„Dicker Mann am Fenster. Und ein kleiner Vogel.“

„Drei Tänzer“

„Geflatter“

„Die Hexe im Flug“

„Hund im Grünen“

„Rückenschwimmen“

Kaputte Scheiben sind nicht schön – oder doch? Der SZ-Fotograf Klaus-Dieter Brühl entdeckt dabei ganz interessante Motive.

Zerfallende Gebäude, Ruinen und alles, was damit in Verbindung steht, habe ich eigentlich schon immer gern fotografiert – seit ich aktiv die Lichtbildnerei mit der Spiegelreflexkamera betreibe, also seit 1978. Das hatte so was Elegisches und passte eigentlich gut in die Zeit der 80er Jahre, eine Zeit, in der die triste Realität des real existierenden Sozialismus immer weniger mit den hehren Ansprüchen des Systems in Übereinstimmung zu bringen war. Man musste nur die zerfallenden Altbauten in Leipzig oder die zahlreichen veralteten Industriebetriebe in der DDR gesehen haben, um das zu wissen. Natürlich war mit solchen Fotos kein Blumentopf bei großen Fotoausstellungen zu gewinnen. Aber das eine oder andere Bild habe ich schon auch bei Fotozeitschriften oder Ausstellungen untergebracht.

Und wo unbewohnte, verfallende Häuser sind, gibt es auch zerschlagene Scheiben. Die fotografiert man so nebenher, und irgendwann nimmt die zerbrochene Glasfläche Gestalt an und erheischt Aufmerksamkeit. Das ist doch ? , sagte mein Sohn, und erklärte das Gesehene wahlweise zu Fledermaus, Elefant, Stiefel oder Kopf. Auch andere Kinder fanden, das sei ein lustiges Spiel. Ist es auch. Gerade das Foto der zerschlagenen Scheibe an sich ist ja grundsätzlich etwas Besonderes.

Täter – Fotograf – Betrachter

Denn: Drei Personen sind es, die das Bild „produzieren“: Zunächst kommt einer, der eine vorher intakte Scheibe einschmeißt. Dabei kommt der Zufall ins Spiel. Je nach Glasqualität entsteht aus den Scherben eine Form. Der Fotograf sieht das Ergebnis und hält es aus einem bestimmten Winkel und zu einer bestimmten Zeit fest. Damit nicht genug: Jetzt kommt der Betrachter ins Spiel, dessen Fantasie ebenfalls gefragt ist. Er kann ja in seinem Kopf die Vorstellung entwickeln, was die entstandene Leerfläche darstellen könnte. Hier kann dann auch ein origineller Titel vom Bildautor spannend sein.

Natürlich könnte man beliebige derartige Formen zersplitterten Glases auch mit Fotoshop künstlich herstellen. Aber so interessant wie die natürlich Erzeugten sind die nicht, das hat sich immer wieder bestätigt. Der Werkstoff Glas ist in seinen Eigenschaften so diffus und unwägbar, dass er immer wieder überrascht. Man denkt, dieser Riss – da muss jemand nachgeholfen haben, jener Splitter ist so gar nicht darstellbar … Aber nein, manipuliert wird nicht, alles habe ich so belassen, wie ich es vorfand. So habe ich einige der Bilder zerschlagener Scheiben aus den Archiven gekramt und ein Poster daraus gemacht. Die Ältesten sind um 1980 entstanden, die Neuesten sind höchstens ein paar Monate alt.

Manche Fotos entstanden bei meiner Tätigkeit in Großenhain, viele in meinem Wohnort Riesa sowie in Dresden und Leipzig. Das große Geflatter entdeckte ich am Straßenbahnhof Dresden-Mickten vor seinem Umbau zur Markthalle. Die drei Tänzer: Das Foto entstand am Rande einer Feuerwehrübung im ehemaligen Citycenter Großenhain, bevor die Gebäude abgerissen wurden. Die Zweifach-Verglasung bietet schöne Doppelkonturen.

Nicht nur in der Stadt gibt’s interessante Motive: Die „Hexe“ fand ich in Ebersbach an der alten Molkerei. Manche Scherbenbilder wie der Mann mit seinem Vogel erzählten ganze Geschichten. Zum Bild SUZ: Das war ursprünglich mal eine bekannte Automarke. Der Rückenschwimmer ist an einer ehemaligen Russenkaserne unterwegs gewesen.

Text + Fotos: Klaus-Dieter Brühl, Fotograf bei der Sächsischen Zeitung in Großenhain

Vielen Dank für die Bereitstellung von Beitrag und Bildern für meinwortgarten.com

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