Wolfgang Graf und Joachim Bresan reiten seit 1960 gemeinsam in der Wittichenauer Osterprozession mit.

„Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht“, singen Ostersonntag fünf Uhr am Morgen über 400 Reiter in der katholischen Pfarrkirche Wittichenau im Bistum Görlitz. Kraftvoll erklingt Lied für Lied in der Messe. Im Gebet vereint halten die Männer immer wieder tief inne. „Mit der Ostermesse beginnt unsere Prozession. Dieser Gesang ist einfach bewegend und überwältigend“, meint Wolfgang Graf (73) in Wittichenau. Zum 60. Mal reitet er dieses Jahr in der Prozession mit. Joachim Bresan (81) aus Sollschwitz gehört zum 66. Mal dazu. Beide zusammen reiten seit 1960 Jahr für Jahr gemeinsam. Sie tragen die frohe Botschaft der Auferstehung Jesu Christi in die benachbarte Pfarrgemeinde Ralbitz.

„Eine gewisse Anspannung gehört immer dazu“, sagt Wolfgang Graf. Das beginnt mit dem Ansingen. Als 14-jähriger ritt er erstmals in der Prozession mit. Sein Vater Jakob begleitete ihn. „Reite du an meiner Stelle“, meinte er nach zwei Jahren. Wolfgang Graf suchte einen neuen Reit-Partner. Mit Joachim Bresan aus Sollschwitz fand er ihn. Der ritt zuvor mit Vater Michael, später mit Großcousin Johann Brösan. „Mit Wolfgang Graf traf ich zusammen, weil wir beide keinen Partner hatten“, schildert der Sollschwitzer. „Zum Ende unser ersten gemeinsamen Prozession hieß es ´Klětu zas´ (Nächstes Jahr wieder).“

Damals in den 1960er Jahren war Ausrüstung nur schwierig zu besorgen. Oft liehen sich die Osterreiter Gehröcke und Stiefel aus. Oft waren Ostergeschirr, Sattel und Steigbügel durch die Bürden des Krieges verschwunden. Russische und polnische Soldaten hatten sie schlichtweg beschlagnahmt. „Viele Familien kamen zu Sattlermeister Heinrich Kobalz in Wittichenau. Der fertigte neues Ostergeschirr für sie an“, erzählt Joachim Bresan. Nahezu jede Witterung erlebte er mit Wolfgang Graf Ostern in der Prozession mit. Einmal – es war Mitte der 1960er Jahre –goss es zur gesamten Prozession wie aus Kannen. Die Osterreiter mussten ihre Stiefel ausschütten… Nur zur Mittagszeit ließ der Regen nach. Auf dem Heimritt von Ralbitz nach Wittichenau regnete es erneut unaufhörlich. „Da hieß es schlichtweg durchhalten“, erinnert sich Wolfgang Graf. 1977 kam Schneetreiben zur Prozession auf. Eisiger, scharfer Wind wehte den Osterreitern in die Gesichter. „Wir versteckten uns hinter den Pferden“, erzählt Joachim Bresan. In einem anderen Jahr war es ungewöhnlich warm. Zwischen Cunnewitz und Kotten zog in der Hitze eine riesige Staubwolke wie eine Käseglocke herauf. Die Osterreiter mussten lange ausharren und warten. „Unterwegs gab es nichts zu trinken…“, schildert Wolfgang Graf.

Zwölf Jahre war er Kantor der Sollschwitzer Osterreiter. Mit Joachim Bresan fand er einen zuverlässigen Partner. Beide stimmten sich für die Gebete und Lieder sorgfältig ab. „Wir waren ein eingespieltes Team“, sagt Wolfgang Graf. 20 Jahre leitete er später den sorbischen Teil der Wittichenauer Gesamt-Prozession bis 2007. Immensen Aufwand nahm er Jahr für Jahr auf sich. Das reichte von organisatorischen Fragen bis hin zur Absprache für die Osterfahnen und zur Absprache mit den Geistlichen in der Nachbar-Pfarrgemeinde Ralbitz. In der Osternacht trug Wolfgang Graf in der Auferstehungsprozession durch die Stadt Wittichenau das Kreuz. Gläubige aus der gesamten Pfarrgemeinde kamen zusammen. Früh fünf Uhr morgens folgte stets die Messe für die Osterreiter. „Noch in den 1960er Jahren waren es 150 bis 160 Teilnehmer in unserer Wittichenauer Prozession“, entsinnt er sich. „Heute sind wir insgesamt bis zu 450 Reiter.“

Wie Joachim Bresan lebt er den Glauben in der Fastenzeit tiefer als sonst. Innerlich bereiten sich beide auf Ostern vor. Sie verzichten auf große Feiern und jeden Freitag auf Fleisch. Sie besuchen zur Fastenzeit die Heilige Beichte. In der Pfarrkirche Wittichenau beten sie mit anderen Gläubigen den Leidensweg Jesu Christi im Kreuzweg. Intensiv erleben sie Woche für Woche die Fastenpredigten mit. Deren zentrales Motto heißt in diesem Jahr „Gott wirkt ins Leben hinein“. (Bóh skutkuje do ži-wjenja). Pfarrer Šćěpan Delan predigt zum Thema „Namóc njepřewinješ z namocu“ (Gewalt überwindest du nicht mit Gewalt). Pfarrer Gerat Wornar widmet sich der Botschaft „Swjećimy a swědčimy“ (Wir feiern und bezeugen).

Pfarrer Michał Anders spricht über „Wěra dźensa“ (Glauben heute). Pfarrer Měrćin Deleńk geht es um „Wěrju z ćěłom a dušu“ (Ich glaube mit Leib und Seele). Pfarrer Daniel Dzikiewicz erläutert das Thema „Bóh skutkuje přez mać Božu“ (Gott wirkt durch die Mutter-gottes). Pfarrer Tomaš Dawidowski sendet die Botschaft aus „Moja bjezhrěšna wutroba na kóncu zawyska. Poselstwo nakazanja a poku-ćenja z Fatimy“ (Mein sündenloses Herz jubelt am Ende. Botschaft der Bekehrung und Buße aus Fatima). Pfarrer Beno Jakubaš predigt zum Thema „Wěrju do zrowastanjenja mjasa – Wěra wuznaće žiwjenja“ (Ich glaube an die Auferstehung – Glaube ist Bekenntnis des Lebens). Diakon Florian Mróz geht es um „Wobstajna modlitwa“ (Beständiges Gebet). „Gerade die Fastenpredigten geben mir viel. Ich lerne immer wieder hinzu“, unterstreicht Wolfgang Graf.

Auch für Joachim Bresan sind die Fastenpredigten innere Vorbereitung auf Ostern. Mit ihnen und mit dem Kreuzweg verinnerlicht er das Leiden und Sterben Jesu. „Wann, wenn nicht zu Ostern in der Reiterprozession, habe ich die Möglichkeit, einen ganzen Tag zu beten, Gott zu danken und Gott zu preisen?“, fragt er nachdenklich. „Unsere Prozession ist ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben. Das ist der ganze Kern. Das ist das ganze Fundament.“ Das Leben siegt über den Tod. Die Freude über die Auferstehung strahlt auf andere Menschen aus.

Auf dem Hinweg nach Ralbitz am Ostersonntag-Morgen singen die Reiter in der Stadt und in den Orten Verkündigungs- und Osterlieder. Unterwegs, zwischen den Orten, beten sie den freudenreichen, den schmerzhaften, den glorreichen und den österlichen Rosenkranz sowie die Lauretanische Litanei. Auf dem Rückweg am Nachmittag erklingen vor allem Marienlieder und Kreuzverehrungslieder. Einzigartig nur in der Wittichenauer Prozession ist auf dem Rückweg die Kreuzverehrung zwischen Schönau und Sollschwitz sowie zwischen Saalau und Wittichenau. Ein Begleiter des Kreuzträgers reicht jedem Reiter einzeln das Kreuz. Die Reiter verehren nacheinander das Kreuz mit Kuss oder mit einem anderen Ehrengruß.

Einzigartig in der Wittichenauer Prozession ist zudem die Zweisprachigkeit. Der deutschsprachige Teil – die Reiter aus der Stadt – bilden den ersten Teil der Prozession. In der Mitte wird das Osterkreuz getragen. Hinter ihm reiten die sorbischen Teilnehmer aus den einzelnen Pfarrorten. Die Reihenfolge dieser Orte wechselt immer wieder. Dieses Jahr reiten die sorbischen Teilnehmer mit dem Dorf Saalau an der Spitze.

Beispielhaft für die Wittichenauer Prozession ist auch das Abschlusslied zur Dank-Andacht in der Ralbitzer Kirche. Es heißt „Raduj so njebjes kralowna“ (Freu dich, du Himmelskönigin). Die Teilnehmer singen dann Strophe für Strophe abwechselnd in Deutsch und in Sorbisch. Hier spüren sie starke Einigkeit und Zusammengehörigkeit. „Das Osterreiten ist eine Laienprozession. Die Initiative kommt nicht vom Pfarrer, sondern von den Gläubigen selbst in der Pfarrgemeinde. Das dürfen wir nicht vergessen“, meint Wolfgang Graf und fügt hinzu: „Ein Osterreiter nimmt ein großes Opfer auf sich. Es ist nicht nur finanzieller Art. Es ist vor allem ein körperliches Opfer.“

Einmal musste er unverhofft aussetzen. Sein Osterpferd wurde unruhig und zerriss kurzerhand das Geschirr. Wolfgang Graf nahm den Umstand gelassen. „Ich sagte mir: das musst du jetzt akzeptieren. Der Herrgott hat es so entschieden“, erinnert er sich. Auch Joachim Bresan musste ein Jahr auf die Prozession verzichten. Er hatte sich ein Bein gebrochen. „Mit Gips musste ich zusehen. Das fiel mir unglaublich schwer. Und mir kamen die Tränen“, erzählt er.  „Doch am Ende sagte ich mir ´Klětu zas´ – nächstes Jahr wirst du wieder mitreiten.“

 Text: Andreas Kirschke
Foto: privat

 

Die Wittichenauer Osterprozession ist die teilnehmerstärkste und älteste der neun Osterprozessionen im Kreis Bautzen. Seit 1541 führt sie ununterbrochen nach Ralbitz. Zuvor führte sie nach Hoyerswerda. Seit 1960 reiten Wolfgang Graf (73) aus Wittichenau und Joachim Bresan (81) aus Sollschwitz in der Wittichenauer Prozession zusammen. Beide verbindet seitdem eine lange Osterreiter-Freundschaft.

Osterreiter-Prozessionen

In der katholischen sorbischen Oberlausitz gibt es neun Osterreiterprozessionen, in denen überwiegend Sorben mitreiten. Lediglich in der Wittichenauer Prozession gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts auch einen deutschsprachigen Teil. Die Reiter singen Osterlieder und beten unter anderem den Rosenkranz. In ihrer Prozession führen sie das Kreuz, Kirchenfahnen und eine Statue des Auferstandenen mit. Gesungen wird in den Orten, gebetet wird unterwegs in den Fluren.

Die Prozessionen umreiten nicht nur die Kirche, sondern auch den Friedhof, um den Verstorbenen die Auferstehung zu verkünden und für sie zu beten. Wer zum ersten Mal am Osterreiten teilnimmt, trägt ein Myrtenkränzchen. Zum jeweiligen Jubiläum darf sich der Reiter mit einer silbernen „25“ oder goldenen „50“ schmücken. Insgesamt beteiligen sich jedes Jahr etwa 1.500 Osterreiter an den Prozessionen.

Alle Zuschauer sollten beim Osterreiten daran denken, Abstand zu den Tieren zu halten, um Unfälle zu vermeiden. Eine zweite Bitte haben die Reiter an die Gäste: Stille und Zurückhaltung zu üben, während die Osterreiter beten und singen. Denn die Osterreiter sehen in der Prozession eine Andacht, die nicht gestört werden soll.

Zeitübersicht der Oberlausitzer Osterreiterprozessionen:

(Die angegebenen Zeiten können sich um bis zu einer halben Stunde verschieben)

Bautzen (ab 10.30 Uhr) -> Radibor (an 12.15 Uhr) und zurück (ab 15 Uhr)

Ralbitz (ab 9.15 Uhr) -> Wittichenau (an 12.30 Uhr) und zurück (ab 15.15 Uhr)

Wittichenau (ab 9.20 Uhr) -> Ralbitz (an 12 Uhr) und zurück (ab 15 Uhr)

Panschwitz-Kuckau (ab 12.45 Uhr) -> Crostwitz (an 14.15 Uhr) zurück (ab 15 Uhr)

Crostwitz (ab 12.15 Uhr) -> Panschwitz-Kuckau (an 15 Uhr) zurück (ab 15.30 Uhr)

Radibor (ab 11.45 Uhr) -> Storcha (an 13.45 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)

Storcha (ab 12 Uhr) -> Radibor (an 13.45 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)

Nebelschütz (ab 12 Uhr) -> Ostro (an 14 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)

Ostro (ab 12 Uhr) -> Nebelschütz (an 14 Uhr) und zurück (ab 15.30 Uhr)

Quelle: Bistum Dresden-Meißen

 

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