Einmaliger Kunstort & Wunderkammer voller skurriler Dinge & wechselnde Ausstellungen & Zeitgeschichte zum Anfassen aus dem DDR-Alltag und künstlerischen Underground: Das Künstlerpaar Dorota und Reinhard Zabka hat das Lügenmuseum Radebeul im früheren Gasthof Serkowitz jahrelang mit viel Liebe, Engagement und öffentlicher Förderung aufgebaut. Nach einem langen Rechtstreit und ausbleibender Einigung mit der Stadt Radebeul droht dem Lügenmuseum Ende September die Schließung.

Absurder Streit um das Lügenmuseum
Dem originellen und vielbesuchten Kunstort droht Ende September die Zwangsräumung durch die Stadt Radebeul per Gerichtsbeschluss. Obwohl bereits mehrere Verkaufsversuche scheiterten und Rettungsversuche ungehört bleiben.
Das ganze Haus ist eine Kunst-Baustelle. Wie auf einer großen Leinwand prangen überall Bilder, Ideen und Sprüche rings um den Eingang des Lügenmuseums Radebeul, das den ehemaligen Gasthof Serkowitz an der Kötzschenbrodaer Straße 39 seit vielen Jahren neu belebt. Jedoch weniger mit kulinarischen Genüssen, als mit kultureller und geistiger Nahrung werden die Gäste hier empfangen von Betreiber Reinhard Zabka und seiner Frau Dorota. Höchst lebendig, originell, vergnüglich, unterhaltsam, auch streitbar, zum Austausch anregend über das Gesehene geht es hier zu. Aufhorchen lässt schon der Name des Museums. Dazu liest der Besucher: “Wahre Dinge sind wie umgekehrt“ auf die Fassade geschrieben. „Die Zukunft war früher auch besser“, „ein bisschen stimmt es, aber nicht immer“ und „Es gibt Lügen, da hört der Spaß auf“. Auf einem Papierrollo steht der Titel einer Ausstellung: „Underground and Revolution of GDR“.

Vor dem strahlend weiße Gebäude stehen Installationen, aus Stühlen und Leitern errichtete Türme mit rot-weißer signalartiger Bemalung, kreisenden Rädern und ausschwirrenden Strahlen. Viele Schilder mit Pfeilen und Fragezeichen sieht man da. Da wird auf eine „Kultur-Schutz-Zone“ und auf Artikel 5 im Grundgesetz zur Kunstfreiheit verwiesen. Das Lügenmuseum ist noch bis 31. September geöffnet – dann Gnade uns Gott, schallt der eindringliche Hilferuf aus einem Bild. Dem Lügenmuseum droht nach einem bereits jahrelangen Rechtsstreit und einer Räumungsklage der Stadt Radebeul, welche nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Dresden nun rechtskräftig ist, die Schließung. Die angekündigte Zwangsräumung im Oktober würde das Ende dieses Kunstortes besiegeln. „Das Lügenmuseum kapituliert nicht vor der Komplexität der Welt. Mit Distanz, Humor und dem Blick auf das Ganze macht dieses Gesamtkunstwerk Widersprüche, Täuschungen und die Illusionen der Macht sichtbar“, sagt Richard von Gigantikow. So nennt sich der Künstler und „Ideenmillionär“ Reinhard Zabka, der Erfinder und Betreiber des Lügenmuseums vor den Toren Dresdens. „Das Lachen wird zum Erkenntnisinstrument, denn vom Wahren lässt sich heute oft nur noch über das Falsche, über die Lüge, sprechen. Diese Erfahrung macht das Lügenmuseum sinnlich erfahrbar.“

Viele Besucher nutzen derzeit die Gelegenheit, diesen außergewöhnlichen Kunstort noch einmal zu erleben. Sie beweisen einen besonderen Geschmack, so Zabka. Als Seismograf der Gegenwart mache dieser Kunstort gesellschaftliche Spannungen, Brüche und Widersprüche sichtbar und entwickelt daraus eine eigenständige künstlerische Sprache. Zwei Petitionen, fachliche Stellungnahmen von Bundes- und Landeseinrichtungen sowie zahlreiche Appelle und Gnadengesuche stießen jedoch auf taube Ohren. Dabei wird im Kulturentwicklungskonzept der Stadt Radebeul bis 2030 das Lügenmuseum ausdrücklich erwähnt als hervorragender Kunstort in der Region. Die Stadträte haben dieses Konzept einstimmig verabschiedet im Mai 2024. Doch der Radebeuler Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) hat dem Betreiber des Lügenmuseums zur gleichen Zeit gekündigt, so Zabka. „Er hat Verkaufsverhandlungen geführt, die sind gescheitert und der Käufer ist zurückgetreten. Die Stadt wirft dem Lügenmuseum vor, wir seien nicht kompromissbereit. Doch wir haben mit ihm verhandelt.“ Es habe mit dem Kaufinteressenten Unstimmigkeiten zur künstlerischen Ausrichtung des Lügenmuseums in Zukunft gegeben. Persönliche Befindlichkeiten spielen wohl auch eine Rolle. Der OB habe Zabka als Privatperson gekündigt, nicht dem Lügenmuseum an sich, das mit diesem Künstler nicht tragbar wäre, sagt er.

„Kunstfreiheit bedeutet, dass der OB ein fachliches Gutachten einholt. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung von ihm“, so Zabka. „Nach der Kündigung hat uns die Radebeuler Kulturamtsleiterin noch gefördert mit einer Ausstellung.“ Reinhard Zabka ist Kunstpreisträger der Stadt Radebeul von 2016. „Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude“, sagte die Laudatorin Dr. Susanne Köstering in ihrer Rede zur Kunstpreis-Verleihung. Seine Kunst erreiche deshalb Menschen aller Weltgegenden, aller Altersgruppen und aller sozialen Millieus.

Dennoch ist das Lügenmuseum in seinem Fortbestand gefährdet. Die Stadt Radebeul hat das Haus zum Verkauf ausgeschrieben mit der Auflage an den Eigentümer, drei Millionen Euro für die Sanierung aufzubringen. Vier Verkaufsversuche sind bereits gescheitert. „Die haben keinen Bewerber, keine Idee und kein Konzept“, weiß Zabka. Nach ausbleibenden Einigungen kündigte die Stadtverwaltung Radebeul den Mietvertrag mit Zabka und setzte den Auszug juristisch durch. Für ein Statement über die Hintergründe, warum keine Einigung oder andere Möglichkeit als die Räumung des Lügenmuseums gefunden werden konnte, war OB Wendsche nicht erreichbar. Er hoffe nun, dass der Mieter und Betreiber des Lügenmuseums nun das Gebäude in der gewährten Frist räumt. teilte er schriftlich über die Pressestelle der Stadtverwaltung Radebeul mit.

Während es hinter den Kulissen des Lügenmuseums wackelig zugeht, schauten sich in den Sommerferien noch mehr Besucher als sonst dort um und tauchten in eine wunderreiche Welt ein, die ihresgleichen sucht in dieser Weise. Seit nunmehr 35 Jahren besteht das Lügenmuseum. In einer alten Landarbeiterkate in Babe, einem brandenburgischen Dorf 1990 gegründet, beginnt Zabkas Traum vom Künstlerhaus und Lügenmuseum als Wunderkammer mit skurrilen Objekten. Sieben Jahre später zieht er ins Gutshaus nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul in den historischen, denkmalgeschützten Gasthof Serkowitz. Diese Wanderschaft wohnt auch den Kunstobjekten selbst inne. Oft sind es mobile Objekte auf Rädern und mit Reiseattributen versehen wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe  – wie angeblich dem von Fontane!

Seit 2012 öffnet das Lügenmuseum in Radebeul als ein Ort der Kunst und Fantasie, Träume und Visionen für kleine und große Besucher seine Türen. Den sie eigenständig erkunden, entdecken und erfahren können mit allen Sinnen und eigenständiges Denken und Wahrnehmen wird hier großgeschrieben. „Wir sind ein Lernort für visuelles Denken. Museen sind aber meist auf Design, Didaktik und Archiv ausgelegt“, so Zabka. „Wir haben eine Kunstsammlung, mehrere Künstlernachlässe und das Lügenmuseum zeigt den Geist der Friedlichen Revolution atmosphärisch.“ Alles authentisch. Zeitgeschichte zum Anfassen und Hineinbegeben. Zabka, 1950 in Erfurt geboren als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, hat viele Dinge selbst zusammengetragen aus jener Zeit. Als ein Akteur der Erfurter und Berliner Subkultur befasste er sich und kennt die Mechanismen der Lüge als Machtinstrument, aber auch als Überlebensmittel. Lüge bedeutet hier nichts weniger als Gegenwelt.

Die Zeitreise in die DDR-Vergangenheit und ihren Alltag führt durch 16 Räume voller wundersamer und paradoxer Dinge. Der erste Raum erinnert an den übermächtigen Wunsch nach Reisefreiheit, anderen Kulturen und Eindrücken mittels mechanischen, akustischen und optischen Effekten, wunderlichen Apparaten, exotischen Souvenirs und farbenfrohen Assemblagen. Zu sehen ist außerdem das Atelier eines Dissidenten, das man über einen begehbaren „Giftschrank“ voller Bücher betritt, hinter einer Art Geheimtür. Dort sieht man auf Regalen zumeist illegal fabrizierte Drucksachen, Poster von Ausstellungen und Bilder an den Wänden z.b. von Manfred Butzmann, Elke Erb, Martin Hofmann, Cornelia Schleime oder Robert Rehfeldt. Per Knopfdruck an einer Art Radio kann der Betrachter sich dazu einen Sound aus DDR-Geräuschen aus Tonkonserven selber mixen. Durch fantastische Bilderwelten reisen und ein Sammelsurium seltsamer, witzig-skurriler Kunstobjekte und Installationen zwischen ironischem „Happy Ossy Land“ und absurd-komischem „Welttheater“ voller Schaukästen und Altäre mit originalen Zeitzeugnissen und kurios sinnverwandelten Alltagsdingen erwartet die Besucher treppauf, treppab auf den Gängen und im Saal im Obergeschoss. Ehemals ein Ballsaal mit noch erhaltener, stuckverzierter Jugendstildecke, Säulen und hohen Bogenfenstern. Die prunkvolle, gläsern schimmernde Kugellampe an der Decke in der Raummitte stammt aus dem abgerissenen Friedrichstadtpalast in Berlin.

Die Stimmung wandelt sich stetig mit den rings herum bunt aufleuchtenden und wieder verlöschenden Lämpchen, drehenden Windspielen mit Fähnchen, Händen und Füßen in der Luft, leise surrenden, klopfenden und trommelnden Klängen der Installationen im Wechsel von Stille und Bewegung, Ergriffensein und Verzauberung. Derzeit laufen dort zwei Ausstellungen, eine mit dem Titel „Tanz auf dem Holzweg“ zeigt kinetische, schwebende und schwingende Objekte von Reinhard und Dorota Zabka, Sophie Cau, Klaus Liebscher, Justus Ehras, Jan Heinke, Jola Brejdak und unter dem Motto „Skeleton Dance“ werden mittelalterliche Totentanz-Darstellungen in die Gegenwart transformiert in Bildern und Objekten. Hinter dem Lügenmuseum steht man plötzlich in einem urwüchsig prächtigen Garten, den Zabkas vor Jahren angelegt haben. Eine blühende Oase mit Betonboden, aber dennoch wachsen Bäume darauf. Überall stehen hoch rankende Pflanzentöpfe, dazwischen Holzbänke. Es wäre schade, wenn dieser zauberhafte Platz verlorengeht zumal Radebeul als Gartenstadt sich sieht. Einen Teil des Grundstücks am Lügenmuseum hat die Stadt schon abgeteilt. Ein Feigenbaum steht dort. Die Stadt will das Grundstück verkaufen.

Wir sitzen am Tisch unter dem grünen Blätterdach. Dorota Zabka, die Frau des Künstlers und selbst Künstlerin, serviert Salat und leckere Quiche, dazu Zitronenwasser. Zusammen haben sie diesen Kunstort mit viel Liebe, in Eigeninitiative größtenteils mit vielen Helfern jahrelang aufgebaut. Sie mag sich nicht vorstellen, wenn dies alles bald wegfiele, sagt Dorota Zabka leise. Ihre kleine Hündin „Ella“ bellt fröhlich als wolle sie den Garten und das Haus bewachen. Viele Projekte, Symposien für Kreative und Kunstfeste fanden hier schon statt. Das Künstlerpaar Zabka erfährt viel Unterstützung von Freunden, Förderern und Kennern dieses besonderen Museums, die sich für seinen Erhalt einsetzen. „Wir haben über 100 Briefe bekommen und an die Stadt Radebeul geschickt“, erzählt Reinhard Zabka. Darunter von der Akademie der Künste, vom ehemaligem Rektor der Dresdner Kunsthochschule, Matthias Flügge, vom Landesamt für Denkmalpflege bis zur Bundesstiftung Aufarbeitung von SED-Unrecht. Selbst der sächsische Ministerpräsident  Michael Kretschmer versuchte im Rechsstreit Zabkas mit dem Radebeuler OB Wendsche zu vermitteln. Ohne Erfolg. Da es eine Sache der Komnune sei, so Zabka.

„Wir haben einen interessierten Käufer gefunden, der für 300 000 Euro ohne Sanierungsauflagen das Lügenmuseum übernehmen möchte. Ein Museumsbetreiber aus der Schweiz. Der Name ist dem OB bekannt und wird ignoriert!“ Zabka hat der Stadt Radebeul in einem Brief an die Stadträte im Mai sogar die Schenkung des Lügenmuseums als Gesamtkunstwerk angeboten, das Arbeiten von über 500 Künstlerinnen und Künstlern vereint, verbunden mit dem Ziel, das Lügenmuseum zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Zurzeit ist ein Gast aus Schwaben bei uns. Er kommt aus der Finanzwelt und macht ein Sabbatjahr. Ihn arbeiten wir gerade als neuen Museumsdirektor ein. Er macht Führungen, begrüßt die Gäste und kommt gut an bei den Besuchern“, so  Reinhard Zabka. Vorstellbar sei auch eine temporäre Ausstellung für etwa zwei Jahre mit Rauminstallationen des Lügenmuseums im Japanischen Palais in Dresden, dessen schöne Räume damit auch wieder mehr mit Leben erfüllt würden.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Sa und So, Ferien und Feiertag von 13 bis 17 Uhr

http://www.luegenmuseum.de