In deinem Kopf

Wie aus dichtem Nebel drangen Wortfetzen an Leas Ohr. „Wo bist du?“, hörte sie eine energische Stimme. Sie klang vertraut, aber gleichzeitig weit weg. Als käme die Stimme aus einem Lautsprecher und Lea befände sich mittendrin. In einer Höhle mit labyrinthähnlichen Gängen und überall Gedankengewirr wie Schlingen, aus dem es kein Entkommen gab. Um sie herum schwirrten, hallten und verschwanden die Worte von Hermes, ihrem Freund. Blieben ohne Antwort. Ihre Worte drangen nicht zu ihm durch. In dem dunklen Gebilde konnte Lea kaum etwas erkennen, Es klang, als rinne, tropfe unentwegt Wasser von den Wänden, das an ihr vorbei rauschte, hier und da Wellen und Kreise bildete und in jeden Winkel der Höhle floss. Während sie versuchte aufzustehen, fielen kleine und größere Steinbrocken kurz vor ihr herab in die Tiefe. Ab und zu schossen kurz aufflimmernde, gezackte Gedankenblitze vorbei. Sie fing ein paar Funken auf, dachte nicht an die brennenden Stiche. Plötzlich befiel Lea eine seltsame Vermutung. Es kam ihr vor, als habe sie sich in den Kopf von Hermes verirrt.

Ein lautes Lachen überfiel sie. Lea schüttelte sich, hielt ihre Hand an die Stirn. Ein heftiger Kopfschmerz durchfuhr sie, alles drehte sich und sie sah sich davonfliegen mit schwindeliger Geschwindigkeit wie auf dem Kettenkarussell bei den Volksfesten als kleines Mädchen. Sie genoss dieses minutenlange Schwerelos sein immer sehr, dachte nie daran, dass die Ketten oben am Fahrgestell reißen könnten, mit all den wunderlichen bunten, aufgemalten und mit ihr schwebenden Gestalten. Später als Frau beschlich sie ein mulmiges Gefühl bei der Aussicht, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Doch sie hebt immer noch gern Vogelfedern auf, die ihr unterwegs oft zuzufallen scheinen. Nun war sie also in Hermes` Kopf gelandet. Es schien Lea als verwandle die dunkle Höhle sich in einen Nervenvergnügungspark voller Verlockungen für kleinliche, quälende, verquere, wilde Gedanken, die wie im Bienenschwarm umher kreiselten zwischen Riesenrad, Schießbude, Achter- und Geisterbahn und Zerrspiegelkabinett. Bevor sie mit dem Blick in die Abgründe gewappnet, hinaus drängten ins echte Leben.

Ihre Gedanken und Wünsche eilten seinen oft voraus, wusste Lea. Oft erschien ihr ein Tag kürzer als ein Traum, die Nacht unendlich lang. Sie fühlte sich mädchenhaft und reif, nicht wie Mitte 40. Trug immer noch Kleidergröße 38 und freute sich über ihre wieder zum Vorschein tretenden, wirbelig braunen Locken. Hermes war ein hochgewachsener und jungenhaft verschmitzter Mann, um einiges älter als sie und sah im Anzug wie in Jeans und Shirt gut aus. Er wirkte locker, stark und unerschütterlich. Seine tiefblauen fältchenumspielten Augen schienen immer zu zwinkern. Sein braunzotteliger Hund Helios, mit Schlappohren und gutmütig verträumtem Blick, begleitete Hermes überall hin. Er war viel unterwegs als Unternehmensberater und ein emsiger Kontaktknüpfer. Bemerkte er überhaupt, was in seinem Kopf vorging, dass sie dort umher wanderte, vielmehr irrte?, dachte Lea. Wer bestimmt eigentlich, wo es langgeht, der Verstand oder das Herz?, darüber stolperte sie immer wieder. Einem von beidem muss man letztlich doch den Vorrang geben. Aber wem und wann. Kopf oder Herz. Am besten beidem. Zwei Körperorgane, schon anatomisch weit entfernt voneinander, Vielleicht hoffte sie auch nur, ihr verlorenes Herz bei ihm wiederzufinden. Einmal die Mauer der ungesagten Worte zu durchbrechen,

Es kam schließlich auch vor, dass ein Mann sich unter dem Rock einer Frau verstecken, wohnen und wie im Paradies fühlen konnte. Wenn man dem Sänger dies Liedes glaubte. Der sang mit einer Hingabe, dass es schwer fiel sich vorzustellen, dass dies das Abschiedskonzert mit dem Blauen Einhorn sein sollte.
Die feurigen Klänge der Musiker sprangen mit den Tanzenden umher bis unters gläserne Dach des alten Kirchengemäuers, und die Töne flogen wie Vögel hinaus in den Nachthimmel.
Alles, alles wird vergehen, die Liebe bleibt bestehen…, summte Lea die Liedzeile und wiederholte sie, als könne sie diese für immer einbrennen in den Kopf von Hermes.
Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, Es klang wie das Weinen eines Kindes. Traurig und untröstlich rückten die Laute ihr immer näher wie prasselnder Dauerregen, ließen sich nicht verdrängen.
Das Wimmern wurde immer stärker, bis Lea begriff, das war kein Kind, das nicht schlafen oder den Eltern etwas abtrotzen wollte, sondern ein Hund der heulte, Der kläglich langgezogene, flehende Laute von sich gab, weil er alleingelassen in einer fremden Wohnung saß. Lea erinnerte sich, dass sie am Vorabend im Treppenhaus einen kleinen schwarzen Hund mit funkelnden Augen gesehen hatte. Vielleicht war er nur kurz zu Besuch dort, dachte sie. Doch dann hörte sie das hilflose Wimmern, das sich fast zum Geheul eines Wolfsrudels steigerte, zwei Tage und Nächte lang, konnte sie kaum schlafen noch irgendetwas anderes tun und wäre am liebsten weit verreist. Ihr Urlaubskoffer stand noch immer halb ausgepackt im Flur. Doch sie konnte nicht einfach alles über den Haufen werfen, hatte berufliche Termine und Aufträge zu erledigen. Der Lärm zehrte an ihren Nerven. Ihre Wut stieg, nachdem eine andere Hausbewohnerin Lea beschwichtigte, es sei nur der Wind, der ums Haus heulte, während in ihrem Büro mehrere Telefone klingelten, und die Frau mit dem Handy am Ohr, halb hier halb dort zuhörend, nervös auf und ab ging. Lea ließ missmutig die Tür ins Schloss fallen, ging an der Etage mit dem Hund, der ausgerechnet in diesem Moment still war, vorbei zurück in ihre Wohnung. Dort setzte das Heulen wieder ein. Derartige Geräusche hatte sie noch nie gehört. Was würde Hermes dazu sagen? In dessen Kopf Lea sich jetzt am liebsten geflüchtet hätte. Würde er seinen Helios je allein lassen? Er schien sie mit seinen großen Augen anzusehen, stumm und traurig. Er war weit fort und konnte ihr nicht helfen.

Alles erschien ihr auf einmal unwirklich. Die Laute schnitten ihr ins Herz, als riefe sie ei fernes Wesen, das tief in ihr verborgen mit einer ihr nicht geheuren, instinktiven, ungezähmten Urkraft endlich aus ihr heraus wollte.

Die Zeit lief ohne sie weiter. Stellte Lea erschrocken fest, nachdem sie zu einer Verabredung in einer Galerie zu spät kam. Der Raum war bereits voller Menschen, sie kam nicht mehr hinein.
Ihre Uhr war stehen geblieben. Eine Stunde verstrichen, ohne dass sie es merkte. Sie wunderte sich, dass schon so viele Menschen anwesend waren und sah dann, dass die Ausstellung gerade eröffnet wurde. Lea würde sich die Kunstwerke im Zeichen des Eros mit Bildern einer Malerin im neunzigsten Lebensjahr ein anderes Mal ansehen. Sie konnte nur einen Blick erhaschen.
Ein pausbäckiger Adam umarmte eine prallrunde Eva mit Kirschmund und leuchtenden Augen. Leinwandfarben altern nie, dachte Lea. „Das steht Ihnen alles noch bevor!“, rief ihr ein älterer Herr lächelnd nach, der auf seinen Stock gestützt im weißen Hemd und Mantel im Innenhof der Galerie saß.

Lea musste an diesem Abend noch zu einer Theaterpremiere. Noch fassungslos über die unbemerkt vergangene Zeit, stellte sie sich in die Warteschlange am Tresen. Sie konnte kaum glauben, was sie sah. Dort stand ein Teller mit Schichtgebäck, umhüllt von dunkler Schokolade. genannt  „Kalter Hund“. Sie griff schmunzelnd zwei Stück, ließ sie genüsslich im Mund schmelzen und trank dazu ein Glas Rotwein. Zuhause hörte Lea in dieser Nacht kein Heulen. Es herrschte eine beinahe gespenstige Ruhe. Nur das Dröhnen in ihrem Kopf oder dem von Hermes hörte nicht auf. Das Telefon klingelte.
Lea wachte auf und sagte nichts. Die Wahrheit würde ihr ohnehin keiner glauben.

Text: Lilli Vostry
(P.S.: Dieser Text entstand 2013 im Rahmen eines Geschichten-Wettbewerbes in einem Autorenforum im Internet.)