Anfangs verlief ich mich immer wieder in den großen Hallen. Und vieles lief an mir vorbei. Bücher gab es massenweise und Autorenlesungen am laufenden Band. Man sah sie kaum. Ich eilte hin und her, von einer Leseinsel zur nächsten. Meist waren sie schon belagert von Schaulustigen, Zuhör- und Fragehungrigen. „Und wo lesen Sie am liebsten?“, schwang als Frage weithin sichtbar auf Stoffbändern in der gläsernen Kuppelhalle. Überall, lautet meine Antwort. Andere schlüpfen gern in die Rollen ihrer Lieblingsfiguren. Scharenweise wunderliche Gestalten aus der Manga- und Comicwelt, die ihre eigene Messe feierten, schlenderten umher am Eröffnungstag des Bücherfestes und fotografierten sich gegenseitig.

Bücher fangen mit den Lesern an zu leben.
Doch wer soll all die vielen Bücher jemals lesen? Die immer neuen und die älteren mit Gebrauchsspuren, die in heillosem Durcheinander in die Regale gestopft auf der zeitgleich stattfindenden Antiquariatsmesse auf ein neues Leseleben warten? Wer hat schon die Zeit oder nimmt sie sich. Voll bepackt mit einem Stapel Bücher unter dem Arm kehrte eine junge Frau von den Regalen zurück. „Ich muss mich entscheiden!“, sagte sie und breitete die Bände auf dem Boden aus. Sie zählte ihr Geld. Zwanzig Euro. Die Bücher die mit durften, legte sie auf eine Seite und die anderen beiseite. Diese Auslese blieb mir glücklicherweise erspart. Ich fand nichts trotz der Bücherfülle! Nach langem Suchen entdeckte ich endlich einen Gedichtband, doch den von Ingeborg Bachmann hab ich bereits und Rilke und Hesse auch. Eine Biographie über Thomas Bernhard gab es leider nur auf englisch und nach seinem Buch „Auslöschung“ war mir gerade nicht zumute. Ein Buch wollte aber unbedingt zu mir: „Närrisches Prag“ von Lenka Reinerová vom Aufbau-Verlag, aus dem Jahr 2005 und sehr gut erhalten für sechs Euro. Da will ich schon lange mal wieder hin und innen lag auch noch ein Schmusetiger-Lesezeichen und noch besser, ein Zeitungsartikel über Egon Erwin Kisch, den rasenden Reporter. Dann nichts wie hin sobald das Buch gelesen ist!

Ich ließ mich weiter treiben im Strom der literarischen und anderen Neuheiten wie Hirameki, farbigen Tuschflecken auf Papier, die man bekritzeln kann, Strich für Strich in Zeichensprache, mit dem, was man in ihnen sieht bis eine Figur zum Vorschein kommt. Der Kreativ-Bestseller von den Künstlern Peng &Hu ist bei Kunstmann erschienen. Ich sammelte ein was mir begegnete an Anregungen, verteilte meine wortgarten-Flyer auf Verlags- und Imbisstischen und in der Blogger-Lounge, die am ersten Messetag nachmittags noch fast leer war. Fast zum Schluss landete ich doch noch in einer Lesung, geschafft und glücklich. Eine Frau und ein Mann lasen auf der Leseinsel „Junge Verlage“ jeweils vier Gedichte. Kerstin Becker aus ihrem neuen Gedichtband  „Biestmilch“, in dem sie mit unbändiger, rauer und zärtlicher Wortkraft und Tiefe auf Orte der Kindheit blickt. Dominik Dombrowski las Verse aus seinem neuen Band „Fermaten“, die metapherreich und voll geheimnisvoller Sprachschönheit eine ganze Lebenszeit an einem einzigen Tag vergegenwärtigen. Erschienen sind beide Bücher bei der Edition Azur in Dresden.

Als ich mit voller Tüte mit den Verlagsprogrammen und Bücherempfehlungen für Frühjahr und Sommer innerlich aufblühend nachhause kam, las ich wenig später im Internet von einem schlimmen Unfall an diesem Tag. Es geschah ganz in meiner Nähe. Kurz bevor ich losfuhr zur Buchmesse nach Leipzig, betrat eine Frau, 51 Jahre, die Bahngleise und wurde von einem Zug überfahren. Es sei Suizid gewesen, den polizeilichen Ermittlungen zufolge. Die Strecke zwischen Pieschen und Bahnhof Neustadt war stundenlang gesperrt. Da unser Zug schon weg war, fuhren wir auf anderem Weg über Hauptbahnhof nach Leipzig. Die Sonne strahlte wie lange nicht, blauer wolkenloser Himmel. Was trieb die Frau zu dieser Tat, dass kein Lichtstrahl mehr sie davon abhielt?

Hätte ein Buch sie retten können? Überlege ich mit Blick auf meine volle Büchertipp-Tüte. Können Bücher Leben retten? Den Leser dazu bringen, etwas zu tun oder nicht zu tun. Ist das zu viel verlangt? Oder glaubte und traute sie den Worten, den Menschen und dem Leben nicht mehr? Der Gedanke macht mich traurig, dass es für sie nichts als unnützes, trostloses, totes Papier war. Während ich diese Zeilen schreibe, wird es draußen schon wieder hell, singen die ersten Vögel und fahren die ersten Autos vorbei.  Die Bücherkataloge liegen griffbereit auf dem Küchentisch.

Später lese ich: An den ersten beiden Buchmesse-Tagen kamen laut Veranstalter bereits 75 000 Besucher (2015: 71 000) und präsentieren über 2 250 Aussteller ihre Angebote. Noch bis Sonntag.

Macht was draus.

Bis zum nächsten Mal!

Eure Lara Finesse

 

 

 

 

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