Verführen und Vermessen von menschlicher Leidenschaft, Macht und Ohnmacht: als Landvermesser K. (Moritz Kienemann) und seine Geliebte, Frieda (Kaya Loewe), dazwischen der mit dem Amtsschimmel erprobte, zwielichtige Wirt und Gemeindevorsteher (Holger Hübner). Foto: Sebastian Hoppe

Grotesker Kampf gegen Despoten in Luftschlössern

Reichlich komisch-absurd, bilderstark, intensiv und eindringlich mischen sich Traum- und reale Welt in der Inszenierung von Franz Kafkas „Das Schloss“ im Schauspielhaus Dresden.

Über der dunklen Bühne schwebt ein weiß gleißendes Gebilde wie ein riesiges Loch oder Heiligenschein. Aus der Tiefe dringt unsichtbar, lautes Seufzen, Ächzen und Knarren als drehe und winde sich dort die uralte Erdmutter. Der Vollmond steht am Sternenhimmel, davor erhebt sich ein hoher, verschachtelter Bau wie eine Trutzburg aus grauen Kästen, schwarzen Fensterhöhlen und käfigartigen Gerüsten. Mit der Drehbühne drehen sich die grau gekleideten Figuren, Männer mit Fellmützen, Frauen mit Kopftüchern mitsamt ihren monotonen Verrichtungen im Kreis. Daraus sticht in leuchtend gelbem Overall ein nächtlicher Wanderer heraus, ein junger Mann namens K., der sich zum gewünschten Landvermesser erklärt, nachdem er nach längerer Reise ein Dorf erreicht hat. Er braucht eine Erlaubnis zum Übernachten von den Schlossherren und will so schnell wie möglich seiner Arbeit nachgehen. Doch es ist schon Mitternacht, und nicht nur um diese Zeit keiner da oder zu sprechen im Schloss für die Dorfbewohner. Warum haben Sie mich dann geweckt?!, wundert sich K.

So absurd, traumwandlerisch, eben kafkaesk ist das ganze Stück „Das Schloss“ von Franz Kafka. Nach seinem 1922 entstandenen, unvollendeten Roman, der 1926 postum von Max Brod veröffentlicht wurde, kam die Inszenierung unter Regie von Maxim Didenko am vergangenen Sonnabend auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden. 2022 emigrierte er aus Russland und lebt und arbeitet nun in Deutschland. Das Schloss ist seine erste Arbeit am Staatsschauspiel Dresden. Er schafft es für die Dauer von fast drei Stunden, die nicht nur düstere, sondern auch sehr skurrile, geheimnisvolle und anspielungsreiche Traumwelt Kafkas kurzweilig, einfallsreich und spannend mit viel eigenem Deutungsspielraum für die Zuschauer lebendig werden zu lassen.

Zu erleben war reichlich komisch-groteskes, bilderstarkes Theater auf mehreren Spielebenen, mit Körper-Schattenspiel und Videoprojektionen und viel Spielleidenschaft des Schauspielerensembles. Das Ganze wirkt wie ein Albtraum und eine Selbstbefragung von K. zwischen Schlafen und Wachen, surreal und real, zeitlos, intensiv und eindringlich vor gespenstiger Kulisse, gegen die er immer wieder ankämpft, gegen Unfreiheit und Despoten, gegen Willkür und das Wirrwarr unsinniger, sich selbst widersprechender Vorschriften und überbordender, lebensfremder Bürokratie, die Menschen klein halten, von selbstständigem Denken und Handeln abhalten. Ihm begegnen Stumpfsinn, blinde Ergebenheit und Gleichgültigkeit, in die K. einbricht und die Dorfbewohner aus ihrer Ruhe und Gewohnheiten reißt. Er ist ein Fremder, Eindringling und Sonderling, den sie misstrauisch anschauen, da er an seinem Vorhaben festhält, persönlich im Schloss vorzusprechen, bevor etwas Schriftliches auf dem endlosen Aktenweg verloren geht. Damit zieht er Spott, Ärger und Abwehr der Alteingesessenen auf sich, was für ein anmaßendes, vermessenes, wahnwitziges Unterfangen von Einem, der nichts ist! Man staunt, lacht, bangt und hofft mit K. als Landvermesser bis zum Schluss, dass er doch noch etwas ausrichten kann, dass es nicht nur leere Luftschlösser voll unerfüllter Wünsche und Träume bleiben.
Viel Beifall und Bravos für einen leidenschaftlichen, wild verwegenen, kafkaesken Theaterabend.

Text (lv)
Mehr Text zu den Figuren und Darstellern folgt.

Nächste Termine: 8. und 13.5., 19.30 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Vermessen der eigenen Wünsche und Ziele zwischen Traum und Realität: Olga (Gina Calinoiu), die mit ihren klugen Gedankenflügen K. (Moritz Kienemann) anzieht und anstachelt, weiterzugehen. Foto: Sebastian Hoppe