WinterBlumen 112 (2)

Eine schamlos schöne Reise ins Land der Liebe

Eine Live-Lese-DJ-Session mit Solvig Frey, Rüdiger Schlögel und DJ Veyx

Seit Chimo das Mädchen Lila getroffen hat, ist nichts mehr wie vorher. Er ist 19, sie 16. Sie lockt ihn halb im Scherz und Ernst, direkt und unbefangen in ihren Worten und Wünschen, in das ihnen bislang unbekannte Land der Liebe.
Sie fragt ihn quer bei ihm auf der Fahrradstange sitzend, ob er unter ihr Kleid sehen will. Er stellt sich vor, wenn er ein Insekt zwischen ihren beiden Dingern wäre. Und fasst mit der Hand ins goldgelbe Gras ihrer Scham. Ihr Haar ist weizenblond.

„als hätten Seidenraupen Goldfäden gekackt“, so heißt die Live-Lese-DJ-Session nach dem Roman „Chimo sagt Lila“. Der französische Autor veröffentlichte das Buch unter demPseudonym Chimo in den 1990er Jahren in Paris.  Auf die Bühne kam das intime Tagebuch, das ebenso provoziert wie fasziniert mit seinen offenen, sowohl derb-erotischen als auch poetischen Gefühlsbekundungen in der Sprache der Straße und Jugendlicher, nun in einer Lesung mit Solvig Frey und Rüdiger Schlögel, begleitet von klangreich pulsierenden Sounds von Mario Auerbach aka DJ Veyx im Hintergrund. Die Premiere war im Februar im Projekttheater Dresden. Am Sonnabend war die musikalische Lesung im Club Puschkin zu erleben anlässlich des 20jährigen Bühnenjubiläums von Mario Auerbach alias DJ Veyx mit anschließender Party bis in die Morgenstunden.

Es ist das erste gemeinsame Projekt von Solvig Frey und Rüdiger Schlögel (ehemals Musicaltheater „aquarius“). An zwei Lesepulten stehen eine Frau und ein Mann nebeneinander und geben nur mit ihren Stimmen Lila und Chimo gefühlreich Präsenz, allein und mit dem anderen im Dialog erzählend. Sie fordert ihn spielerisch-lustvoll heraus, bald teilen sie einander immer ungehemmter ihre innersten Wünsche und Fantasien mit, verwischen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Spiel und Ernst immer mehr. Zuerst sehen sie sich und ihrer Lust im Spiegel zu, dann soll er sie als zusehender Dritter mit der Videokamera filmen, als würde sich dadurch ihr Verlangen endlos wiederholen. Doch ihre Träume überleben nicht die raue Wirklichkeit.

Die zwei Erzähler bewegen sich nicht von der Stelle, was zunächst recht statisch wirkt und ungewohnt. Doch die Geschichte ist sehr lebendig-bilderreich geschildert und schafft damit spannend und reizvoll eigene Bilder- und Gedankenräume für das zuhörende Publikum. Bei der sprachlichen Gestaltung beriet die beiden Darsteller der bühnenerfahrene Autor Philipp Schaller, der selbst Theaterstücke und Satiren schreibt.

Solvig Frey und Rüdiger Schlögel gelingt es eindrucksvoll, die Figuren und ihre Welt plastisch und nacherlebbar werden zu lassen. Chimo sieht sich als „Aufnahmegerät für das was Lila sagt.“ Das Leben verwandelt sich in ihrem Mund und auf so was hat er Hunger wie ein Floh auf einer Glatze, sagt Chimo. Sie heizt seine Fantasie an. „Lila explodiert in meinem Kopf.“ Die direkt-ungenierte Sprache verlangt ein Einlassen auf beiden Seiten. Jenseits oberflächlicher Klischees und allgegenwärtiger nackter Tatsachen in TV und Werbung vertraut diese Lesung allein auf die Wortkraft, Fantasie und eigene Erfahrungen der Zuhörenden. Eine Aufführung, die unter die Haut geht und sich mit dem eigenen Denken und Fühlen reibt und einen so schnell nicht loslässt. Ein Programm, dem man noch mehr dafür offene Spielstätten und neugierige Zuhörer wünscht.

Nächste Vorstellungen:

16. September, 20 Uhr im Theaterhaus Rudi.
20. Oktober, 20.30 Uhr auf der Mini-Bühne im Kunstkeller Dresden, Radeberger Str. 15

Text + Foto (lv)

Kontakt: http://www.solvig-frey.de

 

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