
Was ist der Glaube an das Gute, Wahre, Schöne, Großherzige noch wert in einer Welt voller Konflikte, Wahnsinn und Uneinsichtigkeit? Fragt die Inszenierung von Lessings dramatischem Gedicht „Nathan der Weise“ (in der Titelrolle Ahmad Mesgarha) in einer drastisch-grotesken Inszenierung im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe
Nathan der Weise in Schutzweste
In grellrosa Kulisse, martialisch, märchenhaft, surreal, ernst und bitterkomisch mit deutlichen Bezügen zur Gegenwart hinterfragt die Inszenierung des Stück-Klassiker von Lessings menschliche Grundwerte in der heutigen Welt.
Die Bühnenwand ist dunkel. Gestalten mit Hasenohren und großen Köpfen in grellrosa Kostüme gehüllt, fahren auf ebenfalls rosa Räderkarren samt Mobiliar, die an Panzer erinnern, auf der Bühne umher. Rosarot steht für Verliebtheit, Naivität und Illusion. Es kann aber auch getrocknetes Blut sein, An einem, kahlen Baum im Hintergrund hängt eine leblose Gestalt. Das Grauen lauert überall. Nathan der Weise ist ein Menschenfreund, für den alle Menschen und Religionen gleich viel wert sind wie es in der Ringparabel heißt, der Kernaussage des Stücks. Doch er kommt kaum zum Zuge und seine Mission findet kaum noch Gehör in der Welt von heute, ebenso drastisch geht es zu in der Inszenierung „Nathan der Weise“ nach Gotthold Ephraim Lessings dramatischem Gedicht von 1779, die unter Regie von Hermann Schmidt-Rahmer die neue Spielzeit 2024/25 des Staatsschauspiels Dresden im Großen Haus eröffnete.
Die Aufführung wirkt wie eine Reflexion, Befragung, eine groteske Persiflage auf Lessings Originaltext. Die Szenen wechseln zwischen grell, martialisch, märchenhaft, surreal, ernst, brutal und bitter komisch. Von Lessings Versen bleibt wenig übrig, die Dialoge werden in Alltagssprache gehalten. Nathan der Weise, hin und her gerissen zwischen Ideal und Wirklichkeit, Glauben, Zweifel, Vernunft, Güte und Großherzigkeit, anrührend gespielt von Ahmad Mesgarha, trägt eine kugelsichere rosa Schutzweste, weißes TShirt und klobige Stiefel. Er sagt kaum etwas, sitzt verschüchtert und vorgebeugt auf einem Stuhl mit fassungslosem Blick auf die Gegenwart. Auf die vielen Konflikte, Krieg, Blutvergießen ohne Einlenken. Bei denen kaum einer mehr weiß, wer Freund und Feind ist, die Grenzen immer mehr verwischen und die Fronten der politischen Lager immer mehr verhärten, kaum einer das Gespräch sucht, immer neue Mauern errichtet werden.
Nathans Schwester Daja (Gina Calinoiu) glaubt hartnäckig, argwöhnisch, ermahnt und ermutigt ihn aber auch immer wieder: „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.“ „…doch selten etwas Besseres“, ergänzt der Tempelherr, der kämpferisch mit Helm auftritt und seine christlichen Werte verteidigt (Paul Kutzner). Nathans Ziehtochter Recha (zwiespältig, entwurzelt: Nihan Kirmanoglu), zunächst scheu und ergeben, glaubt an ein Wunder, ein Engel habe sie aus dem Feuer gerettet. Nathan nimmt sie an Kindes statt auf und entsagt dem Hass, vertraut Vernunft und Erkenntnis. Er selbst hat seine sieben Söhne und seine Frau bei einem Pogrom durch Christen verloren. Doch als Recha erfährt, Nathan ist nicht ihr wahrer Vater und sie keine Jüdin, sondern Christin, rebelliert sie gegen ihn, hält einen wütenden Monolog über hehre Ideale und Realität, auch über das Recht von Juden, sich zu verteidigen auch mit Gewalt und nicht in der Opferrolle zu verharren und reißt Nathan zu Boden und fällt verzweifelt mit ihm. Die Rollen vom Opfer zum Täter sind fließend. Der Bezug unverkennbar zu den Anschlägen von Terroristen der Hamas auf Israel und die blutigen Gegenschläge seitdem auf den Gazastreifen, die Bombardierung von Krankenhäusern, Wohnvierteln und Notquartieren, durch die Tausende hilfloser Menschen, Zivilisten bereits starben. Und die Gewalt auf beiden Seiten eskaliert immer weiter.
Der Muslim, Sultan Saladin (spöttisch-abgeklärt: Philipp Grimm) agiert extravagant gekleidet in lila Reifrock, nacktem Oberkörper und Pferdeschwanz, weltmännisch als Lebemann und Genießer, schwingt kluge Reden, lacht schallend und philosophiert mehr zum Zeitvertreib. In abfälligem Ton und provozierend fragt er Nathan, ob er besser sei als andere Menschen und worin sein Glaube als Jude bestehe?! Seine Schwester Sittah (Fanny Staffa) trägt ein großes lila Kopftuch, orangene Hosen und Sonnenbrille, wirkt cool, sanft und selbstbewusst und versucht zu vermitteln.
Als gewitzter Derwisch und gestrenger Patriarch ist Holger Hübner zu erleben. Den golden schillernden, selbstherrlichen, kalten Götzen, der auf einem Podest getragen wird und über die Menschen urteilt, spielen abwechselnd außerdem Fanny Staffa und Sven Hönig. Er spielt außerdem einen Klosterbruder so absurd we ergeben, mit lila Holzklötzen an den Armen geht er starr, die Hände gebunden wie eine Marionette umher.
Der zweite Teil der Aufführung ist noch spannender, in dem der Streit zwischen den Religionen sich zuspitzt, welche die bessere sei. Die Darsteller agieren mit Perücken und barocken Kostümen in einem golden gerahmten Büchersalon aus dem 18. Jahrhundert wie zu Lebzeiten Lessings. Es werden Geheimnisse enthüllt, wessen Tochter Recha wirklich ist und welcher Herkunft der Tempelherr tatsächlich ist und die Szene löst sich in Wohlgefallen auf. Alle umarmen sich, halten Small Talk geflissentlich und gehen hinaus zu halb klassischen und orientalischen Klängen. Nathan der Weise bleibt allein zurück und erzählt die Ringparabel zu Ende, vom Vater, der für seine drei Söhne drei gleiche Ringe anfertigen ließ, die nicht vom Original zu unterscheiden sind. Keine Religion ist besser als die andere. „Es eifre jeder seiner freien, von Vorurteilen unbestochenen Liebe nach…“, zitiert Mesgarha als Nathan die Worte, die im halbdunklen Raum nachklingen.
Eine gewagte, streitbare Inszenierung über Macht und Ohnmacht im menschlichen Umgang, über Offenheit, Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Ansichten, Werten und Kulturen. Der grelle Farbton tut den Augen weh und das ist wohl auch so gewollt, doch auch einseitig. Das vordergründig Groteske schockiert, entsetzt und schreckt ab, etwas unaufgeregter und weniger dick aufgetragen, wäre noch stärker in der Aussage gewesen. Die Gegenwart ist schon laut und grell genug. Das Theater muss nicht noch auf einen draufsetzen, nicht nur Zustände beschreiben und karikieren, sondern zumindest Gegenentwürfe, Ideenansätze wie es anders gehen könnte auf die Bühne bringen. So bleibt man als Zuschauer einfach nur fassungslos, traurig und ernüchtert zurück bei so viel Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit, wie die Welt menschlicher, liebevoller werden kann.
Dennoch gab es bei aller Düsternis der Aufführung viel Beifall vom Premierenpublikum. Vielleicht rüttelt diese Nathan-Inszenierung manche doch noch wach mit ihrer Schärfe.
Text (lv)
http://www.staatsschauspiel-dresden.de
Nächste Aufführung: 15.10., 19.30 Uhr, Schauspielhaus Dresden