Die Zombies kommen!

Eine wahnwitzige Parodie über das Flüchtlingsdrama in Europa im Kleinen Haus in Dresden

Ein riesiges, hungriges und alles verschlingendes Zombiemassenheer steuert auf Europas Küsten zu. Es lässt sich weder von Krieg, Seenot oder EU-Grenzwachen aufhalten. Nur eine gruslige Fiktion oder fast Wirklichkeit? Das fragt das Stück „Die lebenden Toten“ von Christian Lollike, ergänzt mit Textfragmenten von Tanja Diers und Mads Madsen.

Die Premiere in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am Sonnabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Viel Zündstoff birgt diese grotesk zugespitzte Aufführung, die berechtigten und diffusen Ängsten vor Fremdem sowie Gründen und möglichen Folgen des gegenwärtigen Flüchtlingsdramas in Europa nachgeht unter Regie von Tilmann Köhler. Dagegen wirkt Houllebecqs ironische politische Fiktion eines islamischen europäischen Staates in seinem Roman „Unterwerfung“, ebenfalls in einer Inszenierung im Kleinen Haus zu sehen, ziemlich harmlos angesichts dieses viel radikaleren Stücks.

Denn es geht noch einen Schritt weiter, indem es ein gleichzeitig irrwitziges wie schmerzhaftes Horrorszenario der schlimmsten Befürchtungen, genährt aus Verunsicherung und schlechtem Gewissen nicht genug zu tun, entwirft: Was passiert, wenn aus dem weiterhin auf Europa zusteuernden Flüchtlingsheer Zombies werden? Jene lebende Untote bestehend aus den Körpern der zahlreichen ertrunkenen Flüchtlinge, die aus dem Meer an Land kommen und blutige Rache nehmen für das Wegsehen und unterlassene Hilfe der „Festung Europa“. Die Inszenierung hinterfragt in intensiven, beklemmenden, bis an die Grenze des Erträglichen gehenden Bildern blutrünstiger Vampire sowie eindringlich spannungsreichem Körpertheater kritisch die aktuelle Flüchtlingspolitik, die Rolle und Verantwortung der Politik, der Medien, des Theaters und jedes Einzelnen.

Die Ausgangssituation: Drei Menschen wollen einen Film zur Flüchtlingskrise drehen. Die Bühne ähnelt einer Sandwüste, ein paar Kisten mit Requisiten, eine Filmleinwand und ein Popcornbecher stehen griffbereit. Die zwei Männer und eine Frau überlegen, wie sie am besten Mitgefühl mit dem Flüchtlingselend erreichen können beim Zuschauer. Sie versuchen es mittels schockierender Filmszenen wie in Vampir- und Horrorfilmen. In so viele Flüchtlinge kann man sich nicht hineinversetzen, lautet ihre These. Die drei hartnäckig um Emphatie und Glaubwürdigkeit ringenden Schauspieler André Kaczmarczyk, Kilian Land und Antje Trautmann sehen sich selbst auf der Leinwand zu und ihren Albträumen. Sie spielen Phrasen dreschende EU-Politiker, böse Geister beschwörende Geistliche und menschliche Zombies mit grusligen Masken, Flüchtlinge in gebrochenem Deutsch und sächselnde Urlauber am Mittelmeer, die von Zombies überfallen werden.

Großartig die wahnwitzige Parodie von Kaczmarczyk eines Mannes, der überall Bedrohung wittert, sich in ein Erdloch verkriecht und die Mauer wiederaufbauen will. Kilian Land berührt als Zombie, der das menschliche Grauen nicht fassen kann. Antje Trautmann taucht in einem mitgefilmten Selbstversuch ihren Kopf in eine Wasserschüssel und ihre Mitspieler lassen sie zappeln, bis sie kaum noch Luft bekommt, damit es echt aussieht. Ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Gleichgültigkeit und Abschotten, bevor die schrecklichen Visionen wahr werden ist diese Aufführung. Wie geht man aber nun mit den realen Ängsten um und findet konstruktive Auswege aus dem Flüchtlingsleid? Darauf findet die Inszenierung keine schlüssige Antwort. Bei aller Absurdität in der Darstellung übertriebener Ängstlichkeit von aus ihrem Alltagstrott heraus gerissenen Bürgern blieb ein befreiendes Lachen am Ende aus. Dennoch herzlicher Beifall für einen engagierten Theaterabend.

Es gibt nur noch zwei Vorstellungen: am 13. und 17.6., 19.30 Uhr

Foto: Staatsschauspiel Dresden

Aktuell zur Flüchtlingskrise: Überlebende berichten von Flüchtlingsunglück mit Hunderten Toten http://a.msn.com/01/de-de/BBtBiUO?ocid=se