
„Ich lasse die Natur auch mitreden.“ Die Verbindung von Kunst & Landschaft spiegelt sich facettenreich in der diesjährigen Plenair-Ausstellung auf dem Künstlerhof von Franziska Kunath in Röhrsdorf bei Meißen.
Über die Leinwände wandert der Blick weiter in die Natur
Der Künstlerhof von Franziska Kunath in Röhrsdorf bei Meißen wird dieses Jahr zum zwölften Mal zum Plenair- und Ausstellungsort. 21 Künstlerinnen und Künstler zeigen derzeit dort ihre in der Landschaft entstandenen Arbeiten.
Eine Frau mit Zeichenblock und Stift sitzt auf der Wiese, auf einem morschen Stamm vor einem Baum. Sie sieht ihn an, seine letzten Äste, die wie Arme emporragen. Er trägt noch ein paar blühende weiße Zweige. Es wirkt wie ein Gespräch mit ihm, das die Künstlerin Elisabeth Richter führt. Es ist das Titelbild zum Plenair. „Ich brauche diese Unmittelbarkeit zur Natur wie eine Zwiesprache, das spiegelt sich auf dem Hof auch wider“, sagt Franziska Kunath. „Ich lasse die Natur auch mitreden. Es wächst mit meinem Zutun und von selber. Ich lasse mich immer wieder überraschen, was die Natur hervorbringt.“
Die Verbindung zwischen Natur und Kunst steht im Mittelpunkt auf dem Künstlerhof Kunath, der dieses Jahr zum zwölften Mal zum Plenair- und Ausstellungsort wird auf der Pinkowitzer Straße 10 in Klipphausen, OT Röhrsdorf bei Meißen. 21 Künstlerinnen und Künstler aus Sachsen und eine Künstlerin aus dem Harz trafen sich im Frühjahr zur künstlerischen Arbeit in der Landschaft mehrere Tage lang. Gastgeberin ist die Künstlerin Franziska Kunath. Die entstandenen Arbeiten sind derzeit in einer Ausstellung in der Atelierscheune zu sehen. Am 24. Mai, von 12 bis 19 Uhr gibt es Führungen mit Künstlerinnen und Künstlern. Am 31.5., 15 bis 17 Uhr einen Impulsvortrag von Professor Oliver Kossak, Rektor der Dresdner Kunthochschule und anschließend ein Künstlergespräch.
Zur Finissage am 7.Juni, um 20 Uhr findet ein Solokonzert mit Matthias Macht am Schlagzeug statt.
Seit 2015 veranstaltet Franziska Kunath Künstlerplenairs mit Begleitveranstaltungen auf dem ehemaligen Bauernhof, den sie 2008 entdeckte, der lange Zeit leer und verfallen stand und den sie günstig erwerben konnte von der ortansässigen Agrargesellschaft. Finanziell geholfen hat ihr dabei ihre Mutter, die ein Grundstück besaß und es verkaufte. „Es sah schlimmer aus als es war, die Bausubstanz auf dem Hof“, erzählt Franziska Kunath. „Es war genau der richtige Zeitpunkt, um die Gebäude noch zu retten.“
Peu a peu begann sie mit dem Ausbau. „Ich kann auch mit Härten leben, wie kalte Winter. Zuerst war nur eine Bautür auf der Vorderseite des Wohngebäudes, es zog und zog. Da gerade eine neue Ziegelwand in das alte Fachwerkhaus eingebaut wurde.“ Beim Ausbauen habe sie das alte Gemäuer liebgewonnen, so Franziska Kunath, und dass die Zeit darüber gegangen ist. Und sie hat das Gefühl, dass es ein Ort ist, wo gut gelebt wurde. Ihr Sohn mit Familie lebte eine Zeitlang mit auf dem Hof. „Danach habe ich mir eine Künstlerfamilie herbeigeholt. Das hat gut funktioniert, der Austausch vor Ort und die Naturnähe. Man kommt aus der Haustür und kann sofort anfangen. Ein idealer Ort, um schöpferisch und kreativ zu sein“, sagt die Künstlerin glücklich. Sie hat auch schon an anderen Plenairs teilgenommen. Anfangs waren es ca. fünf bis acht Teilnehmer bei den Plenairs auf ihrem Künstlerhof. Inzwischen seien es so viele Interessierte, dass sie nicht alle berücksichtigen könne. Erst kamen nur Maler, jetzt auch Fotografen und Bildhauer. „Ich schaue wie es passt und versuche verschiedene Künste und Generationen zusammenzubringen“, so Franziska Kunath. Die Plenair-Teilnehmer sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Sie sind nicht alle auf einmal da. Manche Künstler übernachten auf dem Hof, andere kommen wieder. Wie es ihre Zeit und andere Arbeiten erlauben und je nachdem, wie intensiv sie sich auf den Ort einlassen wollen, sagt sie. Sie freue sich, wenn dabei schöne Begegnungen entstehen, man sich gegenseitig anregen und konzentriert arbeiten kann.
„Die Arbeiten sehen wir oft erst zur Plenair-Ausstellung“, sagt Franziska Kunath. Sie sitzt auf der Wiese im Garten hinter der Kunstscheune. Ein großes, farbiges Ölbild von ihr hängt auf eine Wäscheleine gespannt, gestützt von zwei Stöcken. Über die bemalte Leinwand hinaus wandert der Blick weiter in den urwüchsigen Garten, mit Bäumen, blühenden Sträuchern und Blumen auf der Wiese und weiter hinten zu Wald und Feldern. Hier ist ihr Hauptplatz derzeit zum Malen, erzählt sie. Sie arbeitet fast nur draußen an ihren Bildern. „Es ist wie eine Befragung. Licht, Stimmung, Farbigkeit und ein gewisser Rhythmus spielen hinein. Ebenso der ganze Zyklus von Werden, Wachsen und Vergehen“, sagt Franziska Kunath über ihr Herangehen. All das holt sie in ihre Bilder, Blühendes, Grünendes ebenso wie Vergängliches, Sterbendes. Auch die toten Bäume sind es ihr wert, gezeichnet zu werden und seien auch ästhetisch. „Sie sind interessant und man sieht viel mehr, wie so ein Baum gewachsen ist“, sagt sie. Deshalb veranstaltet Franziska Kunath das Plenair auch im zeitigen Frühjahr. „Eine Zeit, in der diese Übergänge, alle Phasen und Zustände gegenwärtig sind in der Natur.“ Der Künstlerhof ist Refugium und Schaffensort zugleich für sie.
“Ich hatte schon immer diese Sehnsucht, möglichst nah an der Natur zu sein“, sagt Franziska Kunath. Sie ist eigentlich eine Städterin. 1964 wurde sie in Dresden geboren, nach einer Lehre und Arbeit als Maschinenbauzeichnerin absolvierte sie ein Abendstudium an der Dresdner Kunsthochschule und hat hier Malerei und Grafik von 1992 bis `97 bei den Professoren Ralf Kerbach und Max Uhlig studiert mit Diplomabschluss. Bei ihm war sie außerdem Meisterschülerin von 1997 bis ´99. Seit 1999 arbeitet Franziska Kunath als freischaffende Künstlerin, seit 2008 auf dem eigenen Hof in Röhrsdorf im Landschaftskulturraum der „Lommatzscher Pflege“. Die Gegend kannte sie schon. Scharfenberg und Schloss Batzdorf sind in der Nähe, wo die Künstlerin Bettina Zimmermann auch Plenairs veranstaltet, zusammen mit Musik und Theateraufführungen. Franziska Kunath hat ihren Künstlerhof mit viel Zeit, Mühe und der Hilfe von Freunden aufgebaut und die Gebäude nuzbar hergerichtet. Es bleibt noch viel zu tun. „Ich habe großes Glück mit dem vielen Platz, das ist mein Luxus. Auf Komfort kann ich verzichten. Dafür mitten in der Natur leben“, so die Künstlerin. Malmotive finden sich überall auf dem urigen Hof. Überall stehen Stühle und kleine Tische. In der Mitte steht ein großer Weidenbaum mit weitem Blätterdach, davor eine bunte Hängematte zum Ausruhen und Träumen. Ringsum sprießen Sträucher, Flieder, Blumen auf der Wiese und in Planztöpfen vor dem Haus. Eine orange-schwarz-weiß gefleckte Glückskatze namens „Mimi“ spaziert über den Hof, betrachtet Besucher neugierig, zutraulich und lässt sich gern streicheln.
Wir gehen ein Stück in den Garten hinter der Kunstscheune, vorbei an der Hollywoodschaukel mit meerblauer, muschelverzierter Decke, an einem Teich umrahmt von welkem und grün hervor lugendem Schilf, aus dem es plätschert und wo eine Kröte und ein Frosch wohnen, die bald Junge bekommen. Dahinter stehen weitere hohe Weidenbäume und weiter unten Obstbäume. Der Kirchturm von Röhrsdorf ragt hervor hinter den Zweigen. Ein umgestürzter Baum liegt im Gras. Schwarz ragt der geborstene Stamm, die Äste und Zweige hängen über dem Boden. Letztes Jahr habe der Apfelbaum noch geblüht, sagt Franziska Kunath. Der Baum bleibt noch liegen. Er wirkt wie eine Skulptur. Es geht ihr auch um die Wandlungen. „Die Frage mit dem Eingreifen und wie man Maß hält. Man kann die Ordnung der Natur lassen“, sagt Franziska Kunath. „Ich lasse mich gezielt inspirieren davon und bereichern. Viele Besucher schätzen das und kommen extra deswegen her. Da sie es auch vermissen, ein Stück gesunde Natur. Da vieles überpflegt ist in den Städten.“ Sie greife erst ein, wenn es unwegsam wird. Die Künstlerin hat ein paar Schafe und gelernt, die Wiese zu sensen. Krachgeräte wie Rasenmäher gebe es auch hier auf dem Lande.
Ihre oft großformatigen Bilder, Naturansichten mit lebhaft, konkret und abstrahiertem, zeichenreich leuchtenden Farben- und Formenspiel, hängen und lehnen an den Wänden auf dem geräumigen Dachboden mit Holzverkleidung und neu eingebauten Fenstern der Kunstscheune. Auf dem Fensterbrett steht ein ausgestopfter Vogel, ein Reiher. Der wohl mal Modell stand und den sie von ihrer Mutter, die Biologielehrerin war, bekam. Davor lehnt ein großes Bild von Maja Nagel, auf dem Figuren fröhlich unerschrocken auf einem Drahtseil balancieren, einer mit großer Leinwand und Pinseln unter dem Arm, ein anderer holt weit aus, wie um die vorbeifliegenden Gebilde aus der Natur einzufangen und eine Figur verschnauft kurz auf dem Seil. Gegenüber steht eine Installation aus leeren Käfigen aus Holz und Metall, kleine und größere, um- und übereinander aufgetürmt. Angeregt vom Märchen „Jorinde und Joringel“ ebenso wie den grafischen Formen, Schichtungen und Überlagerungen der Gitter und Durchblicke ist dieses Objekt von Künstlerin Else Gold aus Meißen.
Sie hat außerdem einige Bündel mit filigranen, blätterlosen Stöcken von der Weide in rote Bänder gebunden, die wie ein Windspiel frei schwebend, übereinander hängen an einem Holzbalken. Ein Stück weiter lädt eine gemütliche Sitzecke mit Sofa, Polstern und Stehlampe nahe am Fenster zum Verweilen in der Plenair-Ausstellung ein. Franziska Kunath wird farbige Tuschezeichnungen und das Ölbild aus dem Garten zeigen.“Es ist eine Gemeinschaft auf Zeit“, so die Künstlerin. Vor und nach dem künstlerischen Arbeiten treffen sich die Teilnehmer vom Plenair, sie kochen zusammen die Mahlzeiten und reden über das, was gerade ansteht. „Künstler wollen immer Gestaltungsraum haben. Den gibt es hier reichlich“, sagt Franziska Kunath. Das Plenair wird gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Außerdem unterstützt der Kulturraum Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge zum zweiten Mal das Plenair. „Die Bildenden Künstler bekommen für dieses Projekt ein Teilnahmehonorar“, das ist Franziska Kunath besonders wichtig. Es sei ja nichts Kommerzielles, daher ist das Plenair außerdem auf finanzielle Zuwendung und Spenden der Besucher als „Hutkasse“ zur Kostendeckung angewiesen. In Kooperation mit dem Verein „Land gestalten“, der sich als Vernetzungsprojekt versteht, kann Franziska Kunath für Unterstützer des Plenairs auch Spendenquittungen ausstellen. Damit auch Kunst auf dem Land sich entwickeln, wachsen und blühen kann und noch mehr Menschen anzieht.
„Es kommen schon auch Bewohner aus der Umgebung, zuerst neugierig, inzwischen regelmäßig zu den Ausstellungen auf dem Künstlerhof. Doch es gibt auch Berührungsängste, weil sie es nicht gewohnt sind und weil sie einen anderen Umgang mit der Natur haben“, erlebt Franziska Kunath. Daher sei es wichtig, präsent zu bleiben. Im Frühjahr und Winter veranstaltet sie Ausstellungen, Führungen mit den Künstlern, Lesungen und Livemusik. Auch Arbeiten von Max Uhlig, ihrem damaligen Kunstprofessor, sind bei den Winterausstellungen immer mit zu sehen. Der Naturbezug verbindet sie. „Es ist eine große Freude und beglückend, auch wenn es manchmal beschwerlich ist, mit der Natur zu leben und wie eine Partnerschaft einzugehen, verbunden mit künstlerischem Arbeiten“, sagt Franziska Kunath. Die Plenair-Ausstellung ist bis 7. Juni auf dem Künstlerhof Kunath zu sehen und geöffnet zu den Veranstaltungen.
Text + Fotos (lv)
Weitere Infos unter http://www.franziska-kunath.de