn und der ihres Mannes
aber sie gibt nicht auf, sie ist es, sie kann es
umformen, transformieren,
sie benutzt ihr eigenes Blut
versuchst du ihre Bilder zu interpretieren
findest du Kraft,
Leidenschaft,
Mut
Zersprungenes Glas, Tehuana-Tracht
sie kennt sich selbst, sie kennt ihre Macht,
das Schöne zu finden in jeglichem Schmutz
der sie stets beschattet
sie selbst hat’s gestattet,
doch nur um zu stehen, wo andere fallen
hängt sie am Leben mit Klauen und und Krallen
Wächst drüber hinaus, über Schmerz und Leid
und wird uns Symbol einer neuen Zeit
die mit ihr begann, sie breitet sich aus
und leuchtet uns heim, in das prächtige Haus
von Menschen bewohnt, die Verantwortung tragen
geistig nicht mehr am Hungertuch nagen
Gemeinschaften bilden, die blühen und schützen
und letztendlich uns allen nützen

Gustav Klimt

Gegenwart, Wille – vollkommene Präsenz
Paare auf Augenhöhe
Balance, Gewichtung und Transzendenz
Der Kuss in absoluter Nähe
Stilistisch geht Klimt den Weg, den er muss
Akademische Mauern, er meidet sie
Schöpft aus Emotionen im Überfluss
Man fragt sich: Dekoration oder reine Magie?
Würde, codiert, und tiefes Begehren
Szenen, die Erotik nähren
Beschwört der Maler im sakralen Glanz
ganz byzantinisches Mosaik
hält Judith Holofernes lässig beim Schopf
eben durchtrennt sie brutal sein Genick
Das Weib bedrohlich, sinnlich, bewusst
Klimt stellt sie dar im Triumph ihrer Lust
erschöpft vom mörderischen Genuss
weil Liebe auch mal weh tun muss
Skandalös, was er zeigt
existenzielle Intensität
weibliches autonomes Subjekt
der Bürger fragt, wo kommen wir denn hin,
wenn sich die Frau nicht mehr versteckt

John Cage

Nur Husten im Saal
da wird Musik zur Qual
4’33 sitzen die Leute herum
und alles bleibt stumm
keine Melodie kommt uns zu retten
er streift sie ab, jegliche Ketten
der Definition
war es das jetzt schon
ist da wer, der an Nägeln kaut?
Und wer atmet da so laut?
Selbstkonfrontation bis zum Erbrechen
lässt er die Gebrechen sprechen
Knarrende Stühle, kratzende Hände
hat denn das hier nie ein Ende
und dann klatschen sie enthusiastisch
alles löst sich, was vorher spastisch
und verkrümmt gewartet hat
mir was es eigentlich zu platt
das Schweigen
der Geigen