Sie liebt das Leben, das Theater und die Musik. Strahlend blau wie der
Himmel ist ihre Stimmung und sie übersieht die dunkel aufziehenden Wolken,
die anfangs als pikiert-stichelnde Stimmen aus dem Off kein gutes Haar an Menschen von anderswo, Zugereisten, lassen. Da sind die Japaner, die giftige Blumen mitbringen, die Jugoslawen mit ihren seltsamen Bräuchen, gebärfreudige Türkinnen, die „Neger“, die sich unheimlich schnell vermehren und Juden, die nicht satt werden und nur Wasser, Buttermilch und Blut trinken. Davon erzählt Georg Kreisler eingangs in einer bösen Satire „Was mich ärgert“ über Ängste und Vorurteile gegenüber Ausländern, die nach Österreich kommen, bevor Lola Blau die Bühne betritt in seinem zeitlos-spannenden Erfolgs-Musical für eine Darstellerin. Hinreißend und ergreifend spielt, singt, tanzt, taumelt und entzückt die Sängerin Iris Stefanie Maier in der Titelrolle ihr Publikum mit Chansons im flotten Wechsel zwischen Lachen und Weinen, Komik und Gänsehaut, gefühlvoll, galant und augenzwinkernd begleitet von Uwe Zimmermann am Klavier in dieser Aufführung (Regie: Ute Raab) der Landesbühnen Sachsen in Radebeul im Kulturbahnhof Radebeul-Ost.

Damit wurde Anfang April zugleich eine neue Spielstätte für das Theater mit rund 60 Plätzen eingeweiht. Passend zum Stück ist alles in Traum-Blau gehalten, Spielpodest, Kostüme, Vorhänge und Zuschauerstühle. Man sitzt gemütlich und bühnennah beieinander, als Tische dienen Teekisten mit gelben Lichterlaternen.

Eine junge Schauspielerin und Sängerin vor ihrem ersten Engagement. Lola Blau kommt mit Koffer auf die Bühne, der bald ihr ständiger Begleiter wird. Sie ist ebenso fröhlich, aufgekratzt wie aufgeregt. Doch es sind auch aufregende, dunkle Zeiten, die sich nicht um ihre Bühnenträume und ihr Lebensglück scheren. Ihr Auftritt wird abgesagt, das Schreiben ist mit „Heil Hitler!“ unterzeichnet und bald darauf muss Lola Blau als Jüdin ihre Heimat Wien verlassen, im März 1938, angefeindet und ohne Aussicht auf eine Stelle.
Von ihrer Lebensreise, der Flucht nach Amerika per Schiff in ein neues Leben mit allen Höhen und Tiefen, Ruhm, Erfolg und der ungestillten Sehnsucht nach Heimat, Ankommen und Geborgenheit erzählt Kreislers Musical, der darin seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen als Emigrant und Künstler in Amerika beschreibt. Die Inszenierung kommt mit wenigen Requisiten, atmosphärischen Geräuschen und einer großartigen Hauptdarstellerin aus. Iris Stefanie Maier spielt dicht an den Zuschauern, zieht außerdem den Pianist und den Souffleur kess und berührend in ihren Bann, die ihren Aufstieg zum gefeierten Star begleiten, sie anhimmeln, solange sie mitspielt und zusehen, wie sie verzweifelt versucht, aufrichtig und wahrhaftig zu bleiben in der glitzernden Scheinwelt. In schneller Folge wechseln Lieder und Texte voller Leichtigkeit, Tiefsinn und Sprachwitz, lässig, lasziv, charmant und bissig schwarzhumorig, heiter und melancholisch, tieftraurig.

Auf dem Bahnhof in Basel wartet Lola vergebens auf ihren Freund Leo, der bereits in einem Lager inhaftiert ist. Auf dem Schiff nach Amerika singt sie zuerst für die Reichen und Schönen, frivol und witzig-frech über deren Welt und Borniertheit und dann im Zwischendeck für die Armen und Glücksuchenden wie sie. In Amerika tritt sie in Konzerthallen und Clubs auf, steht ganz oben auf der Erfolgsleiter auf dem Klavier im blauen Glitzerkleid und Soldatenkäppi, singt banale, unterhaltsame Schunkelliedchen und dann vorm Mikro im weißen Pelzmantel und schwarzen Oberteil mit mal hoher, kieksiger und mal rauchig tiefer Stimme, ein bisschen wie Marylin und Marlene, von ihrer Sehnsucht nach Liebe und Angenommensein wie man ist. Eine tolle Verwandlungskünstlerin. Die einem Verehrer, seinem satten, kalten Lächeln, die geschenkten Rosen hinterher wirft. Sie weiß, dort wird sie, egal wie gut sie ist, immer eine Fremde bleiben. Sie betäubt ihren Kummer mit Alkohol, lallend singend, buchstäblich blau auf dem Klavier liegend. Dann ein Anruf von Leo, dem verschollenen Liebsten aus Wien. Sie kehrt zurück, findet alles verändert und doch auch gleich, in der Geschichtsversessenheit und Arroganz gegenüber Neuem, der Welt außen vor. Deftig-komisch Lola Blaus Parodie über starres Festhalten an Traditionen und Selbstgenügsamkeit, mit Tortenstück in einer Hand und Pickelhaube auf dem Kopf. Die Freiheit wird zu Grabe getragen, in der Nähe von Don Quijote, dem Phantasten und verzweifelt gegen Windmühlenflügel Kämpfenden. Zuletzt zieht Lola Blau den Fenstervorhang hinter der Bühne auf und geht hinaus in die Nacht. Abschied oder Neubeginn? Das darf jeder für sich entscheiden. Begeisterter Beifall und Bravorufe für einen ebenso anspruchsvollen wie kurzweiligen Theaterabend, der Mut macht sich einzumischen und nicht alles hinzunehmen wie die Welt ist.

Nächste Aufführungen: 15. und 27.4., 19.30 im Kulturbahnhof Radebeul-Ost und am 14.6., 20 Uhr im Haus des Gastes/Rathen.

Foto: Hagen König

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