Menschen wie Schaufensterpuppen, doch allen fehlt etwas. Mittendrin Phoebe Zeitgeist, die von einem fremden Stern auf die Erde kommt, um die Sprache der Menschen verstehen zu lernen. Ein grotesk-komischer Figurenreigen von Fassbinder auf der Bühne im Societaetstheater Dresden.

Ein Gruselkabinett verlorener Träume

Sie alle sind auf der Suche nach Liebe, Erfolg und Glück, doch mehr im Unglück verbunden. Der einsame Geschäftsmann, die lebensfrohe Sekretärin, die traurige alte Frau, der ruppige Motorradfahrer, die vom Aussteigen träumende Prostituierte, der coole Frauenheld und die farbige Powerfrau in der Inszenierung „Blut am Hals der Katze“ zu Fassbinder-Texten im Societaetstheater Dresden.

Phoebe Zeitgeist kommt von einem fremden Stern auf die Erde, um eine Reportage über die Demokratie der Menschen zu schreiben. Doch sie versteht deren Sprache nicht, obwohl sie die Worte gelernt hat. Das führt zu skurril-komischen bis dramatischen Situationen, mit denen die Außerirdische konfrontiert wird bei ihren Begegnungen. Die Inszenierung „Blut am Hals der Katze“ zu Texten von Rainer Werner Fassbinder, der dieses Jahr seinen 75. Geburtstag hätte, der Compagnie Freaks und Fremde hatte am Freitagabend im Societaetstheater Dresden Premiere.

Die erste Aufführung von Heiki Ikkola als Intendant des Hauses kam zusammen mit Sabine Köhler als Spiel mit lebensgroßen Puppen in der Ko-Regie von Jörg Lehmann auf die Bühne. Die lebensprallen sozialen Milieu-Geschichten von Fassbinder, einem Seismograph deutscher Befindlichkeiten, lassen tief blicken hinter die  Wohlstandsfassade der alten Bundesrepublik in den 1970er Jahren und viele der gestellten Fragen sind immer noch gültig und ungelöst wie große soziale Unterschiede, Ablehnung und Gewalt gegen Fremde. Sternenhimmel und bunte Lichter und Großstadtgeräusche bilden die Kulisse.

Phoebe trägt ein Kleid und Kosmonautenkappe und steht auf einem Drahtgestell als stille Beobachterin. Ihr Körper leuchtet auf, wenn sie Menschen trifft und sie wiederholt die Worte mit kühler Stimme, ohne Mitgefühl und Seele, konzentriert zusammengefasst, so dass sie eine noch intensivere, nachdrückliche Wirkung entfalten. Aus dem Halbdunkel heben die Spieler die Figuren auf ein schwarzes Podest, dazu klettert Heiki Ikkola auf eine Leiter oder sie treten wie zufällig zu ihnen auf der Bühne. Ein Motorradfahrer mit Helm mustert Phoebe, macht ihr Komplimente und pöbelt sie an, als sie schweigt und fühlt sich provoziert, wenn jemand komisch schaut oder eine Frau lacht, ihn angeblich auslacht.

Eine Frau in rosa Korsage und blondem Bubikopf räkelt sich wie eine Schaufensterpuppe selbstverliebt auf dem Ladentisch. Im roten Schaufenster empfängt sie ihre Kunden. Darunter ein älterer Mann in weißem Hemd und Krawatte, der wie ein Hund kläfft und kriecht und sich auspeitschen lässt von ihr. Seine eigene Frau schlägt er, wenn sie nicht gehorcht und bringt sie im Streit um. Sie kippt samt Stuhl hintenüber, ist buchstäblich kopflos und er entsetzt, das wollte er nicht und setzt ihren Kopf wieder auf den Hals, und sie lächelt ihn an: „Ach, mein Dickerchen…“

Alle Figuren haben irgendwie miteinander zu tun, mit ihnen betritt man ein Gruselkabinett aus verlorenen Träumen und sie versetzen die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Von Neugier, direkt, offenherzig berlinernd, laut, schroff, grell, düster bis tragikomisch und tieftraurig sind die Begegnungen Phoebes mit den Menschen, die ihnen zusieht, zuhört und speichert ihre Sorgen, Ängste und Wünsche. „Wenn eins unglücklich ist, dann muss es halt reden. Sonst bleibt nichts“, sagt Fassbinder. Das tun die Figuren in diesem Stück schonungslos zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Verzicht, Älterwerden und Tod. Viel Beifall und viel Stoff zum Nachdenken.

Text + Foto (lv)

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