Am Horizont der Träume und verblassten Schatten

In ihrem neuen Gedichtband in deutscher und italienischer Sprache fängt die Bozener Lyrikerin Christine Matha in eindrucksvollen, stimmungsreichen Versen die sich ständig wandelnde und erneuernde Wirklichkeit ein. Auch wenn sie weiß: „Es fehlt stets irgendetwas, das in uns weiter bohrt und Worte sucht…“

„Zwischen den Worten/ die vielen Räume/worin sich Bilder/auf Bilder häufen…“ So beginnt eines der Gedichte der Lyrikerin Christine Matha. Manche sind ganz kurz, andere lang über mehrere Seiten, mit oder ohne Titel und alle irgendwie miteinander verbunden, stetig im Fließen wie die ständig sich wandelnde und erneuernde Wirklichkeit. „Zwischen den Worten/ die Wartezeiten, die wir Tag um Tag im Herzen sammeln. / Zwischen den Worten das schwarze Loch unlösbarer Fragen.“

In den Texten ihrer neuen Anthologie „Der Horizont der Träume/L`orizonte dei sogni“ (erschienen bei Curcu Genovese, 2019 in Trient – Italien) taucht Christine Matha in „die Träume und Galaxien vieler Zeiten“ ein und „im Schweigen bilden sich die Welten neu.“ Verlorenes, Vergessenes, Wiedergefundenes, die Bürden des Lebens, die alle Worte rauben und die Angst vor der Sprachlosigkeit sprechen aus den Zeilen und treiben Christine Matha immer wieder an.

Das Besondere dieser Ausgabe, die durch Naturaufnahmen der Kunstfotografin Mariagrazia Bianchi einen weiteren Reiz erhält, ist ihre Zweisprachigkeit. Die Gedichte stehen in deutscher und italienischer Sprache nebeneinander. Vor einiger Zeit entdeckte ich sie im Internet, wo Christine Matha rege neue Texte publiziert in sozialen Netzwerken wie Facebook.

Die Autorin und passionierte Übersetzerin Christine Matha wurde 1943 in Brixen (Südtirol) geboren und wohnt in Bozen. In den 1970er Jahren experimentiert sie in visueller Poesie und nimmt Kontakt mit anderen konkreten Poeten wie Ugo Carrega, Sarenco in Italien und Clemente Padin in Südamerika auf und beteiligt sich an Sammelausstellungen der visuellen Poesie. Seit 1968 tätig in der Kunstrestaurierung mit Arbeitssitz in Trient, promovierte sie als Werkstudentin an der Universität Padua in Literatur und Ästhetik mit einer Dissertation über Theorie und Praxis in alten und neueren Restaurierungssystemen. Sie veröffentlichte ihre Kurzgeschichten, Gedichte und Haiku in Anthologien und einen Roman (Neuauflage als E-Book) mit dem Titel „Schenkung auf italienisch“. 2016 war Christine Matha Preisträgerin mit Liv Evju (norwegische Fotografin) des Internationalen Wettbewerbes „Il Carro delle Muse“ und bekam 2017 den Encomio Speciale per la Poesia. 2017 erschien das zweisprachige Buch „Maskerade“ mit 44 Gedichten von ihr und Bildern von Manfred Evertz im Pubblitec edizioni-Verlag, Bozen.

In den Gedichten von Christine Matha geht es viel um existenzielle Themen: immer wieder der Fluss des Lebens, das Verrinnen von Zeit, Vergänglichkeit, die Grenzen von Traum, Wirklichkeit, Sehnsucht, Schmerz, das Unbekannte, was kommt… Im nächsten Moment, am nächsten Tag, nach dem Lebensende… Die Suche und das Ringen um Antworten, auch für das Ungewisse, Unsagbare, Ungreifbare, die Räume zwischen den Worten, Gefühle, Stimmungen tauchen immer wieder auf in ihren Texten. Die Bilder dafür, oft Meer, Wellen, fliehende Stunden, Tage, Jahre die wie Flüsse wandern, sind sehr schön und berühren. Die Bilder wiederholen sich oft, mäandern, breiten sich aus, fließen über, manchmal ist es dann zu viel… Etwas gestrafft und dichter würden manche der Texte für mein Empfinden noch mehr an Atmosphäre und Aussagekraft gewinnen.

Die freien Verse sind mal konkret, klar, mal geheimnisvoll, in Metaphern gehalten und besitzen viel emotionale Kraft und regen an zum Nach- und Weiterdenken. Sie sind mal leicht, unbeschwert, lichtvoll und zuversichtlich und mal schwermütig, dunkel….
Diese Gedichte trösten, wärmen, muntern auf und erhellen dunkle Tage. Nie verliert Christine Matha in ihnen den „Horizont der Träume“ aus dem Blick. „Zeit der Reise zu den Grenzen, / ohne Umkehr, ohne Weisung / auf der Suche nach den Quellen, / um den Seelendurst zu stillen“, schreibt sie im Titelgedicht. Ein Schwingen und Wogen begleitet ihre Zeilen, das nachhallt und weiter wogt.

Text + Fotos (lv)

http://www.curcugenovese.it


Die Buchrückseite des Gedichtbandes „Der Horizont der Träume“ von Christine Matha.