Ausbruch aus dem funkelklaren Wohlklang

Lange Warteschlange und verspäteter Konzertbeginn waren weniger schön. Dafür begeisterte der bekannte Dresdner Pianist virtuos, vital und spielfreudig am Dienstagabend im neu gestalteten Konzertsaal im Kulturpalast.

Es war ein wunderbarer Klavierabend mit Peter Rösel am Dienstag abend im Kulturpalast. Etwas irritierend jedoch der Beginn. Der Run und das Gedränge vor der einzig geöffneten Abendkasse an diesem an sich schon sehr bewegenden Reformationstags-Jubiläum. Das Konzert begann mit 15 Minuten Verspätung. Die Veranstalter zeigten sich „überrascht vom Ansturm auf das Konzert“ und verwiesen, wenig charmant, darauf, die Zuschauer sollten sich doch eher im Vorverkauf die Karten besorgen. Das an dem Abend zu wenig Personal auch an der Garderobe stand, war allerdings nicht zu übersehen.

Um so mehr zog dann der bekannte und international gefragte Dresdner Pianist sein Publikum mit seinem dynamischen, energiegeladenen und fein nuancierten Spiel in Bann. Er spielte weniger bekannte, gefühl- und wandlungsreiche Sonaten von Beethoven und Schubert in diesem von Vienna Classic präsentierten Konzert. Galant, souverän und ohne Umschweife setzte Rösel sich nach kurzer Verbeugung unter herzlichem Beifall ans Klavier und legte los. Offensichtlich sehr angetan von dem neuen, hellen Konzertsaal mit seiner hervorragenden Raumakustik und Klangerlebnis auf allen Plätzen, zeigte der inzwischen 72-jährige Musiker sich bei seinem ersten Auftritt seit längerem an diesem Ort ebenso virtuos, vital wie spielfreudig. Rösel beeindruckte mit seinem verinnerlichtem Spiel ohne Noten im steten Wechsel von zarten und kraftvollen, warmen, tiefen, hellen und dunklen Tönen.

Mal sprang eine Hand übermütig über die andere, wie im Dialog zur anderen, als höre Rösel sich selber zu, mal schwebte sie leicht über den Tasten. Mal wirbelten beide Hände temporeich, vorwärts treibend. Zwischen den Stücken hielt er kurz inne und seine Hände fest als könnten sie nicht stillstehen.

Es war aber keinesfalls nur Musik zum Zurücklehnen oder Entspannen, vielmehr der wache, mitgehende, sich einlassende, nicht nur unterhalten lassende Zuhörer gefragt, was den Genuss nicht schmälert. Auffällig viele Klangfarben und Kontraste bestimmten dieses Programm. Von der schwungvollen Beethoven-Sonate Nr. 7 D-Dur op. 10/3 bis zu seiner immer wieder aus dem sanft fließenden, harmonischen Klangfluss ausbrechenden, expressiven Sonate Nr. 31 As-Dur op. 110. Mit einer Wucht wie Donnerschlägen als rufe einer immer wieder um Gehör. Vergeblich.

Nach der Pause gab es dann eine noch gesteigert gefühlsintensive, längere Sonate von Franz Schubert in A-Dur D 959. Auch hier wurde der Zuhörer schon nach kurzem wieder aus dem funkelklaren Wohlklang gerissen durch unruhig  pulsierende Passagen und kurz und heftig angeschlagene Klänge wie ein ergreifend schmerzliches Aufbegehren, Hin und Her Geworfensein in der Welt und mit sich selbst. Dazwischen zaghaftes Tasten und Suchen, kurz abbrechende Töne, Leere und Weiterspiel als Selbstvergewisserung, um dem Ringen nach Schönheit und Wahrhaftigkeit Ausdruck zu geben. Nicht alle hielten bis zum Schluss bei diesem anspruchsvollen, wenig romantischen Klavierabend aus. Dennoch gab es reichlich Beifall und auch Bravos nach anderthalb Stunden Konzert für Peter Rösel, ließ ihn das Publikum erst nach drei Zugaben von der Bühne.

Lilli Vostry von meinwortgarten.com

Text + Fotos (lv)

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