Wildnis trifft bürgerliche Idylle

Arbeiten zum Schmunzeln und Nachdenken von über 50 Künstlern zeigt derzeit die Jubiläumsausstellung in der Stadtgalerie Radebeul.

Eine afrikanische Eulenmaske hängt neben einem Kleiderhaken mit Hirschkopf.
Die Ansicht eines Puppenhauses aus der Biedermeierzeit mit Schubladen neben einem venezianischen Türklopfer, bestehend aus zwei Holzfäusten. Wildnis und bürgerliche Idylle treffen skurril aufeinander in den Ölbildern von Matthias Kistmacher, die fast eine ganze Wand füllen in der Ausstellung “Radebeuler Künstler – Heute“ in der Stadtgalerie in Alkötzschenbroda 21.

Dort zeigen zum 35jährigen Galeriejubiläum derzeit über 50 ältere und junge Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten. In großer Bandbreite an Aussagen und
Ausdruckskraft sind Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie, Textilgestaltung, Objektkunst bis Neue Medien auf zwei Etagen versammelt. Darunter Figürliches, Blumenstilleben und vielfarbige abstrakte Landschaften. Da begegnen einem „Schulze und Schulze“, zwei gleich aussehende Männer in rotweißgeringelten Ringeranzügen mit schwarzem Bart, Hut und weißem Schleier in einem Bild von Kistmacher.

Auch „Angela“ und „Martin“ haben sich unter die Besucher der Stadtgalerie gemischt. In Gestalt zweier wild-urwüchsiger Figuren stehen sie auf Sockeln aus rostigen Nägeln auf dem Fensterbrett gleich neben dem Eingang. Sie trägt einen grünen Plastfernseher mit Wachstumskurve auf dem Kopf, er eine Maske mit Federn. Diese Politikerparodie stammt von Reinhard Zabka. Ein schwarzgoldener Tierschädel aus Porzellan, den Detlef Reinemer formte und übermalte, symbolisiert den „Tanz um das goldene Kalb“.

Da hängen hinter Glas „Amors Köcher“ in einem Objekt von Wolf-Eike Kuntsche. Daneben ein erdiger Frauenakt-Torso von Gerold Schwenke. Eine papierne Häuserlandschaft mit aufgemalten schwarzen Sonnen, Sternen und spitzen Zinnen wirkt schön und bizarr, abgeschottet zugleich. „Wehrdorf“ heißt dieses auf einer Stele ruhende Gebilde aus Kascheé von Gabriele Reinemer.
In den handgefilzten Wandteppich aus Merinowolle mit dem Titel „Drei von Hundert“ von Anna Kuntsche haben sich unter 97 weißen, drei zart rote Blüten eingeschlichen.

Reizvolle Blickwechsel von verschiedenen Seiten ermöglicht auch das Objekt „Glassworks I“ von Constanze Schüttoff aus pigmentiertem Weißglas, hinter dem blaue Papierstreifen himmelwärts ragen. Peter Graf zeigt ein Ölbild mit bunten Farbinseln und freut sich: „Bald ist Frühling“. Graue Wolken ziehen über eine farbspiegelnde Teichlandschaft  dahin im Bild „Vergehen und Neubeginn“ von Dorothee Kuhbandner.

Saftig gelbe Birnen leuchten vor dunklem Grund sehr gediegen in einem Ölbild von Bärbel Kuntsche. Einen Blick in den Kunstsalon einer alten Dame in „Wien“, die ihn offenbar beeindruckte, gewährt eine farbige Aquatinta von Markus Retzlaff. Fein nuanciert im Licht-Schatten-Spiel auch seine „Schatten-Tulpen“ und „Selbst mit Blumen“. Etwas plakativ wirkt hingegen der Digitaldruck „Ein Schritt zu weit“ von Lutz Lippmann mit rastlosen Körpern in Bewegung und wie eingefügt wirkenden Treppenstufen. Ein Stück ungewöhnliche Realität begegnet dem Betrachter in der nahe gehenden Fotoserie „Romy“ von Josefne Lippmann zum Thema Transgender.

Ihre Farbaufnahmen halten Momente vor und nach der OP fest und erzählen offen und behutsam wie aus Bernd, der sich als Frau gefangen im Körper eines Mannes fühlte, Romy wurde. Heute 63jährig, kann sie endlich so leben wie sie möchte und zeigt sich selbstbewusst wie sie ist.

Die Midissage zur Ausstellung, die noch bis 4. März zu sehen ist, findet am 9. Februar, um 19.30 Uhr in der Stadtgalerie Radebeul statt.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Di., Mi., Do. und So. 14 – 18 Uhr

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