Geschichten die das Leben schreibt: Der wiedergefundene Vater


Unter der Überschrift „Der wiedergefundene Vater“ erschien mein Beitrag in der Sächsischen Zeitung am 11./12. Januar 2014. Viel ist geschehen seitdem. Es bleibt die Erinnerung an ein wunderbares Wiederfinden, schöne Begegnungen, Erzählen, Schweigen und nun der Abschied für immer. Am Freitag, dem 17. Juli 2026 fand die Trauerfreier mit Beisetzung meines Vaters in Dresden statt. Er starb durch einen tragischen Unglücksfall im Alter von 83 Jahren.

Unsere Familie nach der Trauerfeier. Das Leben ist ein Fließen. An der Elbe in Laubegast, Ein Lieblingsort meines Vaters. Ganz in der Nähe ist auch seine letzte Ruhestätte. Ruhe in Frieden, Papa!
Es war ein herrlicher Sonnentag, mit beschwingtem Jazz, vielen Blumen, bewegten Erinnerungen, Tränen, aber auch angeregten Gesprächen, gutem Essen, Fassbrause wie in Kindertagen, Freude und Zuversicht: Lebt Euer Leben und genießt es!, würdest Du sagen.

Garten der Erinnerung: Vater-Gedichte

Kinderbild

Hoch über den Baumwipfeln
hältst Du mich
als wolltest Du mir den Himmel
zu Füßen legen

zwei Handvoll Leben
im Arm noch einen Hosenmatz
sieht aus wie ein Kinderspiel
das war es nie

wir haben oft Verstecken gespielt
immer ohne Dich
hab Dich überall gesucht
in mir und anderen Männern

hasste und vermisse Dich
obwohl ich Dich nie kannte
die Tür verschlossen
blieb zu Dir

stand meine offen
ich sehe Dein Bild
vor mir bin
mit Dir auf der Welt
mein Vater

25.6.2013, einen Tag vor seinem Geburtstag geschrieben.

Nahe bei Dir

Ich saß in einem still
verträumten Garten
ganz in Deiner Nähe
und dachte wie es wäre
wenn wir uns noch einmal
alles erzählen
wie es begann
dein und mein Leben
wir uns aus den Augen verloren
doch nicht aus dem Sinn

ein Wasserstrahl flüstert
in einem Brunnen mir zu
sitzt du manchmal hier
auf einer der Bänke
beschirmt von hohen Bäumen
verblüht schon die Rhododendron
die Blumen aus Kindertagen

locken vor mir weiße Blütensterne
der Duft von Holunder in der Luft
greife nach den hoch hängenden Blütendolden
und vergesse einen Moment
die unsichtbare Grenze
zwischen uns

2.6.2022

Gedichte: Lilli Vostry

Galerie auf Zeit: Ausstellung mit Fotografie & eine Retro Computer Lounge in der Neustädter Markthalle in Dresden


Lebendige Computerwelten
Kein stupides Geflimmer, sondern selbst aktiv und kreativ werden, wird groß geschrieben in der Retro Computer Lounge, in der nostalgische klassische Computer und Spielekonsolen zu bestaunen sind und immer noch funktionstüchtig zum Ausprobieren einladen. Außerdem gibt es Gaming & Workshops bei dieser Aktion des Retro Computer Clubs Dresden e.V. täglich von 13.30 bis 19.30 Uhr noch bis diesen Sonnabend in der Neustädter Markthalle auf der Hauptstra0e in Dresden.

Ein toller Begegnungsort für klein und groß zum Austausch, Fachsimpeln, Erinnern und Reisen wie mit einer Zeitmaschine in gemütlich entspannter Atmosphäre. Außerdem werden mit dieser Aktion die sonst leer stehenden Flächen im Obergeschoss der Markthalle neu belebt, Diese werden vermietet und temporär genutzt von verschiedenen Vereinen in einem Projekt von „neuerdings.net“.

Auf einer weiteren großen Freifläche dort ist eine Galerie auf Zeit entstanden. Lebensbilder, Landschaften und Stadtansichten von einem Dutzend FotografInnen sowie verschiedene kulturelle und soziale Projekte zeigt derzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Nischen“, die zum Anschauen, Verweilen und Sichtbarmachen von Räumen und kreativem Potenzial machen einlädt.

Dieses Projekt läuft noch bis Ende September. Eine tolle Idee der Initiatoren, mit hoffentlich bald dauerhaft neuen, lebendigen Angeboten in diesem wunderschönen Jugendstilambiente. Man darf gespannt auf die nächsten Aktionen dort auf der Empore in der Neustädter Markthalle sein!

Der Retro Computer Club Dresden ist jeden Mittwoch ab 18 Uhr geöffnet. In dem Raum auf der Zwinglistraße 25 können Besucher eine Computer-Sammlung sehen, die Geräte werden von den Vereinsmitgliedern gepflegt, restauriert und auch ältere  Geräte und Spielkonsolen repariert. Wird auf diese Weise ein Stück Technikhistorie und auch Kulturgut bewahrt, nachhaltig weiter genutzt und anschaulich und zum Anfassen erhalten. Der Raum steht auch offen für Vorträge und Firmenevents.

Text + Fotos (lv)

http://www.retrocomputer-dresden.de
http://www.neuerdings.net

Neue Meer-Gedichte: Ein Gesicht im Sand & Abschied von Kater Franz & Traumversunken & Dem Wind entgegen & mehr

Ein Gesicht im Sand

Angekommen am Meer
find ich unzählige Federn
helle dunkle gefleckte
und windzerzauste
ein Gesicht im Sand
wie eingemeißelt
Wasser rinnt unaufhaltsam
ringsherum
Möwen fliegen auf
reißen sich um die Krumen
ausgehungert mir fast
das Futter aus den Händen
mit spitzen Schnäbeln
erschrocken weiche
ich zurück
ihre Freudenschreie begleiten
mich auf Schritt und Tritt
wollte hier vergessen
die Schatten der letzten Zeit
stattdessen beginne ich zu leben
Ganz von vorn

5.7.2026

Abschied von Kater Franz

Früh der Aufbruch
endlich wieder ans Meer
drei Wirbelwinde ließ
ich zuhause
geriet schon fast in Seenot
kaum fort
kommt die Sehnsucht wieder
unterwegs ein Wetter
als stürze der Himmel ein
aus grauschweren Wolken
bricht immer wieder Sonnenlicht
sonst saßst Du oft schon vorm Haus
an der Tür
oder unter einem Strauch im Garten
diesmal nicht
der große zottlige Schlappohrenhund Joschi
stürmt ins Ferienzimmer herein
mit der Gastgeberin
doch kein Kater Franz
schwarzsamtig mollig keck
und gelbäugig wie meine Sternaugenkatze Lola
der in mein Herz schlich
durchs Tor schnurstracks galant an der Agave vorbei
wird mehr kommen
er ging schon im Januar
für immer fort
all meine Freude
auf einmal verloren
das Meer braust und
schickt mir seine schönsten Wellen
es hält und bricht keine Versprechen
doch kann es meinen Kummer nicht fortspülen

5.7.2026

Traumversunken

Die Möwen riefen
noch lange
eine Taube gurrte
draußen auf dem Giebel
schon halb im Traum
zog wieder alles
vorbei
was ist und war
wie auf einer Bühne
als probten wir
für ein neues Stück
ohne Zurück
die Darsteller ringsumher
schwiegen
verkauften ihre Schuhe
und Taschen
keiner wollte ihre
Kunst sehen
Ich erzählte was ich schreiben
wollte
doch keiner hörte zu

ich träumte unter
dem Meerbild
darauf weiße hohe Wellen
reichen fast
bis zum Himmel
das Meer groß weise
und weit sagt:
Alles hat seine Zeit
und draußen strömt der Regen

6.7.2026

Dem Wind entgegen

Der Wind zaust mein Haar
seh nichts mehr nichts steht mehr fest
durchkämmt das Meer
hohe weiße Schaumkronen
aufbrausend
schleudern mir
ihre ganze Kraft entgegen
als wollten sie
mich aus mir
heraus
erheben
die Wellenberge scheinen
unüberwindlich
der Boden unter den Füßen
gibt nach
Wellen prallen
gegen meine Haut
werde nicht sanft
wie sonst hineingezogen
sondern fast gerissen
falle fast hinein
und auf einmal
fühlt sich alles
leicht an
die Wellen wogen
ich überspringe sie
vertraue mich an
der Wind wirft mich zurück
an Land
doch bin gewachsen
ein Stück

8.7.2026

Sonnentag am Meer

Die Sonne kam wieder
am dritten Tag und
hielt lange
der Himmel immer noch
azurblau voller Federwölkchen
Möwen kreisen über dem Ferienzimmer
den leckeren Düften nach
Schwalben schwirren umher
Raben krächzen heiser
eine winzige helle Spinne seilt
sich ab an meinem Stift
eine lange schwarze und eine Tigerfeder
die von Euch aus dem Himmel flogen
liegen vor den Bildern
meiner Katzen
ein heller Falter flog Mittag
übers Dach sah kurz nach
mir und verschwand
und noch einer ein Zitronenfalter
flirtete kurz
mit mir am Strand
bevor der Wind
den Sand aufwirbelte
das Meer den Schleudergang einlegte
Ich allein blieb mit den Möwen
die es verstehen
zu bitten schreien und flehen
alles nehmen wie es kommt
noch in der Dämmerung
hallt ihr Lachen

8.7.2026

Geborgen/Ückeritz

Das Meer schimmert
blau hinter den Bäumen
der Lärm von der Promenade
verebbt
die Anhöhe hoch
in den Wald
Wege voller Sonnenflecke
auf und abwärts
das Rad hält mich
dann endlich das Tor am Waldrand
Zurück in meiner Welt
langersehnt und vermisst
all die Leinwandvillen
Wäsche hängt auf der Leine
wo sie unter Sonnensegeln
beisammen sitzen
zusammen essen feiern
ausruhen
es duftet nach Kartoffelsalat
Gurken und manchmal verbrannten
Fleisch auf dem Grill
und hohe Kiefern säumen
den Weg zum Strand

das kleine Wäldchen an der Steilküste
wuchert und schlummert
vor sich hin
zwischen den Buchen
der offene freie Meerblick
immer noch
endlos weit
die weiße Treppe
hinunter
zum Strand
führt in eine
andere Zeit
zum Ursprung meiner
Meerliebe
viele Bäume Licht
und Wellen die immer
wiederkehren
wie die Möwen
und manchmal offene alte Strandkörbe
mit Blümchenbezug oder Streifen
mehr brauchte ich nicht
zum Glück

der Sand am Strand
weicher und höher
neu aufgeschüttet
bildet Wälle zum Wasser hin
viele Steine liegen drin
und der Sand gibt nach
Ich schwanke in den Wellen
bernsteinfarben funkelnd
in der Sonne
kräuseln sich wiegen
und tragen mich sanft
Abends kommen die Möwen
und ein paar Raben
freuen sich über das Festmahl
und drehen ihre Runden
als wollten sie
wie ich
das Meer umarmen

10.7.2026

Blütensegel

Euer Leuchten
weithin
begleitet
meinen Weg
kleine Blütensegel
im Wind
öffnen und schließen
sich geschwind
klimpern mit den Wimpern
rote Irisschimmer
auf den Blättern
zarte Berührung
schon verwehen sie
im Wind
abends färben
sie den Himmel
rot unzählige kleine Flügel
hoch über dem Meer
mit den Möwen

10.7.2026

Schneckenleben

Die Sonne stand
schon tief
der Sand leuchtete
rot golden am fast menschenleeren
Strand
winzige weiße Federn
flogen umher
landeten in den Seegräsern
dort fand ich Dich
klein kugelrund
dunkelbraun hellgelbes Gehäuse
voller Sand
doch es schien als wohne
noch jemand
darin

nahm Dich mit
obenauf mit den
flaumigen Federn
so viel Leichtigkeit
schwer zu halten
legte Dich in den Pflanztopf
weiße Rosen Lavendel
Vergissmeinnicht wachsen dort
in der Nacht klettertest Du
am Rosenstrauch empor

hängst nun mitten in den Blättern
und Wassertropfen
halt Dich
gut fest

11.7.2026

Gedichte: Lilli Vostry
Fotos folgen

Sommertheater-Open Air: Premiere „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende am Schloss Übigau


Zauberhafte Reise in einer Wunderwelt voller Schönheit und Gefahren: Der Buchklassiker „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende wird lebendig beim diesjährigen Sommertheater Open Air der Comödie Dresden am Schloss Übigau nahe der Elbe. Heute, am 27. Juli, um 19.30 Uhr ist die letzte Vorstellung! Fotos (2): Robert Jentzsch

Die Kraft der Fantasie

Mit ihr kommt man überall hin. überwindet Ängste, Mauern, Sorgen… Davon erzählt zauberhaft, anrührend, spannend und geheimnisvoll die diesjährige Sommertheater-Inszenierung „Die unendliche Geschichte“ nach dem Buchklassiker von Michael Ende vor wundervoller Kulisse der Comödie Dresden am Schloss Übigau, das dieses Jahr 300 Jahre besteht.

In einer faszinierenden Mischung aus Schau- und Puppenspiel (Regie: Nina Damaschke) verschmelzen Realität und Traum, tauchen mit dem Jungen Bastian die Zuschauer in eine fantastische Buchwelt voller Schönheit und Gefahren ein. Sie treffen auf wundersame Wesen wie Irrlichter, Rennschnecken, Felsenbeißer, Werwölfe und den süßen, entzückenden weißen Glücksdrachen Fuchur, den man einfach gernhaben muss wie er mit seinen großen braunen Augen sanft und furchtlos Bastian und seinen Freund Atrèju auf ihrem Weg begleitet, um Phantasién vor dem alles verschlingenden Nichts zu retten.

Bastian liebt Bücher, sie sind sein Zufluchtsort aus seinem einsamen Alltag. Seine Mutter ist tot, sein Vater viel beschäftigt und die Mitschüler rempeln ihn an und verspotten ihn, weil er scheu, verträumt, pummelig und nicht so cool ist wie sie. Auf der Flucht vor ihnen landet Bastian (neugierig-aufgeweckt: Philipp Rahn) landet er in einem Antiquariat bei dem kauzigen Buchhändler Herr Koreander (Daniel Tille, der auch Bastians Vater spielt), wo er in dem verfallenen Laden voller Bücher auf der Empore ein geheimnisvolles Buch entdeckt, das ihn magisch anzieht. Er beginnt zu lesen und schon werden die Gestalten aus den Buchseiten lebendig und er erlebt mit ihnen aufregende, lustige, verrückte und spannende Abenteuer, erfährt viel Neues über sich und das Leben und überwindet seine Angst, lernt Macht, Erfolg, Weisheit, Güte, Glück und Liebe kennen auf seiner Reise durch Phantasién.

Bastian begleitet den jungen Jäger Atréju (voll Sanftmut und innerer Stärke: Joachim Stehle) und besteht mit ihm gemeinsam und dem sie schützenden Amulett Auryn viele Prüfungen. um die Kindliche Kaisern (bezaubernd, zart: Larissa Grosenick), die Herrscherin des Phantaaiereiches, die im Sterben liegt und nur durch einen neuen Namen gerettet werden kann. Sie kämpfen in den Sümpfen der Traurigkeit, in denen Atréjus schönes weißes Pferd und Freund Artax versinkt. Sie begegnen der uralten Sumpfschildkröte Morla, dem zwielichtigen Werwolf Gmork und fliegen mit dem Glücksdrachen Fuchur unbeschwert zu fantastischen Klängen durch die Lüfte. Eine der schönsten Szenen im Stück, wie Atréju auf dem Bett steht hinter dem Glücksdrachen mit dem warm glänzenden Gesicht und seine Arme zum Fliegen ausbreitet. Später stehen er und Bastian sich wie in einem Spiegelbild gegenüber. Er muss durch die drei Tore der Sphinxen, die nicht jeden durchlassen, trifft einen skurrilen, sächselnden Orakelforscher und eine Heilerin mit spitzen Feenohren, die witzig-weise und gelassen Rat erteilt.

Eine böse Zauberin in verführerisch rotem Kleid und Hut will Bastian für immer in der Fantasiewelt halten, nicht mehr in die Menschenwelt zurücklassen. Mit jedem Wunsch verliert er eine Erinnerung. In der Alten-Kaiser-Stadt zeigt Atréju dem Jungen Bastian seine mögliche Zukunft. Ein närrischer Affe mit Federbusch, Argax tritt dort auf als Aufseher der Menschen, die sich in ihren Wünschen verloren haben. Sie wollen alle mal Kaiser von Phantasién werden, sitzen da und starren geistesabwesend vor sich hin wie gefangen in ihren Wünschen. Sein letzter Wunsch bringt Bastian zurück in die Menschenwelt, er fällt in einen tiefen Schlaf, findet sich wieder in einem Zaubergarten und der Hüterin Aiuóla, wo die Früchte alle aus ihr heraus wachsen, er sich wohl fühlt und Geborgenheit findet. Und er kostet von den Wassern des Lebens und weiß wieder, wer er ist und was er solange vermisst hat.

Ein Stück für kleine und große Zuschauer zum Träumen, Staunen und Schmunzeln, das Kopf und Herz gleichermaßen anspricht und berührt ohne rührselig zu werden. Reichlich Beifall gab es dafür vom Premierenpublikum.  Die Aufführung „Die unendliche Geschichte“ wird noch fast den ganzen Juli bis 27.7. gespielt. Beginn jeweils um 19.30 Uhr. Heute ist die letzte Vorstellung der „Unendlichen Geschichte“. Eine schöne Anregung auch, das wunderbare Buch von Michael Ende mal wieder zu lesen,

Text (lv)
http://www.comoedie-dresden.de

Süßer, sanfter und unerschrockener Begleiter durch die gefährdete Wunderwelt Phantasién: der Glücksdrache Fuchur.

Gedichte für den Wal Hope

Gestrandet oder
Für immer im Meer
(Für den Wal Timmy Hope)

Du willst nicht mehr
in irgendeinen Hafen schwimmen
auch nicht gezogen
von einem Schiff
weg von der Küste Dänemarks
vor Anholt wo Du gestrandet bist
Dein Anblick stört sie der Gestank
ein Schandfleck am Strand
für die Touristen
gar Explosionsgefahr
doch es hielt manche nicht ab
auf dem toten Tier herumzusteigen
und zu posieren vor der Kamera

eigentlich wolltest Du zurück
aus der Ostsee in den Nordatlantik
nachhause
nun  liegst Du
leblos da seit Tagen
schutzlos
und sie rätseln
wer das angespülte Walmädchen ist
sie glaubten Du wärst ein Bulle
vielen warst Du egal
sie wollten Dich liegenlassen
auf der Sandbank in Poel
Pech gehabt falsch abgebogen
andere hörten Deine Hilferufe
und gaben viel Dich zu retten

die kleine Karawane mit zwei Schiffen
vorneweg und dem Lichterkahn mit Sonnensegel
in dem Du schwammst
im Sonnenuntergang bei der Abreise
alles sah so friedlich und schön aus
doch dann zogen raue Winde auf
stürmische Wogen
ließen die Seeleute Dich zu früh
hinaus
ein paar kräftige Wasserfontänen
stiegen in die Luft über dem Meer
dann warst Du fort

Noch einmal zeigst Du
Deine Kraft
ein letztes Mal
mehrere Versuche Dich
in den Hafen zu schleppen
schlugen fehl
Du willst zurück ins Meer
zeigst es allen Zweiflern
Mögen ein kräftiger Wind
und Wellen Dich hinaustragen
wundervoller sanfter Riese
und gib Deine Kraft und Hoffnung
weiter all den anderen Meerestieren

LV
21..5.2026

Dunkler Traum
(Für Timmy Hope)

Ich sah eine Frau
die Blumen an Deiner Schwanzflosse
im Sand ablegte
und Dein Name Hope
mit Muscheln geschrieben
im Netz
gestern einen Mann im Schutzanzug
und blauen Handschuhen
mit einer Nadel oder Bohrer
stach er in Deine Haut
schon ganz braun verfärbt
vierzehn Tage lagst Du
tot am Strand der dänischen Küste
von Anholt
nach Deiner Odyssee durchs Meer
mehrmals gestrandet
vorher in Poel

letzte Nacht träumte
ich von Walen
was Tiere aus der Sicht
der Menschen falsch machen
und sterben
sie streiten ob Du es bist
oder nicht
um die Unterschiede
ein Männchen oder Weibchen
kein sanfter Ton des Abschieds
steht mir zu keine Rückkehr ins Meer
hörte ich Dich
leise fragen
legte mich im Traum
zu Dir
alles dunkel und wund
Lasst sie Lebewesen sein wie wir

LV
9.6.2026

Ausstellung „Wer bin ich?“ mit Malerei & Zeichnung von Dorothee Kuhbandner in der Stadtteilbibliothek Radebeul-Ost im Kultur-Bahnhof


Eigener Bilder-Kosmos & Zauberhaftes Zusammenspiel von Mensch- und Tierwesen und Natur. Die Bilder von Dorothee Kuhbandner regen zum Schmunzeln, Staunen, Entdecken an, sie sprechen Herz, Geist und Sinne gleichermaßen an.


Worte & Bilder verbinden sich entdeckungsfreudig, machen sichtbar, und regen an zum Weiterdenken & Träumen: meinwortgarten-Inhaberin und freie Journalistin Lilli Vostry sprach gestern zur Ausstellungseröffnung von Dorothee Kuhbandner.

Farbreiche Bilder des Lebens

In leuchtenden Farben, fantasievoll, verschmitzt, vieldeutig und feinsinnig lädt die Ausstellung „Wer bin ich?“ von Dorothee Kuhbandner die Besucher zum Innehalten, Träumen und Nachdenken ein in der Stadtteilbibliothek Radebeul-Ost im Kulturbahnhof. Zu sehen bis 30. Oktober 2026.

Eine Figur, halb Mensch, halb Tier, schmiegen sich aneinander. Umhüllt von einem feuerroten Kopf. Die Farbe fließt, strömt, kreist und verknäult sich in schwarzen und weißen Linien wie Rauchzeichen. Wer beschützt oder bedroht hier wen? Hinter der nachtblauen Hauswand sitzt hinter vergittertem Fenster im hellen Lichtschein eine weiße Taube. Das warme Licht fließt zu einer erdbraunen Gestalt herüber, die klein und zart vor dem feurigen Gesicht steht.
Es ist das Titelbild zur Ausstellung „Wer bin ich?“ mit Malerei und Zeichnung von Dorothee Kuhbandner. Ich begrüße Sie herzlich in den Räumen der Stadtbibliothek Radebeul-Ost im Kultur-Bahnhof.

Farbreiche Bilder des Lebens, in denen Kunst, Natur und Zwischenmenschliches aufs Schönste miteinander verbunden sind, können Sie hier sehen. Fantasievoll, verschmitzt, vieldeutig und feinsinnig begegnen diese dem Betrachter. Dorothee Kuhbandner ist eine Bilderzauberin. Auf kleinen und großen Fomaten, Leinwänden und Papier entführen ihre Werke in leuchtenden Farben, symbolhaft und ausdrucksreich, in einen ganz eigenen Bilderkosmos zwischen Traum und Wirklichkeit, gemalt im „Dorealismus“, wie sie es nennt. Drei Fensterbilder, sacht bewegt vom Wind und gehalten von Drähten unter dem Blätterdach eines Baumes, drehen sich und erscheinen immer wieder anders im Spiel von Licht und Schatten. Auf dem Weg zu ihrem Wohnhaus und Atelier in Radebeul, in der Oberen Berggasse, unterhalb der Weinberge. Das erste Bild zeigt drei Figuren mit Augenbinde, Kopfhörern und Maske vorm Mund in einem Boot sitzend. Es trägt den Titel „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen aber fühlen“, eine Hand liegt auf einer Mauer. Wie ein roter Lampion wirkt auf den ersten Blick die Maske mit den rot-weißen Signalbändern, auf der eine weiße Taube thront vor einem staunenden Gesicht. Im dritten Bild sind aufgespannte Rettungsschirme über lodernden Flammen, eine Taube, ein versteckter Gekreuzigter, eine waghalsige Dame, ein getarnter Uhu und, und, und zu sehen. Die Fensterbilder sind großformatig auch in dieser Ausstellung zu sehen.

Insgesamt neun Bilder in Tusche- und Acrylmalerei, die 2023 entstanden sind und einige kleinere und ältere Arbeiten, zeigt die in Radebeul lebende Künstlerin unter dem Titel „Wer bin ich?“ Angeregt wurde Dorothee Kuhbandner dazu von einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, das der Theologe und Dichter 1944 im Gefängnis schrieb. Mit dem Thema ist sie schon lange vertraut. Als sie vor 20 Jahren in der Friedenskirche Radebeul ausstellte, machte sie der dortige Pfarrer Schleinitz auf das Bonhoeffer-Gedicht aufmerksam mit den Worten: „Das passt.“ Dorothee Kuhbandner beschäftigt ebenso die Frage: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem…“, wie es Bonhoeffer formulierte. Die Bilder ihrer Ausstellung „Wer bin ich?“ waren bereits in der Wuhlgartenkirche in Berlin im Jahr 2023 zu sehen, außerdem in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Chemnitz im Kulturhauptstadt-Jahr 2025 und in der Uniklinik der Medak in Dresden ein halbes Jahr lang. Zuletzt in der Full Moon-Gallery in Dresden. Dies ist nun die fünfte Station in der Stadtteilbibliothek Radebeul-Ost. Den Bildern hat Dorothee Kuhbandner eigene Texte hinzugefügt, die auch in einem Begleitheft zur Ausstellung „Wer bin ich ?“ in ihrem ZilpZalp Verlag Radebeul erschienen sind. Nicht um die Bilder zu erklären, sie sieht die Zeilen vielmehr als zusätzliche Ebene. Es sind gedankliche Reflexionen von ihr zu den Bildern: „Warum habe ich das gemalt?“

Sie sei selbst oft überrascht von dem, was sie sieht. Malen ist ein intuitiver, spontaner Vorgang. Manche Besucher lesen nur die Texte und sehen die Bilder nicht an, sagt sie. Idealerweise ergänzt sich beides, Worte und Bilder. Bäume, Pflanzen, Tiere und immer wieder Gesichter, die sich ansehen wie im Spiegel, aus Trichtern, Tunneln oder Megaphonen hervorschauen, oft im schwarz-weißen Schachbrettmuster und Fabelwesen, halb Mensch, halb Tier, mit buntem Gefieder, Flügeln, Hörnern, Knospen und Jahresringen, besiedeln und beäugen auf den Leinwänden den Betrachter offen, wundersam und neugierig. Auerdem zeigt sie ein Porträt von ihrem Sohn Friedrich, mit nachdenklichem Blick und hervorquellenden Gedankengängen, aus denen weiße Tauben flattern und ein Selbstporträt, das eine Frau zeigt, aus deren Kopf Blumen sprießen bis hinunter auf die schwarz-weiß karierte Halskrause mit Harlekinglöckchen. In den Bildern von Dorothee Kuhbandner nehmen Erlebtes, Träume, Ängste, Zweifel und Hoffnungen farbenfroh und vieldeutig, oft mit leisem Schmunzeln, Gestalt an. Sie möchte, dass die Betrachter sich selbst Gedanken zu den Bildern machen, sich verbinden und etwas entdecken, wiederfinden von sich selbst in den Bildern. Man muss sie nicht sofort und völlig verstehen. Diese Bilder wollen vor allem gefühlt werden. Sie sind eine Einladung an die Betrachter, das Staunen und Träumen in einer zunehmend technisierten, widerspruchsvollen und kalten Gegenwart nicht zu verlernen, vielmehr den eigenen Sinnen und Erfahrungen zu vertrauen.

Die Malerin, Grafikerin, Objektkünstlerin und Illustratorin wurde 1964 als Dorothee Friedrich in Dresden geboren und ist in Radebeul aufgewachsen, verheiratet und Mutter von vier Söhnen. Sie hat Ausbildungen als Buchbinderin, Krankenschwester, Tagesmutter und Entspannungspädagogin. Dorothee Kuhbandner ist äußerst gestaltungs- und experimentierfreudig und verwandelt alles, was ihr zwischen die Finger kommt, liebe- und kunstvoll. Sie ist Autodidaktin und seit 2010 freischaffend als Bildende Künstlerin tätig. Seit 2012 hat sie die „Galerie mit Weitblick“ in Radebeul betrieben, die sie letztes Jahr wegen neuer Besitzer des Grundstücks aufgeben musste. Doch so wie Vögel fliegen wollen und sie es zurückgezogen im Schneckenhaus nicht lange aushalten würde, hält Dorothee Kuhbandner immer wieder Ausschau nach neuen Wundern und Möglichkeiten, sie glaubt weiterhin an Träume für eine bessere Welt ohne ein „Traumtänzer“ zu sein. Das spricht aus all ihren Bildern, die unbeschwert, feinfühlig und fröhlich, aufmunternd und wagemutig sind
und die Welt ein Stück freundlicher, farbenfroher und heller machen.
Nun bleiben mir noch die magischen vier Worte: Die Ausstellung ist eröffnet!

Text + Fotos (lv)
Porträtaufnahmen: Annette Richter

Geöffnet: Mo, Do, Fr 10-19 Uhr, Di 13-19 Uhr, Mi geschloissen


Bücher, kleine und grpße, farbenfroh illustriert aus dem ZilpZalp-Verlag Radebeul von Dorothee Kuhbandner. Auch online bestellbar.

Premiere vom Theaterjugendclub Döbeln zum Thema „Heimat“ anlässlich des 1045-jährigen Stadtjubiläums


Erstmals seit zehn Jahren wird 2026 wieder ein Heimatfest in Döbeln gefeiert. Mit einer Festwoche vom 14. bis 21. Juni. Höhepunkt ist eine Wandertheater-Aufführung mit dem Theaterjugendclub, der an verschiedenen Orten im Stadtzentrum Geschichten und Szenen zum Thema Heimat zeigt.
Spielerisch die eigene Stadt neu entdecken: Akteure des Theaterjugendclubs im Stadttheater Döbeln bei der Probe.


Von Lieblingsmenschen, verbrannten Pfannkuchen und Heimweh
Was Heimat alles sein kann, erkunden junge Leute derzeit im neuesten Projekt des Theaterjugendclubs im Stadttheater Döbeln. Premiere hat das Wandertheater-Stück beim Heimatfest am 14. Juni, um 19.30 Uhr an der Klosterwiese.
Sie gehen, spazieren, schlendern vor noch leerer Kulisse. Bewegen sich umeinander im Kreis, hin und her, mit schnellen oder vorsichtigen Schritten, sehen sich an und schauen sich um. Einige der jungen Darsteller halten historische Kleider in den Händen aus dem Fundus, betrachten sie und tauchen mit ihnen in die Geschichte ihrer Stadt ein. Ein Mädchen steht davor, mit offen einladenden Händen und lächelt. „Heimat ist ein Gefühl, ein warmes Gefühl. Es sind die Menschen, die ich liebe und auch die nicht“, sagt Jasmin, 16 Jahre.
„Es gibt kein festes Zuhause. Heimat ist für mich ein Ort, wo ich noch nicht war und etwas erleben kann. Ein Ort, an dem Fabius ist, mein bester Freund“, sagt Kim, 15 Jahre. Sie sei schon oft umgezogen mit ihrer Familie. „Theater ist auch in gewissem Sinne eine Heimat.“ Kim ist schon das dritte Jahr im Theaterjugendclub im Stadttheater Döbeln dabei.

Im neuesten Theaterprojekt zum Thema „Heimat“ soll greifbar werden, was das alles sein kann. Dazu sammeln derzeit 15 junge Leute unter Leitung von Katharina Landsberg spielerisch Ideen und erkunden neues Terrain. Die Proben haben im Februar begonnen. Immer freitags um 16 Uhr treffen sie sich im Stadthteater Döbeln. „Es wird kein traditionelles Theaterstück, sondern ein Wandertheater mit der Natur als Kulisse. Wir wandern quasi durch die Stadt unter Beteiligung verschiedener Künste, mit Theater und Musik“, sagt Katharina Landsberg, die Leiterin des Jungen Theaters seit der Spielzeit 2022/023 im Stadttheater Döbeln. Sie arbeitet als Dramaturgin, Regisseurin und Theaterpädagogin am Haus. Seitdem gibt es auch den Jugendtheaterclub. Einmal im Jahr entsteht dort eine Inszenierung mit Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren.

Es gab schon ein Stück zum Thema „Grenzen“, bei dem verschiedene „Farbkinder“ wieder zueinander fanden. Und letztes Jahr eine „Kommunikations“-Baustelle mit einem „Marktplatz der Worte“ in Kooperation mit dem Lügenmuseum in Radebeul, wo man zusammen etwas im öffentlichen Raum gestalten konnte. Das neue Theaterprojekt soll ein Höhepunkt zum Heimatfest 1045 Jahre Döbeln werden, das mit einer Festwoche vom 14. bis 21. Juni in der Stadt mit 24 000 Einwohnern gefeiert wird.

Premiere hat die Wandertheater-Aufführung am 14. Juni, um 19.30 Uhr. Es gibt insgesamt fünf Vorstellungen. Beginnend an der Klosterwiese erlebt das wandernde Publikum an zehn Stationen in der Stadt die jungen Akteure, die Figuren aus der Stadtgeschichte spielen und Szenen darüber, was Heimat für sie bedeutet, zeigen. „Wir feiern dieses Jahr erstmals seit zehn Jahren nach coronabedingter Pause wieder ein Heimatfest in Döbeln, bei dem es auch viel um Bürgerbeteiligung geht“, sagt Christiane Böttger, Sachgebietsleiterin Kultur bei der Stadt Döbeln. Es werde ein großes Vereinsfest am 18. Juni im Bürgergarten geben. Selten heutzutage sei auch, dass mit den „Döbelner Heimatfreunden“ gleich eine ganze Gruppe sich der Stadthistorie widmet. Dieses Jahr erscheint von ihnen wieder das „Döbelner Mosaik“, es ist bereits der siebente Band in Form einer Ortschronik zum Heimatfest. Finanziert wird die Inszenierung des Jugendtheaterclubs Döbeln mit einer Projektförderung vom Kulturraum Erzgebirge/Mittelsachsen mit über 9 000 Euro und einem Eigenanteil in gleicher Höhe von der Stadt Döbeln, so Christiane Böttger.

„Das Wandertheater ist auch eine Möglichkeit, die Stadt neu zu entdecken“, so Katharina Landsberg. Es verbindet Geschichten zu Historie und Gegenwart. „Wir laden zu diesem Theaterprojekt generationenübergreifend auch erwachsene Döbelner ein, die gern Geschichten erzählen und spielen möchten. Zusammen schauen wir auf die vielen Seiten und Gesichter einer Stadt“, ist ihr wichtig. „Theater als Ort auch zu streiten, diskutieren und sich zu begegnen.“ 99 Prozent der am Heimat-Projekt beteiligten Jugendlichen kommen aus Döbeln. „Sie haben die Erfahrungen des Weggehens noch nicht gemacht und so nähern wir uns dem Thema mit Fragen wie: Welches Gefühl oder was für einen Geschmack löst das Wort Heimat aus? Welche Lieblingsorte habt Ihr?“, so Katharina Landsberg. „Da kommt dann ganz viel.“ Die schönste Antwort kam von einem achtjährigen Mädchen: „Heimat schmeckt nach den verbrannten Pfannkuchen meines verstorbenen Papas“, erzählt die Theaterpädagogin.

Sie hörte aber auch von Jugendlichen: „Döbeln ist langweilig.“ Es gebe ja auch unterschiedliche Interessen. „Wenn man klettern will, fährt man eben in die Sächsische Schweiz, spazieren kann man entlang der Mulde sehr schön. Döbeln hat den ältesten Riesenstiefel, der fast 100 Jahre alt, an die Schuhmacherinnung erinnert. Außerdem sehr gute Eisdielen. Ein Kino, ein Freibad mit Sprungtürmen und eine große Freizeitanlage“, zählt sie auf. Vor der Probe sitzen die jungen Akteure zusammen in der Runde und erzählen, was für sie Heimat ist, beispielsweise: “Ein Ort, wo ich gern zurückkomme und den ich mit meiner Familie und Kindheit verbinde“, sagt Josi, 18 Jahre. „Wo ich mich wohlfühle und Spaß habe. Und ich mag das Schauspiel“, sagt Christel, 10 Jahre. Nils, 13 Jahre: „Heimat ist ein Ort, wo ich mich geborgen fühle.“ Lenya, 17 Jahre: „Heimat ist für mich, wo meine Lieblingsmenschen sind.“ Für Lara, 16 Jahre, ist es „eine Emotion, wenn ich verreist bin und nach einer Weile Heimweh habe.“

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Ausstellung „Stille Post“ von Gudrun Trendafilov auf Schloss Burgk in Freital


„Das Herz nach außen tragen.“ Das spiegeln die Malerei und Zeichnungen von Gudrun Trendafilov reizvoll und verlockend, sinnlich, kraftvoll und verletzlich.

Wo Träume fantasiereich flüstern

Um Verbundensein zwischen Mensch, Natur und allen Lebewesen und die Suche nach Glück, Balance und Geborgenheit geht es in der Ausstellung „Stille Post“ mit Arbeiten aus 40 Schaffensjahren von Gudrun Trebdafilov derzeit auf Schloss Burgk in Freital.

Zwischen zwei Gesichtern mit langen Haarzöpfen geht eine schwarze, gelbäugige Katze in der Mitte vor tiefblauem Himmel hin und her, als würde sie eine Botschaft übermitteln. Es ist das Titelbild der Ausstellung „Stille Post“ mit Malerei, Collagen und Zeichnungen von Gudrun Trendafilov auf Schloss Burgk in Freital (noch bis 28. Juni zu sehen).

Der Ausstellungstitel Stille Post bezieht sich auf ein beliebtes Kinderspiel, bei dem man dem anderen ein Wort ins Ohr flüstert, der sagt es weiter und der Letzte in der Runde sagt laut, was er gehört hat. Je nach der Länge und Schwere des Begriffes kommt er klar und vollständig an oder abgewandelt, nur halb verstanden oder völlig anders. Wie sehr können wir unseren Sinnen noch trauen in dieser lauten, schnelllebigen Gegenwart? Fragt die Künstlerin mit ihren Bildern, die einladen zum Flüstern, Lauschen und Zuhören, damit die leisen Töne nicht verloren gehen. Ihre Figuren begegnen einem oft mit versunkenem Blick, sie hören in sich hinein, halten Zwiesprache mit sich selbst. Ihre vieldeutige Bilderwelt ist reizvoll und spannend in der Schwebe zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit in vorwiegend leuchtend warmen, erdigen, blauen und zarten Farbtönen gehalten.

Da geht es um das Verbundensein zwischen Mensch, Natur und allen Lebewesen und die Suche nach Balance, Glück und Geborgenheit, um Innehalten, Hingabe und Weitergabe des Empfangenen. Die Ausstellung versammelt eine Auswahl von rund 60 Arbeiten aus 40 Schaffensjahren von Gudrun Trendafilov, die in Dresden lebt und arbeitet und zu den herausragenden zeitgenössischen Künstlerinnen hierzulande gehört. Sie wurde 1958 inm erzgebirgischen Bernsbach geboren und kam mit 18 Jahren nach Dresden, um an der hiesigen Kunsthochschule zu studieren. Bei Professor Gerhard Kettner studierte sie Malerei und Grafik. Seit 1981 ist sie als freischaffende Künstlerin in Dresden tätig. Zu sehen sind im Schloss Burgk in Freital bekannte und frühe, noch nie gezeigte Arbeiten von ihr. „Dies ist die erste museale Einzelausstellung von Gudrun Trendafilov in Deutschland. Bisher hatte sie lediglich Ausstellungsbeteiligungen“, sagt Kristin Gäbler, Leiterin der Städtischen Sammlungen Freital im Schloss Burgk. Die Bilder mit ihrer unverkennbaren Handschrift geben außerdem einen Einblick in das wandlungsreiche Schaffen und den Werdegang der Zeichnerin umd Malerin.

Zu sehen sind Arbeiten von Gudrun Trendafilov aus der Städtischen Galerie Dresden, von privaten Leihgebern und aus dem Besitz der Künstlerin. Darunter ein frühes Bild „Familie“ von 1984, expressiv figürlich in Rosé- und Grautönen zeigt es ein junges Paar, während sie das Baby stillt. In ähnlicher Farbgebung und aus dem selben Jahr stammt das Bild „Karneval“, mit einer Frau im enganliegenen Trägerkleid und schwarzen Hut, umgeben von kostümierten Gestalten. Immer wieder tauchen in ihren Bildern Köpfe und Gesichter auf, oft mit Blüten, Früchten, wippenden Zöpfen, wogendem oder aufgetürmtem Haar, das manchmal zum Vogelnest wird. Frauenakte in wenigen, markanten Linien und Paare, die sich halten, anlehnen, innig, kraftvoll und verletzlich. Frauen mit Tieren, Vogel in der Hand, Eule auf der Schulter oder keck ungebändigten Katzen an ihrer Seite. Ein großformatiges Bild zeigt drei nackte, goldenschimmernde Grazien am Meer vor zwei Äpfeln sitzend, sinnlich und verlockend. Zwei Frauen halten und wärmen sich in einen grauen Mantel gehüllt.

Eine wunderbar aus der Bewegung gezeichnete, kraftvolle wie tanzende „Kassandra“, ihrem inneren Ruf folgend, mit erhobenen Händen und um ihren Körper sanft fließendem Haarschwung zeigt eine Tusche- und Kreidezeichnung auf Seidenpapier von 2015, eine Leihgabe der Künstlerin. Eindrucksvoll und berührend auch ihre Selbstbildnisse, in denen sich Licht und Schatten mischen. „Das eigene Herz nach außen tragen“, darum geht es Gudrun Trendafilov. „Ich male und zeichne, um Formen zu finden für das, was mich im Innersten umtreibt, die Liebe, Träume, Wut und Melancholie“, sagt sie über ihr Schaffen. „Die Zeichnung ist für mich das direkteste Mittel, Emotionen in künstlerische Form zu bringen.“  Zur Ausstellung „Stille Post“ ist ein Katalog erschienen.

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Geöffnet: Di bis Fr 12 bis 16 Uhr, Sa, So und Feiertag 10 bis 17 Uhr

Uraufführung „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz im Schauspielhaus Dresden


An der Grenze zwischen Traumwelt und Realität: Schönes, Schmerzliches, Bedrohliches und Absurdes nehmen Gestalt an mit den Erzählungen der Träumenden in der Inszenierung „Träume in Europa“ unter Regie von Sebastian Hartmann im Schauspielhaus Dresden. Fotos (2): Sebastian Hoppe

Ein düster-komischer Tanz der Traumgeister
Drama und banal Alltägliches, Absurditäten und Abgründe der menschlichen Seele prallen aufeinander in „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz. Die Uraufführung im Schauspielhaus Dresden hinterlässt zwiespältige Eindrücke­.

Träume kommen aus der Wirklichkeit und reagieren auf sie. Sie zeigen uns eine andere Welt. Und führen ein wildes Eigenleben. Sie können uns beglücken, beunruhigen, erschüttern, verwirren, erheitern, verwundern, Wunden aufreißen und helfen sie zu heilen.

All das erscheint auf ebenso seltsame und eigenartige Art und Weise und in vielerlei Gestalt in „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz. Die Uraufführung seiner vielstimmigen Textcollage unter Regie von Sebastian Hartmann war unlängst im Schauspielhaus Dresden. Der Titel klingt vielversprechend und gibt dem Ganzen mit Bezug auf Europa noch mehr Gewicht. Wer jedoch eine tiefer gehende politische Dimension oder Reflexion gesellschaftlicher Themen erwartet, wird enttäuscht in dieser Aufführung, denn diese kommen nur unterschwellig vor. Es geht vor allem um Emotionen und Traumerleben wie es überall auf der Welt geschieht. Sigmund Freuds Epochenwerk „Die Traumdeutung“ beschrieb im Jahr 1900 die Beziehungen der Träume zur Realität. Seine psychologische Traumdeutung entwickelt eine Analysetechnik, bei der das Träumen als Arbeit der Seele verstanden wird, heißt es im Programmheft zur Aufführung. Weiter steht dort: „Nach Freud verdichten sich im Traum reale Erfahrungen zu Symbolen – bei ihm zumeist sexueller Natur – die gedeutet werden können und auf kindliche Prägungen zurückgehen. Damit ändere sich die Richtung der Traumdeutung fundamental, statt kollektiver Zukunftsprognose – wie sie von der Antike bis zur Frühmoderne vor allem für  die Herrschenden gedeutet wurden, um aus den Träumen die Zukunft vorhersehen und damit beeinflussen zu können – geht es nun um individuelle Vergangenheitsbewältigung. Mehr als einhundert Jahre nach Freud ist der Autor Wolfram Lotz in europäischen Internetforen fündig geworden, in denen sich Menschen ihre Träume erzählen oder aufschreiben. Er hat um die 35 000 Träume gelesen nach eigener Aussage. Mehr als einhundert davon hat Lotz anonymisiert und sprachlich bearbeitet in einem Buch herausgebracht, das Anfang 2026 erschien und als Vorlage für die Aufführung „Träume in Europa“ dient. Er hat dabei fast alles überdeutlich Symbolische, nach Freud Deutbare, herausgelassen aus seiner Traumsammlung. Die kulturelle und regionale Herkunft ist manchmal erkennbar, auch ob die Träumenden jung oder älter sind, darüber hinaus erfährt man jedoch kaum etwas über sie. Damit bleiben diese Traumerzählungen offen und subjektiv deut- und interpretierbar. Regisseur Sebastian Hartmann ist bekannt für einen opulenten, überbordenden Bilderrausch und sehr körperliches Theater in seinen Inszenierungen, was naheliegend wäre auch bei dieser Reise in surreale Traumwelten, jedoch verzichtet er weitgehend darauf. Spartanisch ist auch das Bühnenbild, das er ebenfalls entworfen hat.

Ein langer Tisch steht anfangs im Halbdunkel, aus dem weißer Rauch aufsteigt, wo nacheinander die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler auftauchen und Platz nehmen. Eine Szene wie beim biblischen Abendmahl. Die Männer tragen lange wallende, farbige Gewänder und die Frauen Kleider, weiße mit Rüschen und einige schulterfrei und der Stoff überkreuz vor der Körpermitte. Scheinwerferlicht fällt auf ihre Gesichter. Sie schauen mit starrer Miene vor sich hin oder geradeaus ins Publikum, die Hände verschränkt, immer noch gebannt vom Traumgeschehen. Nacheinander erzählen sie ihre Geschichten zwischen Traum und Realität, zunächst banal Alltägliches, über Job, Hausreparatur, Familie, Kinder, Partner, Nachbarn und Verreisen. Fremde Menschen, die vertraut wirken. Ängste, Sorgen und Sehnsüchte klingen an, die später deutlicher werden und eskalieren. Begleitet von sanftem Klavierspiel, sphärischen und dissonanten Klängen (Live-Musik: Friederike Bernhardt). Manchmal sehen die Träumenden einander an oder lehnen zwei Köpfe sich an einen Moment. Das Geschehen wirkt anfangs sehr statisch und ist mehr Erzähltheater als packendes Schauspiel. Es kommt einem vor wie eine Ewigkeit und man hofft, dass es nicht die ganze dreieinhalbstündige Aufführung so weitergeht. Nach der Pause sind die Zuschauerreihen deutlich leerer.

Im zweiten Teil herrschen erfreulicherweise mehr Bewegung, Tempo, Intensität und Spannung auf der Bühne. Traumwandlerisch schwebend zwischen Ernst, Schwere und Absurdität, tauchen mit den Darstellern die Zuschauer immer tiefer in die innersten Schichten der Seele und menschliche Abgründe ein. Traumata, Albträume, Schmerz, Trauer, Schönes und Bedrohliches sind nah beisammen und gelangen aus dem Dunkel der Nacht ans Licht, um gesehen und gehört zu werden. Was davon wahr oder erfunden, nur geträumt ist, bleibt oft rätselhaft das Geheimnis des Träumenden. Die Träume kreisen um Liebe, Sex, Trennung, Missbrauch, Unglücke, Unfälle, Tod und Abschied und Umgang damit. Die Darsteller erzählen, hören und begleiten dies mit Reaktionen zwischen Schweigen, Erstaunen, Gelächter, Erschrecken und Abscheu. Einer Frau erschien im Traum eine „Gestalt mit Fell und Hörnern auf dem Kopf“, die zur ihr sagte: „Gott gibt es nicht!“ und wieder verschwand. Da geistern reichlich Fabelwesen und oft Tiere symbolträchtig durch die Träume. Eine Frau schildert komisch-absurd, dass sie nicht weiß, ob ein kleiner Vogel in ihrem Hintern festsitzt, im Widerschein eines Feuers, und sie versucht ihn wieder herauszubekommen. Sie hockt sich hin, drückt und dann kommt der Vogel tatsächlich heraus und fliegt fort. Für Schmunzeln und Entsetzen im schnellen  Wechsel sorgt Nadja Stübiger außerdem, als sie von einem versuchten Suizid im Traum erzählt. Ihr Mann stellte schon viele Dinge von ihr zusammen, die sie ja  nun nicht mehr brauchte und wollte sie bei ebay verhökern. Und er wirkte ganz und gar hilflos, so dass sie sich entschied weiterzuleben.

Der groteske Gipfel der Aufführung ist erreicht, als sie träumte sie sei Hitler! Sie schämt sich dafür, holt tief Luft und sagt, dass sie nicht wusste, was sie nun sinnvollerweise tun sollte. Vielleicht einem Obdachlosen helfen, überlegt sie. Sie regt sich auf, wie man solche Verbrechen begehen kann, redet im gleichen schnarrenden Tonfall wie Hitler, ereifert sich immer mehr und versucht sich zusammenzureißen. „Aber mir ist nichts Sinnvolles eingefallen!“, sagt sie resigniert. Das ist ebenso großartig wie beklemmend gespielt von Nadja Stübiger. Philipp Grimm begegnen oft Tiere im Traum. Ein Schmetterling, bei dem er nicht weiß, was er ihm zu essen oder trinken geben soll. Ein anderes Mal Katzen, die nicht aufhören zu miauen und ihn wütend machen. Oder ein Affe, den er mit nach Hause nimmt, der seine Finger in ein Buch steckt, ihn quält mit seiner Wildheit und vor dem er sich ekelt. Ein Mann erzählt von seinem Hund, der sanft, folgsam ist und alles versteht. Er hängt fest in einem dunklen Spalt an der Bühnenwand und ist wohl einsam. Marin Blülle spielt ihn innerlich zerrissen. Er vermisst seine Mutter, die nach Spanien gezogen ist, ein kurzer Anruf und aufgelegt. Verzweifelt reißt er die Tischplatte hoch, trägt sie wie eine Last, sucht nach Halt und irrt umher, schreiend im Nebel, aus dem eine Frauenstimme immer wieder ruft: Soll ich dir helfen? Und er antwortet mühsam: Ich schaff das schon alleine! Das geht nahe. Die Darsteller stehen oder sitzen währenddessen in schwarzen Umrissen am Tisch mit dem Rücken zum Publikum. Mal liegen sie wie gestrandet auf der langen Tafel oder kriechen bäuchlings vorwärts. Ein Mann in schwarzem Anzug wälzt sich auf dem Tisch, steht auf und geht wie ein Schlafwandler umher, die anderen halten ihn, dass er nicht fällt. Ein Mann im grünen Gewand wird Huckepack getragen von einem anderen Darsteller, auf dem er thront und reitet wie auf  einem Kamel und erzählt skurril-komisch, wie er eine schwarze Ziege im Arm hielt und deswegen kein Selfie machen konnte, weil er das weiche, zerbrechliche Tier nicht loslassen wollte.

Ziegelrote, drehbare Fensterwände mit Leitern an den Seiten werden hin und her geschoben, in deren Innerem die Darsteller sich suchend bewegen, gefangen sind oder entfliehen an der Grenze zwischen Traumwelt und Realität. Sie klettern, hangeln an der Wand entlang, hängen kopfüber und sitzen in den offenen, hohen Bogenfenstern. Splitternackt und verletzlich zeigt sich in den abgründigen Traumgefilden Henriette Hölzel. Zwischen ihren Wünschen, Wut und Enttäuschung über unglückliche Beziehungen hin und her getrieben, spielt und erzählt sie provokant und beeindruckend. Mal sitzt sie auf dem Tisch und wippt sehnsuchtsvoll mit ihrem Körper vor und zurück. Mal schlägt sie wild um sich und auf einen der männlichen Darsteller ein. Und sie erzählt am Bühnenrand, nackt und schutzlos im Scheinwerferlicht, wie sie sich als junges Mädchen einem Lehrer anbot für Geld, das sie ihrer Mutter schuldete. Sie beschreibt  detailliert, sachlich und stockend, was sie tat und es klingt wie eine Befreiung aus einem Albtraum. Wie viel Leidenschaft ein knusprig frisches Brot oder Pflaumenkuchen wecken kann, erzählt lustvoll Gina Calinoiu, die in Rumänien aufwuchs.

Ein Paar setzt sich Glaskugel-Helme auf, die sie vor allen Gefahren schützen sollen und klirrend aneinander stoßen, während sie sich dramatisch komisch umarmen und küssen. Torsten Ranft erzählt anrührend und leise ironisch über das Vergehen von Zeit, das Unbegreifliche des Todes und die Bestattung seines Vaters, seinen fast kindlichen Gesichtsausdruck und wie dann plötzlich ein kleiner Junge auf der Bahre saß, der ihm ins Gesicht prustete und ihn tröstete. Berührend auch wie er einen Mann darstellt, der den Tod seines Kindes nicht verkraftet und in einer Scheinwelt weiter lebt. Die anderen rütteln ihn, wollen ihn fast gewaltsam ins Leben zurückreißen. Schmerz, Trauer, Konflikte, Ungelöstes klopfen solange an die Tür in uns, bis sie nicht mehr aufzuhalten sind. Die Albträume entladen sich explosiv mit lautem Knall auf der Bühne. Zum Schluss schwirren dunkle, schattenhafte Gestalten im Licht in einem  kraftvollen Tanz der Traumgeister umher. Aus dem weißen Rauch ruft eine Frauenstimme. Henriette Hölzel steht in weißem Kleid mit Fächerkragen wie eine moderne Kassandra und beschwört die Welt der Träume und Erinnerungen, die tot oder lebendig bleiben mit den Menschen, die sie weitertragen. Viel Beifall für einen außergewöhnlichen, vieldeutigen Theaterabend gab es zur Premiere.

Text (lv)

Nächste Aufführung: 19.6, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Dresden.


Suche nach Halt in abgründigen Traumgefilden.