Die Brombeerhexe

Es war ein Spätsommerabend, noch nicht mal neun Uhr, und schon dunkel.
Genau so dunkel wie die Brombeeren, die oben auf dem Sahnejoghurt lagen.
Groß und glänzend lächelten sie Lissy an. Es waren fast die letzten in diesem Jahr. Für sie die köstlichste Frucht des Sommers. Wie Kirschen und Erdbeeren zusammen, prall, saftig und nicht zu süß. Sie liebte diesen Geschmack und pflückte die Beeren am liebsten in der wilden Natur, auf Brachflächen und am Wegesrand. Es hatte etwas Abenteuerliches und Verlockendes, wie die Brombeeren inmitten der dornigen, hoch wuchernden Hecken in wundersamer Fülle prangten und es aussah, als würden die schönen, aber auch kratzbürstigen Beeren sich ihr entgegen strecken und flüstern: „Nimm uns mit!“ Lissy blieb dann unweigerlich stehen, fühlte sich eingeladen zuzugreifen und nahm die Gaben der Natur dankbar an. Spazierfahrer, Radfahrer, Jogger und Leute mit Hunden kamen an ihr vorbei, während sie Brombeeren pflückte in der Sonne. Sie genoss es doppelt und fühlte sich jedes Mal reich beschenkt, wenn sie später nachhause, an den Schreibtisch, zurückkehrte. Außer ihr hielt niemand an. Nur einmal ein Mann mit einem Kind, das es ihr gleichtat, eine Handvoll Brombeeren pflückte und sie stolz seinem Vater brachte, der unterdessen den Kinderwagen hütete.

„Die Brombeeren zeigen sich nicht jedem“, sagte Lissy zu dem Jungen. „Nur wenn man sie beachtet.“ Er sagte erfreut: „Mir zeigen sie sich.“ Im Sommer kommt er in die Schule, erzählte er ihr noch. Dann gingen sie weiter. Sie lächelte. Manche Brombeeren ließen sich mühelos pflücken, andere hingen halb verborgen unter dem dichten Blattwerk oder weit oben hinter spitzen Dornenranken. Manchmal fehlte nur eine Handbreit, um die Brombeeren zu erreichen. „Schade, dann vergeht ihr dort in der Höhe in Schönheit“, dachte Lissy dann und betrachtete traurig die vielen dunklen, verdorrten und schrumpeligen Brombeeren, die dieses Los schon ereilt hatte. Manchmal ging sie ein Stück in die Hecke hinein, schob die Dornenranken sacht beiseite, griff mit den Händen vorsichtig darüber oder darunter, um an die begehrten Früchte zu gelangen. Doch nie ging es ohne Kratzer und Schrammen ab an den Armen, einmal fuhren spitze Zweige durch ihr Haar und hakten sich an ihrer Kleidung fest, so dass sie sich fast losreißen musste und erschrak darüber. „Alles hat seinen Preis“, dachte sie dann. „Nichts bleibt ohne Folgen, egal was man tut.“ Wie an jenem Abend im Sommer. Es war noch hell. Lissy hatte gerade eine neue, prächtige Brombeerhecke an einer etwas entlegenen Stelle am Stadtrand gefunden. Gegenüber war eine Haltestelle. Doch dort stand gerade keiner. Die Straße war auch menschenleer. Die Sonne schien unermüdlich. Es regnete  dreimal kurz an diesem Tag. Schön erfrischend, Regentropfen funkelten auf den Blättern der Brombeerhecke.

Auf einmal stand eine Clique von Jungen vor ihr. Einer sprach Lissy an: „Geben Sie mir 100 Euro!“ Sie sah ihn fassungslos an. Nicht nur wegen der Summe, warum nicht gleich tausend Euro, dachte sie. Sondern mehr noch der fordernde und selbstverständliche Ton, in dem er das Geld verlangte, erschreckte sie. Sollte das ein Spaß, ein Dummer Jungen-Streich oder eine Mutprobe sein, von irgendeinem Erwachsenen, der ihnen gerade begegnete, eine beliebig hohe Summe zu fordern? Die Jungen sahen weder arm noch notleidend aus. Sie waren modisch, sportlich gekleidet. Der Anführer, der das Geld forderte, war blond, die Strähnen fielen auf einer Seite lang ins Gesicht und eine Hälfte war kurz rasiert. Erlaubte er sich den Scherz, als er sie allein und gut gelaunt beim Brombeerpflücken sah und meinte sie dafür abkassieren zu können als gehörten die Brombeeren nicht allen. Sie sagte, er spinne wohl und woher er diese Frechheit nehme. Der Maulheld grinste nur. Die anderen in der Clique schwiegen. Sie wandte sich ab und sammelte weiter Beeren ein. Doch die Jungen gingen nicht, sondern kreisten Lissy ein. Ihr wurde unwohl. Sie fühlte sich bedrängt und bedroht von diesen Halbwüchsigen, die schätzungsweise zwölf oder dreizehn Jahre alt waren und in der Gegend wohnten, in der es nicht viel gab. Gleich würden sie Lissy überfallen und ihr die Handtasche samt Geldbörse und Handy entreißen, dachte sie. Doch sie ließ sich ihre Angst nicht anmerken. „Haut ab!“, sagte sie wütend. Doch die Halbstarken gingen nicht. Der Blonde war sogar bereit sich mit Lissy zu prügeln, als sie ihm wutentbrannt A… hinterher rief.

In dem Moment, als er zurück und auf sie zukam, stolperte er über eine Brombeerranke am Boden, glitt aus und fiel kopfüber in die Stachelhecke. Es sah aus als würde er darin versinken und er bekam nun im Übermaß von der Brombeerhexe das Urwüchsige mit aller Macht zu spüren, woran er sonst achtlos vorbeiging und sich einen Spaß daraus machte, andere hereinzulegen mit seinem geldvernebelten Blick. Einen Moment, eine gefühlte Ewigkeit später fanden die Jungen aus der Clique ihren Anführer blutig, zerkratzt und erschrocken um sich schauend am Rand der Brombeerhecke. Wie Lissy noch erkennen konnte im Gehen. Abends brach ein Gewitter los, es donnerte und goss in Strömen und in die bedächtigen Glockenschläge der Kirchturmuhr mischten sich grelle Sirenen als wollten sie in die Natur eingreifen.

Text: Lilli Vostry