Traumlandschaft auf Leinwand… 

Für Traumwandler und Träumer – Eine  faszinierende, bilderreiche Reise durch die Nacht

In die reichhaltig schillernde, mäandernde, fantastisch menschliche Träume, Sehnsüchte und Abgründe auslotende Welt aus Fernando Pessoas berühmtem „Buch der Unruhe“ können ZuschauerInnen in einer achtstündigen Screening-Aufführung am 9. Juli, von 18 bis 2 Uhr im Schauspielhaus Dresden eintauchen.

Die Spielzeit am Staatsschauspiel Dresden hält am 9. Juli noch ein besonders spektakuläres theatrales Erlebnis bereit. In einer langen Filmnacht wird zum ersten Mal, von 18 bis 2 Uhr, als öffentliches Screening Sebastian Hartmanns Inszenierung BUCH DER UNRUHE, die vor einem Jahr als Livestream im Lichthof des Albertinums entstand, gezeigt. In Liegestühlen kann das Publikum auf der Bühne des Schauspielhauses die Sommernacht mit Pessoas Meisterwerk genießen. Ein einmaliges Erlebnis!

„Verzicht ist Befreiung. Nicht wollen ist können.“


Fernando Pessoa ist nicht nur der wichtigste moderne Schriftsteller Portugals, seine Texte und vor allem sein BUCH DER UNRUHE gehören zu den wesentlichen Innovationen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Pessoa erfindet für dieses Buch ein Alter Ego, den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, der sein Leben im Lissabon der zwanziger und dreißiger Jahre aufzeichnet. Pessoas epochales Werk erschien erst 1982, 47 Jahre nach dem Tod des Autors. Die tagebuchartigen Aufzeichnungen bilden keine Handlung ab, es sind freie Assoziationen und innere Monologe. Das minutiöse Beschreiben innerer Vorgänge macht den Kopf des Autors zu seiner Lebensbühne, hier schildert Pessoa das ‚Drama im Menschen‘. Pessoas Sehnsucht gilt einem kontemplativen Leben und einer Ästhetik des Verzichts. Die einzige Illusion, die Pessoas Held akzeptiert, ist die Kunst.

Für eine Präsentation im Theater ist Pessoas Haltung und Ästhetik eine Herausforderung, der sich der Regisseur Sebastian Hartmann und sein Team in einer besonderen Weise stellen. Die Arbeit wird keine Inszenierung im herkömmlichen Sinn sein, eher eine theatrale Installation, bei der die ZuschauerInnen das stetige Ringen Pessoas mit seiner inneren Welt sinnlich erfahren können.

Fernando Pessoas posthum veröffentlichtes literarisches Lebensprojekt entwickelt in tagebuchartigen Fragmenten den Entwurf eine Lebenskonzeption, in der bewusste Isolation und Kontemplation, Schlaf und Traum, wichtiger als das aktive Alltagsleben sind. Die achtstündige Aufführung findet deshalb für die digital zugeschalteten ZuschauerInnen in der Zeit des Schlafes, für die Dauer einer Nacht, statt.
Dauer der Aufführung: ca. 8 Stunden

Text: Staatsschauspiel Dresden

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BESETZUNG
 
UND
Konstantin Antelmann, Henrike Demuth, Maria González Havlík, Eva-Marlene Jaekel, Angelika Kuge, Bertolt List, Susanne Meyer, Parisa Mousavi, Yamile Navarro, Skander Soumri
LIVE-MUSIKER
VIDEOOPERATOR
Edgar FrankeMax RotheDiana StelzerTheresa Tippmann
SOUNDDESIGN
Benjamin BlechschmidtRobert FreitagGeorg Graebner
LANGE FILMNACHT

Mit offenen Augen träumen

Traumwandlerisch bewegen sich Gestalten im weiten weißen Raum im Innenhof des Albertinums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. In die Innenwelt von Fernando Pessoa und sein berühmtes „Buch der Unruhe – des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ zwischen Schlaf, Traum und Wirklichkeit entführt die Aufführung von Sebastian Hartmann, die im Juni letzten Jahres ihre Livestream-Premiere coronabedingt ohne Zuschauer hatte und von den Bildschirmen zuhause aus zu erleben war und in einem Live-Chat von den Zuschauern auch kommentiert werden konnte.

Ein ungewöhnliches, grandioses Theater- und Seherlebnis in jeder Hinsicht. Man ist live dabei und doch nicht, es wirkt real und unwirklich zugleich. Man kommt sich selbst vor wie in einem Traum, aus dem man jederzeit heraustreten, sich z.B. aus der Küche etwas holen, und wieder dazukommen und weiter mit offenen Augen träumen kann. Dabei ist Neugier, Fantasie und Durchhaltevermögen gefragt und sich wachhalten. Denn irgendwann kommt unweigerlich die Müdigkeit, will man einschlummern, aber auch nichts verpassen. Vielleicht ist die nächste Traumszene die größte, eindrücklichste…  Im Laufe der Aufführung entfaltet sich eine überbordende Bilderflut aus projizierten und bewegten Bildern der Darsteller vor einer Leinwand, die außerdem live bemalt wird, voller sich überlagernder Licht- und Schattenbilder, Szenarien und poetischen Versen Pessoas.

Während der Beginn eher karg und langatmig ist. Anderthalb Stunden passiert fast nichts, wird fast nichts gesprochen. Ein Läufer in weißem Anzug (Torsten Ranft) dreht unermüdlich seine Runden im weiten Lichthof. Eine Frau mit schwarzem Haar in weißem Kleid schaut sich suchend sich um mit ängstlicher Miene, hält eine Hand auf dem Bauch. Eine ältere Frau steht hinter ihr und sieht sie verwundert an. Nach Mitternacht, wohl mit den eintretenden Traumphasen, beginnt der opulente Bilderrausch, der sich steigert von Szene zu Szene, untermalt von sphärischen Klängen auf Klavier und Cello. 

Traumversunkene Gestalten erscheinen mal im Halbdunkel und mal im gleißenden Licht, sie stehen in der Gruppe mit Abstand oder gehen einzeln umher, suchende Blicke… Stumm oder leidenschaftlich südländisch Wut, Schmerz und Trauer herauslassend. Ein Mann fällt auf die Knie und hält sich die Hand vors Gesicht,  während er weiter das Fluchen seiner Frau hört. 

Spiegelblicke in Fenstern. hinter vergitterten Fenstern stehen einige. Andere Akteure gehen im Raum auf und ab, schlafwandeln, machen Geräusche, tanzen….
Oder sitzen am Bett von anderen, halten die Hand, hören zu, trösten.
Erzählen aus ihrem Leben, 

Schwebend sinnliche und melancholische Stimmungen wechseln. Frauen gehen umher in durchsichtigen weißen Kleidern, durch die man die Unterwäsche sieht, die Männer in Anzügen oder offenen, weißen Hemden. Ein stilles Spiel von Sehnsucht und Begehrlichkeiten. Die große weiße Leinwand füllt sich nach und nach mit Traumlandschaften, die mit Pinsel und schwarzer Farbe einstrich als Muse Schauspielerin Luise Aschenbrenner. Der Traum von Pessoa war es, ein Kunstwerk zu sein. Das Leben ein vollkommener Traum, verlockend schön, nah und fern zugleich.

Der Höhepunkt der Aufführung, die Sterbe- und Geburtsszene ist gegen 2 Uhr zu sehen. Man hört Schmerzensschreie.  Sieht eine schwarze Gestalt wie durch ein Schlüsselloch, die mit dem Tod ringt, umfällt und auf dem Rücken wie ein Neugeborenes zappelt mit Armen und Füßen…. versucht aufzustehen, immer wieder hinfällt und unter Mühe sich aufrecht. Ein Gleichnis für den menschlichen Existenzkampf beeindruckend mit intensivem Körpertheater gespielt von Simon Werdelis. Nackt steht er im Raum …. ein anderer Mann im Anzug liegt auf dem Bett, das sich dreht wie in einem Albtraum, er schreit und lauter nackte Figuren stürzen aus der Höhe herab stürzen… Victor Tremmel spielt den verzweifelten Träumer großartig. Als die letzten Traumbilder über den Bildschirm vom PC flimmern, wird es draußen schon hell, begleitet von Vogelzwitschern. Vielleicht sehen wir uns gleich in einem anderen Traum wieder.

Text und Fotos (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de