Lichterbaum

Der letzte Tag des Jahres
trägt grelles Rouge
die Schminke zerfließt
in grauen Wolkenballen

wie eine Diva die mit dem Feuer spielt
knallt donnert und zischt es
an allen Ecken
kreiseln Feuerräder steigen Leuchtraketen
im Akkord in den dunklen Himmel

begleitet von Johlen und Rufen
als gelte es all das Versäumte zu feiern
an einem Abend nachzuholen
die dunklen Geister mit Getöse
zu vertreiben

mich zieht es noch einmal zum Lichterbaum
allein steht er auf dem weiten Platz
keine Absperrung mehr
unterm Gezweig stilles hohes
Lichterrauschen umfängt mich

gelbe Sterne schaukeln im Wind
über den Zweigen ausgebreitet wie
Schwingen
ihr Licht in die Welt zu tragen

seine Zeit ist bald vorbei
könnt es ihn doch mit aller Pracht
wieder in den Wald verschlagen
was wird aus dem stattlichen Baum

unten am Stamm die grüne Rinde
schon abgerieben helle Holzschimmer Risse
und Sägespäne am Boden verstreut
bald ihn nichts mehr hält

den Duft von frischem Harz
an den Händen
ein aufgesammelter Zweig
und eine kleine Baumscheibe mit Jahresringen
begleiten mich nachhaus

LV
31.12.2021

Neujahr auf Samtpfoten

Das neue Jahr kommt sacht
feierliche Ruhe zieht ein
nach dem Feuerwerk
das die Lebensgeister
aufs Neue frei setzt

vor deinem Bild brennen Kerzen
ich halte es an meine Wange
in den Neujahrshimmel
Licht fällt von dir
zu mir
im Hintergrund spielt leise Nachtmusik

aus der Küche miaut es
im Karton rappelt es
ein Rasselball fällt heraus
die getigerte Madam springt
hinterher

von Müdigkeit keine Spur
sie liebt Bewegung sehr
zu jeder Tag und Nachtzeit
stürmt sie mit Freudengeheul
voran treibt mich und die kleine schwarz-weiße an

ihre Scheu haben Wolke und Wirbelwind
überwunden
sogar das Feuerwerk mit mir angesehen
ein Jahr leben sie mit mir

du bist nicht mehr hier
mein Liebstes Felliges
doch längst ein Teil von mir
dein Sanftmut Willensstärke und Energie
fließen weiter zu den beiden Katzentieren
die bei aller Ungleichheit
in ihrer Beharrlichkeit und Verschmustheit
doch dir gleichen

Wolke und Wirbelwind nannte ich sie
abwechselnd am Anfang
flüchtig scheu unauffindbar
und unglaublich geschwind
nichts unerreichbar für sie

nahm die getigerte gern meine
Glücksschornsteinfeger auseinander
immer wieder klebte ich sie zusammen
ließ es irgendwann

nun schaut wieder ein kleiner schwarzer
Mann mit Leiter aus dem Glücksklee
und ein Glücksschwein mit Federboa und Krone
zwinkert mich an
bleib nicht stehen das Glück liebt es
immer weiter zu gehen

LV
1.1.2022

In der Wunderwerkstatt
(Für V.)

Weiße Wolken segeln im Abendrot
wie Laternen
in stiller Bewegung in metallenem Glanz
drehen sich Kugeln wie Gestirne unentwegt
im Werkstattfenster brennt noch Licht

du winkst mir zu
die Tür geht auf
in die Werkstatt Wunderwelt
die sonnengelben und roten Primeln mit
dem Glückspilz zum neuen Jahr
stellst du zaudernd nicht unerfreut
auf einen Tisch

ich schiebe mein Rad in den Raum
Dynamo und Licht springen
nicht mehr an
und das Schloss schließt schwer
schon hinfällig und rostig
doch mein Diamantrad fährt immer noch
und ich liebe es sehr
wie es Wind und Wetter stand hält

ich mag alte Dinge
die alle Zeiten überstehen
eigen sind

manche frisieren neue Räder
auf alt und verlangen dafür viel Geld
verdrehte Welt

sehe dir gern zu
wie du Dinge am Leben hältst
die andere längst wegwerfen
gerührt mit wie viel Geduld Güte
und Akribie du das alte Gefährt
und sein Innenleben untersuchst

dynamisch viel Bedacht
und Energie in deinem achtzigsten Jahr
schwarzes Käppi im grauen Haar und
bequeme Jacke scheint es wie ein Kinderspiel

wenn du Drähte neu anbringst und desolate Teile
ersetzt an Lampe und Klingel
die krächzt wie ein Rabe
nun wieder hell und klar
läutet wie das fröhliche Kind einst
mit dem Rad um die Ecke bog

immer noch der Tüftler und Erfinder
der gern herum schraubt hinter die Dinge schaut
in der großen Welt wie im Kleinen
immer noch Neues entdeckt

aus dem Wasserhahn in der Werkstatt tropft
verrinnt die Zeit
neue Tropfen klopfen leis an
leuchten auf
fallen
widerhallen

ein Wassereimer
zerbrochen am Rand
doch bis oben voll
steht gleich neben dem Eingang

überall Werkzeuge
Bohr- Schleif und Poliermaschinen erzählen
von regem Gebrauch
goldglänzende Spiralen und Metallspäne
auf Werkbänken und am Boden
Gläser mit Pinseln zum Streichen Leimen
und Zusammenfügen
ein Bleistift daran klebt ein Insektenflügel
ein kleiner dunkler Schraubstock Bandmaß
und Notizzettel liegen da

viele wundersame Dinge in Kisten und Regalen
wohlverwahrt und griffbereit
für den nächsten Schritt im Kreislauf des Lebens
von Werden Wachsen Vollenden
und Vergehen

Rohre aus Edelmetall in allen Größen
Drahtrollen und polierte Findlingssteine die ihre
Farben und Formen betonen
von Reisen

warten darauf Gestalt anzunehmen
als Handschmeichler Kleinod filigrane Metallleuchter
mit Kugeln oder farbigen Steinen
in der Mitte
von feinen Gespinsten aus Draht
gehalten und umhüllt

vieles schon geschaffen
manches noch im Entstehen
mit der Kamera in faszinierende Bildwelten
eintauchen als Fotograf und Lebenskünstler
auch mal Seelenklempner und Herzenskenner
all das bist du

irgendwann es dunkelt schon
hast du das Wunder vollbracht
leuchtet doch wieder Licht vorn und hinten
am alten Diamantrad
schwing mich glückstrahlend hinauf

du schaust in den Himmel zum schwungvollen
Sichelmond in unendlicher Weite

LV
7.1.2022

Nachtbilder

Letzte Nacht träumte
ich von einer Ausstellung
alle Bilder umgehängt
übermalt
weiß nicht mehr was im einzelnen
zu sehen war

doch alles war anders
als vorher
grau verwaschen
nicht erkennbar
und ein dumpfes Geräusch
das alles andere übertönte
drang herein

ich rannte aus dem Raum
voller Leute die gespenstig
starr und blicklos
vor den Wänden standen

eine Frau kam auf mich zu
streckte die Arme nach mir aus
schrie versuchte mich
aufzuhalten
ihr gehörten die Bilder

ich warf ihr zwei Ringe zu
sie rief nach Briefmarken
am Morgen krächzten Raben
sah ich noch einmal die Kette aus
Lichterblumen am Fenster gegenüber

die nachts groß in warmen Farben
leuchten bei Tag verblassen
mich doch nie verlassen
nie ganz verlöschen

vor deinem Bild sage ich
ich verrate dich unsere Träume
nicht
das Wahrhaftige verbindet
uns weiter

LV
9.1.2022

Texte + Fotos: Lilli Vostry