Beeindruckende Zeit-Bilder voller Licht und Schatten: Galeristin Karin Weber vor Radierungen von Hans Grundig.

Tiere die wie Menschen agieren und umgekehrt. Hier zwei Esel und Sturköpfe: „Sie sehen nicht – sie hören nicht“, so Grundigs Notiz unter dem Bild, das 1935 entstand.


Eindrucksvolle, schöne und schmerzliche Werkpaare von Lea und Hans Grundig vereint die Ausstellung in der Galerie Mitte. Die Aufnahme zeigt das Künstlerpaar am Tag ihrer Hochzeit im Jahr 1928.

Porträts von Lea und Hans Grundig und ein Doppelporträt von ihr mit ihm.
Titelbild der Ausstellung; ein weißes Pferd galoppiert „in den Abgrund“. Kaltnadelradierung von Hans Grundig von 1937.

Beeindruckende Sinnbilder zwischen Apokalypse
und Hoffnung

Intensiv, kraftvoll, witzig-grotesk und aufrüttelnd sind die Radierungen aus den 30er Jahren zum Gedenken an den 120. Geburtstag von Hans Grundig. Zu sehen sind sie mit Arbeiten seiner Frau Lea aus der Sammlung Maria Heiner in der Ausstellung „Tiere und Menschen“ in der Galerie Mitte in Dresden (noch bis 22. Mai).

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein fliegendes Pferd. Doch es flieht mit wehender Mähne durch die Nacht. Auf seinem Rücken halten sich Menschen fest, andere fallen herunter. Das weiße Pferd galoppiert „In den Abgrund“ im gleichnamigen, albtraumhaften Titelbild der Ausstellung „Tiere und Menschen“ von Hans Grundig (1901 – 1958). Zum Gedenken an den 120. Geburtstag dieses großartigen Künstlers, einem Klassiker der sächsischen Kunst, sind derzeit Radierungen der 1930er Jahre von ihm sowie „Werkpaare“ zu gleicher Thematik von Hans und Lea Grundig aus der Sammlung Maria Heiner in der Galerie Mitte, Striesener Straße 49/1. Etage, zu sehen (noch bis 22. Mai).

Die Ausstellungseröffnung musste wegen des verlängerten Lockdown abgesagt werden. Die Sammlung entstand in einem Zeitraum von 50 Jahren, die zuletzt erworbenen Arbeiten “Das weiße Ross“ und „Kampf der Bären und Wölfe“ kamen 2019 aus dem Auktionshaus Griesebach hinzu. Maria Heiner, mittlerweile über 80 Jahre alt, hat sich seit Jahrzehnten mit dem Werk von Hans und Lea Grundig beschäftigt und betreut ihr Werkverzeichnis. Als Medizinstudentin lernte sie die Künstlerin 1962 bei einem Vortrag kennen und war befreundet mit Lea Grundig bis zu ihrem Tod 1977. Ihr Mann Hans Grundig starb bereits 57jährig 1958 an den Folgen en einer Tuberkuloseerkrankung infolge seiner KZ-Gefangenschaft.

“Beide Künstler haben sich entschieden, nicht das Land zu verlassen, sondern sich zur Wehr zu setzen mit ihren Arbeiten, die gegen Manipulation, Armut, Prostitution und Unmenschlichkeit offen Position beziehen“, sagt Galeristin Karin Weber. „Im Grunde war Hans Grundig ein Apokalyptiker und Visionär.“ Damit setzte er sich der Verfolgung durch die Gestapo aus, bekam Mal- und Berufsverbot und galt als „entarteter Künstler“ während des Nationalsozialismus. Seine Radierungen mit vielen Graunuancen und Schattierungen sind beeindruckende Spiegelbilder seiner Zeit, ausdrucksstark, prägnant im Strich und der Darstellung, faszinierend zeitlos und teils erschreckend aktuell. Seine Vorahnungen und das Grauen des Krieges hält Hans Grundig oft in Metaphern, Sinnbildern fest in seinen Arbeiten.

In Form von Tieren, die menschliche Verhaltensweisen zeigen. Da erscheinen Pferde als Verfolgte und Wölfe als Verfolger. Löwen verkörpern den Widerstand und ein Ameisenbär den Schnüffler. Da sitzen Hunde und Wölfe, angepflockt mit Maulkorb und ein Mann mit Pflaster vorm Mund als “Gefangene“. Zwei Esel stoßen die Köpfe gegeneinander. „Sie sehen nicht, sie hören nicht“, notierte Grundig unter dieser Radierung. Da hängen düstere Großstadtszenen neben deftigen Karikaturen, die an George Grosz erinnern. Mädchen auf der Straße. Naive Clowns mit Tuba und ein ausgedienter Soldat mit Leierkasten und Trommel auf dem Rücken. Häufchen hinterlassende Kleinbürger im „Irrgarten“, grotekse „Gesichte (Masken)“ und innige Liebespaare.

Der Ausstellungstitel  ist der Bilderserie “Tiere und Menschen“ aus der Autobiographie „Karneval und Aschermittwoch“ von Hans Grundig entnommen. Außerdem sind feinsinnige und expressive figürliche Arbeiten und Porträts Lea Grundigs von ihrem Mann und ihr sowie ein Doppelporträt des Künstlerpaars zu sehen. Berührend wie sein Werk ist auch die Lebensgeschichte des gebürtigen Dresdners Hans Grundig. Er und Lea lernten sich an der Dresdner Kunstakademie kennen. 1928 heirateten sie. Später ging sie als Jüdin nach Palästina. Nach Kriegsende kam sie zu ihm zurück, als er in der Tuberkuloseheilanstalt war. Später war Hans Grundig der erste Rektor der Dresdner Kunsthochschule und Lea Grundig die erste Professorin.

„Es wäre schön, wenn diese besondere Sammlung Interesse fände und übernommen werden könnte von der Städtischen Galerie für zeitgenössische Kunst im Stadtmuseum oder bei den Neuen Meistern im Albertinum“, hofft Galeristin Karin Weber. Zur Ausstellung „Tiere und Menschen“ in der Galerie Mitte  erschien ein Katalog (12 Euro). Ein Besuch ist mit vorheriger telefonischer Anmeldung unter der Telefonnummer: 0179 – 29 79 552 unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen möglich.

Text + Fotos (lv)

http://www.galerie-mitte.de

„Altes Eisen (Spielmann)“ von Hans Grundig, 1934