Ein Gesicht im Sand
Angekommen am Meer
find ich unzählige Federn
helle dunkle gefleckte
und windzerzauste
ein Gesicht im Sand
wie eingemeißelt
Wasser rinnt unaufhaltsam
ringsherum
Möwen fliegen auf
reißen sich um die Krumen
ausgehungert mir fast
das Futter aus den Händen
mit spitzen Schnäbeln
erschrocken weiche
ich zurück
ihre Freudenschreie begleiten
mich auf Schritt und Tritt
wollte hier vergessen
die Schatten der letzten Zeit
stattdessen beginne ich zu leben
Ganz von vorn
5.7.2026
Abschied von Kater Franz
Früh der Aufbruch
endlich wieder ans Meer
drei Wirbelwinde ließ
ich zuhause
geriet schon fast in Seenot
kaum fort
kommt die Sehnsucht wieder
unterwegs ein Wetter
als stürze der Himmel ein
aus grauschweren Wolken
bricht immer wieder Sonnenlicht
sonst saßst Du oft schon vorm Haus
an der Tür
oder unter einem Strauch im Garten
diesmal nicht
der große zottlige Schlappohrenhund Joschi
stürmt ins Ferienzimmer herein
mit der Gastgeberin
doch kein Kater Franz
schwarzsamtig mollig keck
und gelbäugig wie meine Sternaugenkatze Lola
der in mein Herz schlich
durchs Tor schnurstracks galant an der Agave vorbei
wird mehr kommen
er ging schon im Januar
für immer fort
all meine Freude
auf einmal verloren
das Meer braust und
schickt mir seine schönsten Wellen
es hält und bricht keine Versprechen
doch kann es meinen Kummer nicht fortspülen
5.7.2026
Traumversunken
Die Möwen riefen
noch lange
eine Taube gurrte
draußen auf dem Giebel
schon halb im Traum
zog wieder alles
vorbei
was ist und war
wie auf einer Bühne
als probten wir
für ein neues Stück
ohne Zurück
die Darsteller ringsumher
schwiegen
verkauften ihre Schuhe
und Taschen
keiner wollte ihre
Kunst sehen
Ich erzählte was ich schreiben
wollte
doch keiner hörte zu
ich träumte unter
dem Meerbild
darauf weiße hohe Wellen
reichen fast
bis zum Himmel
das Meer groß weise
und weit sagt:
Alles hat seine Zeit
und draußen strömt der Regen
6.7.2026
Dem Wind entgegen
Der Wind zaust mein Haar
seh nichts mehr nichts steht mehr fest
durchkämmt das Meer
hohe weiße Schaumkronen
aufbrausend
schleudern mir
ihre ganze Kraft entgegen
als wollten sie
mich aus mir
heraus
erheben
die Wellenberge scheinen
unüberwindlich
der Boden unter den Füßen
gibt nach
Wellen prallen
gegen meine Haut
werde nicht sanft
wie sonst hineingezogen
sondern fast gerissen
falle fast hinein
und auf einmal
fühlt sich alles
leicht an
die Wellen wogen
ich überspringe sie
vertraue mich an
der Wind wirft mich zurück
an Land
doch bin gewachsen
ein Stück
8.7.2026
Sonnentag am Meer
Die Sonne kam wieder
am dritten Tag und
hielt lange
der Himmel immer noch
azurblau voller Federwölkchen
Möwen kreisen über dem Ferienzimmer
den leckeren Düften nach
Schwalben schwirren umher
Raben krächzen heiser
eine winzige helle Spinne seilt
sich ab an meinem Stift
eine lange schwarze und eine Tigerfeder
die von Euch aus dem Himmel flogen
liegen vor den Bildern
meiner Katzen
ein heller Falter flog Mittag
übers Dach sah kurz nach
mir und verschwand
und noch einer ein Zitronenfalter
flirtete kurz
mit mir am Strand
bevor der Wind
den Sand aufwirbelte
das Meer den Schleudergang einlegte
Ich allein blieb mit den Möwen
die es verstehen
zu bitten schreien und flehen
alles nehmen wie es kommt
noch in der Dämmerung
hallt ihr Lachen
8.7.2026
Geborgen/Ückeritz
Das Meer schimmert
blau hinter den Bäumen
der Lärm von der Promenade
verebbt
die Anhöhe hoch
in den Wald
Wege voller Sonnenflecke
auf und abwärts
das Rad hält mich
dann endlich das Tor am Waldrand
Zurück in meiner Welt
langersehnt und vermisst
all die Leinwandvillen
Wäsche hängt auf der Leine
wo sie unter Sonnensegeln
beisammen sitzen
zusammen essen feiern
ausruhen
es duftet nach Kartoffelsalat
Gurken und manchmal verbrannten
Fleisch auf dem Grill
und hohe Kiefern säumen
den Weg zum Strand
das kleine Wäldchen an der Steilküste
wuchert und schlummert
vor sich hin
zwischen den Buchen
der offene freie Meerblick
immer noch
endlos weit
die weiße Treppe
hinunter
zum Strand
führt in eine
andere Zeit
zum Ursprung meiner
Meerliebe
viele Bäume Licht
und Wellen die immer
wiederkehren
wie die Möwen
und manchmal offene alte Strandkörbe
mit Blümchenbezug oder Streifen
mehr brauchte ich nicht
zum Glück
der Sand am Strand
weicher und höher
neu aufgeschüttet
bildet Wälle zum Wasser hin
viele Steine liegen drin
und der Sand gibt nach
Ich schwanke in den Wellen
bernsteinfarben funkelnd
in der Sonne
kräuseln sich wiegen
und tragen mich sanft
Abends kommen die Möwen
und ein paar Raben
freuen sich über das Festmahl
und drehen ihre Runden
als wollten sie
wie ich
das Meer umarmen
10.7.2026
Blütensegel
Euer Leuchten
weithin
begleitet
meinen Weg
kleine Blütensegel
im Wind
öffnen und schließen
sich geschwind
klimpern mit den Wimpern
rote Irisschimmer
auf den Blättern
zarte Berührung
schon verwehen sie
im Wind
abends färben
sie den Himmel
rot unzählige kleine Flügel
hoch über dem Meer
mit den Möwen
10.7.2026
Schneckenleben
Die Sonne stand
schon tief
der Sand leuchtete
rot golden am fast menschenleeren
Strand
winzige weiße Federn
flogen umher
landeten in den Seegräsern
dort fand ich Dich
klein kugelrund
dunkelbraun hellgelbes Gehäuse
voller Sand
doch es schien als wohne
noch jemand
darin
nahm Dich mit
obenauf mit den
flaumigen Federn
so viel Leichtigkeit
schwer zu halten
legte Dich in den Pflanztopf
weiße Rosen Lavendel
Vergissmeinnicht wachsen dort
in der Nacht klettertest Du
am Rosenstrauch empor
hängst nun mitten in den Blättern
und Wassertropfen
halt Dich
gut fest
11.7.2026
Gedichte: Lilli Vostry
Fotos folgen

