
Das Magische des Augenblicks festhalten: Das reizt Werner Pinkert, den mit 97 Jahren ältesten Dresdner Künstler, sein Leben lang zu malen und zeichnen. Die Kunst half ihn auch, schwere Zeiten zu überstehen. Ihm zur Seite seine Tochter Gabrielle Pinkert, die auch die Ausstellung ihres Vaters im Kulturrathaus, Königstraße 15 in Dresden zusammengestellt hat. Chapeau für dieses reichhaltige Lebenswerk!


Bilderzauber mit Karneval, Hosenfischen und Fußballglück
Besondere Momente aus seinem Leben und Schaffen aus über 80 Jahren zeigt Werner Pinkert, der mit 97 Jahren älteste lebende Dresdner Künstler derzeit in einer Ausstellung im Kulturrathaus.
Vor einer Häuserkulisse in zarten, winterlichen Pastellfarben liegen zwei Boote auf dem Wasser. Davor steht eine Frau traumversunken. „Karneval in Venedig“ heißt das Bild, eine Mischung aus Aquarell und Collage. „Es war unsere erste Reise nach dem Mauerfall. Eine Zeit des Aufbruchs, denn über Nacht stand die Welt offen“, erinnert sich Werner Pinkert. Den venezianischen Karneval erlebte der Künstler zusammen mit seiner Familie damals am 24. Februar 1990. „Alles war still und verzaubernd. Zugleich zeigte sich die Lagunenstadt als lebendiges Theater, in dem die Menschen in prächtigen Kostümen wandelten und mystische Figuren mit Masken über dem Markusplatz tänzelten, gar zu schweben schienen“, erzählt er. Ein geheimnisvoller Zauber schwebt auch über dem Bild. Es ist das Titelbild der Ausstellung „Moment mal!“ – eine Werkschau von Werner Pinkert, dem mit 97 Jahren ältesten in Dresden lebenden Künstler, im Kulturrathaus, Königstraße 15.
Mit seinen Bildern nimmt Pinkert die Besucher mit auf eine faszinierende Reise durch sein reichhaltiges Lebenswerk von mehr als 80 Jahren. Die Bandbreite reicht von Zeichnung, Linolschnitt, Ölmalererei bis zu typografischen und buchgestalterischen Arbeiten und SZ-Zeitungsartikel von ihm und Zeichnungen über alte Dorfkerne u.a. Ihn treibt das Motiv an. „Es ist der Versuch, den Moment festzuhalten, ein interessantes Geschehen: sei es ein Bauensemble, eine Menschengruppe, Köpfe, Situationen oder die Besonderheit einer Landschaft. Das Magische des Augenblicks“, erzählt Werner Pinkert. Manchmal spiele Originalität hinein, immer sei ihm das Charakteristische wichtig. Als Kind sah er seiner Mutter gern beim Zeichnen zu und „bewunderte sie, wie sie Aquarelle aufs Papier brachte.“ Das war in Mügeln bei Oschatz, wo Werner Pinkert aufwuchs. Mit 14 Jahren begann er eine Ausbildung zum Steinmetz. Kurz vor Kriegsende 1945 wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen und geriet er in amerikanische Gefangenschaft.
Die Kunst half ihm, die schwere Zeit zu überstehen und ein wenig Glück. „Ich wurde beim Zeichnen entdeckt“, so Pinkert. „Genauso wie ein anderer Soldat, der viel älter war und daraufhin einen Auftrag von den amerikanischen Soldaten erhielt.“ Als junger Mann sollte Pinkert ihm für dieses Werk Modell stehen. „Das dauerte einige Wochen. Und zum Glück war ich nur wenige Monate in Gefangenschaft.“ In Mügeln lebten auch nach der Kriegszeit einige Künstler, die aus der Stadt geflohen waren und das Leben auf dem Land bevorzugten. Pinkert schloss sich ihnen gern an, weil er „ihnen zuschauen, von ihnen lernen, mit ihnen malen wollte.“ Einer dieser Künstler war Curt Wild-Wall, der ihn mehrfach ermuntert habe, die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden abzulegen. „Dort bin ich zu meinem eigenen Erstaunen sofort aufgenommen worden.“ Eine Aufgabe war, aus dem Kopf einen Schubkarren zu zeichnen, so Pinkert. „Den habe ich dann für einige andere mitgezeichnet, die gar nicht wussten, wie so etwas aussieht. Auf dem Land aufgewachsen, fiel mir das leicht.“ Von 1948 bis 1953 studierte Werner Pinkert Malerei und Grafik an der hiesigen Hochschule. Seine Lehrer waren Rudolf Bergander, Erich Fraaß und Fritz Dähn.
30 Jahre unterrichtete er dann selbst Kunsterziehung bis 1990 an der Pädagogischen Hochschule in Dresden. Dort hatte Pinkert seine Grafikwerkstatt, wo er Kunstbücher und Plakate mit Studenten gestaltete. Pinkert leitete auch Mal- und Zeichenzirkel, betreute Malreisen und war Mitbegründer der Dresdner Sommermaltage. Die gibt es auch heute noch für Malbegeisterte, die Austausch und Anleitung suchen. „In meiner Tätigkeit als Lehrer habe ich versucht, das Beste aus den Schülern herauszuholen. Mit Geduld und Großzügigkeit. Ich habe immer versucht, sie zu befähigen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, erklärt Pinkert. Zu seinen Bildern sagt er: „Es muss mich erfassen, so berühren, dass ich entsprechend meiner Empfindung das Ganze aufs Papier zu bringen versuche, ohne mich in kleinen Details zu verlieren.“ Über Kultur generell macht er sich auch Gedanken: „Kunst, egal ob es eine Melodie, eine Performance, ein Film oder eine Zeichnung ist, kann zum Schweigen bringen oder Lautwerden lassen, sagt er über ihre Wirkung. „Kunst ist ein seltenes Mittel. Sie braucht keine Sprache, keine Übersetzung, sie lebt aus sich selbst heraus und über Grenzen hinweg. Und echte Berührung ist wichtig – auch und vor allem in der jetzigen Zeit, in der technische und digitale Möglichkeiten vieles zu ersetzen scheinen.“ In einem Öbild aus den 1960er Jahren vor schon abblätterndem, sepiafarbenen Hintergrund erscheint „Die Nachbarin“ in leuchtend gelber Bluse mit großen sehnsuchtsvollen Augen.
„Das Bild kommuniziert mit sich selbst, die Zeit frisst schon die Farbe auf, doch die Frau bleibt ewig jung“, sagt Gabrielle Pinkert, die Tochter des Künstlers. Sie ist Moderatorin und Filmemacherin und pendelt zwischen ihrer Heimat und Bayern, wo sie wohnt, um nach ihren Eltern in Dresden zu sehen. „Die Nachbarin“ fasziniere viele Besucher der Ausstellung. Von eigenem Reiz und erstmals zu sehen ist auch ein Akt von Pinkert – sein Modell eine Studentin. „Sie hielt immerzu den Kopf geneigt und nestelte an ihrem Strumpf, weil sie nicht erkannt werden wollte“, erzählt Werner Pinkert. Das Pastellkreidebild wirkt natürlich, spontan, zeitlos schön. Schmunzeln lassen seine Kohlezeichnungen mit „Felsen der Teufelsmauer“ im Harz und aus dem Gestein blickenden, schelmischen Gesichtern. Auf zwei kleinen Acrylbildern strahlt „Fußballglück“ mit energiegeladenen Bewegungen.
In witzigen Collagen treten „Mantel- und Hosenfische“ gegeneinander an, die formspielerisch Schals mit Fransen als Kiemen tragen. „Die Grossen fressen immer die Kleinen“, steht darunter. Im Frühjahr will er wieder rausgehen und zeichnen.Werner Pinkert schaut mit Offenheit und Neugier in die Welt, besitzt ganz offensichtlich immer noch Heiterkeit und Freude an den kleinen Dingen. Und er hat eine innige Beziehung mit seiner Frau und der Familie. Sie gehen spazieren, reden und lachen viel zusammen, sagt seine Tochter, die die Ausstellung kuratiert hat. Jeder Moment sei ein Geschenk. Das Venedig-Bild sieht sie auch als ein Sehnsuchtsbild, das daran erinnert, in einer schnelllebigen Zeit seine Träume nicht zu vergessen und immer wieder den Aufbruch zu wagen.
Die Ausstellung von Werner Pinkert wird wegen großen Interesses noch bis Ende April verlängert im Kulturrathaus Dresden in der ersten Etage gezeigt.
Text + Fotos (lv)
Geöffnet: Mo bis Do von 9 bis 18 Uhr und Fr von 8 bis 16 Uhr










