Listreiches und witzig-freches Spiel um Liebe & Macht & Besitz: Graf und Gräfin sind sich uneins über die Hochzeit ihrer Angestellten Figaro und Susanne. Das führt zu reichlich komischen Verkleidungen und Verwicklungen im diesjährigen Sommertheater Open Air des Staatsschauspiel Dresden „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ von Peter Turrini frei nach Beaumarchais. Fotos (2): Sebastian Hoppe

“Ein Himmelreich für eine gute Intrige!“

Mit viel Witz, Biss, provokant und streitlustig erlebte das diesjährige Sommertheater Open air des Staatsschauspiel Dresden seine Premiere im innenhof des Japanischen Palais.

Figaro kann es kaum erwarten, seine Liebste Susanne zu heiraten und gemeinsam im Liebeshimmel zu schweben. Mit einem Bandmaß in der Hand vermisst er gerade den besten Standort für das Brautbett. Das Bett hat ihnen ihr Dienstherr, Graf Almaviva geschenkt. Das eigene Zimmer ist der Lohn für seine Treue – dachte Figaro. Doch für den Graf ist es nur der „kürzeste Dienst- umd Schleichweg“, um zu Susanne zu gelangen, denn er hat ebenfalls ein Auge auf sie geworfen und will Figaro vor der Eheschließung noch schnell zuvorkommen. Figaro, der den Graf gerade noch als „besten Chef“ lobte, beschimpft ihn im nächsten Moment als „Schurken“, den er am liebsten wegen „ungenierlicher Nachstellerei verklagen“ würde! Doch bekäme er Recht, wenn er als Untergebener seinen Chef vor Gericht bringen würde?!

So nimmt Figaro die Sache selbst in die Hand. „Ein Himmelreich für eine gute Intrige!“, lautet seine Devise. Und er schwört, es dem Graf mit feuriger Bosheit und Leidenschaft heimzuzahlen und die Mitgift mit der Heirat für sich zu erlangen. „Das nenn ich Gerechtigkeit!“ Da geht es reichlich absurd-komisch drunter und drüber, wird lustvoll und erbittert um Werte und Tugenden gestritten, gefeilscht und gekämpft in der Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ von Peter Turrini frei nach Beaumarchais. Die Premiere war am 30. Mai vor vollen Rängen bei sommerlichem Wetter. Bereits zum vierten Mal kommt das Sommertheater Open Air mit dem Staatsschauspiel Dresden in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen in diesem Jahr auf die Bühne im Innenhof des Japanischen Palais. Mit viel Witz, Biss, frech, provokant und streitlustig geht es in verbalem Schlagabtausch und schnellem Kostüm- und Rollenwechsel um Liebe, List, Machtmissbrauch und Maskerade in dieser Inszenierung unter Regie von Lily Sykes. Es ist ein Spiel mit Schein und Sein, Betrug und Betrogenwerden, Täuschung und Selbsttäuschung in einer Welt, in der alles käuflich ist. Beaumarchais`aufrührerische, 1784 uraufgeführte Komödie wurde von dem belustigten Napoleon mit den Worten kommentiert: „Da war die Revolution schon am Werk!“ Sie diente als Vorlage für Mozarts Erfolgsoper „Figaros Hochzeit“ und für Turrinis grotesken wie scharfen Wortwitz. Er wollte mit seinen Stücken über das Schreckliche in der Welt versuchen, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, um den Schrecken zu bannen. Wer lacht, hat weniger Angst und wird vielleicht etwas mutiger.

Die Aufführung spart auch nicht mit aktuellen Bezügen zu brisanten gesellschaftlichen Themen wie Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten, sexualisierte Gewalt bis zu Geschlechterrollen-Tausch und politischer Identitätsdebatte. Eine „Arena des Fleisches“, heißt es im Programmheft über das Bühnenbild. Die rosarot angestrahlten Wände haben viele Türen, die auf- und zuschlagen, aus denen Verborgenes, Verstecktes oft anders als erwartet zum Vorschein kommt. Ein Kleiderbügel hängt da. Die Darsteller laufen Schrägen hoch und runter, die Ausrutschgefahr ist groß. In der Mitte führt eine Treppe in den Bühnenraum, wo eine Liveband grandios für mal barocke, rockige bis punkige und soft schmusige Klänge sorgt und Liebende wie Bösewichte in Gesangseinlagen Herz und Gefühle zeigen und einen Moment hinter die Fassade blicken lassen. Mit abwechselnd tiefer und hoher Stimme singt Figaro – den zur Premiere Josephine Tancke spielte und mit extra Beifall bedacht wurde, da sie kurzfristig für ihre erkrankte Kollegin Friederike Ott einsprang – im Duo mit seiner Liebsten Susanne. Burschikos, verwegen, ungestüm und gewitzt listig tritt Josephine Tancke in der Männerrolle als Figaro auf und fühlt sich sichtlich wohl darin. Mit weißblonder Bubikopfperücke, Jacke und Kniebundhosen. Zugleich etwas verwirrend, da er von Susanne als ihre zukünftige „Frau“ angeredet wird. Als wäre Figaro nur in Männerkleider geschlüpft.

Susanne spielt Kriemhild Hamann mal als naives Blondchen, die an Marilyn Monroe erinnert und mal zornig, wenn sie sich aufregt über die „geilen alten Säcke. Mit ihrer Gerüchteküche können sie den ganzen Hof bekochen!“ Damit meint sie wohl zwei äußerlich gutsituierte, vornehme Herren in orangenen Anzügen mit Schulterklappen und weißen Hemden. Die Haare hochstehend beide, frisiert wie eitle Gockel. Marcellus (Holger Hübner) gibt mit aufgesetzten Hörnern einen reichen, alten Hagestolz und verschmähten Liebhaber mit roter Rose in der Hand, der Figaro heiraten will. Der andere, Bartholo (Nahuel Häfliger) parodiert mit schwarzer Haarmähne, Bart und Schmachtblick den unwiderstehlichen Latinlover und schwelgt in einem romantischen Herzschmerz-Song auf spanisch zur Gitarre.

Den Graf Almaviva spielt Oliver Simon glänzend als machtbesessenen Wüstling, heuchlerisch, gerissen, aber auch unsicher und verzweifelt nach Liebe sich sehnend. Er versucht die Hochzeit von Figaro und Susanne mit allen Mitteln zu verhindern. Der Graf herrscht und bestimmt über seine Bediensteten. Sie sind ihm ausgeliefert, seiner Willkür, Launen und Begierden. Sie tragen fleischfarbene Kostüme. Die reichen Damen und Herren am Hof bunt schillernde Kostüme und hoch aufgetürmte Perücken. Doch glücklich sind sie nicht. Der Graf wird begleitet von seiner Gehilfin Bazilla, die er für das Intrigen einfädeln bezahlt. Sie hängt an ihm, folgt ihm auf Schritt und Tritt. Fanny Staffa tritt als Bazilla mal kühl-berechnend als Karrierefrau im Anzug, mal souverän, selbstbewusst auf und mal unterwürfig, an ihn sich klammernd. Beide toben und jammern, wenn etwas schief geht, ergehen sich in Selbstmitleid. Anrührend und absurd zugleich, wenn Bazilla halb gebückt dasteht, der Graf den Arm um sie legt und ihren Kopf wie in der Schlinge hält. Bazilla hält ihn auf Trab. Und er wird auch reichlich an der Nase herumgeführt von Figaro und Susanne, welche die einsame Gräfin (Katja Gaudard) in ihren Plan einweihen, den Grafen in die Falle zu locken, nachts im Park zu einem vermeintlichen Rendez-vous mit Susanne. Schön sarkastisch, trocken humorvoll kommentiert die elegante ältere Dame mit rauchiger Stimme Liebe und (Un)treue, während sie im Bad voller grünlicher Bälle im Badeanzug sitzt, Susanne sie wäscht, abtrocknet und ihr die Perücke wieder aufsetzt. Die wie eine Krone und Ballast zugleich wirkt.

In dem Moment voll Traurigkeit und leiser Komik fliegt erst eine Krähe, dann zwei und ein ganzer Schwarm Rabenvögel laut krächzend am Himmel über die Bühne hinweg. Die Gräfin stimmt entzückt mit ein in die Krah-Rufe. Sie verroste bei lebendigem Leibe, seufzt sie. Und sie weiß, dass der Graf Susanne nachstellt. Durch die Verkleidung der Figuren sind die Standesgrenzen aufgehoben und können sie tun, was ihnen gefällt. „Besser eine falsche Frau als ein echter Held!“, sagt der Diener Cherubin, den Jonas Holupirek skurril-komisch und wandlungsfreudig in mehreren Rollen spielt. Er lässt sich von Susanne und der Gräfin willig Frauenkleider anziehen, nachdem der Graf ihn entlassen hat als angeblichen Nebenbuhler und ihn strafversetzte ins Regiment an die Front. Die Frauenkleider stehen ihm prächtig, staunt die Gräfin. Er schaut an sich herab, auf den mageren Busen. Es hat etwas Aberwitziges und Tieftrauriges, wie die Gräfin, klein und zierlich, aufschaut zu dem langen, schlaksigen Kerl, ihn mit Lippenstift und Puderpinsel schminkt und in eine Frau verwandelt. Nur um ihren Mann, den Graf zu locken und zurück zu bekommen.

Das berührt ein pikantes Thema in der Gesellschaft derzeit, wenn es um Geschlechterfragen geht, was Männlichkeit und Weiblichkeit heute ausmacht. Bei denen es nicht nur um Äußerlichkeiten geht, sondern die in ihrer natürlichen Eigenständigkeit und Anziehung gerade in den Unterschieden, durch die Gender- und Geschlechterpolitik immer mehr in Frage gestellt werden und wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend verfließen. Das gipfelt in heiß umstrittenen Podiumsdiskussionen mit dem Titel: Was ist eigentlich eine Frau?! Aufhorchen lässt neben der Identitätspolitik über Geschlechter außerdem ein neuer Feminismus, der Frauen selbst klassifiziert nach Hautfarbe, sozialer Rolle und Status, damit eher spaltet und bekämpft statt sich wirklich für Frauenrechte und echte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern auf allen Ebenen einzusetzen.

Die Frauen erobern sich in dieser Aufführung ihre Macht und Würde zurück mit den ihnen eigenen Reizen, umgarnen schüchtern und keck die Herren und reden Klartext mit dem Graf und den Richtern in ihren erhabenen Roben, die Recht sprechen als Geschäft ansehen. Gerechtigkeit habe ihren Preis!
Doch am Ende bezahlt der Graf dafür mit seinem Leben. Und die Hochzeit wird zum Begräbnis. Rings um das Badebecken brennen Kerzen. Bazilla schreit „Revolution“, knallt mit einer Gerte auf den Boden und stürmt hinaus. Der Diener Cherubin schwenkt eine schwarze Fahne oben auf der Empore. Die Liebenden Figaro und Susanne gehen Hand in Hand fort. Die Gräfin sagt zu ihrem Mann: „Du bist ein toter Witz!“ Sie bleibt allein zurück. Sie überlegt das Schloss zu verlassen, sich zurückzuziehen, Gemüse anzubauen. Sie hebt eine Hand hoch und fällt zurück in Schweigen. Es ist ungewohnt für die Gräfin, diese Rolle, allein für sich einzustehen.
Ein anspruchsvolles und tragikomisches Vergnügen ist diese Sommertheater-Inszenierung. Dafür gab es reichlich Beifall vom Premierenpublikum.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: ab 6.6. bis 5.7. & 14.8.bis 29.8.2026, 20 Uhr, Innenhof Japanisches Palais in Dresden

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Pikantes Thema: Kleider- und Geschlechterrollen-Tausch. Der Diener als Lockvogel für den Grafen, der ein Auge auf Figaros Liebste Susanne geworfen hat, Die einsame Gräfin macht mit bei der Maskerade.