Multimediales Musiktheater: Beklemmende und bewegende Bilder, Stimmen und Klänge überlagern sich im Fluss der Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Im Fluss der Zeit zwischen Erinnern und Vergessen

Intensiv, eindringlich, bilder- und klangreich spielt die multimediale Inszenierung „Schlachthof 5“ mit der Wahrnehmung des Zuschauers zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Uraufführung war gestern im Festspielhaus Hellerau.

Eine Fülle von Bildern, Stimmen und Tönen auf mehreren Spielebenen zeitgleich lässt die Zuschauer in ihren Drehsesseln hin und her schnellen, die Plätze und Blickwinkel wechseln im Laufe der Aufführung, rings um einen offenen Raum in der Tiefe. Der den Schlachthofkeller im Ostragehege darstellt, wo der Schriftsteller Kurt Vonnegut als junger Soldat zusammen mit anderen amerikanischen Kriegsgefangenen die Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 überlebte. Die Inszenierung nimmt das Publikum mit auf eine surreale, fragile und dunkelkomische Zeitreise zwischen Erinnern, Verdrängen und Vergessen von leidvoller Geschichte.

Die auf Leinwänden übertragenen Echtzeit-Bilder, neben Filmaufnahmen im Freien, in der Natur und die Darstellung tanzender, schwebender und gekrümmt am Boden liegender Körper entfalten eine intensive, eindringliche Wirkung, bei der Raum und Zeit aufgehoben scheinen. Das fasziniert, nur geschieht eben sehr viel gleichzeitig und man hat Mühe, alles wahr- und aufzunehmen. Doch vielleicht ist das auch beabsichtigt von Regisseur Maxim Didenko, dem Visual Design von AJ Weissbard und Videodesgin von Oleg Michchailov. Das Überlagern von Zeit, Erinnern und Vergessen zeigend. Denn von der Wirklichkeit, erst recht unangenehmen Situationen, nehmen wir auch nur einen Bruchteil wahr, filtern, blenden aus und was im Moment am meisten beschäftigt, brennt, bleibt länger haften. Wie das in einem Bernstein gefangene Insekt.

Die Aufführung – Textadaption & Dramaturgie: Johannes Kirsten – inszeniert nicht in Gänze die Geschichte aus „Schlachthof 5“, sondern erzählt bruchstückhaft, teilweise schwer verständlich (nachzulesen die Szenen im Programmheft) und beschränkt sich auf wenige, markante Passagen aus dem Buch mit immer wieder auftauchenden Sätzen wie: „Wie das so ist“, die die ungeheuerlichen Ereignisse begleiten als habe man sich daran gewöhnt.

Es geht nicht übermäßig brutal zu außer wortgewaltig und dunkel dissonant tönend. Auf Emporen und in Glaskabinen im Saal agieren das AuditivVokalDresden unter Leitung von Olaf Katzer & Performerinnen. Die körperlichen und seelischen Folgen des Krieges zeigen die Tänzer drastisch mit verformten, schmerzgekrümmten Gliedmaßen. Sehr bewegend. Als kriegsgefangener und -traumatisierter Billy Pilgrim, der glaubt, dass er auf den Planeten Tralfamador entführt wurde und einen Flugzeugabsturz überlebte, ist der Schauspieler und Sänger Wolf-Dieter Gööck wie in Trance umher taumelnd zu sehen.

Insgesamt veranschaulicht die Inszenierung mehr universell die Gefährdung des Menschen durch die eigene Spezies als speziell auf Dresden bezogen.
Zeitgenössisches Musiktheater, anspruchsvoll und streitbar, das vom Zuschauer einlassen wollen verlangt.

Die Inszenierung „Schlachthof 5“ ist noch bis 27. September, um 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Tickets unter Tel.: 0351 – 264 62 46

http://www.hellerau.org


Festspielhaus Hellerau nach der Vorstellung 
Zeitspuren. Im Gelände des Festspielhauses.