
An der Grenze zwischen Traumwelt und Realität: Schönes, Schmerzliches, Bedrohliches und Absurdes nehmen Gestalt an mit den Erzählungen der Träumenden in der Inszenierung „Träume in Europa“ unter Regie von Sebastian Hartmann im Schauspielhaus Dresden. Fotos (2): Sebastian Hoppe
Ein düster-komischer Tanz der Traumgeister
Drama und banal Alltägliches, Absurditäten und Abgründe der menschlichen Seele prallen aufeinander in „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz. Die Uraufführung im Schauspielhaus Dresden hinterlässt zwiespältige Eindrücke.
Träume kommen aus der Wirklichkeit und reagieren auf sie. Sie zeigen uns eine andere Welt. Und führen ein wildes Eigenleben. Sie können uns beglücken, beunruhigen, erschüttern, verwirren, erheitern, verwundern, Wunden aufreißen und helfen sie zu heilen.
All das erscheint auf ebenso seltsame und eigenartige Art und Weise und in vielerlei Gestalt in „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz. Die Uraufführung seiner vielstimmigen Textcollage unter Regie von Sebastian Hartmann war unlängst im Schauspielhaus Dresden. Der Titel klingt vielversprechend und gibt dem Ganzen mit Bezug auf Europa noch mehr Gewicht. Wer jedoch eine tiefer gehende politische Dimension oder Reflexion gesellschaftlicher Themen erwartet, wird enttäuscht in dieser Aufführung, denn diese kommen nur unterschwellig vor. Es geht vor allem um Emotionen und Traumerleben wie es überall auf der Welt geschieht. Sigmund Freuds Epochenwerk „Die Traumdeutung“ beschrieb im Jahr 1900 die Beziehungen der Träume zur Realität. Seine psychologische Traumdeutung entwickelt eine Analysetechnik, bei der das Träumen als Arbeit der Seele verstanden wird, heißt es im Programmheft zur Aufführung. Weiter steht dort: „Nach Freud verdichten sich im Traum reale Erfahrungen zu Symbolen – bei ihm zumeist sexueller Natur – die gedeutet werden können und auf kindliche Prägungen zurückgehen. Damit ändere sich die Richtung der Traumdeutung fundamental, statt kollektiver Zukunftsprognose – wie sie von der Antike bis zur Frühmoderne vor allem für die Herrschenden gedeutet wurden, um aus den Träumen die Zukunft vorhersehen und damit beeinflussen zu können – geht es nun um individuelle Vergangenheitsbewältigung. Mehr als einhundert Jahre nach Freud ist der Autor Wolfram Lotz in europäischen Internetforen fündig geworden, in denen sich Menschen ihre Träume erzählen oder aufschreiben. Er hat um die 35 000 Träume gelesen nach eigener Aussage. Mehr als einhundert davon hat Lotz anonymisiert und sprachlich bearbeitet in einem Buch herausgebracht, das Anfang 2026 erschien und als Vorlage für die Aufführung „Träume in Europa“ dient. Er hat dabei fast alles überdeutlich Symbolische, nach Freud Deutbare, herausgelassen aus seiner Traumsammlung. Die kulturelle und regionale Herkunft ist manchmal erkennbar, auch ob die Träumenden jung oder älter sind, darüber hinaus erfährt man jedoch kaum etwas über sie. Damit bleiben diese Traumerzählungen offen und subjektiv deut- und interpretierbar. Regisseur Sebastian Hartmann ist bekannt für einen opulenten, überbordenden Bilderrausch und sehr körperliches Theater in seinen Inszenierungen, was naheliegend wäre auch bei dieser Reise in surreale Traumwelten, jedoch verzichtet er weitgehend darauf. Spartanisch ist auch das Bühnenbild, das er ebenfalls entworfen hat.
Ein langer Tisch steht anfangs im Halbdunkel, aus dem weißer Rauch aufsteigt, wo nacheinander die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler auftauchen und Platz nehmen. Eine Szene wie beim biblischen Abendmahl. Die Männer tragen lange wallende, farbige Gewänder und die Frauen Kleider, weiße mit Rüschen und einige schulterfrei und der Stoff überkreuz vor der Körpermitte. Scheinwerferlicht fällt auf ihre Gesichter. Sie schauen mit starrer Miene vor sich hin oder geradeaus ins Publikum, die Hände verschränkt, immer noch gebannt vom Traumgeschehen. Nacheinander erzählen sie ihre Geschichten zwischen Traum und Realität, zunächst banal Alltägliches, über Job, Hausreparatur, Familie, Kinder, Partner, Nachbarn und Verreisen. Fremde Menschen, die vertraut wirken. Ängste, Sorgen und Sehnsüchte klingen an, die später deutlicher werden und eskalieren. Begleitet von sanftem Klavierspiel, sphärischen und dissonanten Klängen (Live-Musik: Friederike Bernhardt). Manchmal sehen die Träumenden einander an oder lehnen zwei Köpfe sich an einen Moment. Das Geschehen wirkt anfangs sehr statisch und ist mehr Erzähltheater als packendes Schauspiel. Es kommt einem vor wie eine Ewigkeit und man hofft, dass es nicht die ganze dreieinhalbstündige Aufführung so weitergeht. Nach der Pause sind die Zuschauerreihen deutlich leerer.
Im zweiten Teil herrschen erfreulicherweise mehr Bewegung, Tempo, Intensität und Spannung auf der Bühne. Traumwandlerisch schwebend zwischen Ernst, Schwere und Absurdität, tauchen mit den Darstellern die Zuschauer immer tiefer in die innersten Schichten der Seele und menschliche Abgründe ein. Traumata, Albträume, Schmerz, Trauer, Schönes und Bedrohliches sind nah beisammen und gelangen aus dem Dunkel der Nacht ans Licht, um gesehen und gehört zu werden. Was davon wahr oder erfunden, nur geträumt ist, bleibt oft rätselhaft das Geheimnis des Träumenden. Die Träume kreisen um Liebe, Sex, Trennung, Missbrauch, Unglücke, Unfälle, Tod und Abschied und Umgang damit. Die Darsteller erzählen, hören und begleiten dies mit Reaktionen zwischen Schweigen, Erstaunen, Gelächter, Erschrecken und Abscheu. Einer Frau erschien im Traum eine „Gestalt mit Fell und Hörnern auf dem Kopf“, die zur ihr sagte: „Gott gibt es nicht!“ und wieder verschwand. Da geistern reichlich Fabelwesen und oft Tiere symbolträchtig durch die Träume. Eine Frau schildert komisch-absurd, dass sie nicht weiß, ob ein kleiner Vogel in ihrem Hintern festsitzt, im Widerschein eines Feuers, und sie versucht ihn wieder herauszubekommen. Sie hockt sich hin, drückt und dann kommt der Vogel tatsächlich heraus und fliegt fort. Für Schmunzeln und Entsetzen im schnellen Wechsel sorgt Nadja Stübiger außerdem, als sie von einem versuchten Suizid im Traum erzählt. Ihr Mann stellte schon viele Dinge von ihr zusammen, die sie ja nun nicht mehr brauchte und wollte sie bei ebay verhökern. Und er wirkte ganz und gar hilflos, so dass sie sich entschied weiterzuleben.
Der groteske Gipfel der Aufführung ist erreicht, als sie träumte sie sei Hitler! Sie schämt sich dafür, holt tief Luft und sagt, dass sie nicht wusste, was sie nun sinnvollerweise tun sollte. Vielleicht einem Obdachlosen helfen, überlegt sie. Sie regt sich auf, wie man solche Verbrechen begehen kann, redet im gleichen schnarrenden Tonfall wie Hitler, ereifert sich immer mehr und versucht sich zusammenzureißen. „Aber mir ist nichts Sinnvolles eingefallen!“, sagt sie resigniert. Das ist ebenso großartig wie beklemmend gespielt von Nadja Stübiger. Philipp Grimm begegnen oft Tiere im Traum. Ein Schmetterling, bei dem er nicht weiß, was er ihm zu essen oder trinken geben soll. Ein anderes Mal Katzen, die nicht aufhören zu miauen und ihn wütend machen. Oder ein Affe, den er mit nach Hause nimmt, der seine Finger in ein Buch steckt, ihn quält mit seiner Wildheit und vor dem er sich ekelt. Ein Mann erzählt von seinem Hund, der sanft, folgsam ist und alles versteht. Er hängt fest in einem dunklen Spalt an der Bühnenwand und ist wohl einsam. Marin Blülle spielt ihn innerlich zerrissen. Er vermisst seine Mutter, die nach Spanien gezogen ist, ein kurzer Anruf und aufgelegt. Verzweifelt reißt er die Tischplatte hoch, trägt sie wie eine Last, sucht nach Halt und irrt umher, schreiend im Nebel, aus dem eine Frauenstimme immer wieder ruft: Soll ich dir helfen? Und er antwortet mühsam: Ich schaff das schon alleine! Das geht nahe. Die Darsteller stehen oder sitzen währenddessen in schwarzen Umrissen am Tisch mit dem Rücken zum Publikum. Mal liegen sie wie gestrandet auf der langen Tafel oder kriechen bäuchlings vorwärts. Ein Mann in schwarzem Anzug wälzt sich auf dem Tisch, steht auf und geht wie ein Schlafwandler umher, die anderen halten ihn, dass er nicht fällt. Ein Mann im grünen Gewand wird Huckepack getragen von einem anderen Darsteller, auf dem er thront und reitet wie auf einem Kamel und erzählt skurril-komisch, wie er eine schwarze Ziege im Arm hielt und deswegen kein Selfie machen konnte, weil er das weiche, zerbrechliche Tier nicht loslassen wollte.
Ziegelrote, drehbare Fensterwände mit Leitern an den Seiten werden hin und her geschoben, in deren Innerem die Darsteller sich suchend bewegen, gefangen sind oder entfliehen an der Grenze zwischen Traumwelt und Realität. Sie klettern, hangeln an der Wand entlang, hängen kopfüber und sitzen in den offenen, hohen Bogenfenstern. Splitternackt und verletzlich zeigt sich in den abgründigen Traumgefilden Henriette Hölzel. Zwischen ihren Wünschen, Wut und Enttäuschung über unglückliche Beziehungen hin und her getrieben, spielt und erzählt sie provokant und beeindruckend. Mal sitzt sie auf dem Tisch und wippt sehnsuchtsvoll mit ihrem Körper vor und zurück. Mal schlägt sie wild um sich und auf einen der männlichen Darsteller ein. Und sie erzählt am Bühnenrand, nackt und schutzlos im Scheinwerferlicht, wie sie sich als junges Mädchen einem Lehrer anbot für Geld, das sie ihrer Mutter schuldete. Sie beschreibt detailliert, sachlich und stockend, was sie tat und es klingt wie eine Befreiung aus einem Albtraum. Wie viel Leidenschaft ein knusprig frisches Brot oder Pflaumenkuchen wecken kann, erzählt lustvoll Gina Calinoiu, die in Rumänien aufwuchs.
Ein Paar setzt sich Glaskugel-Helme auf, die sie vor allen Gefahren schützen sollen und klirrend aneinander stoßen, während sie sich dramatisch komisch umarmen und küssen. Torsten Ranft erzählt anrührend und leise ironisch über das Vergehen von Zeit, das Unbegreifliche des Todes und die Bestattung seines Vaters, seinen fast kindlichen Gesichtsausdruck und wie dann plötzlich ein kleiner Junge auf der Bahre saß, der ihm ins Gesicht prustete und ihn tröstete. Berührend auch wie er einen Mann darstellt, der den Tod seines Kindes nicht verkraftet und in einer Scheinwelt weiter lebt. Die anderen rütteln ihn, wollen ihn fast gewaltsam ins Leben zurückreißen. Schmerz, Trauer, Konflikte, Ungelöstes klopfen solange an die Tür in uns, bis sie nicht mehr aufzuhalten sind. Die Albträume entladen sich explosiv mit lautem Knall auf der Bühne. Zum Schluss schwirren dunkle, schattenhafte Gestalten im Licht in einem kraftvollen Tanz der Traumgeister umher. Aus dem weißen Rauch ruft eine Frauenstimme. Henriette Hölzel steht in weißem Kleid mit Fächerkragen wie eine moderne Kassandra und beschwört die Welt der Träume und Erinnerungen, die tot oder lebendig bleiben mit den Menschen, die sie weitertragen. Viel Beifall für einen außergewöhnlichen, vieldeutigen Theaterabend gab es zur Premiere.
Text (lv)
Nächste Aufführung: 19.6, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.

Suche nach Halt in abgründigen Traumgefilden.