Eine Zeit voller Aufbruchsgeist, unkonventioneller und spontaner Ideen und Projekte: Der Mitgründer des „Noteingang“, Autor und Verleger Jens Kuhbandner lässt diese Zeit aufleben in seinem Buch über den schon legendären Kulturtreff in Radebeul-Altkötzschenbroda. Heute hat der „Noti“ sein Domizil im „Weißen Haus“, Kötzschenbrodaer Straße 60 in Radebeul. 

Kunstkneipe, Konzerte und Gemeinschaft

Zum 30-jährigen Jubiläum des „Café Noteingang“ erzählt ein Buch von Jens Kuhbandner  aus dem NOTschriften-Verlag spannend und kenntnisreich die Geschichte dieses besonderen Kulturortes.

Das Gelände war völlig verwildert und ein „geheimnisvolles Loch“ gab Rätsel auf. Die „Noteingängler“ haben ihr späteres, kulturelles Kleinod buchstäblich mit den Händen ausgegraben. Zum Vorschein kam der Eingang zu einem ehemaligen Rübenkeller, das historische Tonnengewölbe auf dem Grundstück des Familienzentrums in Altkötzschenbroda 20 wurde in vielen Arbeitseinsätzen der Noteingang-Gründer und Stammgäste und mit Hilfe von Fördermitteln neu aufgebaut. Doch angefangen hat alles in einem freien Raum im Lutherhaus der Friedenskirche Radebeul. Dort eröffnete das „Café Noteingang“ im Mai 1992 mit einem Kinderfest im Pfarrhof, und die Eltern konnten sich in dem neu eingerichteten Café-Raum umsehen.

„Die Kirchgemeinde wollte ein Café mit Kultur und ohne Alkohol und Nikotin, wir eine verrückte Kunstkneipe mit allem, was dazu gehört, also auch mit Alkohol und Nikotin. Am Ende stand der Kompromiss, besiegelt mit einem Vertrag“, schreibt Jens Kuhbandner über die Anfangszeit. Er wurde 1969 in Radebeul geboren, ist Mitbegründer des inzwischen schon legendären „Café Noteingang“ und war von 1995 bis 2002 Vorsitzender des gleichnamigen Vereins. „Es war d e r Kultur-Treffpunkt in Radebeul und es gab auch nichts anderes damals“, so Kuhbandner.

Über einen besonderen Treff in einer besonderen Zeit voller Auf- und Umbrüche, unkonventioneller, spontaner Ideen und Projekte erzählt lebhaft, locker, spannend und teils zum Schmunzeln das Buch mit dem Titel „Noteingang“ – Geschichte und Geschichten (1992 – 2002) von Jens Kuhbandner, in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienen zum 30-jährigen Jubiläum des „Café Noteingang“ in diesem Jahr in seinem NOTschriften-Verlag Radebeul. In dem Buch schildert der Autor und Verleger  seine Erinnerungen an diese Zeit, episodenreich und mit vielen Fotografien und Zeitungsartikeln aus seinem Archiv.

Auf dem Buchtitel prangt das Notausgang-Signet mit gespiegeltem Männel rot auf schwarzem Grund. „Es symbolisiert kein Wegrennen, sondern Eintreten entsprechend unserem Namen und Motto: ,Hast du kulturelle Not, dann komm zu uns!`“, so Kuhbandner. Die Symbiose aus „Noteingang“, Kneipe, Konzerten und Kirchgemeinde und Anwohnerbeschwerden wegen lauten Feiern konnte auf Dauer nicht gut gehen. Einen Ausweg aus diesem Zwiespalt bot die Familieninitiative , kurz „Fami“ genannt, die für ein entstehendes Familienzentrum einen maroden Bauernhof in Altkötzschenbroda gekauft hatten und mit der Sanierung beschäftigt waren. Aus dem dort freigelegten Rübenkeller wurde ein Treffpunkt für junge Leute und Kulturinteressierte mit dem „Noteingang“ e.V. als Trägerverein eingerichtet.

Am 6. Oktober 1995 wurde die Eröffnungsparty im historischen Tonnengewölbe mit seinem urigen Flair gefeiert. Es gab ein breites Programm von Kino, Konzerten, Ausstellungen, Lesungen, Theateraufführungen, Dia-Vorträgen, thematischen Partys bis zu kulinarischen Länderabenden. Die ebenso illustre wie beeindruckende Veranstaltungs-Chronologie des „Noteingang“ steht im Anhang des Buches. Die Blues-Legende Lousiana Red spielte im Sommer 1996 im „Fami“-Hof und sorgte für einen Besucherrekord, außerdem der Rockaußenseiter Kevin Coyne.

Der damals noch unbekannte Komiker Olaf Schubert (mit bürgerlichem Namen Michael Haubold) trat mit einem seiner ersten Programme in einem Nebenprojekt der Dresdner Kultband „DEKAdance“ als Schlagzeuger im März 1996 im „Noteingang“ auf. Tiefe Einblicke hinter die Kulissen ihrer wilden Mischung aus Rockmusik und witzigen Einlagen und die Nachwendezeit gewährt das Buch „Der Tisch der Frauen“ von DEKAdance-Kopf Bert Stephan.

„Es ist das erfolgreichste Buch mit 2 000 verkauften Exemplaren inzwischen in dritter Auflage im Notschriften-Verlag“, so Kuhbandner. Nach einer zehnjährigen innovativen Zeit verließ er den Noteingang-Verein und baute seinen Verlag auf. Geblieben sind Freundschaften, viele Bekannte und Erfahrungen. Das Buch über den „Noteingang“ hat er geschrieben für die Generation der heute 40-  bis 50-Jährigen, die dieser Kulturort nachhaltig prägte wie die Macher selbst und für Jüngere, die wissen wollen wie es war.

„Die es erlebten, erzählen und schwärmen heute noch von der großen Gemeinschaft, es gab keine Grenze zwischen Betreibern und Besuchern“, so Kuhbandner. Dies ist bereits sein sechstes Buch. Außerdem stehen Sachbücher, Regionalliteratur und Lyrikbände in den Regalen seines Verlagsbuchladens auf der Bahnhofstraße 19 in Radebeul. Darunter der Gedichtband „Wortfindungsstörung“, 2020 erschienen, von Annette Scheibner, der Tochter von Hanns Cibulka, der sich als einer der ersten DDR-Schriftsteller in seinem Werk kritisch mit Umweltzerstörungen auseinandersetzte. Zurzeit arbeitet Jens Kuhbandner an einem Buch über Reisen in das ehemalige Sowjetreich, erzählt von mehreren Autoren. Es erscheint zur Leipziger Buchmesse im April 2023,  für die er sich schon angemeldet hat. „Besondere Bücher kommen aus Radebeul“, steht als Motto am Ladeneingang. 

Text + Foto (lv)

Weitere Infos: http://www.notschriften.com