Spiel mit der Verwirrung

Am 31. Juli soll ein neues Buch des Argentinier César Aira erscheinen. „Die Wunderheilungen des Doktor Aira“. Lohnt das Lesen? Meine Vorhersage anhand seiner Bände „Das Testament des Zauberers Tenor“ und „Was habe ich gelacht“.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Dem 71-jährigen argentinischen Autor wird das Lob nicht nur hinterhergeworfen, es wird ihm schon wie Blumen vor die Füße gestreut. Einem Schreiber, den die Erwartungen seiner Leser laut seinem Verlag gar nicht interessieren! Das hätte mich stutzig machen sollen. César Aira wird als wahrer Nachfolger Franz Kafkas gehandelt, als einer, dessen Ziel es sei, seine Leser nachhaltig zu verwirren. Ich frage mich nur, zu welchem Zweck.

Band 9 in seiner Bibliothek, 2019 erschienen, erzählt zumindest anfangs spannend und nicht ohne Faszination die Geschichte des Zauberers Tenor, der sich später als Sänger entpuppen wird. Mit flüssiger, ja unterhaltsamer Sprache treibt Aira die Geschichte voran. Auch die Einführung der Figur des „Ewigen Buddhas“ im indischen Pandschab ist originell und sinnfällig. Soll der doch der Erbe des letzten Zaubertricks des inzwischen verstorbenen Tenor werden. Mit aberwitzigen Einfällen und gehörig Schalk in der Schreibfeder lässt uns der Autor am Schicksal des „Ewigen Buddha“ teilhaben, der „einige Verbesserungen an seinem psychischen Getriebe vornehmen“ muss. Selten so gelacht.

Doch so famos César Aira seine Leser in skurrile Schilderungen hineinzieht, so sehr vermeidet er es auch, wichtige Hintergründe verständlich zu machen. Ellenlange Schachtelsätze verbessern das Leseverständnis zudem keinesfalls. In seiner üppigen Darlegung, wie ein junger Schweizer Anwalt damit beauftragt wird, den letzten Willen Tenors in Indien zu überbringen, verwendet er lieber eine Reihe hochsprachliche Ausdrücke. So dass man ein Wörterbuch braucht, um der Geschichte en detail zu folgen.

Das alles lasse ich mir ja gefallen bei dem Genuss trefflicher sprachlicher Einfälle und einer überbordenden Anschaulichkeit. Doch irgendwann ist Schluss mit lustig, wenn sich das Geschehen so gar nicht zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfindet. Warum puzzeln, wenn ich am Ende kein ganzes Bild erblicke? Der dichterische Wert, dem man dem nobelpreisverdächtigen Autor nicht absprechen kann, ist im „Zauberer Tenor“ seine Fähigkeit, unterschiedliche Dinge zusammenzudenken, die erst auf den zweiten Blick eine einleuchtende, verblüffende Symbiose darstellen. Aber der Sinn der ganzen Geschichte erhellte sich mir damit trotzdem nicht. War allein der Weg das Ziel?

Noch weniger von César Airas angeblicher weltliterarischer Größe konnte ich in „Was habe ich gelacht“ finden, Band 8 der Bibliothek und ebenfalls 2019 auf Deutsch erschienen. Hier hält der Argentinier Nabelschau über seine Jugend, die mich so gut wie nicht begeistern kann. Hier lässt Aira einigermaßen sinnlose und wirkungsfreie Erinnerungen vom Stapel – oder ist alles nur ausgedacht? Geschwätziges Geschwafel. „Gut. Ich will mich nicht erklären, das ist eines Gentlemans unwürdig.“ An dieser Stelle hätte ich das Buch schon weglegen sollen. Was will uns der Dichter damit sagen? Ein paar Seiten später kommt`s: „Je unwichtiger ein Ereignis, desto aufwändiger seine Erzählung.“ Alles nur aufgeblasen, diese „banalen Ereignisse der Jugend“. Was soll man denken bei einem Autor, der „mangels echten Talents“ nur schreibt, damit sich überhaupt jemand für ihn interessiert? Es wird bis zum Schluss nicht besser. Geistreich kann ich das nicht nennen.

Kafka habe ich übrigens auch nie (gern) gelesen.

P.S. Die Meinung der Autorin gibt nicht unbedingt diejenige der Inhaberin des Blog meinwortgarten.com wieder. Es darf gern gestritten werden über künstlerische Werke.