Plenair-Ausstellung auf dem Künstlerhof Kunath in Röhrsdorf bei Meißen


„Ich lasse die Natur auch mitreden.“ Die Verbindung von Kunst & Landschaft spiegelt sich facettenreich in der diesjährigen Plenair-Ausstellung auf dem Künstlerhof von Franziska Kunath in Röhrsdorf bei Meißen.

Über die Leinwände wandert der Blick weiter in die Natur
Der Künstlerhof von Franziska Kunath in Röhrsdorf bei Meißen wird dieses Jahr zum zwölften Mal zum Plenair- und Ausstellungsort. 21 Künstlerinnen und Künstler zeigen derze ddort ihre in der Landschaft entstandenen Arbeiten.

Eine Frau mit Zeichenblock und Stift sitzt auf der Wiese, auf einem morschen Stamm vor einem Baum. Sie sieht ihn an, seine letzten Äste, die wie Arme emporragen. Er trägt noch ein paar blühende weiße Zweige. Es wirkt wie ein Gespräch. Es ist das Titelbild zum Plenair. „Ich brauche diese Unmittelbarkeit zur Natur wie eine Zwiesprache, das spiegelt sich auf dem Hof auch wider“, sagt Franziska Kunath. „Ich lasse die Natur auch mitreden. Es wächst mit meinem Zutun und von selber. Ich lasse mich immer wieder überraschen, was die Natur hervorbringt.“

Die Verbindung zwischen Natur und Kunst steht im Mittelpunkt auf dem Künstlerhof Kunath, der dieses Jahr zum zwölften Mal zum Plenair- und Ausstellungsort wird auf der Pinkowitzer Straße 10 in Klipphausen, OT Röhrsdorf bei Meißen. 21 Künstlerinnen und Künstler aus Sachsen und eine Künstlerin aus dem Harz trafen sich im Frühjahr zur künstlerischen Arbeit in der Landschaft mehrere Tage lang. Gastgeberin ist die Künstlerin  Franziska Kunath. Die entstandenen Arbeiten sind derzeit in einer Ausstellung in der Atelierscheune zu sehen. Am 24. Mai, von 12 bis 19 Uhr gibt es Führungen mit Künstlerinnen und Künstlern. Am 31.5., 15 bis 17 Uhr einen Impulsvortrag von Professor Oliver Kossak, Rektor der Dresdner Kunthochschule und anschließend ein Künstlergespräch.

Zur Finissage am 7.Juni, um 20 Uhr findet ein Solokonzert mit Matthias Macht am Schlagzeug statt.

Seit 2015 veranstaltet Franziska Kunath Künstlerplenairs mit Begleitveranstaltungen auf dem ehemaligen Bauernhof, den sie 2008 entdeckte, der lange Zeit leer und verfallen stand und den sie günstig erwerben konnte von der ortansässigen Agrargesellschaft. Finanziell geholfen hat ihr dabei ihre Mutter, die ein Grundstück besaß und es verkaufte. „Es sah schlimmer aus als es war, die Bausubstanz auf dem Hof“, erzählt Franziska Kunath. „Es war genau der richtige Zeitpunkt, um die Gebäude noch zu retten.“

Peu a peu begann sie mit dem Ausbau. „Ich kann auch mit Härten leben, wie kalte Winter. Zuerst war nur eine Bautür auf der Vorderseite des Wohngebäudes, es zog und zog. Da gerade eine neue Ziegelwand in das alte Fachwerkhaus eingebaut wurde.“ Beim Ausbauen habe sie das alte Gemäuer liebgewonnen, so Franziska Kunath, und dass die Zeit darüber gegangen ist. Und sie hat das Gefühl, dass es ein Ort ist, wo gut gelebt wurde. Ihr Sohn mit Familie lebte eine Zeitlang mit auf dem Hof. „Danach habe ich mir eine Künstlerfamilie herbeigeholt. Das hat gut funktioniert, der Austausch vor Ort und die Naturnähe. Man kommt aus der Haustür und kann sofort anfangen. Ein idealer Ort, um schöpferisch und kreativ zu sein“, sagt die Künstlerin glücklich. Sie hat auch schon an anderen Plenairs teilgenommen. Anfangs waren es ca. fünf bis acht Teilnehmer bei den Plenairs auf ihrem Künstlerhof. Inzwischen seien es so viele Interessierte, dass sie nicht alle berücksichtigen könne. Erst kamen nur Maler, jetzt auch Fotografen und Bildhauer. „Ich schaue wie es passt und versuche verschiedene Künste und Generationen zusammenzubringen“, so Franziska Kunath. Die Plenair-Teilnehmer sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Sie sind nicht alle auf einmal da. Manche Künstler übernachten auf dem Hof, andere kommen wieder. Wie es ihre Zeit und andere Arbeiten erlauben und je nachdem, wie intensiv sie sich auf den Ort einlassen wollen, sagt sie. Sie freue sich, wenn dabei schöne Begegnungen entstehen, man sich gegenseitig anregen und konzentriert arbeiten kann.

„Die Arbeiten sehen wir oft erst zur Plenair-Ausstellung“, sagt Franziska Kunath. Sie sitzt auf der Wiese im Garten hinter der Kunstscheune. Ein großes, farbiges Ölbild von ihr hängt auf eine Wäscheleine gespannt, gestützt von zwei Stöcken. Über die bemalte Leinwand hinaus wandert der Blick weiter in den urwüchsigen Garten, mit Bäumen, blühenden Sträuchern und Blumen auf der Wiese und weiter hinten zu Wald und Feldern. Hier ist ihr Hauptplatz derzeit zum Malen, erzählt sie. Sie arbeitet fast nur draußen an ihren Bildern. „Es ist wie eine Befragung. Licht, Stimmung, Farbigkeit und ein gewisser Rhythmus spielen hinein. Ebenso der ganze Zyklus von Werden, Wachsen und Vergehen“, sagt Franziska Kunath über ihr Herangehen. All das holt sie in ihre Bilder, Blühendes, Grünendes ebenso wie Vergängliches, Sterbendes. Auch die toten Bäume sind es ihr wert, gezeichnet zu werden und seien auch ästhetisch. „Sie sind interessant und man sieht viel mehr, wie so ein Baum gewachsen ist“, sagt sie. Deshalb veranstaltet Franziska Kunath das Plenair auch im zeitigen Frühjahr. „Eine Zeit, in der diese Übergänge, alle Phasen und Zustände gegenwärtig sind in der Natur.“ Der Künstlerhof ist Refugium und Schaffensort zugleich für sie.

“Ich hatte schon immer diese Sehnsucht, möglichst nah an der Natur zu sein“, sagt Franziska Kunath. Sie ist eigentlich eine Städterin. 1964 wurde sie in Dresden geboren, nach einer Lehre und Arbeit als Maschinenbauzeichnerin absolvierte sie ein Abendstudium an der Dresdner Kunsthochschule und hat hier Malerei und Grafik von 1992 bis `97 bei den Professoren Ralf Kerbach und Max Uhlig studiert mit Diplomabschluss. Bei ihm war sie außerdem Meisterschülerin von 1997 bis ´99. Seit 1999 arbeitet Franziska Kunath als freischaffende Künstlerin,  seit 2008 auf dem eigenen Hof in Röhrsdorf im Landschaftskulturraum der „Lommatzscher Pflege“. Die Gegend kannte sie schon. Scharfenberg und Schloss Batzdorf sind in der Nähe, wo die Künstlerin Bettina Zimmermann auch Plenairs veranstaltet, zusammen mit Musik und Theateraufführungen. Franziska Kunath hat ihren Künstlerhof mit viel Zeit, Mühe und der Hilfe von Freunden aufgebaut und die Gebäude nuzbar hergerichtet. Es bleibt noch viel zu tun. „Ich habe großes Glück mit dem vielen Platz, das ist mein Luxus. Auf Komfort kann ich verzichten. Dafür mitten in der Natur leben“, so die Künstlerin. Malmotive finden sich überall auf dem urigen Hof. Überall stehen Stühle und kleine Tische. In der Mitte steht ein großer Weidenbaum mit weitem Blätterdach, davor eine bunte Hängematte zum Ausruhen und Träumen. Ringsum sprießen Sträucher, Flieder, Blumen auf der Wiese und in Planztöpfen vor dem Haus. Eine orange-schwarz-weiß gefleckte Glückskatze namens „Mimi“ spaziert über den Hof, betrachtet Besucher neugierig, zutraulich und lässt sich gern streicheln.

Wir gehen ein Stück in den Garten hinter der Kunstscheune, vorbei an der Hollywoodschaukel mit meerblauer, muschelverzierter Decke, an einem Teich umrahmt von welkem und grün hervor lugendem Schilf, aus dem es plätschert und wo eine Kröte und ein Frosch wohnen, die bald Junge bekommen. Dahinter stehen weitere hohe Weidenbäume und weiter unten Obstbäume. Der Kirchturm von Röhrsdorf ragt hervor hinter den Zweigen. Ein umgestürzter Baum liegt im Gras. Schwarz ragt der geborstene Stamm, die Äste und Zweige hängen über dem Boden. Letztes Jahr habe der Apfelbaum noch geblüht, sagt Franziska Kunath. Der Baum bleibt noch liegen. Er wirkt wie eine Skulptur. Es geht ihr auch um die Wandlungen. „Die Frage mit dem Eingreifen und wie man Maß hält. Man kann die Ordnung der Natur lassen“, sagt Franziska Kunath. „Ich lasse mich gezielt inspirieren davon und bereichern. Viele Besucher schätzen das und kommen extra deswegen her. Da sie es auch vermissen, ein Stück gesunde Natur. Da vieles überpflegt ist in den Städten.“ Sie greife erst ein, wenn es unwegsam wird. Die Künstlerin hat ein paar Schafe und gelernt, die Wiese zu sensen. Krachgeräte wie Rasenmäher gebe es auch hier auf dem Lande.

Ihre oft großformatigen Bilder, Naturansichten mit lebhaft, konkret und abstrahiertem, zeichenreich leuchtenden Farben- und Formenspiel, hängen und lehnen an den Wänden auf dem geräumigen Dachboden mit Holzverkleidung und neu eingebauten Fenstern der Kunstscheune. Auf dem Fensterbrett steht ein ausgestopfter Vogel, ein Reiher. Der wohl mal Modell stand und den sie von ihrer Mutter, die Biologielehrerin war, bekam. Davor lehnt ein großes Bild von Maja Nagel, auf dem Figuren fröhlich unerschrocken auf einem Drahtseil balancieren, einer mit großer Leinwand und Pinseln unter dem Arm, ein anderer holt weit aus, wie um die vorbeifliegenden Gebilde aus der Natur einzufangen und eine Figur verschnauft kurz auf dem Seil. Gegenüber steht eine Installation aus leeren Käfigen aus Holz und Metall, kleine und größere, um- und übereinander aufgetürmt. Angeregt vom Märchen „Jorinde und Joringel“ ebenso wie den grafischen Formen, Schichtungen und Überlagerungen der Gitter und Durchblicke ist dieses Objekt von Künstlerin Else Gold aus Meißen.

Sie hat außerdem einige Bündel mit filigranen, blätterlosen Stöcken von der Weide in rote Bänder gebunden, die wie ein Windspiel frei schwebend, übereinander hängen an einem Holzbalken. Ein Stück weiter lädt eine gemütliche Sitzecke mit Sofa, Polstern und Stehlampe nahe am Fenster zum Verweilen in der Plenair-Ausstellung ein. Franziska Kunath wird farbige Tuschezeichnungen und das Ölbild aus dem Garten zeigen.“Es ist eine Gemeinschaft auf Zeit“, so die Künstlerin. Vor und nach dem künstlerischen Arbeiten treffen sich die Teilnehmer vom Plenair, sie kochen zusammen die Mahlzeiten und reden über das, was gerade ansteht. „Künstler wollen immer Gestaltungsraum haben. Den gibt es hier reichlich“, sagt Franziska Kunath. Das Plenair wird gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Außerdem unterstützt der Kulturraum Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge zum zweiten Mal das Plenair. „Die Bildenden Künstler bekommen für dieses Projekt ein Teilnahmehonorar“, das ist Franziska Kunath besonders wichtig. Es sei ja nichts Kommerzielles, daher ist das Plenair außerdem auf finanzielle Zuwendung und Spenden der Besucher als „Hutkasse“ zur Kostendeckung angewiesen. In Kooperation mit dem Verein „Land gestalten“, der sich als Vernetzungsprojekt versteht, kann Franziska Kunath für Unterstützer des Plenairs auch Spendenquittungen ausstellen. Damit auch Kunst auf dem Land sich entwickeln, wachsen und blühen kann und noch mehr Menschen anzieht.

„Es kommen schon auch Bewohner aus der Umgebung, zuerst neugierig, inzwischen regelmäßig zu den Ausstellungen auf dem Künstlerhof. Doch es gibt auch Berührungsängste, weil sie es nicht gewohnt sind und weil sie einen anderen Umgang mit der Natur haben“, erlebt Franziska Kunath. Daher sei es wichtig, präsent zu bleiben. Im Frühjahr und Winter veranstaltet sie Ausstellungen, Führungen mit den Künstlern, Lesungen und Livemusik. Auch Arbeiten von Max Uhlig, ihrem damaligen Kunstprofessor, sind bei den Winterausstellungen immer mit zu sehen. Der Naturbezug verbindet sie. „Es ist eine große Freude und beglückend, auch wenn es manchmal beschwerlich ist, mit der Natur zu leben und wie eine Partnerschaft einzugehen, verbunden mit künstlerischem Arbeiten“, sagt Franziska Kunath. Die Plenair-Ausstellung ist bis 7. Juni auf dem Künstlerhof Kunath zu sehen und geöffnet zu den Veranstaltungen.

Text + Fotos (lv)

Weitere Infos unter http://www.franziska-kunath.de


Urwüchsiger Platz in der Natur mit viel Kunst & schönen Begegnungen: meinwortgarten-Inhaberin und Autorin Lilli Vostry mit Glückskatze „Mimi“.

Der Mensch als Wolf: Der Videofilm „Wolf“ von Heinz Schmöller untersucht performativ das Spannungsverhältnis zwischen Natur und Zivilisation.

Premiere „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ von Peter Turrini frei nach Beaumarchais als Sommertheater Open Air im Innenhof des Japanischen Palais Dresden


Listreiches und witzig-freches Spiel um Liebe & Macht & Besitz: Graf und Gräfin sind sich uneins über die Hochzeit ihrer Angestellten Figaro und Susanne. Das führt zu reichlich komischen Verkleidungen und Verwicklungen im diesjährigen Sommertheater Open Air des Staatsschauspiel Dresden „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ von Peter Turrini frei nach Beaumarchais. Fotos (2): Sebastian Hoppe

“Ein Himmelreich für eine gute Intrige!“

Mit viel Witz, Biss, provokant und streitlustig erlebte das diesjährige Sommertheater Open air des Staatsschauspiel Dresden seine Premiere im innenhof des Japanischen Palais.

Figaro kann es kaum erwarten, seine Liebste Susanne zu heiraten und gemeinsam im Liebeshimmel zu schweben. Mit einem Bandmaß in der Hand vermisst er gerade den besten Standort für das Brautbett. Das Bett hat ihnen ihr Dienstherr, Graf Almaviva geschenkt. Das eigene Zimmer ist der Lohn für seine Treue – dachte Figaro. Doch für den Graf ist es nur der „kürzeste Dienst- umd Schleichweg“, um zu Susanne zu gelangen, denn er hat ebenfalls ein Auge auf sie geworfen und will Figaro vor der Eheschließung noch schnell zuvorkommen. Figaro, der den Graf gerade noch als „besten Chef“ lobte, beschimpft ihn im nächsten Moment als „Schurken“, den er am liebsten wegen „ungenierlicher Nachstellerei verklagen“ würde! Doch bekäme er Recht, wenn er als Untergebener seinen Chef vor Gericht bringen würde?!

So nimmt Figaro die Sache selbst in die Hand. „Ein Himmelreich für eine gute Intrige!“, lautet seine Devise. Und er schwört, es dem Graf mit feuriger Bosheit und Leidenschaft heimzuzahlen und die Mitgift mit der Heirat für sich zu erlangen. „Das nenn ich Gerechtigkeit!“ Da geht es reichlich absurd-komisch drunter und drüber, wird lustvoll und erbittert um Werte und Tugenden gestritten, gefeilscht und gekämpft in der Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ von Peter Turrini frei nach Beaumarchais. Die Premiere war am 30. Mai vor vollen Rängen bei sommerlichem Wetter. Bereits zum vierten Mal kommt das Sommertheater Open Air mit dem Staatsschauspiel Dresden in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen in diesem Jahr auf die Bühne im Innenhof des Japanischen Palais. Mit viel Witz, Biss, frech, provokant und streitlustig geht es in verbalem Schlagabtausch und schnellem Kostüm- und Rollenwechsel um Liebe, List, Machtmissbrauch und Maskerade in dieser Inszenierung unter Regie von Lily Sykes. Es ist ein Spiel mit Schein und Sein, Betrug und Betrogenwerden, Täuschung und Selbsttäuschung in einer Welt, in der alles käuflich ist. Beaumarchais`aufrührerische, 1784 uraufgeführte Komödie wurde von dem belustigten Napoleon mit den Worten kommentiert: „Da war die Revolution schon am Werk!“ Sie diente als Vorlage für Mozarts Erfolgsoper „Figaros Hochzeit“ und für Turrinis grotesken wie scharfen Wortwitz. Er wollte mit seinen Stücken über das Schreckliche in der Welt versuchen, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, um den Schrecken zu bannen. Wer lacht, hat weniger Angst und wird vielleicht etwas mutiger.

Die Aufführung spart auch nicht mit aktuellen Bezügen zu brisanten gesellschaftlichen Themen wie Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten, sexualisierte Gewalt bis zu Geschlechterrollen-Tausch und politischer Identitätsdebatte. Eine „Arena des Fleisches“, heißt es im Programmheft über das Bühnenbild. Die rosarot angestrahlten Wände haben viele Türen, die auf- und zuschlagen, aus denen Verborgenes, Verstecktes oft anders als erwartet zum Vorschein kommt. Ein Kleiderbügel hängt da. Die Darsteller laufen Schrägen hoch und runter, die Ausrutschgefahr ist groß. In der Mitte führt eine Treppe in den Bühnenraum, wo eine Liveband grandios für mal barocke, rockige bis punkige und soft schmusige Klänge sorgt und Liebende wie Bösewichte in Gesangseinlagen Herz und Gefühle zeigen und einen Moment hinter die Fassade blicken lassen. Mit abwechselnd tiefer und hoher Stimme singt Figaro – den zur Premiere Josephine Tancke spielte und mit extra Beifall bedacht wurde, da sie kurzfristig für ihre erkrankte Kollegin Friederike Ott einsprang – im Duo mit seiner Liebsten Susanne. Burschikos, verwegen, ungestüm und gewitzt listig tritt Josephine Tancke in der Männerrolle als Figaro auf und fühlt sich sichtlich wohl darin. Mit weißblonder Bubikopfperücke, Jacke und Kniebundhosen. Zugleich etwas verwirrend, da er von Susanne als ihre zukünftige „Frau“ angeredet wird. Als wäre Figaro nur in Männerkleider geschlüpft.

Susanne spielt Kriemhild Hamann mal als naives Blondchen, die an Marilyn Monroe erinnert und mal zornig, wenn sie sich aufregt über die „geilen alten Säcke. Mit ihrer Gerüchteküche können sie den ganzen Hof bekochen!“ Damit meint sie wohl zwei äußerlich gutsituierte, vornehme Herren in orangenen Anzügen mit Schulterklappen und weißen Hemden. Die Haare hochstehend beide, frisiert wie eitle Gockel. Marcellus (Holger Hübner) gibt mit aufgesetzten Hörnern einen reichen, alten Hagestolz und verschmähten Liebhaber mit roter Rose in der Hand, der Figaro heiraten will. Der andere, Bartholo (Nahuel Häfliger) parodiert mit schwarzer Haarmähne, Bart und Schmachtblick den unwiderstehlichen Latinlover und schwelgt in einem romantischen Herzschmerz-Song auf spanisch zur Gitarre.

Den Graf Almaviva spielt Oliver Simon glänzend als machtbesessenen Wüstling, heuchlerisch, gerissen, aber auch unsicher und verzweifelt nach Liebe sich sehnend. Er versucht die Hochzeit von Figaro und Susanne mit allen Mitteln zu verhindern. Der Graf herrscht und bestimmt über seine Bediensteten. Sie sind ihm ausgeliefert, seiner Willkür, Launen und Begierden. Sie tragen fleischfarbene Kostüme. Die reichen Damen und Herren am Hof bunt schillernde Kostüme und hoch aufgetürmte Perücken. Doch glücklich sind sie nicht. Der Graf wird begleitet von seiner Gehilfin Bazilla, die er für das Intrigen einfädeln bezahlt. Sie hängt an ihm, folgt ihm auf Schritt und Tritt. Fanny Staffa tritt als Bazilla mal kühl-berechnend als Karrierefrau im Anzug, mal souverän, selbstbewusst auf und mal unterwürfig, an ihn sich klammernd. Beide toben und jammern, wenn etwas schief geht, ergehen sich in Selbstmitleid. Anrührend und absurd zugleich, wenn Bazilla halb gebückt dasteht, der Graf den Arm um sie legt und ihren Kopf wie in der Schlinge hält. Bazilla hält ihn auf Trab. Und er wird auch reichlich an der Nase herumgeführt von Figaro und Susanne, welche die einsame Gräfin (Katja Gaudard) in ihren Plan einweihen, den Grafen in die Falle zu locken, nachts im Park zu einem vermeintlichen Rendez-vous mit Susanne. Schön sarkastisch, trocken humorvoll kommentiert die elegante ältere Dame mit rauchiger Stimme Liebe und (Un)treue, während sie im Bad voller grünlicher Bälle im Badeanzug sitzt, Susanne sie wäscht, abtrocknet und ihr die Perücke wieder aufsetzt. Die wie eine Krone und Ballast zugleich wirkt.

In dem Moment voll Traurigkeit und leiser Komik fliegt erst eine Krähe, dann zwei und ein ganzer Schwarm Rabenvögel laut krächzend am Himmel über die Bühne hinweg. Die Gräfin stimmt entzückt mit ein in die Krah-Rufe. Sie verroste bei lebendigem Leibe, seufzt sie. Und sie weiß, dass der Graf Susanne nachstellt. Durch die Verkleidung der Figuren sind die Standesgrenzen aufgehoben und können sie tun, was ihnen gefällt. „Besser eine falsche Frau als ein echter Held!“, sagt der Diener Cherubin, den Jonas Holupirek skurril-komisch und wandlungsfreudig in mehreren Rollen spielt. Er lässt sich von Susanne und der Gräfin willig Frauenkleider anziehen, nachdem der Graf ihn entlassen hat als angeblichen Nebenbuhler und ihn strafversetzte ins Regiment an die Front. Die Frauenkleider stehen ihm prächtig, staunt die Gräfin. Er schaut an sich herab, auf den mageren Busen. Es hat etwas Aberwitziges und Tieftrauriges, wie die Gräfin, klein und zierlich, aufschaut zu dem langen, schlaksigen Kerl, ihn mit Lippenstift und Puderpinsel schminkt und in eine Frau verwandelt. Nur um ihren Mann, den Graf zu locken und zurück zu bekommen.

Das berührt ein pikantes Thema in der Gesellschaft derzeit, wenn es um Geschlechterfragen geht, was Männlichkeit und Weiblichkeit heute ausmacht. Bei denen es nicht nur um Äußerlichkeiten geht, sondern die in ihrer natürlichen Eigenständigkeit und Anziehung gerade in den Unterschieden, durch die Gender- und Geschlechterpolitik immer mehr in Frage gestellt werden und wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend verfließen. Das gipfelt in heiß umstrittenen Podiumsdiskussionen mit dem Titel: Was ist eigentlich eine Frau?! Aufhorchen lässt neben der Identitätspolitik über Geschlechter außerdem ein neuer Feminismus, der Frauen selbst klassifiziert nach Hautfarbe, sozialer Rolle und Status, damit eher spaltet und bekämpft statt sich wirklich für Frauenrechte und echte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern auf allen Ebenen einzusetzen.

Die Frauen erobern sich in dieser Aufführung ihre Macht und Würde zurück mit den ihnen eigenen Reizen, umgarnen schüchtern und keck die Herren und reden Klartext mit dem Graf und den Richtern in ihren erhabenen Roben, die Recht sprechen als Geschäft ansehen. Gerechtigkeit habe ihren Preis!
Doch am Ende bezahlt der Graf dafür mit seinem Leben. Und die Hochzeit wird zum Begräbnis. Rings um das Badebecken brennen Kerzen. Bazilla schreit „Revolution“, knallt mit einer Gerte auf den Boden und stürmt hinaus. Der Diener Cherubin schwenkt eine schwarze Fahne oben auf der Empore. Die Liebenden Figaro und Susanne gehen Hand in Hand fort. Die Gräfin sagt zu ihrem Mann: „Du bist ein toter Witz!“ Sie bleibt allein zurück. Sie überlegt das Schloss zu verlassen, sich zurückzuziehen, Gemüse anzubauen. Sie hebt eine Hand hoch und fällt zurück in Schweigen. Es ist ungewohnt für die Gräfin, diese Rolle, allein für sich einzustehen.
Ein anspruchsvolles und tragikomisches Vergnügen ist diese Sommertheater-Inszenierung. Dafür gab es reichlich Beifall vom Premierenpublikum.

Text (lv)

Nächste Aufführungen: ab 6.6. bis 5.7. & 14.8.bis 29.8.2026, 20 Uhr, Innenhof Japanisches Palais in Dresden

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Pikantes Thema: Kleider- und Geschlechterrollen-Tausch. Der Diener als Lockvogel für den Grafen, der ein Auge auf Figaros Liebste Susanne geworfen hat, Die einsame Gräfin macht mit bei der Maskerade.

Ein lebendiger Ort für Geschichten: Erzählcafé & Schreibwerkstatt

Hervorgehoben

Erzählcafé mit Schreibwerkstatt: „Erzähl, was in Dir steckt!“

Start: am 25. Juni 2026, 15 – 17 Uhr im Kulturhafen Dresden, Leisniger Straße 53.

Ein Erzählcafé für jung bis alt, wo wir spielerisch mit Sprache umgehen, eigene Texte entstehen: von Kurzprosa, Geschichten, dialogische Szenen, Märchen bis Lyrik ist alles möglich. Den Ideen und der Fantasie der TeilnehmerInnen sind keine Grenzen gesetzt. Gefragt sind Neugier, Offenheit, Lust und Freude, sich erzählerisch auszuprobieren und auszudrücken. Mit Stift all das zu Papier bringen, was Dich bewegt, gehört und gesehen werden will!

Mit Austausch über die Texte in der Gruppe und gern auch öffentlichen Lesungen mit den Ergebnissen aus dem Erzählcafé und Schreibwerkstatt. Ich bin Lilli Vostry, freiberuflich als Journalistin, schreibe und veröffentliche auch als Lyrikerin und bin mit eigenen Gedicht-Lesungen unterwegs. www.meinwortgarten.com

Das Erzählcafé mit Schreibwerkstatt findet auf Honorarbasis statt. Teilnehmerbeitrag pro Person: 15 Euro
Start: Do, 25.6., 15 – 17 Uhr
Ort: Kulturhafen Dresden, Leisniger Straße 53

Anmeldungen unter: lilli.vostry@yahoo.de
Meine Telnr. für  Rückfragen: 0177 – 524 88 48

„Worte geben Träumen Wurzeln, um von ihnen zu erzählen.“ (Lilli Vostry)

Gedichte von Abschied & Bleiben


Bilder sprechen
(Für meinen Vater)

Die Bilder sind von den Wänden
abgehangen
die Schubladen der Kommoden leer
die Mona Lisa lächelt
als wäre nichts
über dem Vertiko mit den Blumenranken im Holz
Dein Wecker weiß mit Glocken tickt
weiter vor sich hin
eine Tür schließt sich
für immer
Deine Dinge leben
bei mir weiter
Bilder Bücher Geschirr Klassik- und Jazz-CD`s
Malfarben Wein Karaffe
und der Lehnstuhl steht
am Fenster am Wintergarten
auf dem ich sitzen lesen und
an Dich denken werde
die Dinge werden zu mir
sprechen
was Du mir nicht
sagen konntest
all die inneren und äußeren Bilder die in keinen
Rahmen passen
die goldgerahmten und schlichten
Stillleben Blumen Boote auf dem Wasser
im Nebel
und die weiße Plastik allein im Park
mit erhobenen Armen
inmitten von Bäumen
Dein Wecker im Raum
tickt leise
wie ein Gruß
auch die Stille ruft –
Weiter
auf Deiner Reisetasche
liegt oben ein kleines rotes
bemaltes Holzkästchen
Viel Glück steht darauf
LV
25.6.2026

Auf dem Weg zu Dir
(Für meinen Vater)

Der Anruf kam gestern
vormittag im Zug
ich verpasste fast das Aussteigen
der Unfall hat Dein Schweigen
jäh unterbrochen
verwandelt
Du kannst nicht
mehr anders
kein Ausweichen
wehrlos zerbrechlich
liegst Du in der Klinik
vor mir
in einem Bett am Fenster umgeben
von Monitoren mit Kurven
und ein Atemschlauch steckt
im Mund

Dein Herz schlägt noch
sagt der Pfleger
hörst Du noch meine Stimme
ich flüstere was schon lange hinaus wollte
rede Dir gut zu
lese meine Gedichte vor
halte und streichle Deine Hand
und Dein Gesicht mir zugewandt
glatt rasiert die Haut und gebräunt
der kleine Leberfleck am Hals
wie meiner

die Augen geschlossen gesalbt die Lider
sehe ich Dich endlich
wieder
verloren vergessen und aufgehoben zugleich
alles Warten Wünsche und Sehnen
vereint in diesem Augenblick
Du mir fremd
und nah zugleich
noch so viele offene Fragen
tiefe Erschütterung und Ernüchterung
und nie endende Verbundenheit

LV
31.5.2026

Der erste Tag ohne Dich
(Für meinen Vater)

Wiedersehen und Abschied
an einem Tag voller Licht
immer noch überwältigt
die Freude überwiegt die Trauer
Wut und Schmerz steigen
auf und verebben wieder
Ich hab Dich nach langer Zeit
noch einmal und als Letzte lebend gesehen
Du schienst gar nicht gealtert
von Deiner schweren Verletzung
fast nichts zu sehen
Dein Gesicht und Haar
so weich und sanft
als wäre nichts geschehen

Deine Augen nach innen
gerichtet
konnten mich nicht
mehr sehen
Doch ich war und bin
immer noch bei Dir
auch nach Deinem Gehen
vermisse Dich so sehr
in Gedanken bin ich schon
am Meer

Lass mich tragen
von den Wellen
hin und her
gestern Abend strömten sie
rötlich gefärbt
ins endlose Blau

LV
1.6.2026

Schwerelos

Heute mittag sah ich
ein Wolkenherz
ein Vogel flog vorbei
am Fenster am Himmel
darüber graue Regenwolken
die Sonne kam später
wieder hervor
Dein Leben hängt
nicht mehr an irgendwelchen Geräten
aller Erdenschwere enthoben
gehst Du nun auf Reise
erzähl mir von dort
im Schatten von Bäumen
wo Licht und Dunkel
sich berühren
unsere Träume
sich nie verlieren

LV
2.6.2026

Neue MeerGedichte: Farben des Lebens & Beflügelt & Garten am Meer & Sanfter Riese am Meer & Frühling am Meer

Farben des Lebens
(Für Frau B.)

In warmen Farben rankt
sprießt und duftet der Sommer
rings um das große Blumenbeet
stetiges Auf- und Verblühen
Wachsen Werden und Weitergehen
fließen auf den Leinwänden zusammen
mit Blick in den Garten
Räume voller Bilder
in der kleinen Ferienwohnung am Meer

gleich am Eingang rote Blüten
auf schwarzem Grund
in einer Vase stehen zwei rosa Rosen
eine schon im Fallen ein paar Blütenblätter
verstreut
auf meerblauem Tuch
das aussieht wie der Bug eines Schiffs
vor strahlendem Gelb
gegenüber steht ein Paar am Strand
und sieht den Sonnenuntergang am Horizont
die Hände umeinander gelegt
Himmel Meer und Wellen
in orangenen grünblauen und dunklen
Farbschimmern

wogendes Sein sanft pastellfarben
still verwunschen und kraftvoll
weiß und tiefblau
manchmal fast Ton in Ton
mit dem weiten Himmel

das Meer immer in Bewegung
Kommen und Gehen der Wellen
Sich Nähern und Entfernen
in Schwarzweißen und Grautönen
stürmen stürzen strömen
die Wellen
ziehen ihre Spur
am Nachthimmel mit Vollmond
und hinterlassen Lichtflecken
auf dem Meer

ein Blick auf die Seebrücke in Ahlbeck
nach Heringsdorf
vor blau rot violettem Abendhimmel
alte Fischer- und Bauernhäuser
Mohnblumen auf einer Wiese am See
eine Anlegestelle am Hafen mit Booten
schemenhafte Gestalten mit langen Stäben
wie Ruder oder Flügel
und eine Landschaft mit dunklen
Schattenumrissen von zwei Bäumen
die aneinander lehnen
dazwischen eine helle Insel

Text: Lilli Vostry
1.6.2026

Beflügelt

Die kleinen weißen Segler sitzen
wieder auf dem Dach
sie gurren und drehen ihre Runden
hoch zum Bahndamm
und zurück
in den Garten der gerade im Blühen
Ich schaue zu ihnen
ein letztes Mal
im Sonnengeflecht der Kiefern
zwitschern die Vögel
heute besonders schön
das Tagpfauenauge taucht
noch einmal auf
zum Abschied
die Möwen senden ihre Lockrufe
kreisen über den glänzenden Wogen
und kreischen freudig über das Festmahl
mit ihnen verfliegt alle Schwere
und irgendwo weiter hinten
im Meer kommt der große sanfte
Riese endlich frei
gibt es die ersehnte Rettung für den Wal Hope

LV
15.4.2026

Garten am Meer

Die ersten grünen Blattspitzen ragen
an der Pergola empor
der Sitzplatz noch kahl die Laterne
ohne Licht die Bäume noch blätterlos
der Tulpenbaum hinter dem Gartentor
trägt noch welke Blütenkronen
vom vorigen Jahr
weiter vorn sprießen runde Knospen
an einem Strauch
purpurfarbene Blüten gehen bald auf
lugen schon durch den Zaun
Hyazinthen duften noch allein
im großen Blumenbeet
ein großer Kiefernbaum steht Spalier
an der Terrasse
mit wogenden Zweigen
erfüllt von Licht Vogelgezwitscher
und Flügelschlägen
ein weißer Taubenschwarm dreht
unentwegt seine Runden
über dem Ferienhaus freundliches Gurren
hin und wieder fliegen Möwen
vorbei mit lautem Rufen
ein Tagpfauenauge lässt sich nieder
vor dem Buddhakopf aus Stein
der lächelt
eine kleine schwarze Katze mit weißen Pfoten
streift durch den Garten zum Futterteller
am Küchenfenster
wo die alte Dame sitzt
manchmal wirft sie ihre Krückstöcke zur Seite
und schaut im Garten wie alles wächst
die Räume sind voller Blumen- und Meerbilder von
ihr in allen Farben

LV
15.4.2026

Sanfter Riese am Meer
(Für den Wal Hope)

Der Himmel immer noch bleiweiß
verhangen
in einem Fenster der Vinetatürmchen
auf der Seebrücke brennt noch Licht
der Strand fast menschenleer
mein Herz schwer
seit Tagen
Möwenrufe und kreisende Flügel
lockern es wieder
Das Meer wogt grau und weit

irgendwo da draußen
liegst Du
Großer
sanfter Riese
im weichen Schlamm
steckt fest in der Tiefe
schlägst mit der Flosse
sprudelst Wasserfontänen
hebst den Rücken manchmal sitzen
darauf Möwen
die Haut hat schon Risse
und kannst nicht fort
sie lassen Dich nicht weg
wie lebendig begraben
nachts hören sie an Land
Deinen Gesang Rufe und Klagen
so viel Regung
so viele unerhörte Fragen

Helfer und Rettungsgerät stehen bereit
naht Deine Rettung oder Dein Ende
ach wüchsen Dir doch Flügel
könntest Du mit den Möwen fliegen
übers Meer nachhause

LV
13.4.2026

Frühling m Meer

Das Meer braust dunkel
weiße Wellen rollen heran
wie Blütenflocken
hier und da
ein paar blühende Bäume
an der Promenade
ein einsamer Magnolienstrauch
zwischen eleganten Strandvillen
die Natur liegt noch im Winterschlaf
Es weht ein rauer Wind
eine helle Rose steckt im Sand
an den Strandkörben flattert der blauweiße Stoff
galant
die Möwen kreischen hoch im Flug
ihr Gekicher übertönt das Tosen
macht den Tag weniger grau
auf dem Fensterbrett am Ferienzimmer
leuchten zitternd eisblaue Stiefmütterchen
und eine Silbermöwe mit gelbem Schnabel
und weißgrauem Gefieder
sieht mich unverfroren an
wie ich ankomme und gehe
immer wieder aufbrechen kann

LV
13.4.2026

Fotos folgen.

Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ von Holger John in der Kunsthochschule Dresden & „66 x John“ in der Galerie Holger John


„Alles was Spaß macht“: Darin sind sich Otis Hagen, Sohn der Sängerin und Punk-Ikone Nina Hagen, Schauspieler und DJ und Holger John, Künstler und Galerist einig. Er legte zur Ausstellungseröffnung von John in der Kunsthochschule Musik auf und ein Bild von Otis Hagen hängt auch dort.
Mit buntem Pappfisch, viel Humor & Biss & Fantasie führt der Künstler Holger John durch seine Ausstellung in der Kunsthochschule Dresden. Noch bis diesen Sonntag. Geöffnet: 11 bis 18 Uhr.

Ein Kunst-Tsunami, der auf die Leute zurollt

Die Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ des Zeichners und Galeristen Holger John zeigt einen fantasiereich eigenwilligen Bilderkosmos und löste schon kurz nach der Eröffnung eine Protestaktion von Studenten in der Dresdner Kunsthochschule aus. Ein Bild eines Gastkünstlers musste sogar abgehangen werden.

Die Farbe fließt im Überfluss, sprengt spielerisch leicht Formen und Konventionen, schert sich nicht um Akribie und Ebenmaß, zerschneidet Bilder im Kopf und lässt immer wieder neue entstehen. In seinen ganz eigenen Bilderkosmos voller fantastischer, witzig skurriler und ironischer Blicke auf das Leben und die Kunst nimmt der Zeichner und Galerist Holger John die Besucher seiner Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ mit – eine Retrospektive seiner Malerei auf Papier, die erstmals in dieser farbigen Fülle zu sehen ist und zu Walpurgis am Donnerstagabend letzte Woche im Oktogon der Dresdner Hochschule für Bildende Künste auf der Brühlschen Terrasse vor reichlich Publikum eröffnet wurde.

Für den Ausstellungstitel nahm John eine Zeile aus dem Lied „Ich glotz TV“ von Nina Hagen. „Ich hab ihr davon erzählt. Sie findet es großartig und beglückwünscht mich dazu“, so Holger John. „Alles so schön bunt hier!“ sei auch eine Kampfansage an die zeitgenössische Kunst, sagte er zur Ausstellungseröffnung. Eine Anspielung auf bunt beliebige Oberflächlichkeit und Effekthascherei. Holger John ist ein Bilderzauberer, ein grandioser Zeichner und Magier der Farben und Formen, der sich äußerst experimentierfreudig, humorvoll und selbstironisch auf den Leinwänden und Papier austobt. Es ist seine bisher größte Ausstellung, mit rund 600 überwiegend farbigen Arbeiten aus 66 Lebensjahren des Künstlers Holger John. Abstrakte und konkrete, figürliche Malerei und Zeichnungen in vorwiegend kräftigen Farbtönen, in großen, kleinen, runden und eckigen Formaten. In Bildergruppen, einzeln und oberhalb der Wände gehängt sind die stark farbigen, comichaften Bilder. Daneben und darunter ist viel weiße Freifläche. Bis in neun Meter Höhe hängen die Bilder verteilt unter der Kuppel des Oktogon, bei den Dresdnern auch als Zitronenpresse bekannt mit dem darauf schwebenden, goldenen Famaengel mit der Fanfare.

Zur Ausstellungseröffnung kam Nina Hagen zwar nicht selbst, doch sie entsandte Otis „Oski“ Hagen Chevalier, deutsch-französischer Schauspieler, DJ und Sohn der Punk-Ikone Nina Hagen. Er legte bei der anschließenden Walpurgisnacht-Party im Innenhof der Kunsthochschule als DJ einen bunten Mix aus Funk, Soul, HipHop und Reggae auf. Vorher spielten Luys & Dream-Rock, eine Leipziger Newcomer-Band punkigen Gitarrenrock und natürlich auch das Lied „Ich glotz TV“ von Nina Hagen mit dem Vers: „Ich kann mich gar nicht entscheiden. Alles so schön bunt hier. Ich glotz TV.“ Otis Hagen und Holger John sahen sich das erste Mal zur Ausstellungseröffnung und verstanden sich auf Anhieb, gut gelaunt saßen sie zusammen auf der Treppe im Innenhof mitten im Trubel. „Holger John ist ein guter Familienfreund von meiner Mama“, sagt Otis Hagen im Gespräch mit der OAZ. Er ist 35 Jahre alt, geboren in der Nähe von Paris und als Kind mit seinen Eltern viel gereist, auch nach Spanien und Ibiza. Jetzt wohnt er in Berlin.

„Es ist sehr schön hier zu sein“, sagt er über Dresden. Sonst sei er immer nur durchgefahren und zwischen Berlin und Prag gependelt, wo er zweieinhalb Jahre gelebt hat. Er fühlt sich als Kosmopolit. „Halb deutsch, halb französisch. Ich bin stolz, beides zu sein und beide Sprachen zu sprechen“, so Otis Hagen. Doch seine Muttersprache sei eigentlich Englisch, das sie zusammen in der Familie sprechen. Als Schauspieler hat er kürzlich im TV im „Tatort Bremen“ eine kleine Rolle als Türsteher gespielt. Als DJ legt er auf bei Partys und in Galerien. Er malt auch. Ein Bild von Otis Hagen, mit Hochhäusern, Fernsehturm und rätselhaftem Zeichen, wie ein schwarzer Vogel, hängt auch in der Ausstellung zusammen mit Arbeiten von Künstlerkollegen und Wegbegleitern Johns. „Alles was Spaß macht“, sagt Otis über sein Schaffen. Darin ähnelt er seiner Mutter Nina Hagen sehr. „Ich mag den Charme, ihre Kreativität und Lebensfreude. Es ist ein Glück, so eine Mutter zu haben“, sagt er. Mit ihrer manchmal etwas verrückten Art komme er gut klar. „Sie ist wie sie ist, eine starke Frau, lustig und sie glaubt immer an ihren eigenen Weg“. Sagt Otis John und geht auf die Bühne und legt stimmungsvolle sphärische Klänge an diesem lauen Frühlingsabend auf.

„Die Ausstellung von Holger John ist ein Rückblick auf sein künstlerisches Schaffen, die Wahrnehmung der DDR-Zeit, die Wende und ein Blick in den bunten Westen, als Künstler und Zeitzeuge“, sagte Professor Oliver Kossack, Rektor der HfBK Dresden zur Eröffnung. „Seine Arbeiten erzählen vom Suchen und Finden und Perspektiven dazwischen.“ Einfälle habe er wie Sand an der Ostsee, wo er ja herstammt, so der Laudator, Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung, Professor Raimund Stecker. Kunst sehe Holger John immer auch als sozialen Akt, nach dem Spektakel. „Nicht die Message steht im Vordergrund, sondern, dass es gemacht wird. Er macht es ohne Angst zu haben. Weil diejenigen, die Macht haben, oft nichts machen.“ Wir sollten diese Differenzen zwischen Ost und West, die es historisch und mental gibt, als Bereicherung sehen, um nach vorne zu kommen, so Stecker. Geboren wurde Holger John 1960 als Sohn des Grafikers Joachim John in Schollene im Havelland und ist aufgewachsen am Meer auf der Insel Usedom. Frühen Zeichenunterricht erhielt John bei dem Maler Otto Niemeyer-Holstein in Koserow und erlernte zunächst das Töpferhandwerk bei Hedwig Bollhagen von 1977 bis 1982. Einige bemalte Keramiken von ihm und seiner Lehrerin sind auch in der Ausstellung zu sehen. 1988 begann er sein Studium an der Dresdner Kunsthochschule bei Gerhard Kettner. 1993 erhielt John bei Ralf Kerbach das Diplom für Malerei und Grafik. Von 1993 bis ´96 und 2007 bis `09 wurde John zum künstlerischen Assistent und zum Dozent an die Kunstakademie Dresden berufen.

Johns Eltern hatten eine Fischräucherei in Zempin. „Dort waren Wolf Biermann und Eva-Maria Hagen einige Male zu Gast. Biermann hat Gitarre gespielt. Ich hab dann im Garten mit Nina gespielt“, erzählt Holger John. „Aber wir konnten nicht soviel miteinander anfangen. Nina, die Berlinerin aus der Hauptstadt, ich der naive Bube vom Fischerdorf.“ Immer mal wieder haben sie dennoch bis heute Kontakt und telefonieren, so John. In der Ausstellung steht auch ein Vitrinentisch mit Fotos, Bildern und Erinnerungsstücken aus der Hagenfamilie, auch ein Porträt seiner Mutter Lissy John, gemalt auf einem Hutkarton von Niemeyer-Holstein und Fotos von den legendären Faschingsfesten in der Kunsthochschule in den 50er Jahren sind dort zu sehen. Außerdem eine alte Orwo-Filmverpackung zu ihrem legendären „Farbfilm“-Hit und ein Farbfoto von Nina Hagen und Band bei einem Konzert bei Orwo in Bitterfeld. Von ersten farbigen Kinderzeichnungen bis zu neuen Arbeiten reicht die Bandbreite der Bilderschau. Mit einem der Bilder, das einen Zug mit Wagen voller lustiger märchenhafter Figuren und Tiere zeigt, gewann John als Fünfjähriger bei einem Malwettbewerb der Ostsee-Anrainerstaaten den ersten Preis und bekam eine Urkunde und einen hässlichen Keramikteller, erzählt er.

Er hält einen bunten Pappfisch mit bissigen Zähnen am Stab hoch, als Erkennungszeichen wie ein Reiseführer, bei seiner persönlichen Führung für die Besucher in der Ausstellung. Zu jedem Bild und bemalten Requisit erzählt John unterhaltsam eine Anekdote. Darunter eine von ihm mit zehn Jahren bemalte, alte Schranktür mit beflügelten Fabelwesen. Schön witzig-hintergründig auch seine Zirkusbilder zwischen Sensationslust, Dressur und Unangepasstheit. Kunst kennt für Holger John keine Grenzen. „Die  Schlummernde Venus mit Schere und fliegenden Toastscheiben hat alle Bedenkenträger überzeugt“, so John. „Der Rektor war glücklich.“ Schmunzeln lassen auch seine eigenwilligen Zeichnungen auf bemalten Dosen mit dem Schokoladenmädchen und der Altdresdner Kulisse unter einer Glasglocke. Das Bild „Der Doppelschrei“ frei nach Edvard Munch zeigt zwei Mickymäuse in gelben Trikots und Dynamo-Fußballschals.

Irgendwann beschloss Holger John, die Farbe in seinen Bildern wegzulassen. Seine Zeichenlust tritt dadurch um so stärker, klarer, nuancierter, dabei immer spielerisch leicht und detailfreudig erzählerisch, hervor in den schwarz-weißen Arbeiten in der Geburtstagsausstellung „66 x John“ in der Galerie Holger John, noch bis 7. Juni zu sehen in der Rähnitzgasse 17 im Barockviertel unweit vom Goldenen Reiter. Als Gäste zeigt er Arbeiten von Elke Hopfe, seiner Lehrerin und Professorin für Zeichnung an der Dresdner Kunsthochschule und von seinem Schüler Kurt Kern, 16 Jahre jung. Die Galerie Holger John sei ein Unikat in Dresden, die weit über die Grenzen Dresdens hinaus strahlt, sagte Barbara Klepsch, die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus bei der Ausstellungseröffnung in der Kunsthochschule. „Er schafft Räume für herzliche Begegnungen, Erlebnisse und Austausch, die man nicht vergisst. Er holt Künstler aus dem Ausland nach Dresden, inspiriert und begeistert Menschen für Kunst“, so Klepsch über Holger John. Und er sei auch ein Unruhestifter für eine lebendige Kulturszene in Dresden und Sachsen.

Es gab sogar eine Protestaktion einiger Kunststudenten kurz nach der Ausstellungseröffnung. „Eine kleine Studentenrevolte. Manche Besucher dachten auch noch, das sei von mir inszeniert“, sagt Holger John dazu. Er musste sogar ein Bild eines Gastkünstlers wegen angeblich sexistischer Darstellungen abnehmen. Das ausgerechnet an einem Ort wie der Kunsthochschule, die sich weltoffen und aufgeklärt gibt nach außen. Wo Kunstfreiheit eigentlich selbstverständlich sein sollte. „Da gibt es nur zwei Varianten: Umschulung oder Weiterbildung“, so John zur Akion der Kunststudenten. „Ich möchte mit der Ausstellung anregen, auch mal die eigene Scholle zu verlassen und ins kalte Wasser zu springen.“ Oliver Estavillo, ebenfalls Künstler, sagt dazu: „Die Ausstellung ist ein Kunst-Tsunami, der auf die Leute zurollt, sie beinahe verschluckt und sehr kraftvoll ist.“ Holger John war selbst überrascht von den teils heftigen Reaktionen auf die Bilder. Er nimmt es locker und gelassen auch das Älterwerden. Sein Vater Joachim John habe mit 80 Jahren noch einmal ganz neu angefangen zu malen, farbig kolorierte Zeichnungen. „Jetzt fängt es erst richtig an!“, sagt Holger John schelmisch lächelnd. Den Kopf immer noch voller Ideen und Pläne für Bilder, Ausstellungen und Kulturevents in Dresden.
Text + Fotos (lv)

Die Ausstellung „Alles so schön bunt hier!“ ist noch bis 31. Mai zu sehen. Führungen mit Holger John gibt es täglich um 13 Uhr in der Ausstellung. Geöffnet hat sie Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Eingang am Georg-Treu-Platz 1 hinter der Hochschule.


Eine Aufnahme vom Fasching an der HFBK aus den 50er Jahren: Die Dame mit dem Hut ist Lissy, die Mutter von Holger John. Sie studierte dort einige Semester.

Geburtstagsausstellung „66 x John“: Dichtes Gedränge zur Eröffnung der Bilderschau in der Galerie Holger John in der Rähnitzgasse 17 in Dresden. Noch bis 7. Juni zu sehen.

Die Kunst hält ihn frisch: Holger John hält es wie sein Vater und probiert gern Neues. Joachim John begann mit 80 Jahren noch mal von vorne – mit farbig kolorierten Zeichnungen. Zwei seiner Bilder hängen in Johns Ausstellung in der HfBK.

Bühne frei für: „Lyrik unter freiem Himmel“ auf dem Konkordienplatz in Dresden

Gedichte zwischen Natur, Zeit und Erfahrung

Drei Stimmen zeitgenössischer Lyrik – Alexandra Grüttner-Wilke, Ulrich Fentzloff und Christine Ruby – können (Bücher-)FreundInnen, LiebhaberInnen magischer Momente und ConcordistInnen am Sonnabend, dem 28. März, von 15 bis 17 Uhr diesmal nicht auf dem Konkordienplatz in Dresdem-Pieschen erleben. Wetterbedingt findet die Lesung in der Galerie Hermann auf der Oschatzer Straße 4 statt.

Unterstützt durch bibliophile MitstreiterInnen aollen die literarischen Aktivitäten im Stadtteil, die ja seit Jahren mittels der Adventslesungen (www.adventslesungen.de) große und positive Resonanz erfahren, auch auf den Rest des Jahres ausgeweitet werden.

Gestartet wird dieses Wochenende,  am Samstag, den 28.3.2026, ein erster Versuch mit Poesielesungen „Lyrik unter freiem Himmel“ auf dem Konkordienplatz. Wetterbedingt findet die Lesung in den Räumen der Galerie Hermann, Oschatzer Straße 4 statt.

Der Verlag Text-Dialog, die Pieschener BuchmitHandlung, die Arbeitsgemeinschaft Religionsphilosophie Dresden e.V. und der Stadtteilverein Pro Pieschen laden zu dieser besonderen Lyriklesung auf den Konkordienplatz ein.

Von 15 bis 17 Uhr lesen Alexandra Grüttner-Wilke, Ulrich Fentzloff und Christiane Ruby aus ihren aktuellen Gedichten, musikalisch begleitet durch den Cellisten Tobias Bäz.

Die Veranstaltung steht im Kontext des Welttags der Poesie und möchte Lyrik im öffentlichen Raum erlebbar machen.

Die drei AutorInnen präsentieren unterschiedliche poetische Perspektiven – von Naturbeobachtung über zeitgenössische Reflexionen bis hin zu persönlichen lyrischen Stimmen. Zwischen den Leseblöcken führt der Verlag kurze Gespräche mit den AutorInnen über ihre Schreibprozesse, Themen und poetischen Einflüsse.

Die Veranstaltung findet unter freiem Himmel direkt vor dem Verlag statt. BesucherInnen sind eingeladen, den Lesungen zu lauschen, mit den AutorInnen ins Gespräch zu kommen und Bücher vor Ort signieren zu lassen. (Achtung: bei voraussichtlich schlechtem Wetter finden die Lesungen in der BuchmitHandlung auf der Oschatzer Str. 2 statt).

Das Leseprogramm mit Alexandra Grüttner-Wilke, Ulrich Fentzloff und Christine Ruby und weitere Informationen zur Lesung findet Ihr auch auf der Homepage zur Veranstaltung: www.lyrikunterfreiemhimmel.de sowie auf Facebook, Instagram und Nebenan.de wie Pieschen-aktuell.de.

Der Eintritt ist frei!

Da die aktuellen Wetterprognosen eher nicht für „Freien Himmel“ sprechen, wird die Veranstaltung voraussichtlich in der Buch mit Handlung (Oschatzer Str. 2, 011287 Dresden) stattfinden, wo nur begrenzter Platz zur Verfügung steht: Um realistisch planen zu können und ggf. ein größere Veranstaltungslokalität zu organisieren, wären wir euch für eure frühzeitigen Rückmeldungen zur Teilnahme sehr dankbar.

Text: René Kaufmann

Text & Dialog. Verlag, Textwerkstatt und Philosophische Praxis

… im Dienste beGeisternder Lektüren!

www.text-dialog.de

Jubiläumsausstellung „handsam“ von Angela Hampel in der Galerie Mitte in Dresden


„Die eigenen Wertvorstellungen behalten und hochhalten“: Die Malerin Angela Hampel vor den Arbeiten ihrer Jubiläumsausstellung „handsam“ in der Galerie Mitte in Dresden. Sie gehört zu den herausragendsten Künstlerinnen in Ostdeutschland.


Mit Bildern berühren und Besinnung auf eigene Werte
Sinnlich expressive figürliche Arbeiten über die Licht- und Schattenseiten des Menschseins zeigt die Künstlerin Angela Hampel derzeit in ihrer Jubiläumsausstellung „handsam“ zum 70. Geburtstag in der Galerie Mitte in Dresden. Noch bis 4. April zu sehen.

Zärtlich, wild, furchtsam, sanft und gelassen schauen ihre Figuren in die Welt. Paarweise schmiegen sie sich aneinander, in erdig warmen und intensiv roten und schwarzen Farbtönen. Um Berührungen innen wie außen geht es in der Jubiläumsausstellung „handsam“ mit Malerei, Zeichnung und Druckgrafik von Angela Hampel zum 70. Geburtstag in der Galerie Mitte, Striesener Straße 49 in Dresden (noch bis 4. April zu sehen).

Dort zeigt außerdem der Künstler Michael Klose derzeit unter dem Titel „Reflexion“ seine Bilderlandschaften in wunderbar schwebenden Farben, die in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen entführen im Stil der Romantik, in dem Sehnsucht, Fantasie und Reales Gestalt annehmen. Im Kabinett der Galerie sind aktuelle, sinnlich expressive figürliche Arbeiten mit Acryl und sibirischer Kreide gezeichnet von 2025/26 von Angela Hampel aus der Serie „handsam“ zu sehen. Es sind Ausschnitte aus ihrem laufenden Werk, in denen es um die Licht- und Schattenseiten des Menschseins geht. Sie gehört zu den herausragendsten Künstlerinnen in Ostdeutschland. In ihren Bildern setzt die Malerin sich mit ihrer unverkennbar kraftvoll, energiegeladenen Handschrift oft mit zwischenmenschlichen Beziehungen, Mann-Frau-Rollenbildern, der Ohnmacht und Kraft des Weiblichen oft in mythologischen Gleichnissen auseinander.

Immer wieder tauchen Paare und Frauen mit Tieren auf, die an Naturgöttinnen erinnern, wundersam, erhaben und selbstbewusst, begleitet von vielerlei Getier wie Raben, Mäuse, Ratten, Schlangen, Fische, Geparden und Katzen. Auch der Kasper ist „als Spiegelbild der Gesellschaft“ in einem Bild zu sehen, mit herabhängender roter Mütze, der auch immer etwas Trauriges hat, und sich selbst umarmt oder auf die Schulter klopft selbstverliebt. „Wenn sich der Kasper liebt…“, heißt der vieldeutige Titel. Das Gesicht ist nachdenklich, versunken, weiblich. Es könnte auch ein Selbstbildnis der Malerin sein. „Die eigenen Wertvorstellungen behalten, hochhalten“, ist ihr wichtig. Der Titel „handsam“ bezieht sich darauf, dass es Handzeichnungen sind. „Ich kann das machen, was mir nahe ist. Die Quintessenz ist das freundliche, zärtliche Miteinander zwischen allen Lebewesen, die Anteilnahme, das Akzeptieren des Anderen. Das Sosein. Dazu ist man kaum noch in der Lage“, sagt Angela Hampel zu ihren Bildern. „Ich gehöre ja zu einer Generation von Menschen aus dem Osten, deren Werte am Verschwinden sind. Die Kunst auch mit einer gewissen Haltung machen und die Dinge auch anders sehen.“ Es gebe auch so etwas wie Herzanstand. Berühren hat mit anfassen, die Hand geben zu tun.

„Ich will die Leute berühren mit meiner Kunst. Mir geht es um die Verbindung von Mensch und Tier. Aber wir werden der Verantwortung nicht gerecht und sind gar nicht auf ein Zusammenleben vorbereitet“, sagt sie. Erst wurden sie geschützt, jetzt wolle man Wölfe wieder schießen statt ihnen Respekt zu zollen. Angela Hampel weiß: „Ich kann mit den Blättern nur meine Empfindungen ausdrücken, aber keinen Krieg verhindern.“ Dennoch malt und zeichnet sie weiter. Trotz alledem und mit Frühlingsbeginn auch wieder in ihrem Gartenatelier in Struppen bei Pirna. „Ich kann mich in den Garten setzen, erfreue mich an den Märzenbechern, jedem Blümchen, das wächst. Nur Vögel sind weniger als sonst da.“

In Dresden gibt es bald eine kleine Ausstellung zu christlichen Themen von ihr in der Tolkewitzer Betlehemkirche, die am 14. Juni, um 11 Uhr eröffnet. Es war die erste Kirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut wurde. In ihrer Heimatstadt Kamenz hat Angela Hampel außerdem eine Ausstellung (Eröffnung am 23.7. im Malzhaus) mit Zeichnungen aus der Serie „Laookon“, dem weisen Seher, der auf Kassandra trifft. Ihre Mutter lebt noch dort, die unlängst ihren 90. Geburtstag feierte. Über das Älterwerden sagt Angela Hampel ganz unsentimental: „Man muss es akzeptieren, auch um Hilfe fragen. Der Blick verändert sich, man weiß die kleinen Dinge mehr zu schätzen und die Zeit, wo nichts weh tut.“ Für die Welt wünscht sie sich Frieden, sagt die Malerin. „Wir versuchen ja auch ein bisschen Schönheit in die Welt zu setzen. Das ist ja auch eine Lebensaufgabe.“

Text + Fotos (lv)
Öffnungszeiten: Di bis Fr 15 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr

Neue Lyrik: Frühlingsanfang & Blütensterne & Frühlingsbeginn (Ohne P.)

Frühlingsanfang
(Zum Welttag der Poesie)

Der graue Himmel fällt
aus dem Rahmen
kein Vogelgesang keine laue Frühlingsluft
nur ein leises Gurren der brütenden Tauben
in der Thuje am Haus
die Natur hält sich nicht
an Kalendertage
regt sich blüht
und wächst wie sie will
aus ihr spricht die Erde
ihre eigene Sprache
Bäume Pflanzen Tiere
und der Mensch greift immerfort
nach ihr
ruft flüstert schreit
wild und zärtlich
neigt er sich ihr zu
findet keine Ruh
sie zu ergründen untersuchen
mit der Macht der Worte
berauscht und beraubt
ihrer Sinne sucht sich ihr zu bemächtigen
in nie versiegenden Flüssen
fest verwurzelt im leisen weisen
Rauschen von Baumriesen
weit verästelt im unbeschwerten Flug der Vögel
im Hohelied der Liebe
die Welt zu sehen

LV
21.3.2026

Blütensterne

(Für Jade & Lina und Lola)

Träume sterben
wenn wir sie versäumen
lassen wir uns nieder
kommen sie wieder
ich träum mich zu Euch
in einen Garten über den Wolken
voller Licht hell und klar
das erste Grün sprießt
Schneeglöckchen verabschieden sich leis
Gänseblumen wachsen
Anemonen Tausendschönchen
und Hornveilchen entzücken
mit ihren Farben
wer schnuppert daran und
zählt mit mir die Blütensterne
stelle sie höher in Gläser
ihr Leuchten
Ihr zwinkert mir zu in der Sterne Schar
in der Ferne seht die Blütensterne
die kleinen Fellkobolde
staunen bewundern und
zerpflücken sie gar zu gerne

LV
21./22,3.2026

Lina am Wintergarten. Lina & Jade auf dem Sofa. Ich vermisse die beiden sehr.Lola.
Sie war meine erste Katze und lebte 18 Jahre bei mir.

Frühlingsbeginn
(Ohne P.)

Du bist verloren gegangen
Im Dunkeln warst du
kaum zu sehen
doch ich hab dich immer gefunden

im dichtesten Grün
verwuschelt Erde im Haar
Kratzspuren von Kämpfen
und auch die Knoten am Bauch
trugst du mit kecken Sprüngen davon

sprangst ohne zu fragen
in mein Herz
das dir alle Tage zufliegt
unsre Wege abgeht

der Futterteller steht leer
nebenan im Garten haben sie
einen Drahtzain errichtet
zum Frühlingsbeginn
unten ein Spalt offen

werd ich dich wieder sehen
mein Graugetigerter

LV
22.3.201

Kater Paul im Hausgarten. Leider lebt er nicht mehr.

Leipziger Buchmesse beendet mit neuem Besucherrekord

Wo Geschichten Hunderttausende verbinden: Leipziger Buchmesse feiert Rekordzuspruch

Immer mehr Menschen lassen sich auf der Leipziger Buchmesse, der Manga Comic Con und Europas größtem Lesefestival Leipzig liest inspirieren. Das zeigen auf eindrucksvolle Weise die 313.000 Besucher:innen (2025: 296.000), die vom 19. bis 22. März auf die Messe kamen und bei über 3.000 Veranstaltungen an über 300 Leseorten in Leipzig Literatur in all ihren Spielarten gefeiert haben. 2.044 Aussteller:innen aus 54 Ländern beteiligten sich, um die Buchmesse als Präsentationsplattform für ihre Frühjahrs-Neuerscheinungen zu nutzen und ihre Autor:innen dem Lesepublikum vorzustellen. 

Die Begeisterung für gute Geschichten und die Neuerscheinungen der Saison bringt Leser:innen aller Genres  an dem Ort zusammen, der jedes Frühjahr zum Zentrum der Literatur in Deutschland wird: die Leipziger Buchmesse und Leipzig liest, Europas größtes Lesefestival. „Ob Belletristik oder Sachbücher, gezeichnete oder gesprochene Bücher – dass die Leipziger Buchmesse mit ihrem Angebot noch mehr Menschen als je zuvor anzieht, macht uns wirklich stolz. Sie ist ein unverzichtbarer Treffpunkt für alle, die Bücher lieben“, so Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe.

„Auch 2026 hat sich die Leipziger Buchmesse als Ort der Debatten bewiesen, sei es zu literarischen wie gesellschafts- und kulturpolitischen Themen. Unser Angebot spiegelt diese Vielfalt auf einzigartige Weise wider und übt als Publikumsmagnet mehr Anziehungskraft als je zuvor aus. Gleichzeitig wertschätzen die Verlage die Leipziger Buchmesse und Leipzig liest, Europas größtes Lesefestival, als zentrale Vermarktungsplattform, auf der sie ihre Bücher und Autor:innen hunderttausenden interessierten Leser:innen gleichzeitig vorstellen können“, so Astrid Böhmisch, Direktorin der Leipziger Buchmesse.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: „Die Leipziger Buchmesse hat einmal mehr ihre besondere Kraft entfaltet: Mit großer Leidenschaft hat die Branche die Vielfalt der Stimmen und Inhalte sichtbar gemacht und ist gleichzeitig solidarisch und mutig für ihre grundlegenden Werte eingetreten. Sie hat auch klar gemacht, dass sie nur dann weiter ein starkes Rückgrat für die Demokratie sein kann, wenn die Politik verlässliche Rahmenbedingungen schafft – wie faire Regeln für KI, Alternativen zur Dominanz großer Plattformen oder die Förderung von Medien- und Lesekompetenz.”

22. Preis der Leipziger Buchmesse geht an Katerina Poladjan, Marie-Janine Calic und Manfred Gmeiner
Die Jury des 22. Preises der Leipziger Buchmesse erntete großen Zuspruch für ihre Auswahl der Gewinnertitel aus den 485 Einreichungen der 177 Verlage. In der Kategorie Belletristik wurde Katerina Poladjan für ihren Roman „Goldstrand“ (S. Fischer) gefeiert, den Sachbuch/Essayistik-Preis erhielt Marie-Janine Calic für „Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C.H. Beck). Für die Übersetzung von „Unten leben“ aus dem Spanischen von Gustavo Faverón Patriau wurde Manfred Gmeiner geehrt.

Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung
Dieses Jahr wurde der kroatisch-bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović für „Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered“ (Ü: Brigitte Döbert, Suhrkamp) mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Die Laudatio hielt die serbisch-österreichische Schriftstellerin Barbi Marković. Im Rahmen der Eröffnung im Gewandhaus zu Leipzig sprachen zuvor Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), Sebastian Guggolz, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sowie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Ihre Redebeiträge zeigten auf eindrucksvolle Weise, dass die Leipziger Buchmesse genau der richtige Ort ist, um wichtige kulturpolitische Debatten zu führen und gegensätzlichen Standpunkten Raum zu geben.

„Donau – Unter Strom und zwischen Welten“, das Fokusthema
Mit über 50 Autor:innen und 87 Veranstaltungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, davon 33 auf der Donau-Bühne, hat die Leipziger Buchmesse 2026 die Literatur des Donauraums ins Scheinwerferlicht gerückt. Was literarisch, historisch und gesellschaftspolitisch links und rechts von der Donau geschieht und ihre Ambivalenz, verbindendes und trennendes Element gleichzeitig zu sein, wurde für die Besucher:innen bei den Lesungen, Gesprächen und Präsentationen eindrücklich erlebbar.

Die Stars von morgen: Debüt-Autor:innen auf der Leipziger Buchmesse
Sie haben geschafft, wovon viele träumen: Verlage haben ihr erstes Werk veröffentlicht. Ein weiterer Traum ging nun in Leipzig für sie in Erfüllung: Bei zahlreichen Veranstaltungen konnten die Debüt-Autor:innen diese Woche vor tausenden Menschen zeigen, welches Potenzial in ihnen steckt – und das Publikum war begeistert.

Leipzig liest − das größte europäische Literaturfestival
Das diesjährige Motto „Wo Geschichten uns verbinden“ wurde für die Teilnehmenden von Europas größtem Lesefestival Leipzig liest an den unterschiedlichsten Orten erlebbar. In Kirchen, Galerien, Museen und Buchhandlungen, aber auch in Kneipen, Augenarztpraxen, Apotheken, auf dem Südfriedhof, im Landgericht oder im Leipziger Zoo sowie an vielen weiteren Plätzen in der Stadt wurde Literatur in all ihren Spielarten gelesen, genossen und gefeiert.

Wo gezeichnete Geschichten zuhause sind: die Manga Comic Con
Erneut hat die Manga Comic Con als wahrscheinlich bunteste Messe Deutschlands gezeigt, wie viel Energie, Kreativität und Fantreue in der Community steckt. Unzählige Cosplayer:innen schmückten mit ihren aufwendigen Kostümen und Accessoires die Hallen und wetteiferten bei Cosplay-Wettbewerben um die begehrten Auszeichnungen. Erstmalig wurde in diesem Jahr der Tancho Award als neuer Preis für deutschsprachige Mangaka verliehen.

Neue Angebote für Kinder, neue Kooperationen und weiter gewachsene Formate
Als eine der wichtigsten Bildungsmessen Deutschlands hat die Leipziger Buchmesse mit ihrem Fachprogramm Fokus Bildung auch dieses Jahr Pädagog:innen aus dem ganzen Land zum Netzwerken und Weiterbilden angezogen. Viele Schulklassen und Familien nutzten die Angebote für junge Leser:innen, und im neuen Experimentierraums piks nahmen zahlreiche Kinder begeistert an den Workshops und anderen Formaten teil, die Sachbuchthemen spielerisch erlebbar machten.
In der weiter gewachsenen Audiowelt trafen sich Fans von Hörbüchern, Hörspielen, Podcasts und Streamingangeboten und ließen sich von Bestsellerautor:innen wie Daniel Speck, Dora Heldt oder D.C. Odesza unterhalten, genossen Live-Podcastsendungen und testeten neue Hörbücher in der Audiolounge.
Unter dem Motto „Geschichten aus der Zukunft“ teilten im Forum Mensch und KI Expert:innen, Autor:innen, Künstler:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Politiker:innen ihr Wissen und ihre Erfahrungen rund um Künstliche Intelligenz mit dem Publikum in vielen interaktiven Formaten.
Frisch aus der Taufe gehoben wurde das kuratierte Branchenformat „NEW VOICES“. Die Mitteldeutsche Medienförderung und die Leipziger Buchmesse setzen sich mit dieser Initiative für eine engere und frühere Verzahnung zwischen Buch und Film, Debüt- bzw. Jung-Autor:innen und Produzent:innen ein.

Die nächste Leipziger Buchmesse findet vom 18. bis 21. März 2027 statt.

Text: Felix Wisotzki, Pressesprecher, Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse im Internet:     
www.leipziger-buchmesse.de
https://blog.leipziger-buchmesse.de

Leipziger Buchmesse auf Social Media:
www.facebook.com/leipzigerbuchmesse
www.instagram.com/leipzigerbuchmesse
www.linkedin.com/company/leipziger-buchmesse
www.threads.net/@leipzigerbuchmesse

Manga Comic Con:
www.manga-comic-con.de
www.facebook.com/mangacomiccon
www.instagram.com/mangacomiccon