Die Frau an der Haltestelle

Rings um die Haltestelle herrschte reges Gewimmel. Menschen stiegen ein, aus und um in die Straßenbahnen und Busse. Auf einer Bank saß eine Frau mit unbewegter Miene. Sie war um die Mitte 50, trug halblanges braunes Haar, einen schwarz-weiß gepunkteten Anorak, der offen stand und eine Bluse, die so weit geöffnet war, dass man tief in ihr Dekolleté sehen konnte. Der Anblick wirkte zugleich aufreizend und nachlässig. Es war ein sonniger Frühlingstag im Mai, aber die Luft noch kühl, so dass ihr nicht zu warm sein konnte.

Sie hielt den Blick gesenkt, ganz konzentriert auf die Pappbox in ihrer Hand aus einem Asiaimbiss. Es sah aus wie Glasnudeln mit Hühnerfleisch, die sie aß. Sie sah niemanden an und schien Zeit zu haben. Der Trubel schien sie nicht zu stören. Es war ihr angenehmer, dachte die Frau bei sich, mitten im Großstadtlärm, als den ganzen Tag allein zu Hause zu sitzen. Ihre erwachsene Tochter meldete sich kaum. Die vielen Bücher auf Schränken und Regalen waren ihr wie langjährige, gute Vertraute, zu denen sie jederzeit gehen, in ihnen lesen, still mit ihnen reden und ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte, die sie nie verließen, immer da waren. Doch in letzter Zeit waren die Bücher fast nur noch Kulisse, lieblose Dekoration, die sie kaum anrührte. Wie sollte sie es jemals schaffen, all diese Bücher zu lesen oder genügte es ihr, sie um sich zu wissen, weil sie sich dann weniger allein fühlte.

Sie saß schon eine Weile auf der Bank, als sie plötzlich eine Stimme hörte:
“Sie sind genau die Frau, von der ich immer geträumt habe!“ „Was?!“, wunderte sie sich. „Sie sind mir ja Einer!“, sagte sie zu dem Mann, der vor ihr stand. “Bin ich der Eine, auf den Sie warten?!“, fragte er sie erfreut. „Nein! Einer von vielen. Träumen Sie weiter“, erwiderte die Frau an der Haltestelle.

“Einer von vielen“, wiederholte er. „Einer von vielen, die hier vorbeigehen, als ob ich gar nicht vorhanden wäre“, antwortete sie. „Doch ich bin ja stehengeblieben“, sagte der Mann. „Warum?“, fragte die Frau. „Weil Sie mir aufgefallen sind“, antwortete er. „Sie sitzen so ruhig und versonnen mitten im Trubel, als würde der Ihnen gar nichts ausmachen.“ Sie zuckte innerlich zusammen. Das Wort „auffallen“ klang für sie nicht wie ein Kompliment. Es hatte einen unschönen Beigeschmack, auch wenn das Wort „gefallen“ mit drinsteckte. Auffallen klang für sie verrucht. Aufsehen, Anstoß erregen.
Sie sah ihn einen Moment an. Die Augen leicht zusammen gekniffen, als wenn die Sonne sie blende. Was war er für ein Typ?

Gehörte er zur Sorte Getrennt, Geschieden, Verwitwet oder Verkorkst? Mehr Auswahl blieb nicht mehr in ihrer Altersgruppe. Sie war hin und her gerissen. Wer trinkt schon gern aus einer benutzten Tasse!, fiel ihr ein Satz wieder ein, den sie als Kind einmal von einer der Frauen in ihrer Familie gehört hatte. Es ging dabei eigentlich um das Vorleben, die Vorgeschichte eines Menschen. Dass man beim Kennenlernen nicht unbedingt gleich wissen möchte, wie oft der oder diejenige schon vergeben waren, liebten oder geliebt wurden. Das würden sie mit der Zeit schon selbst mitbekommen, erfahren. Die Gebrauchsspuren des anderen bemerken, sie mögen lernen oder gehen. Eine benutzte Tasse kann man abwaschen, dann ist sie wie neu, dachte sie. Bei einem Menschen geht das nicht.

“Kommen Sie mich einmal besuchen?“, riss der Mann sie aus ihren Gedanken.
Sie sah ihn schweigend an. Träumte sie oder stellte ihr wirklich jemand diese Frage. Sie zögerte. Gleich würde sie aufwachen. “Träumen Sie gerade?“, fragte der Mann die Frau an der Haltestelle. „Lassen Sie sich ruhig Zeit.“ „Wo wollen Sie denn hin? Und wo finde ich Sie?“, fragte sie ihn. „Ich wollte einfach ein wenig an die frische Luft, unter Menschen sein“, antwortete er. Er wohnte in einem Haus außerhalb der Großstadt, erzählte er ihr. Ein verfallenes kleines Schloss. Mit einem wild sprießenden Garten ringsherum. Sie werde es schon sehen. “Sind Sie oft an der Haltestelle?“, fragte er sie. „Es scheint, als ob Sie gern hier sitzen.“ Wenigstens merkt es mal einer, dachte sie still bei sich.

Es klingelte an der Tür. Die Frau von der Haltestelle stand vor dem hell gestrichenen, verfallenen Schloss, umgeben von einem wild verwunschenen Garten. Die ersten Knospen in den Bäumen sprangen auf. Der Mann öffnete und führte die Frau in einen Raum voller Bilder an den Wänden, einige lehnten davor. Figürliche Szenen und Porträts. Intensiv farbig und expressiv im Pinselstrich, oft nur schemenhaft angedeutete Gesichter, Gesten und Körperumrisse. „Sind die Bilder von Ihnen?“ „Ja.“ „Darf ich Sie malen?“, fragte er sie, „Sie sind doch geübt im Stillsitzen.“
“Na, Sie sind mir ja Einer!“, sagte sie verblüfft. „Was soll das denn werden?“
“Keine Ahnung. Wir werden sehen“, sagte er lächelnd. „Setzen Sie sich einfach so wie auf der Bank an der Haltestelle. Ihre Jacke und Bluse kann ruhig auch so bleiben.“ Sie sah an sich herunter. Erst jetzt bemerkte sie den weiten Ausschnitt. Verlegen strich sie mit einer Hand darüber. „Lassen Sie es ruhig. Das sieht reizend aus“, sagte er. „Was wollen Sie mit meinen Reizen!“, fragte sie energisch. „Ich finde es schön, wie selbstverständlich Sie damit umgehen. Es wirkt ganz natürlich und anziehend“, erwiderte er.

Das war ihr noch gar nicht aufgefallen. Wie sie sich anzog. Was sie mit ihrem Körper anstellte und wie sie auf andere wirkte. Wenn sie sich ihren Blicken aussetzte. Sie fühlte sich dann wie durchleuchtet bis ins Innerste und mied diese Blicke. Meist sah sie nach unten oder vor sich hin. Wenn sie jemand ansah, sah sie weg oder tat als bemerke sie es nicht. Es war wie eine Schutzhülle, die sie im Laufe ihres Lebens um ihren Körper gelegt hatte. Wenn ihr danach war, Wärme sie durchflutete, öffnete sie die Hülle ein wenig, fühlte den kühlen Luftzug. Wie ein inneres Aufatmen, Aufleuchten.
“Na gut, dann malen Sie mal los meine Reize“, sagte die Frau und setzte sich auf einen Stuhl vor der Leinwand.

Sie musste wohl einen Farbklecks ins Gesicht abbekommen haben, denn als die Frau wieder draußen vor dem verfallenen Gemäuer stand, lief ihr vergnügt ein Kind entgegen. „Du hast Farbe im Gesicht!“, rief es fröhlich. „Oh“, sagte die Frau. „Da bin ich wohl zu nahe an die Leinwand gekommen.“ „Ist es ein Bild von Dir?“, fragte das Kind. „Ja, ein Bild von mir. Doch ein anderer hat es gemalt“, erwiderte die Frau. „Kann ich mich auch malen lassen?“, fragte das Kind. „Kann passieren“, antwortete die Frau. „Wir können auch zusammen ein Bild malen.“ Sie gingen gemeinsam den Weg bis zur Haltestelle. „Wie heißt Du denn?“ Als das Kind seinen Namen sagte, stutzte die Frau. Sie wollte wissen, wo es wohne und wie es seiner Mutter gehe. „Mama ist viel auf Arbeit, Papa verreist. Ich bin viel allein und lese viel, da vergeht die Zeit schneller“, sagte das Kind. Mich hat sie schon fast vergessen, dachte die Frau, ich wusste gar nicht, dass sie ein Kind hat.

Die Tage vergingen. Sie saß fast täglich an der Haltestelle. Einmal sprach sie ein Mann an. Ob er sich neben sie setzen dürfe. Oder ob sie auf jemanden warte? „Nein“, erwiderte die Frau. „Der Platz ist wieder frei.“ Sie stand auf von der Bank. Sie hatte schon viel zu lange gesessen. Sie ging bedächtig, als lausche sie jedem Schritt nach. Mit leicht wiegendem Gang und tiefem Dekolleté. Der Mann sah ihr lange nach. Ihr Gesicht kam ihm bekannt vor. Sie erinnerte ihn an ein Bild, das er vor kurzem in einer Ausstellung gesehen hatte und das ihm aufgefallen war mit seiner lebhaften Farbigkeit und zugleich der spannungsvoll vibrierenden Ruhe, Sanftheit, Stärke und Sinnlichkeit, welche die Frau auf dem Bild verkörperte und wovon eine große Anziehungskraft ausging. Er wollte ihr nachlaufen und seine Eindrücke von dem Bild erzählen. Doch sie war schon im Gewimmel der Ein- und Aussteigenden an der Haltestelle verschwunden an diesem Frühlingstag.

Lilli Vostry
Geschrieben am 30.12.2022