Bilder sprechen
(Für meinen Vater)

Die Bilder sind von den Wänden
abgehangen
die Schubladen der Kommoden leer
die Mona Lisa lächelt
als wäre nichts
über dem Vertiko mit den Blumenranken im Holz
Dein Wecker weiß mit Glocken tickt
weiter vor sich hin
eine Tür schließt sich
für immer
Deine Dinge leben
bei mir weiter
Bilder Bücher Geschirr Klassik- und Jazz-CD`s
Malfarben Wein Karaffe
und der Lehnstuhl steht
am Fenster am Wintergarten
auf dem ich sitzen lesen und
an Dich denken werde
die Dinge werden zu mir
sprechen
was Du mir nicht
sagen konntest
all die inneren und äußeren Bilder die in keinen
Rahmen passen
die goldgerahmten und schlichten
Stillleben Blumen Boote auf dem Wasser
im Nebel
und die weiße Plastik allein im Park
mit erhobenen Armen
inmitten von Bäumen
Dein Wecker im Raum
tickt leise
wie ein Gruß
auch die Stille ruft –
Weiter
auf Deiner Reisetasche
liegt oben ein kleines rotes
bemaltes Holzkästchen
Viel Glück steht darauf
LV
25.6.2026

Auf dem Weg zu Dir
(Für meinen Vater)

Der Anruf kam gestern
vormittag im Zug
ich verpasste fast das Aussteigen
der Unfall hat Dein Schweigen
jäh unterbrochen
verwandelt
Du kannst nicht
mehr anders
kein Ausweichen
wehrlos zerbrechlich
liegst Du in der Klinik
vor mir
in einem Bett am Fenster umgeben
von Monitoren mit Kurven
und ein Atemschlauch steckt
im Mund

Dein Herz schlägt noch
sagt der Pfleger
hörst Du noch meine Stimme
ich flüstere was schon lange hinaus wollte
rede Dir gut zu
lese meine Gedichte vor
halte und streichle Deine Hand
und Dein Gesicht mir zugewandt
glatt rasiert die Haut und gebräunt
der kleine Leberfleck am Hals
wie meiner

die Augen geschlossen gesalbt die Lider
sehe ich Dich endlich
wieder
verloren vergessen und aufgehoben zugleich
alles Warten Wünsche und Sehnen
vereint in diesem Augenblick
Du mir fremd
und nah zugleich
noch so viele offene Fragen
tiefe Erschütterung und Ernüchterung
und nie endende Verbundenheit

LV
31.5.2026

Der erste Tag ohne Dich
(Für meinen Vater)

Wiedersehen und Abschied
an einem Tag voller Licht
immer noch überwältigt
die Freude überwiegt die Trauer
Wut und Schmerz steigen
auf und verebben wieder
Ich hab Dich nach langer Zeit
noch einmal und als Letzte lebend gesehen
Du schienst gar nicht gealtert
von Deiner schweren Verletzung
fast nichts zu sehen
Dein Gesicht und Haar
so weich und sanft
als wäre nichts geschehen

Deine Augen nach innen
gerichtet
konnten mich nicht
mehr sehen
Doch ich war und bin
immer noch bei Dir
auch nach Deinem Gehen
vermisse Dich so sehr
in Gedanken bin ich schon
am Meer

Lass mich tragen
von den Wellen
hin und her
gestern Abend strömten sie
rötlich gefärbt
ins endlose Blau

LV
1.6.2026

Schwerelos

Heute mittag sah ich
ein Wolkenherz
ein Vogel flog vorbei
am Fenster am Himmel
darüber graue Regenwolken
die Sonne kam später
wieder hervor
Dein Leben hängt
nicht mehr an irgendwelchen Geräten
aller Erdenschwere enthoben
gehst Du nun auf Reise
erzähl mir von dort
im Schatten von Bäumen
wo Licht und Dunkel
sich berühren
unsere Träume
sich nie verlieren

LV
2.6.2026