„Erfreulich vielfältige fotografische Handschriften, doch unübersehbar der neue Trend weg vom Natürlichen, Körperlichen hin zu einer neuen Prüderie, die aus der westlichen Welt und den USA zu uns herüberschwappt“, sagt der Inhaber des aktfotoart-Museums und Fotokünstler Volkmar Fritzsche zur neuen Jahresausstellung im Kunstkeller.

Reizvolle Körperblicke und neuer Umgang mit Nacktheit

Ein facettenreiches Spiel mit Körperformen, Nacktheit, Verletzlichkeit und Individualität zeigt die 4. Jahresausstellung „Aktfotokunst heute“ mit Arbeiten von zwölf FotokünstlerInnen derzeit im Museum „aktfotoart“ im Kuntskeller Dresden.

Mehr hüllenlose Evas als Adams wie gewohnt, allein und zu zweit in freier Natur oder vor fantasievollen Kulissen fotografiert. Ein facettenreiches Spiel mit Körperformen, Nacktheit und Verletzlichkeit, aber auch unübersehbar weniger pure Sinnlichkeit als sonst zeigt die 4. Jahresausstellung „Aktfotokunst heute“, die Bilder von zwölf Fotokünstlerinnen und Fotokünstlern vereint zurzeit im Museum „aktfotoart“ im Kunstkeller auf der Radeberger Straße 15 in Dresden.

Unter ihnen acht neue, auch jüngere und studierte Fotografinnen aus ganz Deutschland und den Niederlanden stellen jeweils sechs Bilder ihrer Wahl aus. Alle im gleichen Format, Schwarz-Weiß-Aufnahmen ebenso wie farbige Aktbilder. Reizvoll sind die verschiedenen künstlerischen Positionen und Sichtweisen auf den menschlichen Körper, die sich sehr gewandelt haben. Nicht mehr nackte Tatsachen stehen im Vordergrund, sondern der Körper selbst wird zum Ausdrucksmittel und der Umgang mit Nacktheit in der heutigen Zeit thematisiert. Erfreulich vielfältige Blicke, Handschriften und neue fotografische Möglichkeiten der Darstellung sind das Besondere dieser Ausstellung.

Intensive, innige Momentaufnahmen von Paaren in der Natur zeigt Matthias Naumann aus Dresden, der zum ersten Mal im Kunstkeller ausstellt. Die Fotografien entstanden vor ca. fünf Jahren, das unter einem Baum sich umarmende Paar sei nicht mehr zusammen. Doch der Augenblick von Nähe in diesem Bild bleibt. Eine Frau umarmt sich alleine. Lust und pure Hingabe an die Natur spiegelt eine Aufnahme mit zwei nackten Evas, eine lehnt an einem weit wurzelnden Baumstamm, eine liegt davor auf dem Waldboden. Lichtvoll, schwebend leicht ein sitzender Frauenakt in einem Raum mit Pflanzentatoo auf der Haut ebenfalls von Naumann fotografiert.

Die holländische Fotokünstlerin Henriette van Gasteren (ehemals Lilith) zeigt eine Serie Körperfotografien, die skurril und beunruhigend zugleich wirken. Eine Frau hält den Kopf ins Waschbecken, eine andere steht auf dem Wannenrand, der Duschstrahl zielt in ihre Körpermitte, wie um etwas wegzuwaschen, zu bereinigen. Auf einem Foto kriecht sie auf allen vieren und schaut herausfordernd in den Spiegel. Ihre Selbstporträts zeigen subtil und ausdrucksstark seelische und körperliche Verletzungen und sexueller Missbrauch. Auffällig viele Rückenakte sind in der Ausstellung zu sehen. Fotografien mit formspielerischen Körperumrissen, wo der Körper wie ein Instrument oder Bank wirkt oder die Körperlinien miteinander verschmelzen, zeigt die in Dresden lebende ausgebildete Fotografin Anna Försterling.

Frauen, die vor und hinter bemalten Leinwänden agieren und mit Farbe auf der Haut hält in fotografisch reizvollen Kontrasten der in Delft lebende Industriedesigner und Fotograf Alexander Groenwege mit der Kamera fest. Frauen oberkörperfrei vor blättriger Kulisse, die mal auf einem Tisch allein und zu zweit liegen, mal an einem Stuhl lehnen und einander halten, hat der Leipziger Fotograf Tobias Schreiter in seinen spielerisch surrealen Szenarien mit Alltagsdingen festgehalten. Das Spiel mit Körperidealen, Individualität und Masse, auch Körpermasse, spiegeln die originellen Aufnahmen der Leipziger Fotografin Katja Heinemann. Aktmodelle vor wolkenreicher Landschaft, Felsen und in expressiv tänzerischer Bewegung zeigt Georg Knobloch aus Dresden mit seiner analogen Lichtbildnerei.

Im Kabinett sind außerdem Fotografien von Solvig Frey aus ihrer Serie „Nackte Kunstbetrachtung“. Sie ist dem Kunstkeller seit vielen Jahren verbunden mit eigenen Programmen, Fotoshootings vor und jetzt auch hinter der Kamera. Sie ist auch die Vorsitzende des im Mai gegründeten Vereins „Freundeskreis des Museums aktfotoart“ im Kunstkeller, der den Betreiber Volkmar Fritzsche in dem deutschlandweit einmaligen Museum unterstützt und sein Lebenswerk bewahren möchte. Der Verein hat bereits zwölf Mitglieder. Der Spielplan für die Veranstaltungen ab September im Kunstkeller steht bereits. Geplant sind auch Gesprächsrunden und Workshops zu zeitgenössischer Aktfotografie.

Von Volkmar Fritzsche (82) sind farbenfrohe digital-fotografische Szenografien im hinteren Raum zu sehen. Er sagt zur Ausstellung: „Die vielen unterschiedlichen fotografischen Handschriften sind toll. Die Fotografien spiegeln aber auch einen neuen Trend, weg vom Natürlichen, sich Ausziehen und Zeigen hin zu einer neuen Prüderie und andererseits ungezügelten Freizügigkeit in TV und Werbung, die aus der westlichen Welt und den USA immer mehr zu uns herüberschwappt. Viele Fotografen finden kaum noch Aktmodelle.“ Das Natürliche in der künstlerischen Aktfotografie gehe dadurch verloren, bedauert Fritzsche. „Wir hatten mit der FKK-Kultur schon immer einen freieren Umgang mit Körperlichkeit und Nacktheit im Osten Deutschlands.“ Solange er gesund ist, will er das aktfotoart-Museum weiterführen. Die Ausstellung „Aktfotokunst heute“ ist bis Sommer nächsten Jahres zu sehen.

Text + Fotos (lv)

http://www.kunstkeller-dresden.de

Geöffnet: Mo 11 – 18 Uhr, Di 15 – 21 Uhr, Do 15 – 18 Uhr, Sa 11 – 15 Uhr. An Feiertagen geschlossen.


Paare und Frauenakte in freier Natur zeigt Fotograf Matthias Naumann aus Dresden.


Skurril, beunruhigend und berührend: die Körperbilder, Selbstporträts der holländischen Fotokünstlerin Henriette van Gasteren zeigen subtil seelische und körperliche Verletzungen.

Spiel mit Alltagsobjekten &  Körperausdruck. Schweben, Halten, Fallenlassen, Anlehnen, Gehalten werden, Suche nach Balance… Sinnlich assoziative Körperbilder von Tobias Schreiter aus Leipzig.

Zusammenspiel von Bildender Kunst & Fotografie in Aktfotografien von Alexander Groenwege aus den Niederlanden.

Tänzerische, expressive Bewegungen, die an Gret Palucca erinnern und hüllenlose Damen in der Landschaft zeigt Georg Knobloch aus Dresden mit seiner analogen Lichtbildnerei.

Farbenfrohe & fantasievolle digital-fotografische Szenografien, die neue aktfotografische Bildräume eröffnen, stellt Volkmar Fritzsche aus. Immer wieder auf`s Neue überraschend und experimentierfreudig.