Ankunft am Meer

Aufbruch im Dunkeln
die Katzen hinter mir
springen auf den Koffer
und wollen mit
der weiße Kater stürmt
voran
ich lege ihn zurück
kein Halten mehr
kein Handy keine Ablenkung
mehr kein Anruf
keine Bilder
(es verweigert den Dienst)
nur das vor mi
was gerade ist

rosa Wolken schon
am Morgen
Sonne den ganzen Tag
volle Züge und freundliche
Menschen
sehe sie an
ihnen wieder mehr zu
statt auf`s Display
aus dem Zugfenster
ein Reh steht verlassen
am Bahndamm
als der Zug naht
springt es in den Wald zurück

Kuhherden und Pferde grasen
auf saftigen Weiden
der letzte Holunderbaum
große dunkel wogende Früchte
vor einem verfallenen Gemäuer
halb eingezäunt
bleibt zurück
ich könnte weinen
vor Glück
das Meer wogt
grau und wolkenschwer
eine einzelne Möwe
fliegt davon
abends stehen sie
auf einer kleinen Sandinsel
im Wasser
hungrig wie immer

ich füttere sie
sie kreischen vor Vergnügen
als ob sie fragten: Wo warst
Du so lange?

LV
20.9.2026

Ferienzimmer

Die Tür zum Ferienzimmer steht halb offen
Sonne schaut aus den Wolken
doch ich kann nicht hinaus
kam voller Vorfreude an
doch etwas ist anders
als sonst
ein Teil der Farben und des Zaubers
fehlen
der ganze Sommer ausgebucht
die zwei Monate bis zum Wiedersehen
schienen wie eine Ewigkeit
die Gäste vor mir im August
feierten eine wüste Party
schlugen betrunken von billigem Wodka
aus Polen
ihre Wut heraus
auf kunstvolle Dinge ein
die ich liebe an diesem Refugium
meinem Rückzugsort vor der lauten Welt
sie zerschlugen eine große Porzellanlampe
bemalt mit bunten Vögeln und Schmetterlingen
der alte Holztisch stand in der Mitte zerbrochen
die Vermieterin sah es fassungslos
sie kannte die Gäste nicht
sie vermietet an alle die kommen wollen
und warf die zwei vorzeitig hinaus

die Vorstellung im selben Bett zu liegen
wie die Zerstörer vorher
weckt Widerwillen Wut und Traurigkeit
bei mir
hab mich schon oft gefragt
was dieses Ferienzimmer schon
alles gesehen und ausgehalten hat
das weiße Seepferdchen aus Porzellan
steht jetzt allein am Fenster im Licht
die Nacht und der Regen nehmen
die Schatten fort
die letzten Rosen apricotfarben aus dem Garten
duften auf dem dunklen Metalltisch
mit Lochmuster
die Sonne strahlt auf`s Schönste
nach dem starken Wind
der ein Stück der Tür aus dem Rahmen
riss rückte der Mann der Vermieterin
sie mit dem Hammer wieder gerade
die Tür hält wieder
nichts hält mich länger
drinnen

LV
20.9.2026

Strandkonzert

Ich gehe durch den Regen
sehne mich nach weißen Schwingen
nach den Gesängen der Möwen
die leiser werden
die bunt verstreuten Blätter rascheln
um so lauter im Wind
rings um den Brunnen der immer
noch sprudelt an der Promenade
in hohen Fontänen
aus der Konzertmuschel weht Musik
ich will zum Meer zu den Möwen
und bleibe doch stehen
schwinge mit zu den Klängen aus fernen Tagen:
Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen
Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
sing mich frei mit den Tränen
stehe unter einem Baum
mit anderen Leuten
einige tanzen in bunten wetterfesten Jacken
pure Lust am Leben
Möwen fliegen vorbei in Richtung
Strand galant
die zierliche Sängerin in blauer Kapitänsjacke
mit goldenen Revers weißer Hose
und langem blonden Haar
gibt alles rockt mit kraftvoller Stimme
Simply The Best
sie heißt ebenfalls Tina
und bekommt viel Applaus
mit den Liedern über Liebe Sommer Leichtigkeit
und Abschied Bye Bye My Love von Tamara
lässt sie die Arme fliegen
wie Vögel
sie schwirren
Raben und Möwen später
hoch am Himmel und einer prächtigen Baumkrone
die funkelt im Abendlicht

LV
20.9.2026

Spätsommertag am Meer

Die Sonne schält sich
aus den Wolken
immer wieder ein Aufleuchten
der Himmel über dem Meer
umspannt von riesigen
hellen Schwingen
darunter ein azurblaues Band
davor kreisen Möwen
übertreffen sich im Fliegen Fangen
Rufen und stürzen sich auf`s Futter
aus der Strandtasche am fast menschenleeren
Strand
die Sonne zeichnet ihre Umrisse
in den Sand
die Flügel und ihr Gefieder
glänzen weit aufgefächert
entzücken formvollendet
mit jeder Bewegung
nichts entgeht ihren Blicken
die Schnäbel picken sorgfältig
was in Reichweite liegt
der Wind hat nachgelassen
ich wage mich endlich
ins Meer
die kleinen weißen Segler
immer in der Nähe
fliegen hinterher und ich vergesse:
Es ist kein Sommer mehr

LV
23.9.2026

Ückeritz

Auf dem Weg
durch die Seebäder
die Steilküste entlang
das Meer und der Himmel
schimmern blau weiß
hinter Bäumen
wildes Tosen ungezügelter Wellen
die an und ab rollen
wie es ihnen gefällt
Lichtflecken auf den Stämmen
und am Erdboden
vereinzelt Spaziergänger
hier oben ruht
die Welt
noch
still verschwiegen
die Wege vertraut
auf und abwärts
Hügel mitten durch den Wald
steht das Tor weit offen
in eine andere Welt schön und rau
der Naturcampingplatz schon
fast leer
von einer Motorsäge wirbelt Grün
und Holzspäne
mir ins Gesicht
sie räumen auf
ein kleines Tier vielleicht ein Vogel
oder eine Maus liegt zerquetscht
auf der Straße
im kleinen Wäldchen an der Steilküste
aufatmen endlich angekommen
tost weithin das Meer
Wolken spiegeln sich in den Wellenkämmen
azurblau
ich lache und es fließen Tränen
beim Eintauchen
kein Wind keine Kälte trennt
mich mehr von diesem Ort
der Strand auf einer Seite
neben der Treppe schon
schmaler geworden
das Meer dringt vor in Richtung
Steilküste
Sandkrater tun sich auf
wie ausgespült und ausgehöhlt
große und kleine Wasserlachen
in denen viele bunte Muscheln liegen
kleine und große Federn verhakt
in trockenen Seetangfäden kleben
die Möwen wie auf Inseln stehen
das Meer nicht aus dem Blick lassen
Freudentänze beim Füttern aufführen
eine große schwarz weiße Feder liegt
als Geschenk im Sand
an der Steilküste neben der Treppe erhebt sich
majestätisch eine Gestalt im sandfarbenen Gewand
wie eine Hüterin des Meeres
und abends steht plötzlich der Vollmond hoch oben
und die Wellen schimmern golden
zwischen den Buhnen

LV
25.9.2026

Auf der Promenade

Heute früh von einem Möwenschwarm
geweckt
es klang wie ein Morgengruß
am Ferienzimmer
Ihr seid weitergezogen
ich Euch nach
die Promenade entlang
Sonne im Gesicht
und den Duft vom Meer
große Wattewolken am Horizont
der Blick durch windschiefe Kiefern
auf`s endlose Blau
mich mit ihm, verbinden
vom Kurhaus in Heringsdorf
wehen Klänge herüber aus den 80ern
die ich liebte als wir dort tanzen waren
zum ersten Mal am Meer
jetzt ist dort ein Modeladen
der Springbrunnen sprudelt hohe
Fontänen jede ein Sonnenstrahl
auf der Wiese hinter einer Hecke
liegen kleine flauschige Federbälle
eine große graubraune Möwe spaziert
umher fängt hastig die Brötchenstücke
vorn seh ich sie wieder
in Bansin biegt die Möwe
in die Einkaufsstraße ab
vielleicht auf Futtersuche oder
sie findet das Meer
nicht mehr

LV
25.9.2026

Garten des Lebens
(Für Frau B.)

Vieles schon verblüht
die letzten Rosen aus
dem Garten lachsfarben
stehen auf dem Tisch
im Ferienzimmer
ich bringe ihr einen Strauß
Astern rote rosa und violette
die meine Großmutter auch liebte
und farbige Rosen
Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen
im Wohnzimmer mit dem bodenhohen Fenster
in den Garten
über der Gartenmauer ragt
ein neues Haus Rohbau weiß
über zwei Etagen
es steht dicht am Garten
obwohl dahinter noch Platz wäre
vom Gerüst und den Fenstern aus
kann man direkt zu ihr hinein
und in die Ferienwohnung sehen
die vielen Blumen Sträucher
Gewächse das Rosenspalier
und der grünberankte Pavillon vorn
wie lange werden sie noch stehen
das kleine Haus und der Garten
sind ihr geblieben
ihr Mann lebt schon lang nicht mehr
sie ist 90 jetzt
immer noch wunderschön das weiße Haar
hochgesteckt lebhafte blaue Augen wacher Blick
Wände voll mit ihren Bildern
Landschaften und Boote am Wasser
sie sitzt im Sessel sie kann schwer gehen
die Hände schmerzen und der Rücken
sie wollte nie weg vom Meer
bis zum Strand schafft sie es nicht mehr
sie liebt ihren Garten
die hohen Kiefern
rote Duftrosen stehen am Fenster
davor sitzt eine Katze schwarz
mit weißen Pfoten und schaut herein
Mulle ruft die alte Dame sie
die Katze ist auch schon älter
und kommt manchmal zu Besuch
wie auch eine kleine graue
vom Nachbarn
sie stellt ihnen einen Futterteller hin
und Tauben gurren auf dem Dach
vom Neubau gegenüber

ich erzähle ihr von meinem runden Geburtstag
im November wie unwirklich
mir das vorkommt
dass es nur eine Zahl ist
und ich das Leben feiere
und wir uns dann im Mai
wiedersehen in ihrem
zauberhaften Garten am Meer

LV
24.9.2026

Das Meer kommt mit

Ich seh die Bilder
die Möwen im letzten Licht
des Tages
im Abendrot am Strand
kleine weiße Punkte
mit Blick auf`s rötlich gefärbte Meer
die gerade noch schwirrten
und flogen ich mittendrin
immer wieder sehe ich
mich um
zwei Raben krächzen
zum Abschied
die Sehnsucht kommt
immer mit
mit der Entfernung
den Landschaften sommermatten
Feldern und Wiesen die am
Zugfenster vorbeifliegen
wird sie noch größer
erfüllt und leer zugleich
kann nicht bleiben
und nicht gehen
will weiter wogen
mit dem Meer
Abschied fällt mir schwer
Wem nicht
sagst Du
deshalb bist Du noch nicht
hingefahren dieses Jahr
dann bleibt nur
die Sehnsucht

LV
27.9.2026

Texte + Fotos: Lilli Vostry
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