Unterwegs: „Erinnerung und Gefühl. Ein Interim im Schlosspark“ von Burgk mit Fühlskulpturen von Steffen Petrenz


„Ursprung“, „Aufbruch“ und „Ankunft“: der Freitaler Künstler Steffen Petrenz vor seiner dreiteiligen Blechskulptur „memories“ im Schlosspark Burgk.

Reizvoller Raum für Erinnerungen

Eine dreiteilige Skulptur mit dem Titel „memories“ und „Fühlskulpturen“ des Freitaler Künstlers Steffen Petrenz laden zum Innehalten und Erinnern mit allen Sinnen ein im Schlosspark Burgk. Zum Internstionalen Museumstag am Sonntag, dem 15. Mai, ist in den Ausstellungen der Städtischen Sammlungen auf Schloss Burgk in Freital ganztags freier Eintritt. Vormittags gibt es ein Konzert mit dem Musikverein Freital im Schlosshof.

Lebensgroß, filigran und mit rostbrauner Patina überzogen stehen die Figurenumrisse frei im Raum. Scherenschnittartig ist eine Figur aus der anderen heraus gewachsen. Sie stehen für sich, scheinbar losgelöst und bilden doch ein Ganzes, das man wie ein Spiegelbild nacheinander anschauen kann. „Erinnerung und Gefühl. Ein Interim im Schlosspark“, unter diesem Titel zeigt der Freitaler Künstler Steffen Petrenz erstmals öffentlich seine dreiteilige Blechskulptur „memories“ aus den Jahren 2009/20012.

Diese steht auf einer Anhöhe unter hohen Bäumen im Gelände von Schloss Burgk. Ein faszinierendes, offen vieldeutiges, reizvolles und buchstäblich berührendes Erlebnis, Geflüster und Zwiegespräch im Zusammenspiel von Natur, Kunst und Betrachter. Im Wechsel von Licht und Schatten verändern sich Formen und Ausdruck der Skulpturen immer wieder, wenn man sich ihnen aus verschiedenen Blickwinkeln nähert. Mal steht die hintere Figur mit ihren wellenartigen Körperrundungen klar sichtbar, mal halb versteckt unter Blätterzweigen, die sich im Sonnenlicht flimmernd auf der Figur wie Lebenslinien abzeichnen und auf dem Boden verzweigen.

„Erinnerungen sind ja auch versteckt. Wenn man durch das Gedächtnis streift, kommen sie wieder hoch ans Licht“, sagt Steffen Petrenz zu seinen Skulpturen. Sie haben weniger mit dem historischen Gedächtnis zu tun, auch wenn die Aufstellung am 8. Mai dies nahe legt. Das Datum sei zufällig, die Ausstellungseröffnungen bei den Städtischen Kunstsammlungen auf Schloss Burgk finden immer sonntags statt, ergänzt deren Leiterin Kristin Gäbler. Jeder kann die Erinnerungs-Skulpturen individuell für sich erkunden. Erinnerungen sind vielschichtig, persönlich wie kollektiv, greifen ineinander, wandeln sich und sind nicht an Ort und Zeit gebunden. Als die Skulpturengruppe fertig war, gab es im Atelier von Steffen Petrenz eine Performance, bei der er das zugemauerte Mittelteil mit dem Vorschlaghammer aufbrach, sinnbildlich für die Auseinandersetzung mit Erinnerungen, sich ihnen stellen und verarbeiten.

„Wenn man in die 40 kommt, die Kinder langsam aus dem Haus gehen, wird der Blick ein anderer“, so Petrenz. Seine drei Skulpturen im Schlosspark nennt er dementsprechend „Ursprung“, „Aufbruch“ und „Ankunft“. Der Betrachter kann durch die offenen Figuren hindurch schauen und gehen und dabei eigenen Eindrücken, Empfindungen und Erinnerungen nachgehen. Einige Spaziergänger bleiben stehen, gehen heran an die Skulpturen, fotografieren sich mit ihnen. Weitaus mehr Besucher sitzen aber unter den blühenden Kastanienbäumen im Schlossinnenhof an den Tischen vor dem Schlosscafé und genießen Eis, Kaffee und Kuchen bei strahlendem Sonnenschein.

Weiter hinten auf dem Weg zum Besucherschaubergwerk kann man außerdem sogenannte „Fühlskulpturen“ von Steffen Petrenz entdecken. Sie entstanden  ursprünglich für das Seniorenheim „Herbstsonne“ in Freital-Hainsberg und sind ausdrücklich zum Anfassen und buchstäblich Be-greifen gedacht. Die keramischen Objekte und Formen sind der Natur abgeschaut. Da finden sich Planet, Apfel und Mohnkapsel. Eine Besucherin fragt, ob die originellen Kugeln nicht immer da stehen bleiben können. „Es ist eine temporäre Kunstaktion“, so Kristin Gäbler, „wir wollen unsere Besucher immer neu überraschen.“ Die Skulpturen sind noch bis 24. Juli frei zugänglich im Schlosspark Burgk zu sehen. Steffen Petrenz öffnet außerdem beim „Kunst: offen in Sachsen“ am 5. Juni von 10 bis 23 Uhr sein Atelier auf der Dresdner Straße 166 hinter der Aral-Tankstelle mit Livemusik und Einblicken in sein vielfältiges Schaffen.

Text + Fotos (lv)

http://www.freital.de/museum

Schloss Burgk mit blühenden Kastanienbäumen im Innenhof. Dort kann man gemütlich an Tischen sitzen und Kaffee, Kuchen, Eis, das beste weit und breit, vom Schlosscafé genießen.

Ausstellungseröffnung „Geflüster“ von Gudrun Trendafilov in der Galerie Kunst & Eros


„Wilde Gabe“: Ein Rabe überbringt eine Kirsche. Foto: Galerie Kunst & Eros

»GEFLÜSTER« Gudrun Trendafilov

Malerei · Grafik

  1. Mai bis 9. Juli 2022

Vernissage am Freitag, 13. Mai 2022 · Beginn 19.00 Uhr

Begrüßung: Janett Noack
Einführung: Katharina Arlt, Freie Kunsthistorikerin
Musik: Musik-Duo mit Klara Fabry (Klarinette/ Percussion) & Elena Schoychet (Klavier/ Gesang)

Zur Vernissage der Ausstellung »GEFLÜSTER« der Dresdner Künstlerin Gudrun Trendafilov am Freitag, den 13. Mai 2022 um 19.00 Uhr sind Kunstinteressierte herzlich eingeladen.

Die Künstlerin ist anwesend.

Gudrun Trendafilov gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Dresdner Künstlerinnen unserer Zeit. In dieser Ausstellung präsentiert sie neue Malerei und Grafik. Ihre Bildsprache ist von unverwechselbarer Handschrift, die uns mit Lebendigkeit, Schönheit und sinnlicher Ausdruckskraft verzaubert.

Wir freuen uns auf dieses Wiedersehen, Ihre Neugier und auf die anschließende Geselligkeit in der Galerie.

Text: Janett Noack & Team

Galerie kunst & eros, Hauptstraße 15, 01097 Dresden – Mo bis Sa 11 bis 15 Uhr

http://www.kunstunderos.de, info@kunstunderos.de – 0351 8024785

Veranstaltungstipp

„Lange Nacht der Galerien und Museen im Barockviertel Dresden“ am Donnerstag, dem 16. Juni, von 18 bis 23 Uhr. Ein kleines Überraschungskonzert begleitet die aktuelle Ausstellung bei Kunst & Eros an diesem Abend.

Neue Lyrik: Flieg Taube flieg & Der Junge mit den Tauben

Flieg Taube flieg
bring den Menschen
überall auf der Welt
Freude Farben die aus dem Rauch
aufsteigen
Schenk ihnen das Himmelblau
zurück
Lass sie mit deinen Schwingen
fliegen
und den Frieden siegen

LV
7.5.2022

Der Junge mit den Tauben

Er stand eine Zeitlang
wie ein Schatten
stumm beobachtend
hinter mir
mit verächtlicher oder gleichgültiger
Miene schien mir
als ich die Tauben fütterte

gleich wirft er einen Stein nach ihnen
verscheucht sie selbst hungrig
doch der Junge fragt in gebrochenem
Deutsch ob er die Tauben
mitfüttern darf

ich gebe ihm ein halbes Brötchen
es ist schon hart meine Knöchel blutig
als ich es durchbreche
vorsichtig gibt der Junge den Tauben die
Krumen
ich hab ihn nicht wiedergesehen

ich denke an die Menschen in Mariupol und
die anderen zerstörten ukrainischen Städte
in den Bildern liefen Tauben neben Wracks
von Panzern
Vögel sangen in den Bäumen zwischen
Häusertrümmern

Glasscherben liegen am steinigen Flussufer
wo die Wasservögel landen
Hundegebell Lachen fremde Sprachlaute
Grillgeruch und Flügelschlagen sich mischen

Tauben und Sperlinge schwirrend die
Brotkrumen aufpicken Kinder mittendurch
rennen mit Eis in den Händen
ein Junge tritt mit den Füßen
nach den Tauben
ein Mädchen tritt über die Krumen

die Tauben fliegen auf
über dem Wasser
in dem sich weiß gefiederte Wolken
spiegeln und der leere Steinstrand
im Abendlicht glänzend
zurückbleibt

LV
7.5.2022

Texte + Fotos: Lilli Vostry

Premiere „Zwei Krawatten“ – Die Revue vom Großen Los in der Staatsoperette Dresden


Ganz oben auf der Showtreppe: Zwischen Glamour, Vergnügen, Sehnsucht nach Liebe und Überdruss vom Überfluss. „Wir haben alles, nur keine Zeit… Und wenn wir heut` mal leben, dann gehn wir gleich zu  weit,..“, heißt eine Liedzeile aus der Revue „Zwei Krawatten“. Fotos: Pawel Sosnowski

Vom großen Los, glücklich zu sein

Rauschhaft bunt, turbulent und witzig-komisch entführt die Revue „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky ins Berlin der Goldenen Zwanziger mit allen Höhen und Tiefen in der Regie von Matthias Reichwald in der Staatsoperette Dresden.

Auf der Showtreppe geht es geschäftig zu. Revuegirls mal in schillernden Kostümen, in Charlestonkleidern mit Fransen und mal in schwarzen Bodys und Netzstrümpfen tanzen zu flotter Tingeltangelmusik. Ein Herrenquintett, „Die Kristallkehlen aus Moabit“ in schwarzen Anzügen singen mit samtigen Stimmen à la Comedian Harmonists den Ohrwurm „Einmal möcht` ich keine Sorgen haben…“ Ein Gentleman in pinkfarbenem Umhang flirtet mit einer Frau im weißen Abendkleid und blonden Haar, die Marlene Dietrich ähnelt und stürmt im nächsten Moment mitten durch die Ballgesellschaft davon. Gerade erst kennengelernt, schon auf der Flucht?!, wundert sich die Blondine.
Doch es kommt noch verrückter. Nichts ist wie es scheint, alles ist möglich in dieser rauschhaft bunten, turbulenten und witzig-komischen Vergnügungs-  und Verwechslungskomödie „Zwei Krawatten – Die Revue vom großen Los“ aus der Feder von Georg Kaiser und mit Musik von Mischa Spoliansky. Auf die Bühne der Staatsoperette Dresden kam das Revuestück unter Regie von Matthias Reichwald, der sonst als Schauspieler am Staatsschauspiel Dresden auf der Bühne steht und auch bereits inszenierte.

1929 in Berlin uraufgeführt, sorgte Marlene Dietrich in der Rolle der kühl-extravaganten Amerikanerin Mabel in diesem Revuestück für Furore, bevor sie als verführerische Nachtklubsängerin Lola im Ufa-Film „Der blaue Engel“ (1930) den Männern den Kopf verdreht und der sittenstrenge Lehrer Prof. Rath ihr vollends verfällt. Der Film „Der blaue Engel“ ist neben dem Revuestück im Zentralkino im Gelände des Kraftwerks Mitte am 11. und 12. Juni wieder zu sehen. „Zwei Krawatten“ ist eine musikalische Zeitreise ins Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre mit all ihren Gegensätzen und in die Metropolen New York und Chicago. Beidseits der Bühne und der Showtreppe sitzen die Musiker.  Die Palette reicht von schwungvoller Varietémusik, schmissigen Bläserklängen, Oldtimejazz bis zu greller Marschmusik (musikalische Leitung: Johannes Pell).

Die Kellner eilen treppauf, treppab und werfen sich die Tabletts hin und her. Einer sieht wie der andere aus in adrett weißer Montur. Ein Ballgast, der mit dem pinkfarbenen Umhang, schlägt auf der Flucht vor der Polizei dem Kellner Jean ein unglaubliches Angebot vor. Für 1 000 Mark soll er seine schwarze Krawatte gegen die elegante weiße des Gastes tauschen. Außerdem gewinnt Jean auch noch ein Tombola-Los für eine Reise in die Neue Welt, nach Amerika. Die beiden Männer tauschen mit den Krawatten Aussehen und Identität. Tatsächlich erkennen Jean seine Kellnerkollegen nicht mehr, da er jetzt eine schwarze Weste über dem weißen Hemd trägt.

Der Gauner entkommt als Kellner getarnt durch die Katakomben. Als Hochstapler sprang an dem Abend Andreas Sauerzapf für den erkrankten Kollegen Marcus Günzel ein. Singend zur Seite stand ihm Christian Grygas mit einschmeichelnder Tenorstimme. Kellner Jean (gewitzt-blauäugig: Jörn-Felix Alt) hat vermeintlich das große Los gezogen, auf dem Weg in die Welt der Reichen und Schönen. Mit an Bord auf der Überfahrt mit dem Ozeandampfer nach Amerika, durch ein ovales Holzpodest mit Liegestühlen an Deck und geringelte Badeanzüge der Damen angedeutet, sind der Herrenchor, der zünftige Lieder schmettert und säuselt. Außerdem Jeans Freundin Trude (kess mit Bubikopf und lebenslustig: Devi-Ananda Dahm), die ihm heimlich hinterherreist, nachdem sie von seinem Abschiedsgeschenk, den 1 000 Mark eine Fahrkarte kaufte und der umtriebige Rechtsanwalt Bannermann (Elmar Andree), der auf der Suche nach einer Millionenerbin ist. Die gutbetuchte Mabel (weniger elegant als forsch: Stefanie Dietrich) lässt Jean nicht aus den Augen. Alle träumen sie von Liebe, Glück, Aufstieg und einem Leben in Wohlstand. Immer kommt etwas dazwischen. Das Glück lässt sich nicht fassen, und kommt es dann unverhofft, glaubt man es kaum und will man es festhalten, ist es schon fast wieder vorbei.

In diesem Auf und Ab-Gefühl von Sehnen, Bangen, plötzlicher Glückseligkeit, Vergnügen und Maßlosigkeit bewegen sich die Revue und die verträumt-ironischen, zeitlosen Liedtexte. Da tanzen abwechselnd Matrosen und Revuegirls, gibt es eine Showeinlage mit einem halbnackten Tänzer mit Stierkopf an einer Stange, äußert sich Mabel abfällig über die fünf „Gesangsnasen aus Europa“ und ihre „Hochkultur“ bei einer Party im Club der Chicagoer „Fleischfürstin“ Mrs. Robinson, rothaarig und derb-deftig gespielt und gesungen von Silke Richter. Die reichen Damen umgarnen und Geschäftsleute umlagern Jean. Außerdem ist er immer in Sorge, dass seine Rolle als Gentleman auffliegt und er als Kellner entlarvt wird. Schön ironisch sein Lied und Seitenhieb auf den Senator und Moralapostel, der den Abbruch des Vergnügens fordert und den Jean noch als Gast aus Berlin kennt: „Es kommt nicht auf den Inhalt an, die Verpackung ist alles…“ Und setzt noch eins drauf: „Wenn man es nur servieren kann,  dann frisst die Menschheit alles.“

Sehr komödiantisch und wandlungsfreudig in schnellem Rollenwechsel als Flitzer, Kellner, Kneipengäste, Matrosen, Advokaten und Reporter agieren die zwei Schauspieler Christian Clauss und Benjamin Pauquet. Witzig-schräge Slapstikeinlagen als Agenten in grünen Mänteln und Sonnenbrillen und hinter Zeitungen verschanzt, dem Hochstapler dicht auf den Fersen, liefern die Pantomimen Wolfram von Bodecker und Alexander Neander.

Dann erbt Trude überraschend 40 Millionen, vom Rechtsanwalt beglaubigt, der zunehmend ungeduldig wird, nun müsste sie doch endlich glücklich sein! Doch allein im Geld schwimmen ist langweilig! Die Sehnsucht nach Liebe führt beide wieder nach Berlin zurück. Eines Tages steht Trude wieder in dem Kellerlokal, in Jeans Stammkneipe, die sich durch eine Bühnenluke mit Tresen und Bierflaschen öffnet und schließt, wo es direkt und schnodderig zugeht und man sich schon mal wegen einer Frau prügelt. Trude ist jetzt reich und liest Jean erst mal die Leviten, bevor sie ihren Geldkoffer öffnet und Jean seinen Hauptgewinn Trude in die Arme schließen kann. Reichlich Beifall vom Publikum für einen glanzvoll vergnüglichen Abend voller Schwung, Wehmut, Leichtigkeit und Hintersinn und der Aufforderung, das eigene Glück nicht leichtfertig zu verspielen.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: 3. und 4. Mai. 19.30 Uhr, Staatsoperette Dresden im Kraftwerk Mitte. 5 Euro Rabatt erhalten Zuschauer für das Stück „Zwei Krawatten“ in der Staatsoperette Dresden am 11. und 12. Juni gegen Vorlage ihrer Kinokarte von „Der blaue Engel“ im Zentralkino.

http://www.staatsoperette.de


Vom Kellner zum Gentleman, umgarnt von den Damen und immer in Angst, aufzufliegen.

Unterwegs: Begegnung mit einem Berggeist & In der Tiefe des Schaubergwerks auf Schloss Burgk in Freital


Bezaubernder Blickfang: Berggeist & Musikus. Das 150 Jahre alte Denkmal steht umgeben von hohen alten Bäumen im Garten von Schloss Burgk in Freital.

Tor zur Unterwelt: Kristin Gäbler, die Leiterin der Städtischen Sammlungen im Schloss Burgk vor der Schaubergwerksanlage, zu der auch ein Technikpark mit historischer Bergbautechnik gehört.

„Schwarzes Gold“: Axel Rüthrich, Mitarbeiter für Regionalgeschichte bei den Städtischen Sammlungen Freital zeigt stolz ein Steinkohleflöz, dass nur noch hier zu sehen ist.

In der Welt untertage

Einer wundersamen Berggeist-Sage lauschen, in die Tiefe steigen und in die Geschichte des Steinkohlenbergbaus eintauchen, können Besucher im wiedergeöffneten Schaubergwerk auf Schloss Burgk in Freital.

Die zwei Gestalten im Schlosspark Burgk in Freital ziehen die Blicke der Besucher auf sich. Die meisten Einheimischen werden sie kennen. Die anderen staunen und sehen sie mit einem Lächeln. Den bärtigen, hutzeligen Mann mit Schaufel, der auf Gestein steht und versucht, einen verwegen drein schauenden Mann mit Fidel und hingehaltenem Hut, zu sich auf den Berg zu ziehen. Das Denkmal erinnert an die Sage vom Berggeist und dem Musiker Rotkopf Görg und ist schon über 150 Jahre alt. Es steht unter hohen alten Bäumen im idyllischen Park des ehemaligen Freiherren von Burgk, Carl Friedrich Dathe, der Hauptförderer des hiesigen Kohlebaus war.

„Rotkopf Görg, der ein beliebter Musikus auf Festen in Freital und Umgebung war, begegnete der Sage nach einmal nachts auf dem Heimweg einem Berggeist, der ihn in den Windberg einlud zum Spielen. Drinnen glänzte es wie in einem Zauberschloss und er spielte den ganzen Abend für die Hofgesellschaft. Als Lohn bekam er eine Schaufel voll glühender Kohlen in den Hut geschüttet, die er enttäuscht vor seinem Häuschen auskippte. Es kam ihm vor wie ein Traum. Doch als er am nächsten Tag in den Hut schaute, lag noch ein Goldstück drinnen. Die anderen, die er wegwarf, waren nur noch Asche“, erzählt Axel Rüthrich, Mitarbeiter für Regionalgeschichte bei den Städtischen Sammlungen Freital die denkwürdige Begebenheit.

Vor diesem Denkmal beginnt die einstündige Führung durch die Schaubergwerksanlage, die nach zwei Jahren Schließung coronabedingt nun wieder für Besucher geöffnet hat. Es ist die erste Führung für Axel Rüthrich. Er hat Industriearchäologie in Freiberg studiert und ist seit zwei Jahren als Museologe auf Schloss Burgk beschäftigt. Als Jugendlicher kam er in seinem Heimatort Höckendorf zu einem Bergbau-Verein, wo es ihn zunächst aus einer „gewissen Abenteuerlust“ hinzog und später wollte er auch mehr über die Gesteine erfahren. An diesem sonnenstrahlenden Dienstagnachmittag kommt jedoch nur eine Familie zur Führung und eine Muselogin, die neu auf Schloss Burgk ist. In einem Umkleideraum ziehen wir uns grubentauglich an, setzen gelbe Schutzhelme auf und schlüpfen in blaue Umhänge. Dann öffnet sich die Tür, steigen wir hinab in die Welt untertage oder „fahren ein“ wie die Bergleute sagen. Die Lüftungsanlage rauscht am Eingang.

Drinnen ist es sehr niedrig, schmal und stockfinster zunächst. Prompt stoße ich mit dem Helm an die Gewölbedecke! Ungewohnt, gebückt zu gehen. Ein Tunnel führt immer weiter hinunter, in reichlich 30 Meter Tiefe. Die Wände sind spärlich erhellt von Grubenlampen. In den 1830/40er Jahren war die Kohle in den vorderen Bereichen schon abgebaut und die Arbeiten wurden in Richtung Windberg und Bannewitz fortgesetzt, erzählt Rüthrich. Die Steilstrecke hatte früher hölzerne Stufen, die Bergleute gingen über einen Kilometer zu Fuß zu ihren Arbeitsstellen im Bergwerk. Der Schlossturm mit der Uhr läutete wie eine Schichtglocke. Acht Stunden täglich arbeiteten sie, immer gebückt und kaum Licht. Bei einer Schlagwetterexplosion mit Methangas starben beim größten sächsischen Grubenunglück in Sachsen 1869 276 Bergleute im Segen-Gottes-Schacht. Fünf Leute überlebten, unter ihnen drei Jugendliche, die sich noch retten konnten. Eine Erinnerungstafel am Eingang der Schaubergwerksanlage erinnert an das Unglück. Danach gab es Wetterlampen für die Bergleute, deren Flamme die Sauerstoffkonzentration anzeigt.

Die Kohle wurde über die Schächte ausgefördert. „Hier ist die einzige Stelle in Sachsen, wo man noch untertägig Steinkohle sehen kann“, so Rüthrich. Er zeigt Werkzeuge für den Kohleabbau. Ein Junge darf mit Schlegel und Eisen ein Stück Kohle aus der Wand herausschlagen. Dort sieht man auch bräunlich ausgespülte Minerale. Das Schaubwergwerk wurde zuletzt 2018 saniert und das Mauerwerk durch Ziegel stabilisiert. Dann geht es auch schon wieder zurück. 76 hohe Treppenstufen führen wieder hinauf ans Tageslicht. Noch ein Blick in den Technikpark auf die einstigen Bergbaugeräte, eine Grubenbahn mit Anhänger, die überdachte Teilschnittmaschine und den Förderturm mit Sowjetstern aus der Zeit der Urangewinnung der SAG Wismut. Dann ist die Führung schon zu Ende. Etwas mehr aus dieser Epoche, zum Arbeitsalltag und Einsatz der Technik unmittelbar vor Ort zu erfahren, wäre schön gewesen. Anschauen kann man sie ja auch selber im Technikgarten.

„Es läuft gerade erst wieder an“, sagt Axel Rüthrich angesichts der noch verhaltenen Nachfrage bei den Führungen. Im Schlossinnenhof warten drei Personen auf den nächsten Rundgang, der um 14.30 Uhr beginnt. Auf der Bank vor dem Bergbaudenkmal sitzt eine ältere Dame in Begleitung und genießt ein Eis in der Sonne. Ihr Großvater mütterlicherseits war Bergmann und ein Vorfahr von ihr kam bei dem Grubenunglück 1869 um, mit 27 Jahren und hinterließ seine Frau und zwei Kinder, erzählt sie. „Man hat nur eine Hand und eine Hacke von ihm gefunden, darin war die Nummer von dem Berg. Sonst hätte man gar nicht gewusst, wer er ist.“ Ihren Namen will sie nicht nennen. 84 Jahre alt ist sie jetzt und eine „echte Hainsbergerin“. Ihr Großvater erzählte ihr als Kind viel vom Bergbau. „Für mich war es immer ein Stück Heimat und Geschichte“, sagt sie. „Nach `45 haben wir die Kohlen geholt auf der anderen Seite auf den Halden. Wir hatten ja ein Bergwerk am anderen, nicht nur die Wismut.“

Sie habe schon Respekt vor dem Bergmannsberuf mit seiner harten Arbeit. An das Grubenunglück erinnert ein Denkmal auf dem Windberg, wo sie mit ihrem Sohn zum Jubiläum Freitals eine rote Rose für ihren Vorfahr niederlegte. Sein Name Ackermann steht an erster Stelle auf der Gedenktafel. Wenn die Bergleute mit ihren  Grubenlampen früher vom Windberg abends nachhause gingen, sah es aus wie eine endlose Glühwürmchenkette, weiß die alte Dame von ihrem Vater. Heute gäbe es bei jungen Leuten leider kaum noch Interesse für Bergbaugeschichte, bedauert sie. „Der Bezug fehlt, wenn ältere Leute in den Familien nichts vermitteln, geht es verloren.“

Text + Fotos (lv)

Führungen im Besucherbergwerk: Di und Do jeweils 13.30 und 14.30 Uhr und jeden 1. Sonntag im Monat von 10 – 16 Uhr

http://www.freital.de/museum

Jazz Open Air: Summertime im SchillerGarten


„Pop, Soul, Jazz & More“ mit der „Forster Family“ eröffnete am 30. April den Summerkonzert-Reigen im SchillerGarten am Blauen Wunder in Dresden. Foto: Veranstalter

Jazztage Dresden starten Open-Air-Saison

Rund 20 Konzerte von Swing-Jazz über feurige Bläserklänge bis Bossa Nova und Blues locken zum Zuhören und Tanzen bis Mitte Juli.

Noch vor Veröffentlichung des Gesamtprogramms des diesjährigen Herbstfestivals vom 21. Oktober bis zum 20. November 2022 und weiterer Summertime-Konzerte beginnt bei den Jazztagen Dresden am 30. April der Sommer und damit die Festival-Open-Air-Saison. Nach zwei Jahren „Künstler für Künstler“ heißt es nun im dritten Jahr „Summertime im SchillerGarten” und erneut präsentieren die Jazztage Dresden hier eine Spezialausgabe ihrer Sommerkonzerte mit eintrittsfreien Konzerten. Bereits im vergangenen Jahr luden feinste Konzerte auf Spendenbasis zum Genießen, Staunen
und Tanzen an die malerisch an der Elbe gelegene Bühne im SchillerGarten.

Kilian Forster, Intendant der Jazztage Dresden, hat ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das durch die Unterstützung des SchillerGartens und avisierter Corona-Förderungen möglich wird. Dennoch benötigen Kunst und Kultur weiterhin Unterstützung zum Wiederaufbau – auch durch regen Publikumszuspruch zu Konzerten und Ticketkauf. Es gibt daher in diesem Jahr zwei eintrittspflichtige Veranstaltungen in der SchillerGarten-Reihe. Bei FANFARE CIOCARLIA, der rumänischen Blaskappelle, die kein Publikum jemals auf den Stühlen gehalten hat, und dem Jubiläumsauftritt des
ZWINGERTRIOS können Tickets sowohl im Vorverkauf als auch an der Abendkasse erworben werden.

Das Programm startet in diesem Jahr bereits am 30. April mit der Forster Family und „Pop, Soul, Jazz & More“ und präsentiert bis Mitte Juli knapp 20 Konzerte unterschiedlichster Stilrichtungen. Swing-Jazz ist natürlich beliebt und stark vertreten, wie beispielsweise mit Krambambuli, der Dresden Bigband & Peter Flache oder auch der Eastside Bigband mit dem Staatsoperetten-Solisten Christian Grygas. Petra Ernyei, die tschechische Sängerin mit der samtweichen Jazzstimme, verzaubert gemeinsam mit ihrem Quintett in einem Programm voller großartiger Swing-, Bossa Nova- und Bluesstandards. Das „Wunderkind am Klavier”, der blinde Ausnahmekünstler Matthew Whitaker, der bereits im Alter von 16 Jahren zum Geburtstag von Stevie Wonder aufspielte und in die Fußstapfen seines großen Vorbildes tritt, lädt ein zu seinem brillanten Programm Connections.

Regelmäßig treibt das Ensemble Habana Tradicional sein Publikum auf die Tanzfläche mit traditionell kubanischer Musik – und wer es noch einen Zacken schärfer haben möchte, für alle Fans für Mochito, Cuba Libre und tanzbeinbeschwingte Enthusiasten, dem sei der Abend mit dem energetischen jungen Afrofusion-Ensemble Mokoomba empfohlen. Jörg Seidel huldigt in seinem Programm „A Tribute to Udo Jürgens” musikalisch dem zu Beginn als Jazzmusiker gestarteten großartigen Künstler. In Jörg Seidels erfrischenden Arrangements, nicht verkopft, sondern gut hör- und erkennbar, erklingen die Songs des großen Barden vertraut wie eh und dennoch ganz neu gefasst. Die Klazz Brothers präsentieren ihr Programm Disco Lounge II nach dem großen Erfolg des letzten Jahres: Fein verjazzt zum abchillen, virtuos gespielt zum Staunen und schweißtreibend groovend zum energiegeladenen Tanz. Und auch Dixie darf im SchillerGarten nicht fehlen, zu erleben mit dem Schillerwitzer Elbe Dixie und Biergarten Dixie. Mit den Dresden All Stars – Made in Dresden – erfährt eine ganz besondere Serie – hier die neunte Ausgabe – ihre Fortsetzung: mit den besten Musikern der Dresdner Swing- und Jazzszene gibt es Ohrwürmer von Duke Ellington, Glenn Miller, George Gershwin und Count Basie, die Herzen und Tanzbeine höherschlagen lassen.

Weiterhin gibt es in diesem Jahr auf vielfachen Wunsch hin die Möglichkeit, vordere Plätze für alle Konzerte fest zu buchen für 19 Euro pro Person. Damit hat man einen garantierten Sitz- und Sichtplatz auf die Bühne. Alle Besucher ohne gebuchten Sitzplatz werden wie bisher gebeten, Künstler, Technik, Techniker und den gesamten Produktionsaufwand über Spenden zu unterstützen. Eine Spendenbox steht permanent an der Schirmbar sowie an den Ausgängen bereit und wird im Laufe des Abends auch durchs Publikum gereicht. Wer die „Summertime im SchillerGarten”-Konzerte generell unterstützen möchte, kann dies gerne auch konzertunabhängig über eine absetzbare Spende an die „Jazztage Dresden gemeinnützige UG“ tun. Ticketkauf sowie Kontonummer für die Spende unter http://www.jazztage-dresden.de.

Text: Peter Dyroff/meeco Communication Services

Weitere Informationen: http://www.jazztage-dresden.de

Eintauchen in andere Lebenswelten: Mit der Lesung „Aufgetaucht“ stellte sich die Schreibwerkstatt von Michael G. Fritz im Erich Kästner Haus für Literatur vor


Fröhlich beschwingte, zauberhafte Klänge der „Waldmüslikanten“ begleiteten die
Lesung.

Zuhören und Lesen im Wechsel.

Wenn Worte wie Pfeile treffen: Die Erzählerin Wiete Lenk las eine Kurzgeschichte von Anja Haase. Vorgestellt wurden die Autoren und neue Texte
aus der Schreibwerkstatt von Schriftsteller Michael G. Fritz.

Ergreifend und schockierend: Vom Umgang mit schmerzlichen Erinnerungen erzählte der Autor Jakob Möbius.

Lebhaft, witzig und anrührend schilderte Hans-Haiko Seifert, wie er unverhofft zu einem eisigen Hähnchen unter seinem Hemd kam zur Zeit der politischen Unruhen in Warschau Anfang der 80er Jahre.

Von Herzenspfeilen im Wald und einem eisigen Hähnchen unterm Hemd

Berührende, humorvolle, lustige, traurige und nachdenkliche Geschichten aus dem Lebensalltag hier und anderswo lasen acht AutorInnen aus der Schreibwerkstatt von Michael G. Fritz im Erich Kästner-Literaturhaus in Dresden.

Für die einen war es ein Wiedersehen nach längerer Zeit, für andere ein erstes Kennenlernen. Allen gemeinsam war an diesem Abend ihre Neugier, Interesse und Freude an ungeahnten, überraschenden und mitgebrachten Geschichten, die das Leben schreibt. Unter dem Titel „Aufgetaucht“ stellten acht Autorinnen und Autoren aus der Schreibwerkstatt von Michael G. Fritz neue Texte vor am Dienstagabend im Erich Kästner Haus für Literatur am Albertplatz in Dresden. Nachdem sie sich während der Corona-Pandemie nicht treffen konnten, sind sie nun zurückgekehrt. „Der Reiz liegt im Unsortierten der Texte, im Alter der Beteiligten und in den Themen“, sagte Fritz, der als Schriftsteller in Dresden und Berlin lebt und die Lesung moderierte. Das sei ein Vergnügen für Autoren wie Publikum gleichermaßen. „Wir lernen alle voneinander, weil wir alle etwas abgeben, offen sind für den anderen und dessen Vorstellungen von Literatur.“ Die Schreibwerkstatt sei ein geschützter Raum, in der Texte besprochen werden und Kritik immer nur am Werk, nicht am Autor geübt werde.

Die Gründe zu schreiben sind so vielfältig wie die Texte und ihre Verfasser, die zumeist neben ihrem Beruf oder Studium, aus ihrem Alltag heraus schreiben. „Ein Unbehagen an den Umständen, nicht Ausgeschöpftsein, der Drang sich mitzuteilen“, so war es bei G. Fritz. „Weil wir keine Wahl haben, wir können nicht anders! Schreiben ist eine Angewohnheit, von der man nicht lassen kann.“

Schreiben ist ebenso ein Abenteuer, von dem man nie weiß, was einen unterwegs erwartet, wohin es einen führt  und wie andere darauf reagieren. Ein Einlassen, Zulassen, sich ausliefern mit dem Erzählten, ein Sehen, Erkennen für sich und gemeinsam mit anderen. Lesen und Zuhören im Wechsel. Eintauchen in ganz verschiedene Lebens- und Erfahrungswelten. Wunderbar musikalisch begleitet mit mal fröhlich beschwingten, mal leise, zarten, zauberhaften Melodien aus südlichen und osteuropäischen Gefilden von den „Waldmüslikanten“, die an Geige, Akkordeon, Banjo, Gitarre, Drehleier und Ukulele musizierten. Für mich die Entdeckung des  Abends mit betörender, fast hypnotischer Wirkung!

Die gelesenen Kurzgeschichten und Romanausschnitte führten die Zuhörer nach Thailand, Äthiopien, Argentinien und Polen. Begonnen mit der geheimnisvollen Geschichte von Steffen Wartner über einen Mann, der nach Bangkok reist, dort vergebens auf seine Freundin wartet und ein anderes Paar trifft auf der Plattform des Hotels. Er baut Spannung auf, man fürchtet Schlimmes, er werde sich hinab stürzen, doch nein, er verbringt den Abend mit den beiden an der Bar und auf einer Partymeile, zahlt alles und dann ist plötzlich sein Portemonnaie weg und die Situation eskaliert und schwarze Skorpione spielen auch eine Rolle… Eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft und einen etwas ratlos zurücklässt.

Von einer Frau, die mit Pfeil und Bogen in den Wald geht und herausfinden will, wer sie wirklich ist, erzählt die Geschichte „Der Weg“ von Anja Haase, berührend und mit leisem Humor gelesen von Wiete Lenk, die schon einen Erzählband „Krähenbeißer“ veröffentlicht hat. Die Bogenschützin hat aufgehört zu sprechen und will erst wieder damit beginnen, wenn sie sich wieder spürt. Kann man sich selbst verlieren und wiederfinden?!, fragt sie sich mit Blick auf die Natur und Bäume, die im Frühjahr neu erwachen. Dann taucht auch noch ihre Freundin auf und die Ruhe ist dahin. Schön beschrieben das Gleichnis, wie sie das Spannen des Bogens mit Öffnen des Herzens vergleicht: „Man macht es weit und lernt wieder zur vertrauen. Die Angst geht mit dem Pfeil auf die Reise, man lässt sie los. Man vergisst zu denken und ist einfach nur Mensch in dem Moment.“

Eine witzig-satirische Geschichte, „Sachsens Glanz“ über die Begegnung mit einem Straßenkünstler las Geralf Grems, der als Maler, Musiker und Autor freischaffend tätig ist. Er spielt auf selbst gebauten Instrumenten wie der Drehleier urig klangreich mit bei den „Waldmüslikanten“. Er betrachtet die lebende grausilberne Zinnfigur, die als „August der Schwache“ mit Münzteller auf der Brühlschen Terrasse auftritt und nimmt Befindlichkeiten, Mentalitäten und Vorurteile gebrochen deutsch sprechend wie der polnische Straßenkünstler humorvoll auf die Schippe. Mittlerweile gäbe es ebenso viele Deutsche mit polnischen (Zahn)Kronen wie Polen mit deutschen Wurzeln. Man erntet, was man sät, wissen beide. Was ich gebe, bekomme ich zurück, sagt der Straßenkünstler. Gemeinsam stützen sie sich auf die Balkonbrüstung Europas und schauen auf das Fließen des Stroms…

Diana Wolff arbeitet als Pastorin in der Nähe von Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, ist Mutter von vier Kindern und war mit ihrem Mann eine Zeitlang als Entwicklungshelferin in Äthiopien. Das dort Erlebte schildert sie anschaulich und bewegend, streckenweise zu ausschweifend und wiederholend, in ihrem entstehenden Roman, aus dem sie ein Kapitel, Täuschung und Enttäuschung las über ein 12jähriges Mädchen, das aus einem Dorf in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba kommt, um dort in die Schule zu gehen. Bei einer Tante findet sie Unterkunft hat, schält Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch für das Essen und wartet sehnsüchtig auf ihre Schuluniform. Doch es kommt anders als erhofft. Ihre Tante kommt auf den Geschmack, so muss Virtokan (dt.: Orange) fortan als Hausmädchen die Familie versorgen und kann nur in die Abendschule gehen, wo der Unterricht oft ausfällt. Einige Mädchen laufen weg aus Angst vor Strafen und Schlägen, zurück nach Hause oder landen auf dem Straßenstrich. Wie es weitergeht mit Virtokan, ob sie ihren Weg schafft, bleibt  als spannende Frage.

Wenn er nachts nicht schlafen kann, schreibt Harald Lämmel Geschichten. Er wohnt in Radeberg, hat Theologie und Sozialpädagogik studiert und inzwischen pensioniert. Seine ironisch-surreale Geschichte „Die fehlende Antwort“ erzählt über eine Frau, die seine Blicke anzog, eine Zeitung hatte von ihr berichtet, sie überragte ihn an Größe und er unterhält sich mit der bronzenen Figur, die einen Hammer in der Hand hält über ihr Vorleben, warum sie nicht fortging in ein anderes Land und so viel auf sich nahm.

Petra Schweizer-Strobel ist Archäologin, Fachbuchlektorin und Schriftstellerin, sie stammt aus Schwaben und lebt seit 22 Jahren in Dresden. Ihre Geschichten kreisen darum, was Menschen an- und umtreibt, um die Suche nach der eigenen Identität. Sie las  einen Auszug aus ihrem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel „Vater, Mutter, Kind“ über einen Mann, David, der nach Jahren wieder ins Leben von Hannah tritt und erfährt, dass er eine Tochter hat. Eines Abends, sie ist müde und abgespannt, steht er in verschmutzter Motorradkluft vor ihrer Tür. Er hat immer Angst, das Richtige zu tun, erfährt man über ihn und er ist zwischen zwei Frauen hin und hergerissen. Was führt ihn nun zu ihr? Wie wird er sich entscheiden und will sie ihn überhaupt noch?! Wie schafft man es überhaupt in turbulenten Zeiten wie diesen, den Glauben an die Liebe und Miteinander nicht zu verlieren? Fragt man sich unterschwellig, ungeduldig beim Zuhören.

Herausragend für mich sind zwei Geschichten, in denen es um Erinnerungen, schöne wie schmerzliche und den Umgang mit Vergangenheit geht. Die Kurzgeschichte „Flüge“ von Jakob Möbius, er stammt aus Freiberg, hat in Dresden Psychologie studiert, arbeitete in Kliniken und als Krankenpfleger in Corduba in Argentinien und schreibt außerdem erfolgreich Kurzfilme, entstand bereits 2013.  Er erzählt ebenso trocken, klar wie schockierend und ergreifend über den Konflikt einer Frau, deren Vater Menschen im Gefängnis folterte während der Militärdiktatur in Argentinien. Die Erinnerungen an die Grausamkeiten, die er beging in einem „Rausch von Macht und Verachtung“, lassen ihn nicht los, erzürnen und quälen ihn rückblickend. Er liest einige Worte auf spanisch und denkt nach über die Gedichtzeilen auf dem blutigen Zellenboden, dass das Böse in jedem von uns stecke, auch in denen, die wir lieben. Etwas undurchsichtig und vage bleibt, wer die Gefangenen sind im Flugzeug. die immer noch auf Gnade hoffen, wohin der Flug geht und warum der Mann am Ende nicht an Bord ist.

Einen lebhaft heiteren Kontrast dazu bildete die Kurzgeschichte „Der Laden“ von Hans-Haiko Seifert zum Abschluss der Lesung. Eine Alltagsszene aus seinem gerade abgeschlossenen Roman „Joanna“, der von seiner Zeit in Warschau von 1979 bis in 1980er Jahre während des Volksaufstandes unter der Solidarnosc-Bewegung in Polen erzählt. Einer Zeit, in der die Welt im Osten aus den Fugen geriet und zurzeit wieder erschreckend aktuell ist. Not, Mangel, Gewalt und Entbehrungen. Mit viel Witz und Gespür für Land und Leute, sehr lebendig und anrührend beschrieben und gelesen, wobei man dem Autor seine Spielerfahrung in der damaligen freien Theatergruppe „Traumzeit“ am projekttheater in Dresden in den 1990er Jahren anmerkte, brachte Seifert die Geschichte zu Gehör. Wie die üppige Verkäuferin ihn, den jungen Mann, der sich im Laden umsieht, zuerst grob ansieht, als wolle er alles leerkaufen, ihn beargwöhnt wie einen Dieb und dann alles Mögliche aufschwatzt und neugierig nebenbei erkundigt sich nach ihm, halb mitleidig und mütterlich. Während draußen eine Schlange von 20  Frauen auf Fleisch wartet.  Sie stopft ihm schließlich ein eisiges Hühnchen unters Hemd, nach außen trägt er nur eine Zwiebel und ein Mohnbrot, wenn die Frauen in der Schlange nur wüssten!, und warnt ihn wachsam zu sein, vor Drogendealern und anderen zwielichtigen Gestalten auf der Hut zu sein. Seifert sucht noch einen Verlag sucht für seinen Roman, von dem man sogleich Lust bekam mehr zu hören. Alles in allem konnten Zuhörer und Lesende eine bunte Mischung aus weit gespannten Themen und Blicken auf das Leben und die Welt in und um uns herum erleben, mitnehmen und nachklingen lassen.

Für weitere, tiefergehende Einblicke in die Schreibwerkstatt blieb an diesem Abend keine Zeit. Diese sei mit rund einem Dutzend AutorInnen zurzeit ganz gut gefüllt, so Fritz. Die Teilnehmer treffen sich alle sechs Wochen. Die Schreibwerkstatt sei aber dennoch offen für neue Interessierte, die Talent und Lust am Schreiben mitbringen, ihre Texte in der Gruppe lesen, besprechen und hinzulernen wollen und denen der persönliche Austausch wichtig ist.

Text + Fotos (lv)

http://www.kaestnerhaus-literatur.de

Fantasievolle Sitz- und Leseplätze für kleine und große Besucher im Garten vom Erich Kästner-Literaturhaus:


Schöne Ein- und Ausblicke im Grünen.

Ausstellung „Mail Art Projekt – Stimmen aus dem Lockdown“ in der Stadtgalerie Radebeul


Fasziniert von der Vielfalt der „Postkarten-Kunst“: die Initiatoren des Mail Art-Projekts Petra und Burkhard Schade im Gespräch mit der Radebeuler Kulturamtsleiterin Gabriele Lorenz (2. von links im Bild).

Ängste, Wut und Lebensfreude verwandelt in Postkarten-Kunst

Die Ausstellung „Mail Art Projekt“ zeigt 700 einfallsreich berührende Postkarten aus dem Corona-Alltag derzeit in der Stadtgalerie Radebeul.

„Kein Mensch ist eine Insel!“, steht auf einer der vielen Postkarten.
Erstaunlich wie viel darauf passt. Alles was plötzlich nicht mehr ging, schmerzlich vermisst und bewusst wurde, wie sehr es gebraucht wird: Augen-Blicke des Miteinanders, Kunst, Theater, Musik, Natur, Reisen, und, und… Insgesamt 700 von Hand kunst- und liebevoll, witzig, fantasievoll, traurig und nachdenklich gestaltete Postkarten von Künstlern und Laien, Jung und Alt, versammelt die Ausstellung “Mail Art Projekt – Stimmen aus dem Lockdown“ derzeit in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21.

Eine vielfältige und vielstimmige Reflexion der Lockdown-Monate Januar bis März 2021 wird in der gezeigten „Postkarten-Kunst“ sichtbar. Initiiert haben die Aktion die Malerinnen und Grafikerinnen Petra Schade, Anita Voigt und der Fotograf Burkhard Schade. Es scheint schon wieder eine gefühlte Ewigkeit her, doch die Folgen der Corona-Pandemie wirken weiter. Jeder hat seine Erlebnisse und Erfahrungen damit und kann hier mit zeitlichem Abstand noch einmal auf diese Zeit blicken, manches neu oder anders sehen, Ermunterung, Trost, Hoffnung und Anregungen finden, das eigene Leben mit allem Drum und Dran zurückzuerobern. Da ihre Malkurse in Radeburg wegen des Lockdown nicht stattfinden konnten, suchte Petra Schade nach einer Möglichkeit, sich zu vernetzen und weiter etwas zusammen zu tun.

“Die Postkarten-Kunst kann man untereinander weitergeben. Die Idee wurde in den Chatgruppen von den Malschülern begeistert aufgenommen und die ersten Postkarten entstanden“, erzählt Petra Schade. „Ich wollte möglichst viele ins Boot holen, die Arbeit und die Freude mit anderen Menschen teilen.“ Auch im Kindergarten und der Mittelschule in Radeburg fand sie Interesse für die Mail-Art-Aktion. „Sie verbreitete sich vor allem über Mund zu Mund-Propaganda. Wir waren selbst überrascht, ebenso der Postbote, über die Menge an Karten, die bei uns ankamen“, sagt Burkhard Schade. Mitte Januar letzten Jahres ging es los. Täglich kamen 15 bis 20 Postkarten bei Petra Schade und Anita Voigt an. „Dann wurde so eine Welle daraus, dass die Aktion bis Ende März verlängert wurde.“ Es kamen Karten von überall her, so Schade, aus der Dresdner Region und sogar aus Finnland und Norwegen. Es gab keine Jury und keine Bewertung. Alle Postkarten sind in der Ausstellung zu sehen, sie wurden zudem eingescannt und ins Netz gestellt zur Ansicht für alle Beteiligten. „Sie zeigen das große Bedürfnis, sich wieder zu beteiligen, etwas Kreatives zu tun und eigenes Befinden. Es gab viele Bedenken, Ängste, Wünsche, Wut, Hoffnung und kritische Stimmen“, so Burkhard Schade.

In faszinierender Vielfalt spiegeln sich diese in Form von Malerei, Grafiken, Fotografie, Texten und Collagen. Da ist auf einer Karte nur ein roter Faden aufgeklebt. Sieht man eine Winterlandschaft wie durch ein Gitter, balancieren und vergraben sich Menschen in abgekapselten Räumen. Kommen sich ein Mann und eine Frau auf einer Bank durchs Fernglas näher bei ihrer „Liebeserklärung mit Abstand“. Irrt ein Mann in schwarzem Mantel, Sonnenbrille, Stock und umgehängtem Schild umher: „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ Eine Frau geht mit einem Notenschirm durch den Regen neben einem träumenden Tangopaar. Gesichter und Stoffmasken sind mit Blumen, Wellen, Fischen und Liedzeilen bemalt und beklebt.

„Die Ausstellung zeigt auch, dass sich Formate ändern, neue Ausdrucksformen entstehen und dass Kultur nicht nur eine Freizeitbeschäftigung ist, welchen Stellenwert sie besitzt und wie essenziell wichtig sie für die Gesellschaft ist“, sagt die Radebeuler Kulturamtsleiterin Gabriele Lorenz. Das „Mail Art Projekt“ ist als Wanderausstellung konzipiert und wird danach als besonderes Zeitdokument im Stadtarchiv Dresden aufbewahrt. Die Bilderrahmen wurden aus Mitteln der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen finanziert. Für den geplanten Katalog zur „Postkarten-Kunst“ werden noch Sponsoren gesucht. Eine Spendenbüchse steht bereits in der Stadtgalerie. Die Ausstellung ist noch bis 22. Mai in der Stadtgalerie Radebeul zu sehen.

Texte + Fotos (lv)

Geöffnet: Di., Mi, Do von 14 – 18 Uhr, So von 13 – 17 Uhr,


Neue Ausdrucksformen & herausragendes Zeitdokument: der Radebeuler Stadtgalerist Alexander Lange (Bildmitte) und die Initiatoren Petra und Burkhard Schade betrachten die einfallsreich bemalten, beklebten und beschrifteten Postkarten, oft schon wahre Objektkunstwerke.

„Aufgetaucht“ – Lesung der Schreibwerkstatt von Michael G. Fritz im Erich Kästner Haus für Literatur

Bühne frei für neue literarische Stimmen!

Die Schreibwerkstatt des Schriftstellers Michael G. Fritz zählt zweifelsfrei zu den Konstanten im Erich Kästner Haus für Literatur. Ihr gehören nicht nur junge literarische Stimmen, sondern auch bereits etablierte Autorinnen und Autoren an. Am kommenden Dienstag, 26.04., um 19 Uhr stellen Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte dem interessierten Publikum vor.
Musikalisch wird die Lesung von den „Waldmüslikanten“ begleitet.

Der Eintritt zur Lesung ist frei.

 

Text: Florian Ernst

Das Erich Kästner Haus für Literatur e.V.
Villa Augustin
Antonstraße 1
01097 Dresden
Tel 0351 / 8045087

kontakt@kaestnerhaus-literatur.de
www.kaestnerhaus-literatur.de

Lyrik-Anthologie „Weltbetrachter“

Nichts ist wie es bleibt

Reichhaltig reizvolle Blicke auf die Gegenwart und das Menschsein in allen Facetten versammelt der Gedichtband „Weltbetrachter – Eine Anthologie aus Sachsen“ mit Lyrik von rund 100 sächsischen Autorinnen und Autoren. Ein ausdrucksvoller Spiegel der Zeit und eine Empfehlung zum heutigen Welttag des Buches.

Ein herausgerissenes Notizblatt mit noch freien Linien und Kästchen, angefüllt mit Zeichensymbolen wie Auge, Fußspuren, Rabe, ein aufgeklapptes Buch wie ein Zelt, aus dem Hände wie Flügel wachsen oder ein Schiff auf dem Meer, schmückt den Umschlag. Sie spielen mit der Fantasie des Betrachters und verwandeln sich in wortspielreiche Lyrik. Über 150 Gedichte von rund 100 sächsischen Autorinnen und Autoren versammelt das Buch „Weltbetrachter – Neue Lyrik. Eine Anthologie aus Sachsen“, herausgegeben von Róza Domascyna und Axel Helbig vom Sächsischen Literaturrat e.V. (267 S., 2020, poetenladen, Leipzig).

Darin finden sich vielfältige Blicke auf die Welt, ebenso viele Betrachtungs- und Ausdrucksweisen, unterschiedlich in ihrer Intensität, Tiefe und Sprachkraft. Eine große Bandbreite an lyrischen Spielarten und Inhalten, über Leben, Liebe, Tod und Menschsein, Natur und Sprache in allen Facetten, enthält dieser Gedichtband von klassisch gereimt bis experimentell. Prosagedichte in Sätzen, freie Verse mit eigenen Wortschöpfungen, konsequent kleingeschrieben, nüchtern sachlich, konkret oder assoziativ. Sie sind leise, sanft, zärtlich, rau oder zornig im Ton. Karg oder üppig, lustvoll, spöttisch, sinnlich oder melancholisch, bitter und komisch in ihrer Weltbetrachtung.

Die Herausgeber haben eine Auswahl aus 1 500 eingesandten Gedichten getroffen,  aus denen sich ein Spiegel der Zeit geformt hat, heißt es im Vorwort. Die Texte stehen in Kapiteln thematisch geordnet unter Überschriften wie „Flach in der Schrift liegt das Gedicht in dir“, „Nichts ist wie es bleibt“ und „Allein die Purpurfarbe weicht nicht aus“.
Das Schöne und Reizvolle an solch einer Lyriksammlung ist, man kann sich an einer zufällig aufgeschlagenen Seite von den Gedichten überraschen lassen, bleibt daran hängen, liest sich fest oder blättert weiter. Taucht in immer neue, andere Stimmungen und Welten ein, die einen verzaubern, erstaunen, rätseln, träumen und nachsinnen lassen.

Text + Foto (lv)

Mehr Text zum Gedichtband folgt.