Fotos: Josefine Lippmann

Ein Leben zwischen zwei Welten

Wie aus Bernd Romy wurde, zeigt eine Fotoserie von Josefine Lippmann in der Ausstellung „Radebeuler Künstler – heute“ in der Stadtgalerie Radebeul. Freimütig erzählt sie vom Ende eines Versteckspiels.

Ein Bild zeigt eine Frau, die sich vor dem Spiegel schminkt. Mit Wimperntusche, Lippenstift, rotem Nagellack. Vorher Rasierschaum im Gesicht. Auf einem anderen Bild steht sie unter der Dusche noch als Mann. Das Passbild im Ausweis, auf dem er mit halblangem, lockigem Haar und Schnauzbart zu sehen ist. Im Krankenhaus mit Verband um den Körper. Und zuhause auf dem Sofa sitzend, mit BH und Feinstrumpfhosen selbstbewusst in die Kamera lächelnd. Die Fotoserie „Romy“ erzählt davon, wie aus Bernd Romy wurde. Vorher war sie eine Frau, gefangen im Körper eines Mannes.

Die Fotografin Josefine Lippmann begleitete sie bei ihrer freien Entfaltung nach einem langen Versteckspiel. Ihre ungerahmte, einfühlsame Fotoserie ist zu sehen in der derzeitigen Ausstellung „Radebeuler Künstler – heute“, noch bis 4. März in der Stadtgalerie Radebeul mit abschließender Sonderführung um 16 Uhr. Romy ist eine Transfrau. Viele Jahre führte sie ein Leben zwischen zwei Welten. Wenn sie hinausging und auf Arbeit, war sie ein Mann. Nur in den eigenen vier Wänden war es ihr möglich, ihre starke „weibliche Seite“ auszuleben.

Heute, mit 63 Jahren, will sie endlich so leben wie sie möchte. Josefine Lippmann hat Romy über ihren Vater kennen gelernt, der sie noch als Mann kennt und mit ihm zusammenarbeitete in einem Unternehmen der Halbleiterfertigung in Dresden. Kurz bevor sie dort aufhörte, vertraute sie sich ihm an und erzählte von ihrer anderen Identität. Dass sie als Frau leben will. Sie erzählte Josefine ihre Lebensgeschichte. Sie lebt und studiert in Berlin Fotografie. Die Aufnahmen entstanden im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zum Thema Transgender und Transsexualität. Es ist ihre erste öffentliche fotografische Arbeit. Die Bilder von Romy vor und nach der OP. Sie wollte die Heimlichtuerei nicht mehr. „Ich bin zu dem geworden, was ich immer sein wollte“, sagt Romy im Gespräch. Wir sitzen zusammen mit Josefine Lippmann im Haus ihrer Eltern in Radebeul. Romy sieht elegant und feminin aus in ihrem schwarzen Wollrock und hellem Pullover. Nur die Stimme ist etwas tiefer und die Hände größer.

Das Gefühl, lieber ein Mädchen zu sein, hat sie seit frühester Kindheit. Als Kind spielte sie mit Teddy und Modelleisenbahn. Probierte auch mal mit dreizehn einen Rock aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter an, der ihr viel zu groß war und versteckte ihn im Keller. Die Mutter fand ihn. „Doch es wurde nie darüber gesprochen, und ich traute mich nichts zu sagen. Man hat sich in seine Rolle eingefügt, etwas dargestellt und musste sich verstecken“, erzählt Romy. Sie stammt aus Heidenau, zog später nach Dresden und wohnt seit 2000 in Coswig. Sie hat einen älteren Bruder. Das zweite Kind sollte eigentlich ein Mädchen werden. Romy fühlte sich jedoch innerlich so und litt darunter, dass sie es früher nicht zeigen konnte. Sie zog sich heimlich nachts um, lief auch mal um den Häuserblock herum und jemand erkannte, dass er kein Mädchen war und hinterher hatte er eine dicke Lippe und einen lockeren Zahn, erinnert sich Romy.

Einmal erwischte die Polizei Bernd, als er nachts im Auto in Frauensachen umherfuhr. Er musste aussteigen, stand im grellen Scheinwerferlicht und sollte sich umziehen. Damit war die Welt wieder in Ordnung für die Polizisten. Als junger Mann lernte er Elektromonteur und arbeitete im Bergbau bei der SDAG Wismut in Königstein bis zur Wende. Körperlich schwere Arbeit, um sich nach außen als Mann zu behaupten. „Ich hab mich immer damit getröstet, dass ich als Junge mit Mädchen zusammen sein kann“, sagt Romy. Wenn er eine Freundin hatte, entsorgte er seine Mädchensachen.

Er heiratete, bekam zwei Kinder mit seiner ersten Frau, die sich später trennte, weil er ihr nicht Mann genug war, sagt Romy. Seine zweite Frau, die zwei Kinder in die Ehe mitbrachte, akzeptierte seine Neigung. Sie starb an Krebs. Danach fiel er emotional in ein tiefes Loch. „Manchmal wusste ich nicht mehr, wer bin ich. Immer im Zwiespalt, hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder ,Romy` sterben lassen und als Mann weiterleben oder mich zu meinem Frausein bekennen.“ Bernd machte eine Therapie, entschied sich zur OP. Im Frühjahr 2017 wurde in einer Spezialklinik in München die Geschlechtsanpassung ausgeführt, um das komplette Leben einer Frau führen zu können. Im Ausweis steht ihr neuer Name und als Geschlecht weiblich. Romy besuchte Stammtische und Partys von anderen Transgendern und Gleichgesinnten. Josefine begleitete sie manchmal. Durch einen SZ-Artikel 2003 erfuhr Romy zudem vom Atelier „Changeable“ in Dresden. Ein Treff für Transgender und Transsexuelle, wo man sich schminken und stylen lassen und einen Tag als Frau verbringen kann.

„Mit meinem Projekt zum Thema Transgender und Rollenbilder will ich zeigen, dass es inzwischen eine Vielfalt an Lebensmodellen und sexuellen Ausrichtungen für Männer und Frauen gibt und mehr Geschlechter als zwei“, sagt Josefine Lippmann. Sie wünscht sich mehr Offenheit und Toleranz für Menschen, die anders sind. „Die Welt ist regenbogenbunt“, sagt Romy. Es habe sie noch niemand komisch angesehen. Freunde und frühere Arbeitskollegen akzeptieren sie wie sie ist. Für ihre Kinder sei es zunächst schwer gewesen, wie sie ihren Vater nun ansprechen sollen. Ein Enkelkind hat sie inzwischen. Romy fühlt sich wohl in ihrer Haut jetzt. Manchmal geht sie auch ungeschminkt raus. Eine weitere geschlechtsangleichende OP steht noch bevor. „Ich möchte auch andere ermutigen, zu sich zu stehen und danke allen, die mir geholfen haben auf meinem Weg.“

Text + Fotis (lv)

Öffnungszeiten der Stadtgalerie Radebeul:
Di., Mi, Do., So von 14  – 18 Uhr

Advertisements