In der Märchenwelt ist der Wolf für alles Böse zuständig. Er wird als gierig und hinterlistig beschrieben. Ob er Rotkäppchen im Wald vom rechten Weg abbringt oder mit verstellter Stimme die sieben Geißlein überlistet, ihnen die Tür zu öffnen, um sie zu fressen… Als die Gebrüder Grimm ihre Märchen aufschrieben, der erste Band der gesammelten Kinder- und Hausmärchen erschien zu Weihnachten 1812, waren die Wölfe aber in Wirklichkeit schon längst ausgerottet. Doch der Mythos und die Magie um den Wolf, sein wildes und zugleich scheues Wesen, das ihn von den Menschen fernhält und zum gefährlichen Außenseiter abstempelt, sind bis heute ungebrochen.

Mit diesem Geheimnis, wie der Wolf denn nun wirklich ist, spielt auch das Stück „Gebrüder Grimm – Am Anfang aller Märchen“ (Buch: Kenny Friedemann, Regie: Olaf Becker), das derzeit erfolgreich im Boulevardtheater Dresden läuft. Es gibt allerdings nur noch Restkarten für die Vorstellungen bis zum 29. Dezember.

Und man traut seinen Augen kaum, steht dort tatsächlich auf einmal ein sehr wolfsähnliches Tier auf der Bühne an der Seite der Märchenbrüder Grimm. Ein ebenso magischer, berührender wie spannender Moment – für die Schauspieler wie für das Publikum. „Wir erzählen eine fiktive Geschichte von der Entstehung der Märchen. In ihnen stößt man immer wieder auf den Wolf, der einst als Krafttier in der heidnischen Kultur galt und später in den Hausmärchen als böse stigmatisiert wurde“, sagt Regisseur Olaf Becker. Die Aufführung greife dieses widersprüchliche Bild vom Wolf und sein Wiedererscheinen in der Natur auf, ohne zu moralisieren. Man wolle ihn weder dämonisieren noch verharmlosen, vielmehr spielerisch unterhaltsam in diesem Adventsmärchen für die ganze Familie Denkanstöße zur Auseinandersetzung mit dem Thema geben.

Einen Wolf auf einer Theaterbühne gab es noch nie. Fündig für das Märchenstück wurde Becker über das Internet bei Tiertrainer Miguel de la Torre (www.filmwoelfe.de) in Hannover, der seine Wölfe für Film- und Fotoaufnahmen zur Verfügung stellt. Ein halbes Jahr vor der Premiere begann die Zusammenarbeit mit vorsichtigem Kennlernen der Tiere bei Castings vor Ort und in Dresden. Die Theaterleute entschieden sich schließlich für die Wolfshündin „Isa“ (10). Äußerlich ist sie mit ihrem grauweißen Fell und gelben Augen kaum von einem echten Wolf zu unterscheiden.

Da Wölfe Rudeltiere sind, kam ein Bühneneinsatz mit längerer Trennung angesichts 30 Vorstellungen im Monat außerdem nicht in Frage. „Echte Wölfe würden gar nicht auf die Bühne gehen ohne mich. Man kann die Tiere auch nicht wirklich dressieren, sondern wenn überhaupt konditionieren“, sagt Miguel de la Torre. Seine Eltern stammen aus Spanien. Er ist Naturwissenschaftler und Informatiker und arbeitet seit acht Jahren als Wolfstrainer mit seinem Unternehmen „Filmwölfe“. Er hat ein Rudel mit derzeit neun Tieren aus eigener Zucht, die von amerikanischen Grau- und Polarwölfen abstammen und schon in rund 200 Produktionen, vom Kinofilm bis zum TV-Tatort-Krimi, vor der Kamera standen. Er möchte „professionelle Bilder von Wölfen und keine Wolfsdouble.“ Auch um Klischees und Vorurteile über die Tiere abzubauen. Eine Mär sei auch das Bild vom Leitwolf. Es gibt eine starke Feh im Wolfsrudel.  Es ist wie im echten Leben, die Frau entscheidet, mit wem sie Nachwuchs bekommt, so Torre.

„Wölfe sind geradlinig und ehrlich. Entweder sie streiten oder mögen sich. Es gibt keine Grauzone“, schätzt Miguel de la Torre an ihnen. Er sieht sich nicht als ihr Anführer, sondern eher wie ein Großvater, als Gönner, der ganz sanft und ruhig mit den Tieren umgeht. „Es ist ein Umgang wie mit Hunden auch, nur mit mehr Vorsicht.“ Er lebt urban mit dem Wolfsrudel südlich von Hannover.

Sein Sohn Mattia (15) begleitet diesmal Wolfshündin „Isa“ vor und nach ihren Auftritten im Boulevardtheater. „Sie geht gern auf die Bühne, weil sie sich wohlfühlt, Leckerlis und Streicheleinheiten bekommt“, so de la Torre. Ein schöner wie ergreifender Moment sei die Begegnung mit der Wolfshündin in jeder Vorstellung, so Regisseur Olaf Becker, und er bekomme überraschend viele Reaktionen von Zuschauern. Diese reichen von „unfassbar“, „fast erstarrt“ bis „faszinierend“. „Alle anderen Darsteller sind neidisch auf die Gebrüder Grimm und verfolgen die Szene gebannt hinter der Bühne auf dem Bildschirm“, erzählt er schmunzelnd. Ein gewisses Kribbeln und Respekt der Schauspieler vor dem Wolfstier sei immer dabei, weiß Regisseur Becker. Daraus entsteht zugleich der Zauber dieses märchenhaft realen, selbstverständlichen Zusammentreffens jedes Mal neu wie es nur das Theater schafft.

Text + Fotos (lv)

Nächste Vorstellungen: 15.12., 18.30 Uhr, 16.12., 15 + 19 Uhr, 17.12., 14 + 18 Uhr


Bei der Probe zum Märchenstück: Tiertrainer Miguel de la Torre und Regisseur Olaf Becker mit Wolfshündin Isa


Magischer Moment: Begegnung mit einem sagenhaften, wunderbaren Tier.
Autorin Lilli Vostry von meinwortgarten.com und Regisseur Olaf Becker.
Fotos (lv, Torre)

http://www.boulevardtheater.de

Advertisements