dscf3364

Der Dresdner Schriftsteller Michael Pohlmann findet Geschichten da, wo andere wegsehen.

„Mein linkes Bein ist wie ein alter Strumpf/ gefüllt mit Sand/die schneller, schneller Tablette/haucht ihm Leben ein“, schreibt Michael Pohlmann in einem seiner Gedichte. „Die Erfahrung, dass die Kraft wie trockener Sand aus den Händen rinnt, die Erfahrung mit Schwäche und Bitten“ sind noch immer ungewohnt für ihn.

Dornröschenstarr. Er sah mit knapp 40 Jahren Mitpatienten in der Klinik, die wie im Märchen von Dornröschen erstarrten. Zwei Jahre lang vermied Michael Pohlmann es, das Wort Parkinson auszusprechen, wollte die schleichende Erkrankung bei sich nicht wahrhaben. Aus seiner Zeit als Krankenpfleger wusste er, was für eine tückische Krankheit das ist, die das zentrale Nervensystem angreift und es dadurch fast unmöglich macht, Bewegungen zu koordinieren. Dennoch versucht er, so gut es geht, mit der Krankheit zu leben, „mit dem Zittern, dem Lahmen des Körpers, mit der Schönheit des Unvollkommenen.“
Dem Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk in Dresden war es schwergefallen, seine Arbeit aufzugeben. Bis 1997 hatte er dort die Beratungsstelle der Wohnungslosenhilfe geleitet. Anfangs nur für sich, als Krankheitsbewältigung gedacht, bekam das Schreiben bald eine eigene Dynamik. Als die Schublade voll war, ging Pohlmann mit Gedichten und Prosa zum Verleger Christoph Hille, den er kannte, um dessen Meinung zu hören. Und der druckte den ersten Lyrikband
“Schneetaubenschlag“ im Jahr 2000, auch die drei folgenden mit Gedichten und Erzählungen. Der vierte Band mit dem Titel “Stachelhaut“ ist im Dezember 2005 erschienen.

Randständig. Seine Behinderung mache es ihm oft schwer, nicht in der Schublade der Betroffenheitslyrik zu landen, sagt Michael Pohlmann. Er will unvoreingenommen betrachtet und erst mal gelesen werden. Beispielsweise die Geschichten über Menschen, die weniger Glück haben und am Rande der Gesellschaft leben. Er sei selbst so ein „Randständiger“. In einer Zeit des Jugendlichkeits- und Gesundheitswahns, der immer stärkeren Orientierung auf materielle Werte, empfinde er das noch krasser. „Glücksanspruch wird so hoch gehängt. Man braucht immer Neues, so dass die leisen Töne verloren gehen.“

Würdevoll. Seine Geschichten findet er, der schon als Grabmacher, Fensterputzer, Rangierer, Kirchensteuer-Einnehmer und Bibliothekshelfer in der Deutschen Bücherei in Leupzig gearbeitet hat, da, wo andere wegsehen. Bei seiner Arbeit in einem Leipziger Pflegeheim lernte er Menschen kennen, die „eigentlich ihr ganzes Leben lang gestorben sind, immer in irgendwelchen Einrichtungen am Rand isoliert lebten.“
So wie „Richard, der stumme Diener“, ein kleiner verwachsener Mann, den niemand besuchte und der viele Jahre die Gänge im Heim bohnerte für ein paar Zigaretten. Oder Freiherr von Hoffmann, der äußerlich verschmitzte, feinsinnige alte Sonderling. Ihnen setzt Pohlmann ein Denkmal in seinem Band „Erzählungen über Hoffmann“, er schenkt ihnen Aufmerksamkeit, fragt sich, warum sie so sind und erzählt aus ihrer Lebenswelt mit leisem Humor, manchmal melancholisch und immer würdevoll. Dazu entstand auch ein literarisch-musikalisches Programm von Pohlmanns Texten zusammen mit dem Musiker Martin Lembcke und ein Hörbuch mit dem Schauspieler Albrecht Goette.

Preußisch. Aus dem Erlebten heraus gründete Pohlmann mit Freunden auf einem Bauernhof in Hartroda in Thüringen die erste Wohngemeinschaft von körperbehinderten und nichtbehinderten Menschen in der DDR, wo er drei Jahre lebte und arbeitete. Jetzt lebt er im Augenblick, sagt Michael Pohlmann. Er geht preußisch mit Zeit um, da er krankheitsbedingt ein Drittel des Tages nur liegend verbringen kann. „Die Krankheit lässt mich vieles schärfer sehen und empfinden.“ Auch ohne die Schneller-schneller-Tablette.

Text + Foto (lv)

Visite

Die kleinen Götter vom
anderen Ufer
Kommen zu elft
Sie sprechen Deutsch
Das gestärkte Weiß wirft
meinen Blick zurück
Hänsel zeig Deine Zunge
Mißverstandene Einladung
zum Reden
Einmal ausgefahren formt
sie Worte
Die restlichen Zehn scharren
mit den Füßen
Uhrenvergleich
„Gute Besserung“
Bei „Besserung“ sehe ich
nur noch den Arsch
Des Wünschers
Man entspricht meiner Bitte
nach Erhöhung der
Medikamentendosis
Mein Nachbar sagt dass ich
oft im Schlaf rede

Aus dem Gedichtband
„Schneetaubenschlag“

 

 

 

 

 

Advertisements