So übergroß die Träume, Sehnsüchte und Widersprüche ihrer Zeit: Eine Szene aus dem Stück „Vor den Vätern sterben die Söhne“ nach Erzählungen von Thomas Brasch. Fotos: Sebastian Hoppe

Im Spannungsfeld zwischen Widersprüchen und Wahrhaftigkeit

In einer packend intensiven Mischung aus Körper- und Sprechtheater, realen und surrealen Bildern auf der Leinwand kam die Inszenierung „Vor den Vätern sterben die Söhne“ nach Erzählungen von Thomas Brasch auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden.

Stumm und unbeweglich stehen sie da, vor einer weiß sterilen Wand auf der Bühne.  Neugierig, gutmütig, fremd und verloren zugleich wirken sie und harren der Dinge die kommen. Ein Nashorn reckt sein Horn in die Luft, ein Elefant, Strauß, Zebra und Giraffe stehen bei ihm und schauen auf das Menschen-Theater. Die Tier-Figuren werden später noch ihren fulminanten Einsatz im Stück haben. Wofür sie genau stehen, ob sie Eigenschaften verkörpern oder als Metaphern dienen, bleibt rätselhaft, vieldeutig. So metapherreich, atmosphärisch dicht, atemlos, packend, zwiespältig ist die ganze, knapp zweistündige Aufführung ohne Pause „Vor den Vätern sterben die Söhne“ nach den Erzählungen von Thomas Brasch, die unter Regie von Sebastian Hartmann im Schauspielhaus Dresden im Juni Premiere hatte. Der gleichnamige Erzählband von ihm erschien 1977 in der Bundesrepublik, da er in der DDR nicht gedruckt werden durfte.

Ein Mann in weißem Anzug und dunklem Haar äußert sich anfangs zu einem Preis, den er für seinen ersten Film bekam und annahm nach seiner Ausreise in den Westen – 1981 der Bayerische Filmpreis, verliehen von Franz Josef Strauß –  was zu einer Auseinandersetzung zwischen seinen Freunden führte. Die Annahme oder Ablehnung sei nicht entscheidend, sondern der Umgang mit den Widersprüchen, diese auszuhalten und noch zu verschärfen, erklärt der Mann eindringlich. Die Szene steht exemplarisch für das Leben und Schaffen von Thomas Brasch, Schriftsteller, Dichter und Dramatiker, der als Kind jüdischer Eltern und Kommunisten in der Emigration in England geboren, in die DDR kam und bald gegen den Vater und den Staat rebelliert. Seine rastlose Suche nach einem eigenen Platz  für seine Ideen, sein leidenschaftliches Ringen nach Wahrhaftigkeit, Schönheit und Lebenssinn und seine innere Zerrissenheit zwischen Anspruch und Realität verkörpern in dieser Aufführung zwei Schauspieler, Brasch in jungen Jahren spielt Yassin Trabelsi und den älteren, von vielen Kämpfen zermürbten, immer noch rastlosen Schriftsteller bringt Viktor Tremmel eindrucksvoll auf die Bühne.

Schauspiel und Szenen auf der Leinwand, mit Live-Kamera aufgenommen von Julius Günzel und Eckart Reichel, wechseln sich ab. Intensives Körper- und Sprechtheater, grotesk, grell überzeichnet, beklemmend, bedrückend, bedrohlich und berührend, streckenweise sehr artifiziell und künstlich überdreht wirkt die Figurendarstellung. Diese wird begleitet von beeindruckenden, realen und surrealen Bildern in schwarz-weiß und Großaufnahme auf Leinwand, die hoch und runter fährt über der Bühne und abrupt abbricht, mit mal sphärischen, mal dumpfen, rockigen und leise melancholischen Klängen.

In einem wilden, unbändigen Bilderreigen tauchen die beiden Brasch-Darsteller und die Figuren seiner Erzählungen, seine Freunde, Frauen und Musen auf, die  mal im Bett lethargisch und lustvoll liegen, gemeinsam an einem Tisch sitzen. essen, trinken, feiern, streiten, lachen, schreien, ihrer Wut, Angst, Träumen und Sehnsüchten freien Lauf lassen. Unaufhörlich rinnt Regen auf die Runde, sind sie schutzlos ausgeliefert, buchstäblich nackt und nass bis auf die Haut, sich nach Erfrischung und Erlösung sehnend, wirbeln die beiden Brasch-Darsteller ständig über die Bühne. Sie reiben sich an den Widersprüchen der gesellschaftlichen Verhältnisse, fühlen sich eingeengt und abgeschnürt die Luft zum Atmen, wollen frei sein, etwas Eigenes bauen statt in die ausgetretenen Fußstapfen der Väter zu treten. Immer wieder prallen Braschs Ansichten und eigene Lebensvorstellungen mit dem Denken, der Ideologie und der Übermacht des Vaters (stur, unnachgiebig: Torsten Ranft) hart aufeinander.

Braschs Texte sind im Spiel seiner Figuren verwoben in mal poetischen, mal sachlich lakonischen, wort- und sinnspielenden Versen, Schilderungen und Szenen der Absurditäten des Alltags, der Suche nach Auswegen, Einsamkeit, Verzweiflung in kraftvoll bildreicher Sprache. Wunderbar seine Verse zum Woanders sein: „aber wo ist woanders/ anders… /wo ist man wo… im Wasser, am Meer, die Füße im Sand…/aber wo ist man anders.“, fragt ihn eine Frau mit rosa Haar, seine Liebste (Kriemhild Hamann) und schüttelt ihn ungeduldig an der Schulter.

Der Konflikt mit dem Vater ist allgegenwärtig und spiegelt sich auch in Braschs Erzählungen. Da sieht er sich selbst als Seefahrer, der unentwegt auf dem Meer unterwegs ist und keinen Hafen findet und sein Vater hockt hm auf den Schultern, der ihm fast die Luft abdrückt, ihn abhalten will hinauszufahren und verbittert in die offene Grube springt. In einer anderen Erzählung ist der Vater als alter, verwirrter und einsamer Mann zu sehen, der fremde Menschen von der Straße zu sich in die Wohnung nimmt und ihnen Heldengeschichten erzählt, dabei hat er Oranienburg nie verlassen.

Braschs Freunde und Figuren rufen ihm immer wieder zu: „Hau ab!“. Doch auch im Westen bleibt ihm vieles fremd, gerät er in Widerspruch zum System des Kapitalismus. Seine Freundin verliert in der unruhevollen Zeit ihr Kind, In Schmerz und Zorn halten sich beide in den Armen. Immer öfter greift er zur Flasche, kommt es zu exzessiven Ausbrüchen, hemmungsloses Lachen und Weinen, Schreie und Schluchzen mischen sich und nach Atem ringen. Eine Pfütze erscheint auf einmal groß und weit wie das Meer, Gischt schäumt und Möwenschreie liegen in der Luft in diesem Sehnsuchtsbild.

Phantastisch und nahegehend, wie die Tiere von der Bühne gegen Ende lebendig auf der Leinwand erscheinen in einer Animation mit gezeichneten, surrealen Filmbildern von Tilo Baumgärtel.  Wie der Elefant und das Nashorn zwischen grau trostlosen Hochhäusern mit weißen, gesichtslosen Fenstern umherirren. Der Strauß sein schillerndes Gefieder spreizt und durch endlose Gänge rennt und schwebt. Das Zebra mit seinen schwarz-weißen Streifen im Wohnzimmer steht und vergebens schafft sich anzupassen. Und die Giraffe auf dem Hochhausdach die Weite genießt und in den Abgrund schaut. Ein Raum zeigt einen leeren Schaukelstuhl vor laufendem Fernseher, in dem die Zeit vergeht, Blitze einschlagen und die Giraffe zum Skelett erstarrt da steht.

Das Telefon auf der Bühne klingelt ununterbrochen. Keiner geht ran. Zu einem Eisklumpen gefroren der Apparat, trägt ihn Schauspielerin Louise Aschenbrenner, die abwechselnd verführerisch und sirenenhaft Braschs Muse spielt, fröstelnd zu den anderen. Sie sitzen nebeneinander, wie auf ein Wunder wartend, springen auf und marschieren in einer Reihe raus zu beschwingt romantischen Klängen aus der Oper „Peter und der Wolf“  und düsteren, albtraumartigen Szenen mit einer maskierten Gestalt taumelnd und am Boden zuckend, hinter der sich ebenfalls Brasch verbirgt, im Wechsel. Zuletzt sieht der Seefahrer auf die Stadt und das Meer und wartet vergebens auf das Klopfen in den Schläfen. Nur Stille. Ohne Widerpart, Streit und Diskurs egal wie konträr die Meinungen auch sind, herrscht Stillstand. lässt sich nichts bewegen und verändern in einer Welt voller Widersprüche. Das ist die zeitlos bleibende Botschaft von Thomas Brasch. Viel Beifall gab es für die Aufführung vom Publikum.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Buch-Tipp zum Weiterlesen:

„Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie“ von Marion Brasch (Fischer Taschenbuch). Darin erzählt die Schwester von Thomas Brasch die Geschichte ihrer außergewöhnlichen Familie.