lara3Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben…
Wenn sie im Müll landen, was ist dann mit der Welt geschehen?
Dieses Lied von Pete Seeger fällt mir ein, während ich an die weggeworfenen Blumensträuße denke. Mit Blumen lässt sich vieles sagen.
Blüht die Natur, freut sich der Mensch und blüht selbst auf.  Die Liebe und das Leben blühen und endet eine Liebe oder ein Leben, trösten uns Blumen. Weil noch nicht alles vorbei ist.
Vor dem Haus am Straßenrand werfen sich Kinder johlend in grüne Rabatten wie Hängematten, weich und federnd. Immer wieder. Fallen sie und fängt das grüne Gezweig sie auf. Blumen haben oft weniger Glück. Sie finden nur Gefallen und Käufer, wenn sie in voller Schönheit stramm stehen. Wer nicht mithält, fliegt raus. So erging es den Sträußen, die ich in einem Papierkorb fand, auf dem Weg zu einer Ausstellungseröffnung mit dem schönen Titel „Frühlingsklänge“. Die Händler auf dem Wochenmarkt in der Innenstadt von Chemnitz nahe der Galerie packten gerade ihre Stände und Waren ein an diesem Donnerstagabend, begleitet von den letzten Sonnenstrahlen und Vogelzwitschern. Punkt 18 Uhr schlossen die Straßencafés. Ich nahm einen Kaffeebecher und ein Stück Kuchen mit nach draußen, setzte mich davor unter einen der weiß blühenden Bäume, mit Blick auf ein grünes Labyrinth, eine Sonnenuhr auf dem Pflaster mit Tierkreiszeichen und meine Tüte voller Blumen. Fünf große Tulpensträuße mit gelben, rotweißen und zartlila Blüten. Die Sträuße teilte ich mit meiner Begleiterin. Vorher lagen sie in einem metallenen Müllbehälter mit Schlitz. Ich zog sie fassungslos und glücklich zugleich vorsichtig heraus aus dem dunklen Gehäuse. Freute mich, unerwartet so reich beschenkt worden zu sein und fragte mich, warum die Blumensträuße weggeworfen wurden. Da es gleich so viele, noch in Folie verpackt waren, wohl von einem Blumenhändler.
Waren sie nichts mehr wert, da sie nicht verkauft wurden?  Warf er sie aus Frust weg, weil keiner die Schönheit der Blumensträuße sah? Weil ein paar Blütenblätter lose hingen? Warum hat der Blumenhändler sie nicht mit nach Hause genommen? Kann er täglich von ihnen umgeben keine Blumen mehr sehen? Warum verschenkte er sie nicht einfach nach Verkaufsschluss, wenn sie nicht mehr ganz taufrisch waren? Sondern sah die Blumen nur noch als Abfall, der wegmusste. Die geretteten Tulpen dankten es, indem sie sich nach kurzer Zeit wieder in voller Schönheit aufrichteten in einem Wassereimer in der Galerie. Es waren auch die einzigen echt blühenden Pflanzen an diesem Abend inmitten der kunstreichen „Frühlingsklänge“ an den Wänden und Installationen im Raum.
Das ist jetzt drei Tage her. Die Tulpen blühen immer noch prächtig in der Vase. Nun ja. Sie entblättern sich langsam, doch in der Fülle fällt das nicht weiter auf, und sie leuchten und farbwogen noch immer. Die abgefallenen Blütenblätter, manche sehen herzförmig aus und duften zitronig, füllen zwei Glasschalen.
Man kann sich die Dinge oder Situationen schön denken oder das Schöne, das gerade ist, an ihnen sehen.
Lasst Blumen sprechen. Fröhlich bunt. Romantisch. Reizvoll lockend oder unverblümt heraus mit der Sprache. Was wissen wir schon, was wirklich in anderen vorgeht? Unterwegs sah ich vor einem Hauseingang einen Mann sitzen, den Kopf auf den Knien. War er eingeschlafen beim Warten auf jemand oder fühlte sich wie weggeworfen und sah nichts anderes mehr?
Bei uns im Hof fand ich gestern in der Biotonne knorrige Zweige voll zartgrüner Blattspitzen und leicht vertrockneter Wurzeln und holte sie heraus.
Ein Junge hielt mir auf der Bank freundlich die Tür auf.
Ein blinder Mann tastete sich mühsam mit seinem Stock über die Kreuzung zur Straßenbahnhaltestelle, während längst die Bahn einfuhr. Wie er wohl herausfand, in welche er steigen musste und ob er auch etwas vom Frühling mitbekam, überlegte ich und wie sich eine Welt ohne Blumen und Farben anfühlt. Froh es zu sehen, hob ich ein kleines Gänseblümchen vom Gehweg auf und nahm es mit.

Macht was draus.

Bis zum nächsten Mal!

Eure Lara Finesse

 

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen