Fotos: Matthias Horn

Im Meer der Möglichkeiten

Über Träume und die Angst, sie an die Realität zu verlieren, erzählt tragikomisch das Stück „Wir kommen“ nach dem Roman von Ronja von Rönne im Kleinen Haus.

Was oder wen wollen wir heute retten? Nach Afrika reisen, die Not dort fühlen und Selfies mit großäugigen schwarzen Babys machen. Oder sich für Obdachlose engagieren oder nach New York als Straßenkünstler die große Freiheit erleben?
Von der panischen Angst und Suche der heutigen Generation nach Glück, Erfolg und Lebenssinn in einem Meer von Möglichkeiten erzählt das Stück “Wir kommen“ nach dem Roman von Ronja von Rönne. Die Berliner Autorin wurde für ihr Debüt als neue – junge, freche – Stimme deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gefeiert.
Die Uraufführung in der Bühnenbearbeitung von Tea Kolbe und Julia Fahle war am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Die runde Bühne ist umgeben von Gitterstäben, die sich umdrehen lassen zu Spiegeln. Dort sitzt eine junge Frau, Nora (souverän im Gefühlszwiespalt zwischen Träumen und Realität: Antje Trautmann) allein mit ihren vielen Spiegelbildern im Hintergrund und weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie macht Yoga gegen die Lethargie und schreibt dem Rat ihres Therapeuten folgend Tagebuch gegen ihre Panikattacken. Sie kritzelt mit Kreide auf den Boden: „Ich sitze in meiner Wohnung. Wenn ich rausgucke, ist da Stadt. Der Himmel schmutzig von Vogelschwärmen. Gerade ist eine Uhrzeit…“ Erinnerungsbilder steigen auf an die Zeit und großen Pläne mit ihrer Schulfreundin Maja (Lucie Emons), wild und zart wie ein Schmetterling, als das Leben wie ein großes Abenteuer war und sie furchtlos mit Taschenlampen durch die Nacht zogen. Nora glaubt nicht, dass sie tot ist.

Als neue Begleiterin taucht die Panik auf (stark als eindringliche Ratgeberin: Hannelore Koch). Sie lässt Nora keine Ruhe, klopft an, tritt immer näher an sie heran, kommentiert trocken lakonisch ihr Leben, hört ihr zu, widerspricht, lacht, ist besorgt, auch traurig und geschafft. Nora zieht ihren blauen Pullover über den Kopf und Maja schlägt mit den Füßen gegen die Spiegel und mit dem Kopf gegen die Wand. Die Panik leidet mit und feiert mit Nora und ihren Freunden Partys, die sie heilen sollen von ihrer Apathie und Gleichgültigkeit, in einem Knäuel aus Körpern und Händen. Nach dem Motto: “Solange wir Zuschauer haben, läuft die Show!“
Nora lebt zu viert mit Karl, Leonie und Jonas in einer polyamourösen
Beziehung, ein „engmaschiges soziales Netz mit gewissen Vorzügen.“

Doch welche Rolle sie darin spielt, ist nicht so klar, entgegnet ihr die Panik. Auch die gemeinsame Fahrt ans Meer ändert nichts am Gefühl der Einsamkeit. Nora wünscht sich, „zu ertrinken und aus dem Meer gerettet zu werden, in eine warme Decke gehüllt und eine Tasse Tee von Jonas.“ Dann wäre es egal, ob sie einen kreativen Job habe oder ein Kind wolle. Das Konzept der Gemeinschaft  geht nicht auf, da es nie eins gab. Alleinsein ist keins. „Wir sind vier Egoisten, die sich aneinander klammern  und eigentlich hassen…“, stellt sie ernüchtert fest.

Die Geschichte wird unter Regie von Tea Kolbe von drei Schauspielerinnen erzählt und gespielt im Wechsel von traurigen und komischen, langsamen und schnellen Szenen auf, vor und hinter der Drehbühne, ringsherum rennend und sie anschiebend, atemlos und gehetzt mit der Zeit. „Wir sind die wohlbehütetste und depressivste Generation von allen. Wir verarbeiten den Krieg unserer Großeltern und den eisernen Vorhang“, fasst Ronja von Rönne die Situation zusammen. Eine Generation, die sich einerseits engagieren und die Welt retten will und sich andererseits selbst nicht zu helfen weiß, schon an Alltagsdingen scheitert. Immer in Angst, die falschen Entscheidungen, die falschen Leute zu treffen, die neuesten Trends und das Lebensglück zu verpassen. Manches in dieser Geschichte, was damals wirklich passierte, bleibt rätselhaft-vage in der Inszenierung. Maja verabschiedet sich mit einem Lachen und Zorn über die anderen, die sich ans Leben klammern. Und am Ende ist es Nora, die sich dem Leben stellt samt allen Ängsten, Unsicherheiten und Träumen. Herzlicher Beifall für einen berührenden Abend voller Frauenpower und Mut, nicht immer den nächsten Schritt zu wissen.

Die nächsten Vorstellungen: 15., 16. und 21.4., 20 Uhr im Kleinen Haus

 

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