Vom Glück und Wagnis des Büchermachens

Wie kleine unabhängige Verlage sich behaupten auf dem Buchmarkt. Nachgefragt beim Ultraviolett Verlag Dresden, dem Verlag Text und Dialog und dem Notschriften Verlag Radebeul.

Der Bücherfrühling beginnt mit vielen schönen und spannenden Neuerscheinungen, die zur Leipziger Buchmesse (vom 19. bis 22. März) ihren großen Auftritt haben. Neben Neugier und Offenheit ist die Sichtbarkeit für den Erfolg wichtig. „Ingesamt 80 vorwiegend kleine Verlage gibt es derzeit in Sachsen, von denen 55 Mitglied im Börsenverein sind“, sagt Heike Haupt, die Geschäftsführerin im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zu DDR-Zeiten gab es im Land insgesamt rund 70 Verlage. Anfang der 1990er Jahre waren es noch 31 Verlage in Ostdeutschland. Es gab erfreulich viele Verlagsgründungen, zumeist jedoch ohne finanzielle Reserven. „Viele von ihnen brennen für das Metier und nehmen in Kauf, dass sie nicht reich damit werden“, weiß sie. „Diese Vielfalt ist auch wichtig für Meinungsfreiheit, die öffentliche Debatte und dass man nicht verlernt, miteinander zu reden.“ Über die Liebe zum Büchermachen, Wagemut und wie sie überleben auf dem heute riesigen Buchmarkt, erzählen drei Verleger aus Dresden und Radebeul.

Verlag Text und Dialog


„Man muss an sich glauben, etwas wagen und manchmal wird man dafür belohnt“, sagt Verleger René Kaufmann über seine Arbeit.

„Jedes Buch ist wie eine Visitenkarte, wodurch andere Autoren und Leser aufmerksam werden“, sagt René Kaufmann (54). Seit 15 Jahren hat der gebürtige Meißner jetzt seinen Verlag Text & Dialog auf der Konkordienstraße 40 in Dresden-Pieschen. Gestartet ist er als religionsphilosophischer Verlag von und für Akademiker, vorher forschte er auf diesem Gebiet als Assistent am damaligen Lehrstuhl an der TU Dresden. „Der philosophisch aufkärerische und reflexive `rote Faden`ist weiterhin vorhanden. Neu hinzugekommen sind Bücher über Kunst, Belletristik, Gedichtbände bis zu Kinderbüchern“, so Kaufmann. „Das hat ein Eigenleben entwickelt. Wir machen kleine Auflagen zwischen 150 bis 1000 Exempare, die Herstellung und Druckkkosten refinanzieren sich durch den Verkauf. Bei manchen Titeln gibt es Drittmittel. Doch es ist immer selbstausbeuterisch mit 24/7-Tage-Woche und insgesamt eine prekäre Geschichte.“

Unterstützen könne man kleine, unabhängige Verlage durch den Direktbezug bei ihnen und Buchhandlungen vor Ort. Er übernimmt auch Satz und Lektoratsaufträge und bietet seine „philosophische Praxis“ für eine breitere Öffentlichkeit an, auch mit Veranstaltungen und hat Erfolg mit kleinen Taschenbüchern mit Titel wie „Kann Philosophie Hass erklären?, herausgegeben von Barbara Zehnpfennig oder „Machttechnik Populismus“ von Robert Müller. “Man muss an sich glauben, etwas wagen und manchmal wird man dafür belohnt“, sagt René Kaufmann. Er ist Vater von zwei Söhnen, 17 und 19 Jahre, und sieht sich als Brückenbauer und Übersetzer von Themen aus der religiös-philosophischen Tradition ins Hier und Heute.

Von der Sehnsucht nach Begegnung und einem menschlichen Blick, der hinhört, handelt z.B. der Erzählband „Wo Du (nicht) sprichst“ von Alexandra Grüttner-Wilke, dem er „viele Leser wünscht.“ Humorvoll und fantasiereich geht es zu im Kinderbuch „Der kleine Isso vom Planeten Normal“ von Benjamin Knull, das ein wenig an den „Kleinen Prinzen“ erinnert, eine abenteuerliche Geschichte um einen kleinen Roboter und ein Mädchen über den Zauber echter Verbindung. „Immer in Bewegung bleiben. Mit den Autoren in Kontakt sein. Das füllt aus. Man gibt jeden Tag sein Möglichstes“, so Kaufmann. „Das Besinnen auf Fragen, die nottun und die Not wenden, notwendig sind“, treiben ihn um. Da kommt die Literatur ins Spiel. Es brauche lebendige Erfahrungsräume des Teilens, Gelingens und Heilens, dass die Menschen eine Sprache für ihr Innenleben finden, um aus der polarisierenden Spaltung der Gesellschaft herauszukommen.

Ultraviolett Verlag


Vielseitig: Katja Völkel ist Verlegerin, Lektorin und Autorin. Foto: privat

„Lesen ist Abenteuer für den Geist und Urlaub für die Seele“, so lautet das Motto des Ultraviolett Verlages, den es seit Frühjahr 2020 in Dresden gibt. Die Gründerinnen Jana Rogge und Katja Völkel  haben sich seit 2014 bereits unter dem Imprint Eckhaus Verlag in Weimar vor allem den Themen Zeitgeschichte, Kulinarik und Wissenschaften verschrieben. Mit dem Ultraviolett Verlag hat sich das literarische Spektrum erweitert. „Wir schauen unter die Oberfläche. Die Leserschaft ist bunt gemischt. Die Bücher unserer weiblichen Autorinnen gehen tatsächlich am besten“, sagt Verlagsinhaberin Katja Völkel (46). Sie ist mit Büchern großgeworden. Ihr Vater Ulrich Völkel war Autor von Kinderbüchern zu DDR-Zeiten und schreibt inzwischen 86-jährig immer noch. Kurzgeschichten und ein Roman von ihm sind in ihrem Verlag schon erschienen. Ihre Mutter war auch Buchhändlerin. Das Verlagslogo ist ein Leuchtturm mit Feder, der ausstrahlt. Katja Völkel stammt aus Rostock, hat Spanisch, Germanistik und Literaturwissenschaften an der TU Dresden studiert und lebt und arbeitet seitdem hier als Verlegerin, Lektorin und Autorin von Koch- und Reisebüchern. Wohnung und Verlagsbüro befinden sich in einem Hinterhaus in der Fritz-Reuter-Straße 6.

Im geräumigen, hellen Wohnzimmer unter dem Dach mit vielen Bücherregalen scheint die Frühjahrssonne durchs Fenster. Auf dem Tisch stehen die neuesten Werke, beäugt von schwarzen Katzen in Form von Buchstützen aus Metall. Diese kann man samt originellen Lesezeichen auch bei ihr erwerben. Das Buch „Das Haus der Goldmanns“ von Claudia Kaufmann, ein Generationen-Roman über drei Frauen und ein Familien-Geheimnis verkauft sich derzeit am besten, so Katja Völkel. Um Lebensgeschichten und Traumata aus dem Krieg geht es im Buch „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile, der Bestseller aus Lettland ist in deutscher Erstübersetzung 2025 im Ultraviolett Verlag erschienen.

Das Buch „Der Karajan vom Schillerplatz“ von Prinz Rupi vereint 18 skurrile Geschichten besonderer Leute. Mit ihren zwei Töchtern, 14 und 17 Jahre, reist sie für ihr neues Familienabenteuer-Buch bald wieder nach Spanien. „Verlegen kommt von Vorlegen“, so die Buchmacherin. Sie arbeitet mit Layoutern zusammen, hat Druck- und Werbungskosten. “Es wartet niemand auf ein Buch.“ Dennoch erscheinen 60 bis 80 000 Bücher jährlich in Deutschland. Katja Völkel gibt vier bis sechs Bücher pro Jahr heraus. „Ich muss bei jedem Buch schauen, wen spreche ich an und mit wem arbeite ich zusammen“, sagt die Verlegerin. Das Lektorat sei ihr Brotjob. Hilfreich sind Netzwerke von Lektoren- und Verlagskollegen und Gemeinschaftsstände mit anderen kleinen Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse. In Leipzig ist Katja Völkel mit ihren Büchern am Stand der „Buch Berlin“-Messe dabei (Hallle 4/B 405). „Nach dem Erscheinen beginnt die eigentliche Arbeit, das Sichtbarmachen der Bücher, um sie zu verkaufen“, sagt sie. Z.B. mit kreativen Aktionen wie einer „Sticker-Rallaye“, die sich die Sammelleidenschaft vieler Besucher auf der Leipziger Buchmesse zunutze macht, die für ein Heft voller farbiger Aufkleber vom „Netzwerk schöne Bücher“ ein Geshenk erhalten.

Die nächsten Lesungen

Sabine Lehmbeck: Benefiz
18.3.2026, 19 Uhr in der Bibliothek Blasewitz

Prinz Rupi: Der Karajan vom Schillerplatz

23.3.2026, 17 Uhr im SOULMAT Radebeul (Radebeul liest)

Stefan Leithold: Eternos
16.4.2026, 19 Uhr im Theaterhaus Rudi (Theaterkneipe)

Notschriften Verlag Radebeul


„Es fühlt sich an wie ein Lottogewinn!“ Sagt Verleger Jens Kuhbandner über den bevorstehenden Umzug mit seinem Notschriften-Verlagsbuchladen in ein Ladengeschäft in bester Lage in Altkötzschenbroda Ende März,

Bereits seit 30 Jahren hat Jens Kuhbandner (57) seinen Verlag. Seit sieben Jahren bietet er vor allem Regionalliteratur, besondere Reiseberichte, Bildbände bis zu Lyrik im eigenen Verlagsbuchladen in der Bahnhofsstraße 19 in Radebeul-West an. Neben den Vorbereitungen zur Leipziger Buchmesse (sein Buchstand ist in Halle 2/F 106) steht er derzeit mittendrin im Umzug. Er zieht mit seinem Verlagsladen bis Ende März in ein Geschäft in bester Lage direkt am Dorfanger Altkötzschenbroda 22, in ein wunderschönes altes Fachwerkhaus neben der Stadtgalerie. „Dort befand sich bisher der Spielzeugwarenladen ´Holzkiste`, die ihr Sortiment reduzieren und mich gefragt haben, den Raum mitzunutzen und zusammenzuarbeiten. Sie wollten etwas Stilvolles und haben es mir angeboten. So etwas gibt es heute auch noch“, sagt der Verleger glücklich. Das fühle sich an wie ein Lottogewinn.

Der neue Laden ist etwas größer als der jetzige, die Miete günstig und er hat mehr Laufpublikum. „Die Sichtbarkeit wird besser.“ Natürlich hofft er auf noch regeres Interesse. „Es gibt Bücher, die verkaufen sich sehr gut und dadurch kann ich wieder neue machen“, sagt er. Rund zehn Bücher pro Jahr bringt er im Notschriften Verlag heraus. Der historische Roman „Haltepunkt Kötzschenbroda“ von Anja Hellfritzsch sei schon ein „Verlags-Bestseller“. Neu erschienen sind der Fotografieband „Die Augustusbrücke – Das wahre Wunder von Dresden“ von Thomas Richter, das Buch „Kohle – Vom Verschwinden der Landschaft“ von Jörg Kuhbandner und der Erzählband „Hamids Träume“ von Claudia Lux. „Ich habe zum Glück noch dankbare Abnehmer. Ältere, aber auch jüngere Leser, die vor allem qualitätvolle Regionalliteratur schätzen“, so Kuhbandner. Am meisten habe er mit steigenden Druck- und Energiekosten zu kämpfen. Mut und Zuversicht geben ihm die Beschäftigung mit Kunst und positive Gedanken. Er liest viel. “Es wird wieder mehr gelesen. Ich denke, dass ein Buch lesen nach der ganzen digitalen Schwemme wieder cool wird bei jungen Leuten“, beobachtet er.

Text + Fotos (lv)