Unter dem schwarzen Himmel der Macht
Die Apokalypse kommt nicht.
Sie ist längst da.
Nicht als Feuersturm, sondern als Zustand.
Nicht als Knall, sondern als permanentes Dröhnen unter der
Oberfläche aller Dinge.
Wir leben unter einer Helligkeit, die nichts wärmt.
Eine Helligkeit, die alles zeigt, um nichts mehr fühlen zu müssen.
Bomben fallen in Livestreams.
Kinder sterben in HD.
Städte zerbröseln zwischen zwei Werbeblöcken.
Das ist keine Barbarei.
Das ist Zivilisation ohne Gewissen.
Macht hat heute kein Geheimnis mehr.
Sie braucht keine Masken.
Sie ist offen, nackt, stolz auf ihre Grausamkeit.
Sie sagt nicht mehr: Es tut mir leid.
Sie sagt: So ist die Welt.
Und genau darin liegt die Perversion.
Die große Umkehrung
Früher musste Macht sich rechtfertigen.
Heute muss Moral sich rechtfertigen.
Wer tötet, nennt es Notwendigkeit.
Wer stiehlt, nennt es Sicherheit.
Wer lügt, nennt es Strategie.
Wer herrscht, nennt es Ordnung.
Die Begriffe sind nicht zerstört –
sie sind umgedreht.
Wie Spiegel in einem Folterraum.
Der Mörder spricht von Stabilität.
Der Tyrann von Frieden.
Der Lügner von Verantwortung.
Und die Welt nickt,
weil es anstrengender ist, zu widersprechen,
als sich anzupassen.
Die nackten Götter
Donald Trump und Wladimir Putin sind keine bloßen Politiker.
Sie sind Archetypen einer neuen Epoche.
Der eine ist der Narziss der Macht:
Eine Welt, die nur existiert, wenn sie ihn bewundert.
Wahrheit ist, was ihm nützt.
Realität ist, was ihm Applaus bringt.
Der andere ist der Zar der Vergangenheit:
Er gräbt in alten Mythen,
zieht Leichen aus der Geschichte
und benutzt sie als Rechtfertigung für neue.
Beide folgen derselben Logik:
Der Stärkere hat recht.
Der Tote hat Pech.
Das ist keine Ideologie.
Das ist die Philosophie der Terroristen.
Europa vor dem Spiegel
Europa hat Angst.
Nicht vor dem Krieg.
Vor der Bedeutungslosigkeit.
Es fürchtet nicht, zerstört zu werden –
sondern nicht mehr mitzusprechen,
wenn andere entscheiden,
wer leben darf und wer verschwindet.
Also verhandelt es mit dem Unverhandelbaren.
Es bittet den Räuber um Maß.
Es erklärt dem Henker die Menschenrechte.
Es nennt das Diplomatie.
In Wahrheit ist es Furcht im Maßanzug.
Die Minderheiten, die die Welt verbrennen
Die Menschheit wird nicht von der Mehrheit zerstört.
Sie wird von kleinen, fanatischen Eliten zerfressen,
die Macht wie ein Virus tragen.
Sie sind wenige.
Aber sie sind radikal, kalt,
frei von Zweifel.
Wie ein Sonnensturm treffen sie auf die Magnetfelder der Gesellschaft –
auf Demokratie, Recht, gemeinsame Wirklichkeit –
und lassen sie kollabieren.
Zurück bleibt ein schwarzer Himmel,
unter dem nur noch Gewalt Orientierung gibt.
Die große Masse
Die Mehrheit ist nicht böse.
Sie ist müde.
Müde von Nachrichten.
Müde von Krisen.
Müde davon, dass Moral anstrengend ist.
Sie will einfach nur leben,
während die Welt zerfällt.
Und genau das macht sie gefährlich.
Denn Macht braucht keine Zustimmung.
Sie braucht nur Erschöpfung.
So wird der Alltag zur Tarnung des Grauens.
Und das Schweigen zur Sprache der Komplizen.
Die kommende Ordnung
Wenn wir so weitermachen,
wird die Zukunft kein Chaos sein.
Sie wird eine Ordnung sein.
Eine Ordnung,
in der Menschen nicht mehr Bürger sind,
sondern Material.
Verrechenbar.
Sortierbar.
Austauschbar.
Es wird mit Listen beginnen.
Nicht mit Lagern.
Mit Einstufungen.
Nicht mit Exekutionen,
sondern mit Bewertungen.
Wer nützt?
Wer stört?
Wer kostet?
Und eines Tages wird niemand mehr fragen,
wer jemand ist –
nur noch, wozu er taugt.
Die Wahrheit
Die Welt geht nicht unter,
weil es zu viele Böse gibt.
Sondern weil es zu viele gibt,
die das Böse ertragen.
Wir leben in einer Epoche,
in der Grausamkeit effizient ist
und Menschlichkeit störend.
Nicht weil der Mensch schlecht wäre –
sondern weil Gleichgültigkeit bequemer ist
als Verantwortung.
Schluss
Vielleicht wird man eines Tages sagen:
Sie wussten alles.
Sie sahen alles.
Und sie schwiegen.
Nicht aus Hass.
Sondern aus Angst,
etwas zu verlieren.
Doch wer nichts riskiert,
während andere vernichtet werden,
hat längst verloren,
was ihn zum Menschen macht.
Unter diesem schwarzen Himmel
gibt es nur eine wirkliche Finsternis:
die Bereitschaft,
alles hinzunehmen.
Armin Kraft
Infos zum Autor unter:
http://www.stoppelandfriends.de – Homepage
über Photographie, Architektur, Drehbücher und Erzählungen.