
Rummelplatz der Gefühle: Die lustige Witwe, in der Titelrolle als Hanna Glawari grandios Sängerin Christina Maria Fercher, hier mit einem ihrer Verehrer, Zeta (Elmar Andree) in der gleichnamigen Operette von Franz Lehár. Foto: Lutz Michen
Herrlich komischer Jahrmarkt der Eitelkeiten und des schönen Scheins
Mit viel Witz, Romantik, Schwung, fantasievollen Kostümen und hinreißender Musik hatte die Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár Premiere in der Staatsoperette Dresden.
Sie ist schön und reich, die Verehrer stehen Schlange. Doch die „Lustige Witwe“ ist auch schlau und lebensfroh und weiß genau, was und wen sie will in Franz Lehárs bekanntester Operette. Die Premiere war nicht zufällig am Sonnabend, am Vorabend des Internationalen Frauentages in der Staatsoperette Dresden. Das Spiel um Liebe, Macht, Geld und Vergnügen kam mit viel Witz, Romantik und Schwung, hinreißender Musik, großartigen Stimmen und originellen Kostümen auf die Bühne unter Regie von Katja Wolff. Ein großes nostalgisches Karussell mit Pferden, Pfau und Schwan dreht sich als Spielfläche auf mehreren Etagen. Die Damen tragen leuchtend bunte Babydoll-Kleider und die Herren kurze Hosen und Jackett. Sie feiern in Paris, schwenken rote Bratäpfel, lassen im Chor den Reichsfürsten hochleben und preisen das Vaterland. Nur mit der Treue nehmen die Bewohner von Pontevedro es nicht so genau.
Die Männer stolzieren mit hochgekämmtem Haar wie eitle Gockel auf diesem Jahrmarkt der Selbstgefälligkeiten und des schönen Scheins. Liebesschwüre, Beteuerungen, Intrigen und Betrügen sind hier an der Tagesordnung. Ein gefundener Fächer mit Liebesbotschaft dient als Beweismittel. Doch jeder weist den Verdacht entrüstet von sich. Die extravagante Valencienne (Julie Sekinger), die Ehefrau des Gastgebers und pontevedrinischen Gesandten Zeta (streng-akkurat: Elmar Andree) turtelt und kommandiert den liebesfreudigen Franzosen Camille de Rosillon (Timo Schabel) nach Belieben. Und betont zugleich, sie sei eine „anständige“ Frau. Amüsant werden Männer- und Frauenrollen auf die Schippe genommen. Mal galant, kokett und offenherzig, wenn die Herren tapfer schmettern: „Ja, das Studium der Weiber ist schwer…“ Und alle Herren hofieren die lustige Witwe, Hanna Glawari (selbstbewusst: Christina Maria Fercher), die lässig-elegant in dunkler Jacke mit rotem Kragen, Hosen und hochgestecktem Haar hochgesteckt erscheint. Sie weiß, dass die Männer nur hinter ihrem Geld her sind und lässt sie alle abblitzen.
Bis auf einen, Danilo Danilowitsch, der adelige und sinnenfrohe Gesandtschaftssekretär (Bryan Rothfuss), der sie liebt, das aber nicht zugeben kann, damit sie nicht denkt, er sei auch nur auf ihr Vermögen scharf. Doch einer muss sie heiraten, damit ihre 20 Millionen im Lande bleiben. Denn Pontevedro droht der Staatsbankrott! Die Heiratsanwärter rufen wie einen Schlachtruf immer wieder: 20 Millionen! Alles ist hier Geschäft und Kalkül. Davor prangt eine große goldene Blüte wie eine Seerose, die geteilt in zwei Hälften auf der Bühne steht. Die hin und her, beiseite geschoben wird wie die Gefühle der Protagonisten. Nur manchmal fügt die Blüte sich zusammen, wenn Hanna und Danilo, der die Heirat einfädeln soll, aufeinander treffen, die Emotionen spürbar und echt sind.
Höhepunkt der Aufführung ist ein Fest von Hanna, bei dem alle in der pellentrinischen Tracht erscheinen, die Herren in geblümten Hosenkleidern, die Steppdecken ähneln und Schulterklappen wie Kissen, das wirkt originell und aberwitzig. Berührend, wenn die umschwärmte Witwe allein auf der Treppe sitzt und ein sehnsuchtsvolles Liebeslied singt. Überaus komisch der Auftritt der Pariser Grisetten, die sie für Danilo tanzen lässt.Verhüllt von Kopf bis Fuß in rosaroten Kostümen wirbeln sie umher, bevor sie die Rüschenröcke heben und Haut zeigen. Heirat hin oder her. Zuletzt sitzen sie beide glücklich vereint unterm Sternenhimmel wie im Traum oben auf der Erfolgstreppe.
Reichlich Beifall und stehende Ovationen gab es vom Premierenpublikum für diese zauberhafte und offen vieldeutige Inszenierung.
Text (lv)