Premiere „Die Königs schenken nach“ in der Comödie Dresden


Zwischen Glamour und Chaos: Über Nacht reich und was nu? Kaufrausch, Trunksucht und Erpressung halten die Großfamilie König aus Elbflorenz reichlich auf Trab in Teil II der turbulenten Musicalkomödie „Die Königs schenken nach“ in der Comödie Dresden. Foto: Robert Jentzsch

Humorvolle Musicalkomödie über Geld, das alleine nicht glücklich macht

Reichlich schräg, mit viel Herz, Lokalkolorit und flotten Gesangs- und Tanzeinlagen kam das Stück „Die Königs schenken nach“ auf die Bühne in der Comödie Dresden.

Glamour und Chaos, Glück und Unglück geben sich die Klinke in die Hand bei Familie König. Zwar schwimmen sie seit Omas Gewinn einer monatlichen Sofortrente im Geld. Doch das Familienoberhaupt Käpt`n König genießt den neuen Luxus in vollen Zügen, versinkt im Kauf- und Saufrausch und in der Familie tun sich neue, ungeahnte Abgründe auf. Turbulent, urkomisch und mit überraschenden Wendungen geht es zu in „Die Königs schenken nach“. Teil II der Musicalkomödie von Martin Lingnau, Heiko Wohlgemuth und Mark Needham hatte in einer Bearbeitung von Christian Kühn, der auch Regie führt und die Titelrolle spielt, Die Premiere war unlängst in der Comödie Dresden.

Mit viel lebensprallem Humor und Herz, flotten Gesangs- und Tanzeinlagen von Schlager bis Balkanpop und reichlich Lokalkolorit kam die Geschichte aus dem Alltag einer Großfamilie mit allen Freuden, Träumen und Sorgen auf die Bühne. Im schwarzgoldenen Jackett, Käppi mit Krone und blondem Strubbelhaar tritt Käpt`n König (kauzig-eigensinnig: Christian Kühn) großspurig und großmäulig auf, gibt das Geld mit vollen Händen aus und torkelt beschwipst umher zum Leidwesen der anderen Familienmitglieder. Er kauft den Nachtklub Klax und schaut gleich, wo sich etwas einsparen lässt. In Talkshows zu Gast und Schlagzeilen macht die über Nacht reiche, bekannteste sächsische Familie. Wie sich ihr Leben seitdem verändert hat und was sie mit dem Geld machen?, fragt die Dresdner Morgenpost-Reporterin Katrin Koch im extravaganten Outfit, gespielt von Dorothea Kriegl bei einem Besuch. Die Königs wohnen noch immer in ihrer Pieschener Kellerwohnung und jeder von ihnen hat ein Geheimnis, das nach und nach gelüftet wird. Marie (bodenständig-zielstrebig: Lisa Huk) zittert beim Schwangerschaftstest kurz vor ihrem Studiumsbeginn in Heidelberg. Pamela (flippig: Kristin Baumgartl), im roten Minikleid und schwarzen Löcherstrümpfen, hat ein Baby und ist in eine dunkle Sache verwickelt mit Gangstern, die mit einer gefährlichen Dame im Glitzerkleid bei Königs auftauchen und das Baby oder eine hohe Geldsumme fordern.

Benny und Björn sehen sich zum Verwechseln ähnlich (Alex Irrgang), der eine hält sich langhaarig für Harald Glöckler und der andere lässt alles seine digitale Freundin Erna erledigen, die alles weitersagt und damit seine Freundin Katja verprellt. “KI ist nichts gegen natürliche Blödheit!“, kommentiert Marie trocken. Björn probt für eine Quizshow und will der Familie mit dem Gewinn aus der Misere helfen. Denn die fidele Oma ist längst abgehauen mit der Kohle und einem jungen Lover. Die schrullige Dame spielt Philipp Richter, der in mehreren Rollen außerdem als Glücksfee, Klaxchef Wolle Förster und schüchterner Straßenbahnfahrer Marcel, der in Pamela verliebt ist, erheitert. Er hilft Königs Enkelsohn Brutus wiederzufinden, den der betrunken nach einem Dynamospiel vergaß im Rucksack und ihn mit einem Fass Bier vertauschte, während das Baby weiterfuhr in der Bahn mit den Fans vom gegnerischen Verein Hansa Rostock. Nu Nong (Dorothea Kriegl), die Nachbarin und bessere Hälfte des Käpt`n, sorgt temperamentvoll für Wirbel in der Familie, hält die  anderen auf Trab, will ihren König endlich heiraten und tut dafür alles mit den Waffen einer Frau. Mal verführerisch im durchsichtigen, schwarzgoldenen Overall singt und tanzt sie zu rockigen Klängen auf einem Ladenregal und mal schwebt sie im weißen Hochzeitskleid herein.

Im zweiten Teil nimmt das Stück noch an Fahrt auf. Spannend, kurios und rührend zugleich in Szene gesetzt, wie sie das Baby aus Rostock zurückholen im Möwenkostüm von den hartgesottenen Fußballfans und sich plötzlich einig sind, weil sie alle für die gleiche Sache brennen und auf dem Platz alle gleich sind. Des Käpt`ns Botschaft für Akzeptanz des Anderen und Toleranz bekam viel Applaus von den Zuschauern, die ihre Feuerzeuge und Handys leuchtend hoch hielten. Toll auch der dramatisch-komische Höhepunkt der Aufführung, wie Nu Nong und die anderen Familienmitglieder es gemeinsam mit der dunkel-schillernden „Patin“ von Dresden aufnehmen und sie in einem Riesenpaket gefangen nehmen bis die Polizei kommt. Und der Käpt`n voller Angst um Nu Nong herbeistürzt und vor ihr auf die Knie fällt.

Happy End für die Paare und Kindersegen in der Familie. Björn schenkt die gewonnene Million aus der Quizhow „Glücksspirale“ dem Verein „Familienleben“ in der Neustadt. Die Darsteller unterstützen das soziale Projekt auch im echten Leben und sammeln Spenden dafür nach jeder Vorstellung. Reichlich Beifall gab es vom Publikum für dieses emotionsreiche, liebenswert aufregende Wiedersehen mit den König`s von Elbflorenz.

Text (lv)

http://www.comoedie-dresden.de

„Lolas Vermächtnis“ – Für meine Fellmusen

Hervorgehoben


Innige Verbindung: Lilli Vostry, meinwortgarten-Inhaberin und freie Journalistin, mit ihrer ersten Katze Lola, die sie achtzehn Jahre durchs Leben begleitete und von der sie viel über die ganz eigene Art die Welt zu sehen der wundervollen, felligen Wesen lernte.

Sanft, aufgeweckter Stauneblick, voller Eigensinn und Lebensfreude & unzertrennlich: Die gemeinsame Zeit mit Lina & Jade dauerte leider nur drei Jahre. Der plötzliche Verlust der beiden in diesem Jahr schmerzt sehr.

Lolas Vermächtnis

Eine Geschichte über Katzenliebe, Abschied, Erinnerungsplätze im Lichtzimmer und wilde fellige Jungspunde, die alles umkrempeln und ihren Platz im Herzen erobern.

Im Wohnzimmer ist es still. Ein rotes Kerzenglas, auf dem Sterne und Katzen auf einer Mondsichel sitzend zu sehen sind, leuchtet vor Lolas Bild und einem Bild, das Jade und Lina ähnelt. Die beiden tragen eine rote Weihnachtsmütze mit weißem Fellrand und Bommel und Elchhörner auf dem Kopf und umarmen sich. Fantasius Firlefanz sitzt vor ihnen auf dem Schreibtisch, hinter ihm steht eine Möwenfigur umrahmt von wundervollen Federn, lange weiße, weiß-schwarz umrandete, braun-weiß gesprenkelte, seidige und flaumige ragen da auf wie kleine Segel und lassen die Frau immer wieder eintauchen in die unbeschwerte Zeit am Meer. Der kleine Holzvogel, ihr geflügelter Begleiter wundert sich über die Stille. Im Wohnzimmer ist er schon länger allein mit der Frau, die meist nur hereinkommt, wenn die Arbeit ruft und sie am Schreibtisch sitzt. Alles steht immer noch so wie zu der Zeit als Jade und Lina noch bei ihr waren. Die Zweige auf dem Tisch, Kerzenengel, silberne Elche, Papiersterne, ein Hexenräucherhäuschen und ein Schokoweihnachtsmann vom letzten Jahr.

Das Sofa ist leer. Die Decken und Spielsachen der Katzen liegen noch da. Bilder von Lola, Jade und Lina. Im Wintergarten der Blumenkasten mit Pflanzen, Federn, Spielmaus, wo sie gern saßen. Ein Kerzenglas erhellt die Dunkelheit. Vor der Zimmertür im Flur herrscht Trubel. Es raschelt und poltert. „Ist das Knecht Ruprecht, der dort umhergeht und Geschenke versteckt zum bevorstehenden Nikolaustag?“, fragt sich Fantasius. Er weiß nichts von den drei Kätzchen, die dort in der Wohnung herum tollen, am liebsten auf einem großen Karton, in dem der neue Katzenbaum verpackt war. Sie springen auf dem Pappkasten herum wie auf einem Trampolin oder Sprungbrett, rutschen rauf und runter und verstecken sich darin wie in einer Höhle. Reißen Pappfetzen vom Karton ab und verstreuen sie wie bei einer Schnipseljagd.

Die Kätzchen lagern oft vor der Tür und wollen gern hinein in das geheimnisvolle Zimmer, in das die Frau hinein huscht. Schnell, damit die Kleinen nicht auch hinterher rennen. Versucht haben sie es schon. Der weiße Kater schaffte es schon zwei, drei Mal. Er sah sich um, staunte über die vielen, ihm neuen Dinge und die Frau dirigierte ihn mit viel Geduld wieder hinaus. Die Kätzchen dürfen noch nicht ins Wohnzimmer, das auch ihr Arbeitszimmer und Rückzugsort ist. Sie sind kleine, wilde Kobolde, die toben, springen, klettern, alles was ihnen im Weg steht beiseite fegen und umreißen. Blumen, Bilder, Bücher, wenn sie Bällen nachjagen, sie unter Schränken und Regalen suchen und wieder hervorholen wollen. Dann reißen sie alles mit sich, was gerade da steht. Einiges ging schon zu Bruch, Lieblingsteller, Blumentöpfe, am Wäschegestell im Bad hinterließen sie im Stoff ihre Kratzspuren und eine schöne Pflanze, Buntnessel zerrupften sie. Einige Pflänzchen konnte sie gerade noch retten, die in einem Wasserglas stehen und darauf warten, eingepflanzt zu werden im Wohnzimmer. Schon etliche Wertsachen musste die Frau vorsorglich wegstellen, darunter ein schöner, großer Clown, bunt bemalt aus Ton, mit Akkordeon in den Händen, der schon viele Jahre auf dem Bücherregal in der Küche stand und zu ihrem Schreibtisch dort hinsah, nun in einer Schrankecke im Wohnzimmer hinter Glas steht neben den Andenken von den Seeurlauben. Den freien Platz im Regal beanspruchen die Kleinen nun erst recht für sich, in das sie hinein springen, lümmeln und im Bücherregal ein Klettergerüst sehen, an dem sie sich tollkühn Fach für Fach empor hangeln und herunter reißen, was ihnen gefällt als Beute, die dann unbeachtet verstreut am Boden liegen bleibt.

Wenn die Frau ihnen zu lange am Schreibtisch im Wohnzimmer bleibt, sie muss schließlich auch arbeiten und Futter verdienen für die drei Katzen, die felligen Jungspunde sind noch in der Wachstumsphase und fressen wie die Scheunendrescher, machen sie Rabatz im Flur und werfen sich gegen die Tür.
Die Frau holte die Kätzchen im Sommer, Ende Juli von einem Bauernhof. Es sind Geschwister, ein Katzenmädchen und zwei Kater. In die kleine getigerte Minnie Jade verliebte sie sich sofort. Ein flauschiger, grau weißer, der immer vorneweg stürmt und sobald er die Frau sieht ihr auf den Schoß springt und ein weißer Kater mit schwarzen Flecken, der sie ein wenig an Lina erinnert, gehören zu der Rasselbande. Was würden wohl Jade und Lina zu ihnen sagen, die sie völlig unerwartet trotz intensivem Bemühen und tierärztlicher Behandlung in diesem Jahr verlor. Gib ihnen die Zuneigung und Zeit, die du uns auch gegeben hast. Wir hatten es zuerst auch nicht leicht, hört sie die getigerte Jade sagen. Die Frau holte die beiden nach dem Abschied von Lola aus einem Katzenhaus gleich bei ihr um die Ecke. Lola war ihre erste Katze und ihr Seelentier. Achtzehn Jahre an ihrer Seite, saß immer bei ihr, auch wenn sie schrieb, sah ihr vom Sofa aus zu und manchmal saß sie neben ihr, ohne dass die Frau es bemerkte.

Lola war ein Sonnenschein, allerliebst, charmant, schlau, geduldig, gelassen und eigen. Ein Herz und eine Seele waren sie. Nun ist ihre schwarzsamtene Lola eine Sternaugenkatze. Einen Tag vor Nikolaus hielt die Frau sie ein letztes Mal im Arm und Lola gab ihre Pfote zum Abschied. Es war ein Sonnabend, die Sonne schien an diesem Dezembertag unglaublich hell und sanft und jeder Lichtstrahl ist seitdem wie ein Gruß von Lola, verbindet sie weiterhin. Hilft ihr das Schöne weiter zu sehen. Nur zwei Monate hielt die Frau es ohne Katze aus. Im Januar vor drei Jahren zogen zwei neue Katzenmädchen bei ihr ein. Anfangs waren Jade und Lina wild und ihr sehr fremd. Die Frau wusste nichts von ihrem Vorleben und sie verhielten sich ganz anders als Lola. Sie waren ängstlich und scheu und es dauerte lange, bis sie ihr Vertrauen gewann, sie sich zuerst beim Füttern vorsichtig anfassen und streicheln ließen und schließlich von alleine kamen einmal auf den Geschmack gekommen. Manchmal sagte sie sogar Lola zu den neuen Katzen, nachdem sie nach und nach Eigenschaften von ihr bei den beiden entdeckte, sie immer mehr in ihr Herz schloss und sich so auch Lola weiter nahe und mit ihr verbunden fühlte.

Das Wohnzimmer war ihr Lichtzimmer. Vor allem in der letzten Zeit als Lina so krank war und sie zusammen mit Jade Tag und Nacht in der Küche verbrachten, sie nahe bei ihr sein wollte, um schnell zu reagieren im Notfall. Sie lag auf der karierten Picknickdecke auf dem harten Boden nachts und konnte kaum schlafen vor Sorge. Morgens sahen sie zusammen die aufgehende Sonne, atmeten die frische, klare Winterluft vor der Balkontür ein. Die ersten, roten Tulpen blühten vor sich hin und warmes Licht floss die Wände entlang im einsamen Wohnzimmer, das sie nur einen Spalt breit durch die Tür sehen konnte. Jade wollte gleich mit hinein. Die Frau hatte Angst, dass Lina sich unter dem Sofa verkroch und nicht mehr vorkam, da sie nicht mitkommen wollte zu den täglichen Tierarztbesuchen. Eine Woche lang. Eines Nachmittags ließ sie Jade und Lina dennoch ins ersehnte und vertraute Lichtzimmer und in den Wintergarten, wo sie sich auf ihre sonnenreichen Lieblingsplätze legten. Es war das letzte Mal, dass sie beide dort zusammen waren.

Als Lina dann still in der blauen Box saß, saß Jade unruhig davor, schaute zu ihr, streckte und putzte sich ausgiebig die Pfote, lehnte dann ihren Kopf an die Stäbe und es sah aus als ob sie still trauernd für sich Abschied nahm von ihrer Spielgefährtin. Als die Frau dann mit der leeren blauen Box aus der Tierarztpraxis zurückkam, sah Jade sie schweigend fragend an, verstand nicht, wo Lina blieb und die Stille legte sich bedrückend tagelang über sie. Die Frau war nun allein mit Jade wie vorher mit Lola. Sie suchte Lina, die Lücke war immer spürbar. Jade setzte sich auch nicht mehr aufs Sofa, wo die beiden sonst saßen, einschliefen und aufwachten. Später lag sie auf Linas Platz auf dem Sofa und sprang hin und wieder auch auf den Schoß der Frau, was sie vorher nie tat. Drei Monate nach dem schmerzlichen Verlust von Lina, vier Jahre war sie alt, verlor die Frau auch noch ihre geliebte Jade, sie war fünf Jahre alt, voller Energie und Lebensfreude. Bei einer Routineuntersuchung entdeckte die Tierärztin zwei entzündete Zähne bei ihr, die unbedingt raus sollten. Nach der Zahn-OP, bei der ihr unter Narkose schließlich neun Zähne gezogen wurden, erlitt Jade in der Aufwachphase plötzlich einen Herzstillstand. Ursache konnte ihr die operierende Tierärztin keine nennen.

„Warum lässt du die neuen Kätzchen nicht zu uns ins Wohnzimmer?“, fragt Fantasius Firlefanz die Frau. Der sich oft alleine fühlt und die fröhlich umhertollenden Katzenmädchen sehr vermisst. Es stehen so viele Sachen dort, die ihr lieb und teuer sind, die die Kätzchen umreißen würden, erwidert sie. Sie müssen erst lernen, Dinge an ihrem Platz stehen zu lassen. Lola ließ ihre Sachen sein, nie musste die Frau etwas verbergen vor ihr. Nie ging etwas entzwei. Sie verstand wie von selbst, kletterte und balancierte auf Fensterbrettern schon im jungen Alter elegant um die Blumentöpfe herum, schnupperte an Blumen, ohne die Blüten abzureißen. An den Decken auf dem Sofa sind noch der Duft und Fellhaare von Jade und Lina. Im Wintergarten im Blumenkasten die Andenken an die beiden. Die Frau hat Angst davor, dass all diese sichtbaren Plätze der Erinnerung, mit ihnen die Präsenz von Jade und Lina auch noch verloren gehen, wenn die kleinen Katzen hereinkommen und darüber herfallen, alles als Abenteuerspielplatz betrachten und sich nicht im geringsten darum scheren, dass sie alles durcheinander wirbeln und es der Frau weh ums Herz dabei ist. Sie erträgt es nicht, wenn alle Spuren fort sind von Lola, Jade und Lina eines Tages und es ihr vorkäme, als ob die geliebten Katzen nie dagewesen wären.

Die Frau ist hin und her gerissen. Sie möchte einerseits das Wohnzimmer und den Wintergarten öffnen für die neuen Kätzchen, damit wieder Leben einzieht und es nicht so einsam und verlassen in diesen schönen Räumen ist, in denen sie so glücklich war. Lola, Jade und Lina sollen jedoch auch weiterhin ihre Plätze hier haben, damit die Frau sie weiter spüren, ihnen nahe sein kann. “Eine schöne Idee“, findet Fantasius Firlefanz. Vielleicht fühlen sie sich dann auch weniger allein. Sicher würde es ihnen auch gefallen, wenn ihre Plätze nicht die ganze Zeit leer bleiben. Das wäre auf Dauer zu traurig. Lola, Jade und Lina waren ja auch sehr aufgeweckte, neugierige, lebensfrohe und eigensinnige Wesen. „Genau deswegen liebst du sie doch so sehr“, sagt Fantasius. Und auf diese Weise wollen wir vor allem an sie denken und sie im Herzen behalten. Indem wir ihre ansteckende Energie, Sanftmut, Keckheit, Charme und Lebensfreude weiter leben, ehren wir sie am besten, unsere liebsten drei Fellmusen. Sie werden immer bei uns sein, uns darin erinnern, auf unser Herz zu hören und die Eigenart der Katzen zu sehen und verstehen zu lernen.

Fantasius` Augen glänzen, als er die Worte sagt, wie die helle Perle und die winzigen Glitzerpunkte auf seiner Kappe, bekrönt mit stolzer Feder. Die Frau ist gerührt, wie sehr er doch ihre geheimsten Gedanken und Wünsche kennt. Und sie immer wieder aufs Neue beflügelt. Innerlich zögert sie noch etwas. Sie weiß, nichts wird mehr wie vorher sein, wenn sie das Wohnzimmer und die Welt von Lola, Jade und Lina und ihre eigene bald für die drei wilden kleinen Kobolde öffnet. Doch es wird anders schön und voller Leben mit ihnen sein.

Text + Fotos: Lilli Vostry

(Am 5.12.2024 geschrieben, am Tag des 4. Jahresgedenkens an meine geliebte erste Katze Lola. Und In Erinnerung an meine geliebten Fellmusen Jade & Lina, die ich dieses Jahr tragisch verlor.)

Geliebte Fellmusen: Jade & Lina

Wenn Euch mein Text gefallen hat und Ihr mir helfen wollt, die immens hohen Tierarztkosten für die ZahnOP von Jade zu tragen, die anfallen obwohl sie es nicht überlebte, könnt Ihr eine Spende auf mein Konto bei der Deutschen Bank überweisen: IBAN: DE88 8707 00240525 231700

Herzlichen Dank!
Lilli Vostry


Jade am Abend vor der ZahnOP Ende Mai 2024.

 

Atelierbesuch bei Anne Kern in Wehlen, Sächsische Schweiz


Verlassene Orte im Schwebezustand zwischen Verfall und Veränderung holt die Wehlener Künstlerin Anne Kern faszinierend, farb- und spannungsreich auf die Leinwände. Hier ihre neue Bilderserie „Lost Places“.

Spurenreiche Landschaften aus der Kernzone

Faszinierende Fels- und Wasserspiegelungen, Steinbrüche und verlassene Orte im Schwebezustand von Verfall und Wandel holt die Wehlener Künstlerin Anne Kern ausdrucksstark ins Blickfeld ihrer Bilder. Am 1. Dezember, von 11 bis 18 Uhr lädt sie zum offenen Ateliertag Besucher zum Bilder-Spaziergang ein.

In sandigen Farbtönen, die im Sonnenlicht pulsieren, recken sich Felsen neben ockerfarbenen und weiß leuchtenden Steintreppen wie Himmelsleitern. Es scheint als verneigten sich Fels und Wasser voreinander. Kantige, starre und weiche Formen verfließen im Wechselspiel der Farben, von Licht und Schatten. Felslandschaften, Spiegelungen von Gestein im Wasser, „gekippte Landschaften“ nennt sie diese, Steinbrüche und verlassene Orte ziehen die Künstlerin Anne Kern magisch an. Eine neue Bilderserie mit dem Titel „Lost Places“ (übers.: Verlassene Orte) füllt in kleinen und größeren Formaten eine Wand in ihrem Atelier- und Wohnhaus in Wehlen, Sächsische Schweiz.

Grau verwaschene Häuser, die Gesteinsquadern ähneln, blasslila verfroren mit dunklen Fenstern und zerbrochenen Scheiben sieht man da auf den Leinwänden, umstanden von hohen wie stützenden Stäben oder dünnen Baumstämmen. Im Schwebezustand zwischen Verfall, Chaos, Rissen im Mauerwerk, eingestürztem Dach und heraus brechendem Gebälk der alten Steinarbeitshütten und ehemaligen Ateliers im Steinbruch Dorf Wehlen wirken sie in den Bildern von Anne Kern wie herausgerissen aus der Zeit und mit ihrer Zurückeroberung durch die Natur und Veränderungen auch wie eine Metapher auf gegenwärtige Zustände, Auf- und Umbrüche in der Gesellschaft. Es sind auch einige farbige Bilder mit rot lodernden Farbflächen als Kontrast zu den erdigen und lichtvollen grünen Tönen rings um die Hütten mit morschen Holzbalkendächern zu sehen. Es wurde dort auch schon eingebrochen und einiges abgebrannt, so die Künstlerin.

„Das Rot sehe ich als Feuer auch der Transformation, in Neues verwandelt.“ Ihre Bilder gehen den Spuren dieser ehemals lebendigen Orte und ihrer Geschichten nach. „Es sind kleine, einstige Wirtschaftsgebäude von Steinarbeitern und Ateliers, in denen bekannte Künstler wie Robert Sterl, Pol Cassel und Elfriede Lohse-Wächter in den 20er und 30er Jahren im Sommer weilten und malten im Steinbruch Wehlen“, erzählt Anne Kern. „Es ist ein Stück Zeitgeschichte, man spürt den Geist und das menschliche Tun der damaligen Zeit noch, kann noch mal eintauchen in die Relikte der Vergangenheit.“

Die Natur holt sich Terrain zurück, lässt neues Leben entstehen, im Mauergebälk wachsen Birken und Blumen, zeigen die Bilder ebenso wie die Endlichkeit des Lebens. „Es geht auch um das Zerbrechliche, Fragile. Alles hat seine Zeit. Jeder Mensch hinterlässt auch Spuren wie hier, durch diese Häuser und Orte der Steinbrecherarbeiter und Künstler.“ Für Anne Kern ist der Wehlener Steinbruch deshalb eine besondere, erhaltenswerte Kulturlandschaft. „Doch es ist nichts Vorzeigbares, das hat eher einen morbiden, rauen Charme.“

Anne Kern hat im Frühjahr dort begonnen mit ihrer Bilderserie „Lost Places“. Weitere Bilder entstanden im Herbst. Am Reformationstag malte sie auch in der Pol Cassel-Ruine im Steinbruch. „Alle die vorbeikamen waren begeistert von dem alten Steinhausensemble“, sagt Anne Kern. Sie staunte selbst wie bekannt der Steinbrecherpfad mit Gedenktafel und Ausschilderung inzwischen bei Wandereren, Einheimischen wie Touristen ist. Beginnend am Elbradweg in Stadt Wehlen, führt er am Steinbruch in Dorf Wehlen entlang zum Ort Zeichen bis nach Pirna. Den Steinbrecherpfad hat Andreas Bartsch eingerichtet in Privatinitiative aus Faszination an der Natur und Kulturhistorie dieses Ortes.

Doch allein, ohne finanzielle Förderung sei es nicht zu schaffen, das verfallene Areal kulturell wiederzubeleben. Außerdem findet Anne Kern ihre bevorzugten Malmotive markanter Felsformationen im Lohmener Steinbruch und in den Granitsteinbrüchen der Lausitz. Sie malt am liebsten draußen vor der Natur. „Mit der Landschaftsmalerei fühle ich mich sehr verbunden“, sagt Anne Kern. Sie kennt und liebt die Felsen und Wege in der Sächsischen Schweiz seit ihrer Kindheit. Anne Kern wurde 1981 in Dresden geboren und mit vier Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Wehlen. „Wir wohnten auf einem Felsengrundstück bei den Großeltern mit parkähnlichem Garten und hohen alten Bäumen. Es war ein kleines Paradies zumindest von der Natur her und wir waren viel wandern.“ Als Jugendliche war Anne Kern mit einer Gruppe Bergsteigern oft klettern. Dieses Draußensein und Erlebnis am Felsen, ein bisschen Abenteuerlust und Experiment, ließen sie nicht mehr los und in ihr Skizzenbuch zeichnete sie fasziniert davon den Fels und und seine vielfältigen Strukturen. Anne Kerner besuchte die Zeichenschule bei dem Maler, Grafiker und Plastiker Klaus Drechsler in Pirna, studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig in der Fachklasse bei Prof. Annette Schröter und wohnt und arbeitet seit 2009 als freischaffende Künstlerin in Stadt Wehlen.

Ihr Atelierhaus Schöne Aussicht 14 steht auf einer Anhöhe mit Blick auf Wald und die Felslandschaft. Die Fähre fährt hinüber. Fast menschenleer, nebelverhangen traumversunken ist der Urlauberort um diese Jahreszeit. In dem vorher leer stehenden Atelierhaus, das in den 30er Jahren der Maler Willy Illmer als Sommersitz erbauen ließ, wohnt nun Anne Kern mit ihrem 13-jährigen Sohn und hat es zusammen mit ihrem Mann saniert und wieder zum Leben erweckt.
“Kernzone“ steht auf einem Aufkleber an ihrer Ateliertür im Erdgeschoss. „So wird das Herz, der am meisten geschützte Teil im Nationalpark Sächsische Schweiz genannt“, erklärt die Künstlerin. Da sie viel dort unterwegs ist und malt, hieß auch der Bildtitel ihrer Diplomarbeit an der Hochschule: „Landschaftsbilder aus der Kernzone“ und ist seitdem ein geflügeltes Wort und Markenzeichen ihrer Kunst.

In ihren Bilderlandschaften wandern können Besucher beim offenen Ateliertag bei Anne Kern zum ersten Advent am 1. Dezember, von 11 bis 18 Uhr.

Im Frühjahr will sie eine Ausstellung mit ihren Fels-Bildern in der Pol Cassel-Ruine im Wehlener Steinbruch zeigen. Vielleicht zieht das weitere künstlerische Aktionen und kreative Nutzer im Gelände nach sich. Ihre nächste Ausstellung ist ab 6. April nächsten Jahres im Schloss Königshain in der Lausitz zu sehen.

Text + Fotos (lv)

http://www.anne-kern.de

Premiere „Die Weihnachtsgans Auguste“ im Boulevardtheater Dresden


Fröhlich-vergnügt, Flügel schlagend watschelt die Weihnachtsgans Auguste (in der Titelrolle Stefanie Bock) in ihrem neuen Zuhause umher und erobert die Herzen aller. Nichts ahnend, dass der Hausherr Luitpold Löwenhaupt (Michael Kuhn) sie zum Fressen gern hat. Fotos: Michael Schmidt

Zauberhafte Geschichte mit echten Gänsen und viel Herz statt Bratröhre!

Herzergreifend, humorvoll und mit viel Schwung kam die bekannte Geschichte „Die Weihnachtsgans Auguste“ frei nach Friedrich Wolf als musikalische Familienkomödie auf die Bühne im Boulevardtheater Dresden.

Sie ist schneeweiß, reckt neugierig ihren Kopf und Hals aus der Holzkiste und wundert sich gar sehr, wo sie gelandet ist. Das Wohnzimmer der Familie Löwenhaupt ist schon feierlich geschmückt. Alle sind voller Vorfreude auf das schönste Fest im Jahr. Doch dann bricht der Streit los um den Festbraten, aufgeregtes Schnattern ertönt und es kullern Tränen. Was nun? Die bekannte Geschichte „Die Weihnachtsgans Auguste“ erlebte frei nach Friedrich Wolf als musikalische Familienkomödie (Buch: Kenny Friedmann, Musik: Andreas Goldmann) ihre Premiere vergangene Woche am Sonntagnachmittag im Boulevardtheater Dresden.

Während die Kinder bei der Chorpobe mit Theo Schreyer, dem Chorleiter (heiter-gelassen: Andreas Goldmann) für das Weihnachtskonzert sind und mit Hingabe das Lied „Sind die Lichter angezündet“ gemeinsam mit dem Publikum singen,  genießt Mutter Gerlinde Löwenhaupt (liebevoll-energiegeladen: Henriette Fee Grützner) einen Moment Ruhe auf dem Sofa. Das Hausmädchen Theres, genannt Resi (Sammy Szkopiak) wirbelt fröhlich singend umher, träumt von einer Karriere als Sängerin und wünscht sich ein „Einhorn oder die wahre Liebe zu Weihnachten.“ Vater Luitpold Löwenhaupt, ein leidenschaftlicher Kammersänger, Lebemann und Genießer (reichlich schräg: Michael Kuhn) bringt überraschend eine lebende Gans mit nach Hause. Während er durch den Zuschauersaal gehend die Arie des Vogelfängers Papageno aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ inbrünstig singt, die Gans im Arm trägt, herzt und streichelt, sie zum Fressen gern hat, schwelgt er schon in Vorfreude auf den knusprigen Festbraten mit Thüringer Klößen und Rotkraut.

In „Gudruns Gänsehof“ hat er die Qual der Wahl, die dicke Gänsefrau – auch von Andreas Goldmann gespielt – gibt ihm forsch eine von den dreien, die auf der Bühne im Gras scharren. Und just in dem Moment als sie sagt: „Schmecken lassen!“ schnattert, protestiert die Gans laut. Die Freude der Kinder, Peterle (wissbegierig, mitfühlend-beschützend: Elia) und Elli (cool-aufgeregt: Ella) ist groß beim Anblick des wundervollen, sanftmütigen Tiers und es zieht bei ihnen im Kinderzimmer ein. Die Mutter und das Hausmädchen sehen es mit gemischten Gefühlen. Wer soll das bezaubernde Tier dann rupfen, schlachten und zubereiten als Weihnachtsbraten? Und was sagt man den Kindern?!

Davon erzählt herzergreifend, humorvoll, mit viel Musik und Schwung, abwechselnd lustigen, traurigen und anrührend komischen Szenen diese bezaubernde Inszenierung in der Regie von Olaf Becker. Es erklingen altbekannte und neue Weihnachtslieder und stimmen auf das Fest der Liebe und Hoffnung ein. Besonders schön und berührend: Es sind auch echte Gänse und echte Kinder, mal still und vergnügt schnatternd und gaaanz liebevoll miteinander umgehend zu erleben. Als aufgeweckt-arglose Gans Auguste, die auch das Weihnachtsfest mitfeiern will, erobert Stephanie Bock in der Titelrolle sofort die Herzen aller.

Wie sie immer wieder knapp der knallroten Bratpfanne des Hausherrn in rasant-komischer Verfolgungsjagd und dem Schlachtruf: „Nu pagadi, Federvieh !“ (russ: Na warte, Federvieh!) entkommt. Schließlich gerupft, nackt und frierend dasitzt und die Mutter und Kinder ein weißes Kleid und einen bunten Schal für Auguste stricken, geht einfach nahe. Als die Gans zuletzt auch noch „Papa“ zu ihrem Verfolger sagt, wird es aber auch Peterle „zu kitschig“. Sie sind stolz auf ihre schönste Weihnachtsgans der Welt. Auguste freut sich, dass sie noch eine Weile leben darf und wünscht sich nicht nur zu Weihnachten Freundschaft, Liebe und Respekt auch zwischen Mensch und Tier. Reichlich Beifall gab es für diesen vergnüglichen, besinnlichen und nachdenklichen Theaternachmittag für klein und groß.

Text + Fotos (2) (lv)

http://www.boulevardtheater.de

Während Auguste mit Schlafmittel betäubt ein Nickerchen hält, träumt der Hausherr schon von knusprigem Gänsebraten am Weihnachtsabend.
Vorfreude auf Weihnachten mit der Weihnachtsgans Auguste, die es hoffentlich erleben darf, nicht nur hier auf der Bühne.

Plenair-Ausstellung im Weinbaumuseum Hoflößnitz in Radebeul


Farbenschwelgende Malerei & Wetterlaunen flossen mit ein in die während des Plenairs vor Ort entstandenen Bilder der reizvollen Weinbaulandschaft rings um das Hoflößnitz in Radebeul. Hier Ansichten von Roland Gräfe und von Anita Rempe.

Saftige Trauben unter gelben Blättersegeln

Wetterlaunen mit ihrem wechselnden Licht und Farben flossen in die Bilder von zehn Künstlerinnen und Künstlern ein. Zu sehen sind sie in der Sonderausstellung „Inspiration Hoflößnitz“ zum 100-jährigen Jubiläum des Weinbaumuseums in Radebeul.

Das Graublau des Himmels und gelbes Herbstlaub fließen in schimmernden Goldtönen ineinander am regenassen Treppenaufgang zur Weinterrasse. Die weiße Fassade des Lusthauses spiegelt sich in der Weinflasche im Fenstersims gegenüber. Beeinflusst von Wetterlaunen, ihrer besonderen Stimmung und der Faszination des Ortes angeregt sind die Blicke aus reizvollen und ungewohnten Perspektiven auf eine besondere Kulturlandschaft in der Sonderausstellung „Inspiration Hoflößnitz“ anlässlich 100 Jahre Weinbaumuseum Hoflößnitz, Knohllweg 37, in Radebeul. Insgesamt zehn Künstlerinnen und Künstler aus der Region zeigen dort derzeit ihre Arbeiten und gratulieren zum Jubiläum.

Zu sehen sind farb- und formenreiche Malerei, Aquarelle, Mischtechniken und Kohlezeichnungen auf Papier in der letzten Ausstellung dieses Jahres in den Ausstellungsräumen im Bergverwalterhaus. Die Bilder entstanden rings um die Weinhänge und historischen Gebäude im Areal Hoflößnitz an drei Plenair-Maltagen. Anders als zur Ausstellungseröffnung, die bei sonnigem Bilderbuchwetter mit großer Besucherresonanz stattfand, regnete es an dem Plenair-Wochenende im September fast ununterbrochen. Die ursprüngliche Idee, Künstler von außerhalb einzuladen, die das Hoflößnitz nicht täglich vor Augen haben und ihre Staffelei in der Natur aufstellen können zum Malen, ging leider nicht auf, so Museumsleiter Frank Andert. Er hatte Künstler von der Sächsischen Schweiz bis Diesbar-Seußlitz und aus Radebeuls Partnerstadt St. Ingbert angeschrieben. Doch entweder hatten diese keine Zeit, waren unterwegs oder keine Landschaftsmaler. „Damit die magische Zahl zehn voll wird, haben wir doch noch einige Künstler aus Radebeul angesprochen“, so Andert.

Die Anregung zu diesem Plenair im Hoflößnitz in malerischer Umgebung kam von der Radebeuler Künstlerin Renate Winkler, die letztes Jahr hier ausstellte. Große lila Trauben, die unter gelben Blättersegeln hängen mit Blick auf die  Lößnitzlandschaft und glänzende Rebstöcke von einem Torflügel aus gesehen im Weingut Aust, zeigen zwei Acrylbilder von ihr. Das Plenair veranstaltete die Stiftung Hoflößnitz in Kooperation mit der Roland Gräfe Stiftung in Radebeul, die seit 2014 besteht, Kunst und Kultur fördert und Brücken schlagen möchte mit ihren Projekten auch zu den Nachbarländern Tschechien und Polen. Die Gräfe-Kunststiftung stellte die Leinwände und Malmaterial für die Künstler bereit und lud die Musiker zur Vernissage ein.

„Am ersten Tag haben wir unter Zelten gestanden und gemalt. Das war eine Herausforderung und daher sind die Blicke und Motive ähnlich, da wir in eine Richtung schauten“, sagt Roland Gräfe, selbst Künstler. Das gemeinsame Erleben und der Austausch der Künstler untereinander seien für alle wichtig gewesen. „Wir saßen im Gewölbesaal, haben uns unterhalten über Kunst und Kulturlandschaft und wurden gut versorgt. Alle Beteiligten haben sich sehr wohlgefühlt und fleißig gearbeitet“, so Gräfe. Er ist ein erfahrener Freilichtmaler, der auf Reisen seine Eindrücke und hier im Hoflößnitz seine in kräftigen Farben schwelgenden, impressionistischen Weinberglandschaften zeigt. Künstler sind nicht nur Schönwettermaler, das spiegeln die Werke in dieser Ausstellung beeindruckend. Der Regen und das wechselnde Farb-Licht-Spiel von Wasser, Wolken und Himmel floss in die Bilder ein. Sie erzählen von der Fülle des Lebens in allen Farben, vom Werden, Wachsen und Vergehen, von Licht und Dunkel, Lebensfreude und Melancholie.

Von André Uhlig sind erdig kraftvolle und zarte Federzeichnungen vom Schloss Hoflößnitz und den Weinhängen zu sehen und von seinem Vater Ralf Uhlig in warmen Herbstfarben gehaltene Aquarelle der Lößnitzlandschaft. Jochen Rohde hielt diese in zarten Pastelltönen fest, in der Zeit des Plenairs starb sein Vater. Anita Rempe zeigt zauberhaft farb- und formspielende Blicke auf die Weinhänge, Schloss und Lusthaus. Bettina Zimmermann aus Batzdorf holte Rebstöcke, die der Sonne entgegenstreben und feinnervig, farbschimmernde Weinbätter aufs Papier. Der Landschaftsmaler Jochen Fiedler aus Cunnersdorf in der Sächsischen Schweiz malte nach zehn Jahren erstmals wieder im Hoflößnitz, ein Pastell vom Weinberg Goldener Wagen mit Spitzhaus und die Kastanienbäume auf der Terrasse in ockerfarben flimmendem Licht. Johannes Jakob Wagner aus Dresden zeigt Weinreben in flirrenden Grüntönen vor grauem Himmel und ziegelfarbenen Häuserdächern und einen Blick ins Lößnitztal mit grauem, weitem Nebelhimmel in der Art der Romantikmaler. Das still verträumte Regenbild vom Schloss Hoflößnitz malte Gabi Keil.

Die Plenair-Ausstellung, zu der auch ein Bilder-Katalog erscheint, ist noch bis 1. Dezember im Hoflößnitz Radebeul zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Di bis So 10 bis 18 Uhr

http://www.hofloessnitz.


Inspiration Hoflößnitz: Über die vor malerischer Kulisse entstandenen, stimmungsreichen Arbeiten und die rege Besucherresonanz zur Ausstellungseröffnung freute sich Museumsleiter Frank Andert (Bildmitte).
Kunst & Weingenuss: Peter Pit Müller, selbst ein versierter Plenairmaler, der auch schon im Hoflößnitz ausstellte, betrachtete interessiert die Arbeiten der Künstlerkollegen.

„Drama & Paradies“: Südwinter in Afrika. Eine Reise-Reportage in Bildern von Kirsten Balbig


Die Künstlerin und Autorin Kirsten Balbig aus Dresden reiste allein durch Namibia. Kapstadt, Botswana, Sambia und Simbabwe. Von ihren abenteuerlichen Erlebnissen und Eindrücken erzählt sie in ihrer Diashow im Rahmen der Kulinarischen Weltreise (mit leckerem afrikanischen Drei-Gänge-Menü, all inclusive 30 Euro) am kommenden Sonntag, dem 17. November, um 19 Uhr im Gasthof Hermsdorf. Karten gibt es unter:

http://www.hermsdorfer-gasthof.de/veranstaltungen

Am Donnerstag, dem 28. November, um 19.30 Ihr ist sie mit ihrer Reise-Reportage im Programmkino Ost in Dresden zu erleben:

https://programmkino-ost.de/shows/29649/tickets

Mehr Infos zur Reise von Kirsten Balbig unter diesem Link:
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Romantischer Gruselabend „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ im Tom Pauls Theater Pirna


In eine düster romantische Welt voller Geister, Geheimnisse & Wunderbarem entführen mit Spiel, Gesang und sphärischen Klängen Tom Pauls und die Musiker des Freddie Ommitzsch Studio Ensemble in ihrem Gruselmärchenabend frei nach Grimm im Tom Pauls Theater Pirna. Foto: Siegfried Michael Wagner

Von der Sehnsucht, die Angst zu verlieren

Im romantischen Gruselabend frei nach Grimm wandern Tom Pauls und Ensemble zu düsterkomisch sphärischen Klängen durch die Gefilde des Geheimnisvollen und Magischen in seinem Theater in Pirna.

Es wird kein lustiger Abend, sagt Tom Pauls gleich zu Beginn seines neuen Programms. Schließlich kommen darin Geister, Irrlichter und Untote aller Art vor im Gruselmärchen „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ der Gebrüder Grimm, das mit Pauls und dem Freddie-Ommitzsch-Studio-Ensemble neu erzählt auf die Bühne kam am Mittwochabend im Tom Pauls Theater in Pirna. Vor vollen Rängen zogen der Komödiant und die anderen Darsteller alle Register mit Musik, Gesang und Spiel und ließen dabei nichts aus im Wechsel von Licht und Dunkel, schaurigen Gruseleffekten und romantischen Szenen mit bekannten Volks- und Wanderliedern.

Jedem gruselts vor etwas, dem einen vor seiner Frau oder vor der Regierung in Berlin, so Pauls. Dem anderen vor dem neblig trüben Novemberwetter. „Man sieht und hört nischd mehr!“ Während er aus dem Märchenbuch vorlas und erzählte, steckten seine Söhne Maximilian, Felix und Konstantin Pauls nacheinander, neugierig lauschend die Köpfe durch den roten Vorhang, denen er als sie noch klein waren auch oft Märchen vorlas. Pauls führte als Erzähler und in allen Rollen, mit ernster Miene und schelmisch ironischen Unterton, mal sachlicher, hoher und tiefer Stimme, erschrocken oder Schrecken einjagend, zögernd oder vorpreschend, raunend, zischelnd oder schallend lachend, herzhaft, wehmütig, still und aufbrausend in eine rätselhaft undurchschaubare Welt, die sich mit Seeelenzuständen wie Angst, Tod und Trauer beschäftigt. Das Motiv der Furcht wird variantenreich durchgespielt. Tom Pauls sieht es als Gleichnis für das „angstdurchzogene Lebensgefühl heutiger Menschen.“ Und spürt mit seinem romantischen Gruselbabend frei nach Grimm, neu erzählt von Autor Mario Süßenguth und inszeniert einschließlich Choreografie von Irina Pauls, dem romantischen Lebensgefühl zu Lebzeiten von Caspar David Friedrich nach.

In diesem Jahr seines 250. Geburtstages und inspiriert von Friedrich als herausragendem Maler von Licht und Atmosphäre und als Vorreiter der Moderne, nehmen Pauls und Ensemble dies zum Anlass für eine stimmungsreiche, märchenhaft-musikalische Wanderung in die Gefilde des Geheimnisvollen, Magischen, Wunderbaren, kontrastiert mit der rational nüchternen Suche nach dem unterschwelligen Gefühl der Angst. Da wechseln lyrische, mehrstimmige Männerchöre mit Melodien von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Carl Maria von Weber und sphärische, geisterhafte und moderne Klänge, komponiert von Konstantin Pauls. Am Klavier begleitet und die musikalische Bearbeitung der Chöre hat Benjamin Rietz inne. Tom Pauls trägt ein weißes Hemd und Kniebundhosen wie ein Wanderbursche und fragt sich als Hauptfigur Hans in der Geschichte immer wieder, was es wohl mit dem Gruseln auf sich habe und seufzt laut: „Ach, wenn`s mich nur gruselte!“ Das klingt komisch und traurig zugleich, als wäre dies der Schlüssel zu einer anderen, ihm verborgenen Welt, als lebe er in einer Art Dämmerzustand. Das Getöse, Geister ohne Kopf und Stimmengewirr um ihn herum sieht er, doch es berührt ihn nicht.

Der furchtlose Hans weiß nichts von Leid und Schmerz, das er anderen Lebewesen zufügt, wenn er mit Stöcken Vögel tot schlägt, Katzen peinigt oder Fliegen die Beine ausreißt. Den Pfarrer hält Hans im Dunklen für einen Spitzbuben und stößt ihn die Treppe hinunter. Sein Vater schickt den ungehobelten Taugenichts daraufhin hinaus in die Welt, um das Fürchten zu lernen. In einem verwunschenen Schloss übernachtet Hans drei Nächte lang, erlebt ungerührt allerlei Geisterspuk. Gruslig-komischer Höhepunkt dabei, wie die Männer in dunklen Kutten weiße Totenköpfe halten, hochwerfen, tanzen und damit kegeln zu hämmernden Technoklängen. Als Belohnung für seine Unerschrockenheit erhält Hans die Königstochter.

Mit dem Gruseln ist es wie mit dem Verlieben. Es geschieht einfach oder eben nicht. Auf der Hochzeitsfeier zur Geisterstunde, beim Auftritt einer Kapelle mit Schlagersänger in goldener Glitzerjacke und blondem Haar und seinem geschmachteten „Alles was du willst“ packt Hans plötzlich das Gruseln, hält er sich die Ohren zu mit leidender Miene. Nichts geht über echtes Gefühl, tief aus dem Inneren. Reichlich Applaus gab es für diesen romantischen Gruselabend mit Tom Pauls und Ensemble. Die Vorstellungen gestern und an diesem Freitagabend sind schon ausverkauft. Mit etwas Glück gibt es noch Restkarten an der Abendkasse, die 18.30 Uhr öffnet, sagt Kerstin Kochan vom Tom Pauls-Theater. Ab Mai 2025 steht der Gruselabend dort wieder im Spielplan.

Text + Fotos (3) (lv)

Weitere Spielplan-Infos:
http://www.tom-pauls-theater.de

Unter dem Titel „Wandergefährten“ gibt es zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich auch eine Ausstellung mit Landschafts-Bildern aus seiner Zeit im Tom Pauls Theater in Pirna zu sehen.

Premiere „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen im Schauspielhaus Dresden


Kalter Glanz & Herzen, die zu Eis gefrieren: Die Schneekönigin (Christine Hoppe) entführt Kay (Jakob Fließ) in ihr blendend weißes Reich der Eiseskälte und der Märchenerzähler Hans Christian (Paul Kutzner) bangt mit ihm in der diesjährigen Märchenaufführung zur Weihnachtszeit für kleine und große Zuschauer im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Zauberhafte Reise in eine kalte Glitzerwelt

Vor einem großen Spiegelrund, abwechselnd in warmes und kaltes Licht getaucht, umgeben von spitzen Eissplittern und einer fantasievoll farbenfrohen Figurenschar hatte das Märchen von Hans-Christian Andersen am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden Premiere.

Gerade im schönsten, funkelnden Flockenreigen fliegt die kalte Herrscherin am Fenster vorbei und alles ringsum erstarrt. In ihre Welt aus blendendem, blinkendem Eis entführt „Die Schneekönigin“ in dem bekannten Märchen von Hans Christian Andersen den Jungen Kay und sein Herz gefriert zu einem Eisklumpen. Seine Freundin Gerda macht sich auf die Suche nach ihm und erlebt auf ihrer Reise an den Nordpol viele wundersame und gefährliche Abenteuer. Die Premiere der diesjährigen Märchenaufführung zur Weihnachtszeit für die ganze Familie war am vergangenen Sonnabend im Schauspielhaus Dresden.

Der große dänische Dichter Andersen (Paul Kutzner) begleitet in dunklem Anzug und Regenschirm die Zuschauer mit kindlichem Stauneblick durch die traumhaft geheimnisvolle Märchenwelt in dieser Inszenierung unter Regie von Nora Bussenius. Er taucht auch als gewitzt-kluger Krähenmann und Waldtaube auf, die Gerda den Weg weisen. Gebannt hören die Kinder von der Großmutter (gutmütig-beherzt: Anna-Katharina Muck, die auch als Blumenfrau, Räubermutter und Finnin urkomisch herausragt) die Geschichte von dem Spiegel, der im Gerangel zwischen Engeln und Teufel in unzählige Teile zersplittert vom Himmel auf die Erde fiel und wenn die Splitter in die Augen oder sogar ins Herz der Menschen gelangen, verkehren sich alle guten Eigenschaften ins Gegenteil, treten Hässliches und Böses besonders hervor. So ergeht es auch Kai (sanft und rau: Jakob Fließ, der auch als Prinz und Rose zu sehen ist), der gerade noch scherzte, dass er die Schneekönigin auf den Ofen setzen und schmelzen würde und seine Freundin Gerda liebevoll Huckepack trägt, als die ersten Schneeflocken schweben.

Die Großmutter weigert sich, ihren auch im Winter blühenden Rosenstrauch einem kalten Geschäftsmann (Sven Hönig, der außerdem als Krähendame, Feuerlilie und Waldtaube erheitert) zu verkaufen. Kurz darauf schneidet eine Spiegelscherbe Kay ins Auge und Herz, ist er wie umgewandelt, redet nur noch grob und verächtlich über die Rosen, Gerda und sieht nichts Schönes mehr. Er bindet seinen Schlitten an den großen Schlitten der Schneekönigin und fliegt mit ihr durch die dunkle Winternacht in ihr eisiges Reich. Die Dame im weiß glitzernden Mantel mit Kapuze und spitzer Eiszapfenkrone (kühl-arrogant mit unnahbar hallender Stimme: Christine Hoppe) küsst Kay auf die Stirn. Nun friert und fühlt er nichts mehr. Das Bühnenbild ist karg und modern gestaltet. Als Spielfläche dient ein großer Erdkreis in der Bühnenmitte, der mal in sonnigen, frühlingshaften und winterlichen Farben leuchtet und mal die Nordlichter. Dahinter kreisen wie in einem Spiegel mal die Schwalben und mal schattenhafte Nachtgestalten in Videobildern (Gary Hurst).

Ringsherum ragen große, spiegelglatte Eissplitter, die das Reich der Eiskönigin umgeben. Die Schauspieler spielen und singen fast durchweg in mehreren Rollen und bezaubern mit wandlungsreicher Spielfreude, mal lustigen, komischen und traurigen Szenen, zauberhaften Klängen und abwechselnd weißen und farbenfroh fantasievollen Kostümen. Gerda (aufgeweckt und mutig: Pauline Georgieva, Studentin vom Schauspielstudio Dresden) zieht allein und Hand in Hand mit ihrem Spiegelbild (Gisela de Paz Solvas) los, um Kay wiederzufinden und begegnet auf ihrer Reise vielen illustren Menschen und Tieren, die ihr weiterhelfen, wie die sprechenden Blumen, das flippige Prinzenpaar schenkt eine Kutsche, das aufmüpfige und gutmütige Räubermädchen (Kaya Loewe) gibt Gerda ihr liebes, altes Rentier Bä (anrührend: Thomas Eisen) als Reisebegleiter mit nach Lappland.

Wundervoll die Szene wie er als silbergraues Rentier mit stattlichem Geweih glücklich über die lang ersehnte Freiheit hoch am Sternenhimmel schwebt gemeinam mit Gerda. Sie findet Kai im Eispalast, der gerade dabei ist aus Eisstücken das Wort der Worte zusammenzusetzen. Dann will die Schneekönigin ihm die ganze Welt und neue Schlittschuhe schenken. Doch erst Gerdas Tränen tauen sein kaltes Herz wieder auf und er wundert sich wie er es in dieser Kälte ausgehalten hat. Herzlichen Beifall und viele Bravos gab es für diese zauberhafte Geschichte über Liebe, Mitgefühl und Verbundenheit zwischen Menschen und Natur, die stärker sind als kalter Glanz und Gleichgültigkeit auf der Welt.

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http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Eröffnungsgala: 39. Internationale Pantomime Festival Dresden


Mit oder ohne rote Nase. Die Pantomime-Kunst hat immer noch viele Fans von jung bis älter, die in vielen Spielarten wieder zu erleben ist beim, diesjährigen Internationalen Pantomime Festival in Dresden.


Wenn einem der Blätterwald & Nachrichtenflut über den Kopf wächst. Davon erzählt einfallsreich und komisch das Stück „News“  der 044 Mime Company aus der Ukraine.
Romantische Begegnung voller Reiz & Widersprüche, Licht und Schatten: das Mime-Paar Mangano-Massip beeindruckte wieder mit bilderreichem, vieldeutigen Körpertheater. Die Szenen entstanden zusammen mit Workshop-Teinehmern beim Pantomime-Festival.

Absurd-abgründige Pantomime zeigten Akteure vom Mimenstudio Dresden in Szenen aus Kafkas „Der Prozess“.

Von der Kunst, Geschichten mit dem Körper zu erzählen

Mit vielsagender Mimik, Gestik und Körpersprache faszinieren, begeistern, berühren und regen sie ihr Publikum zum Nachdenken an – Mimekünstler aus Tschechien, der Ukraine, Russland und Deutschland sind dabei an diesem Wochenende beim 39. Internationalen Pantomime Festival Dresden. Die Eröffnungsgala war vor vollen Rängen am Mittwochabend im Theaterhaus Rudi in Dresden-Pieschen.

Ein Mann steht auf der Bühne, sieht sich verstohlen nach allen Seiten um, nach oben und unten. Als stünde da noch mehr oder anderes als in der Zeitung, die er in den Händen hält. Eine Frau kommt dazu und liest bei ihm mit. Ein Mann im karierten Jackett liest und lacht schallend. Worüber? Über Lustiges oder Unglaubliches?
Lachen ist ansteckend, egal worum es geht. Und die Mimik und Reaktionen des Lesers sagen viel über das Gelesene. Da bewegen und kämpfen sich die drei Pantomimen mit den Zeitungsseiten durch einen schier endlosen Nachrichtendschungel, den sie wie ein langes Band hinter sich herziehen, vor den Kopf halten, darin vergraben, sich verknäulen. Die Welt der täglichen Nachrichtenflut und welche Auswirkungen sie auf uns hat, zeigten mit Szenen aus ihrem Stück „News“ eindrucksvoll, einfallsreich, überaus komisch und vieldeutig die Pantomimen der „044 Mime Company“ aus der Ukraine und derzeit in den Niederlanden lebend bei  der Eröffnungsgala des 39.  Internationalen Pantomime Festival Dresden am Mittwochabend im Theaterhaus Rudi, Fechnerstraße 2a im Stadtteil Pieschen. Der Zuschauerraum war erfreulich voll.

Zu erleben waren Ausschnitte aus den Vorstellungen mit den Mimekünstlern aus der Ukraine, Tschechien, Russland und Deutschland, die noch bis Sonntag zu erleben sind. Die Kunst der Stille, wie Marcel Marceau, einer der großen Mimekünstler aus Frankreich, die Pantomimekunst einmal nannte, mit der er die Menschen in der Tiefe ihrer Seele berühren wollte und dies bis zu seinem Lebensende wundervoll tat, fasziniert bis heute das Publikum. In aller Bandbreite von klassischer Pantomime, Körpertheater bis Ausdruckstanz, Clownerie und Slapstick kam sie auf die Bühne am Eröffnungsabend und während des Festivals, so dass kleine wie große Zuschauer ihre Freude daran haben. Das Pantomime-Paar Sarah Mangano und Pierre-Yves Massip aus Frankreich aus der Schule von Marcel Marceau, die ihn noch persönlich kannten, waren vor zwei Jahren erstmals beim Pantomime-Festival in Dresden und beeindruckten auch diesmal wieder mit ihrer Performance. Sie zeigten Szenen aus einem Workshop-Wochenende mit Anfängern und Fortgeschrittenen, die sich in der Kunst ohne Worte ausprobieren konnten.

Mangano-Massip arbeiten mit der „Dramatik der Bewegungen, die unser tägliches Leben mit allen Höhen und Tiefen widerspiegeln.“  Vor einer leuchtenden Laterne, an der eine gelbe Jacke hängt, steht eine Frau im blauen Kleid, legt ihre Hand ins Gesicht als suche sie Halt und setzt sich auf eine Bank. Ein Mann liegt darunter. Beide liegen und bewegen sich auf und unter der Bank entlang synchron zu leise, traumhaften Klängen. Bald sitzt er bei ihr, hinter ihr. In mal ruhigen, versunkenen und innigen, mal aufspringenden, spannungsvollen Bewegungen und Gesten im Wechsel von leisen und schnellen, rythmischen Klängen zeigten sie ein Liebespaar zwischen Gehen und Bleiben, Nähe, Zärtlichkeit, Halten und Freisein und bekamen viel Beifall für ihrer berührende, ausdrucksreiche Momentaufnahme einer Beziehung.

Mit einer Szene aus Kafkas „Der Prozess“ überraschten und begeisterten die gastgebenden Akteure des Mimenstudio Dresden e.V. unter der Leitung von Pantomime-Urgestein Ralf Herzog. Die Hälfte der Gruppe ist erst wenige Wochen dabei. Geprobt wird immer dienstags 19 Uhr. Neue Mitakteure sind dem Mimenstdudio Dresden willkommen, warb Michael Meinel, selbst begeisterter Mime und Mitorganisator des Pantomime-Festivals. Sechs Darsteller in schwarzen Sachen agieren mit monotonen, gleichförmigen Bewegungen, lassen sich umher dirigieren von einem Anführer zu mal leisen, mal rockigen, düsteren und unheimlichen Klängen und fallen um wie in einem dunklen Traum. Viel Beifall bekamen sie für ihr kafkaeskes Spiel.

Die Mimekünstlerin Aneta Alexsandra Anisimova aus der Ukraine erzählte emotionsreich fesselnd und bewegend, verletzlich und kraftvoll ihre eigene Geschichte, von ihrer Hin und Hergerissenheit ausgelöst durch den Krieg, ihr Land, Familie und den Liebsten zu verlassen und in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Ihr Stück „Peace inside us“, das fragt wie man die Lebenskraft bewahren kann in einer Zeit wie dieser und die innere Welt heilt, ist am Sonntag, dem 10.11., 10 Uhr in einer Doppelvorstellung mit „News“ der 044 Mime Company im Theaterhaus Rudi zu sehen. Mit Kaffee & Kuchen und der Möglichkeit zum Gespräch mit den Mimekünstlern nach der Vorstellung. Heute am Sa., 9.11.,18 Uhr kommt „Kuku“, eine witzig-skurrile Geschichte über einen Kuckuck und den Kuckucksuhrbesitzer als Familienvorstellung auf die Bühne. Zum Ausklang des Festivals am Sonntag, 18 Uhr hat die Performance „Durch den Spiegel“, die das DerevoArtHouse präsentiert nach fünf Tagen intensiver Proben mit internationalen Teilnehmern des Creative Lab mit Anton Adasinskiy,  Premiere im Theaterhaus Rudi.
Im Foyer dort ist auch eine interessante Ausstellung zur Geschichte der Pantomime in Europa mit Schautafeln in Wort und Bild zu sehen. Erinnert wird auch an das Schaffen des in diesem Jahr verstorbenen Mimekünstlers Nils-Zdenek Kühn. Er war 37 Jahre lang Schulleiter der ETAGE Schule für Darstellende Künste, Fine Arts e.V. in Berlin und Leiter der Abteilung Pantomime und Körpertheater. Im Jahr 2013 war er Gründungsmitglied der FEM – Federation of European Mime. Außerdem wird in der Ausstellung der „Pantomimevater Dresdens“ Ralf Herzog mit seinem Wirken gewürdig, der die Mimekultur in Dresen aufbaute, 1982 das Pantomime-Festival in Dresden gründete zusammen mit Rainer Petrovsky, 1992 die Mimenbühne Dresden gründete und 1999 den Verein Mimenstudio Dresden e.V. als deren Träger. Für seine Verdienste wurde Ralf Herzog bei der Eröffnungsgala des diesjährigen Pantomime-Festivals mit den „Golden Hands“, goldenen Handschuhen, dem Special WMO Award der weltweiten Mimen-Organisation ausgezeichnet. Er kann auf 45 Jahre Bühnenarbeit zurückblicken und denkt noch nicht ans Aufhören.

Text + Fotos (lv)

http://www.mimedresden.de

Pantomime-Urgestein, Künstler, Festival-Gründer, Ausbilder, Mimograf, Regisseur & langjähriger künstlerischer Leiter des Ensembles „Mimenbühne Dresden“ von 1992 bis 2018: Ralf Herzog (1952 in Dresden geboren) zeigt die Ehrenurkunde und seine Auszeichnung „Golden Hands“ bei der Eröffnungsgala des 39. Internationalen Pantomime Festivals in Dresden. Durch das Programm führte Michael Meinel vom Mimenstudio Dresden.

Neue Lyrik zur HerbstZeit: Trauben & In neuem Licht & Zauberwesen

Trauben

Dunkles Tiefblau schimmernd wie Nachtseide
stößt an Rotviolett daran hängt noch der Glanz
und Duft des Sommers
schwelgend raunen sie mir aus dem Karton zu:
Greif zu!
kitzeln meine Sinne verführen
und verschließen mir den Mund
mit wohlig würziger Süße
Bitternis verrinnt
Es sind weniger Trauben dieses Jahr
nur ein Drittel der sonstigen Ernte
sagst Du die anderen erfroren nach der Wärme
der Kälteschock im Frühjahr
einhundertjährige Reben die am Haus Spalier stehen
und die Nachzügler auf dem Dach der Werkstatt mit
den sich im Wind drehenden Monden
sah hinterm Weinlaub die grünen Beeren wie sie
wuchsen blau sich ins Wachstum vertieften alle
Widrigkeiten hinter sich ließen
in vollen Reben wie Perlen an einer Schnur
jede einzelne ein Wunder
in reifer Fülle strahlen sie mich nun an
wie Du der sie mir schenkte
mir scheint die Trauben werden gar nicht weniger
sie wiegen leicht und schwer
einige winzig und runzlig wie Rosinen
liegen bei den anderen süß saftig und prall rund
wie ein langes gutes Leben

LV
21.10.2024

In neuem Licht

Der Himmel flammt auf
in Goldtönen Rot und Violett
spiegeln sich im Fluss
dahinter dunkle Baumumrisse
blättrige Gesellen am Ufer
tasten und tanzen im Schattenlicht
bangte davor dass es erlischt
zu Samhain vor einem Jahr
nach dem Flimmern den Lichtblitzen
im Dunkeln die Schockdiagnose
die Netzhaut löste sich zur Hälfte
von einem Auge schon am nächsten Tag
OP brannte tagelang ins Sonnenlicht zu sehen
wieder eintauchen in die lichten Farbschwünge
die sich im Blau ausbreiten wie Flügel
endlos weit
ein Junge steigt mit einer Mondlaterne auf
die Ufermauer
von der Seite ein klirrendes Geräusch
eine schwarze Gestalt nähert sich
mit weißem Grinseschädel der Sensenmann
läuft an mir vorbei
stützt sich auf sein blitzendes Schwert
jeder Schritt ein Aufschlag
wie ein Herzschlag
vor einer Haustür leuchtet mit breitem Lachen
ein Kürbiskopf

LV
31.10.2024

Zauberwesen

Sie rühren sich nicht
von der Stelle
sehen still vor sich hin
lächeln verzückt milde
traurig oder verwegen
staunend fragen ihre Blicke
Bin ich noch am Leben
Wie auf ein geheimes Zeichen hin
wie von Zauberhand bewegt
aus einem Traum entstiegen
einer anderen Zeit
zwischen Gestern und Morgen
Tag und Nacht
vergessen sie die Fäden
an denen sie hängen
regen ihre Glieder
die in dunklen Kleidern und Anzügen
stecken elegant und vornehm ihr Auftreten
kokett zierlich zurückhaltend ergeben
versponnen oder pikiert
einige tragen spitze Hüte
einer spitze Ohren ein anderer eine
Herznase
in weißen und verwitterten Gesichtern
leuchten Augen auf rollen lebhaft hin
und her
sehen sich an und um im
Raum halb Salon und Rumpelkammer
brennende Kerzen Kürbisse morsche Äste
und dunkle Rosenblätter
Geisterhaft wiegen sie im Takt zu
zauberhaften Klängen
alle halten etwas in den Händen manche
wie Krallen
kleine Figuren an Fäden
zappelndes Getier
Gezweig und lange Stäbe
alle scheinen auf etwas zu warten
das sie losreißt
ein paar Jungen nehmen Reißaus in
großen Sprüngen in Zeitlupe als könnten
sie die Zeit anhalten oder ihr entfliehen
dem Zauber des Zerfalls der
Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit
entgehen
Stumm schreiend hält ein Mann ein
zuckendes Etwas wie ein Herz in der Hand
im blutigen Mund

LV
31.10.2024

Alle Texte + Fotos: Lilli Vostry

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