Zu gut für die Welt

Wer nur auf sein Herz hört, der ist verloren in dieser Welt. Davon erzählt das Stück „Der Idiot“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij. Die russische Seele leuchtet voll dunkler Romantik und Leidenschaft. Humor, Wehmut und bitterer Ernst liegen nah beieinander in dieser trotz des düsteren Stoffs wunderbar leichten Inszenierung in der Regie von Matthias Hartmann. Ehemals Intendant am Wiener Burgtheater, landete er mit seiner ersten Aufführung am Dresdner Schauspielhaus gleich einen Volltreffer. Vier Stunden lang spannendes Erzähltheater und kontroverses Spiel mit viel herzergreifender Situationskomik,  Gefühlsausbrüchen, gleichzeitig heiter und tragisch, das ist selten an einem Abend zu erleben. Das Bühnenbild besteht lediglich aus ein paar Stühlen und grauen Schiebewänden, die sich wandeln zu verschiedenen Räumen der feinen St. Petersburger Gesellschaft. Mit der Ankunft des aus einem Schweizer Sanatorium zurückkehrenden, mittellosen Fürsten Myschkin (naiv und edelmütig: André Kaczmarczyk) scheint sich alles zu verwandeln. Im kühl-vornehmen Salon einer Generalsfamilie sprießen wie von Zauberhand gemalt weiße Blüten die Wände empor. Der zuerst barsch abweisende General (Holger Hübner), seine besorgt-misstrauische und melodramatische Gattin (Rosa Enskat) und ihre Töchter Alexandra (aufgeschlossen: Cathleen Baumann) und Aglaja (hochmütig: Lieke Hoppe) hören auf einmal begierig seine lustigen und traurigen Reiseanekdoten an, staunen über die guten Manieren und Bildung des vermeintlichen „Idioten“.

Er wird bewundert, belächelt, geliebt und verhöhnt. Er ist ein Idealist, Träumer und Feingeist und in sich gefangen. Ein Gutes wollender Unglücksmensch, der immer zwischen die Fronten gerät von Intrigen, Machtstreben, verschmähter Liebe, Eifersucht, sozialem Absturz  und Verzweiflung. Das begehrte, mal schamlose und mal zutiefst verletzliche Objekt der Begierde heißt Nastassja (Yohanna Schwertfeger) und sehnt sich selbst vergebens nach wahrer Liebe. Wie auch ihr besessener Verehrer (Christian Erdmann). Ein zwiespältiger Nachgeschmack bleibt. Der Idiot scheitert an seiner reinen Gutherzigkeit. Für alles hat er Verständnis und hält sich aus allem heraus. Zuletzt hält er seinen einzigen Freund, den Mörder von Nastassja im Arm  und tröstet ihn. Ein großer Theaterabend, der viele Fragen aufwirft. Wie man sich und seinen Idealen treu bleibt ohne unterzugehen in dieser Welt zunehmender Gefühlskälte und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Begeisterter Beifall vom Publikum.

Nächste Termine: 19.2. und 2.3., 19.30 Uhr im Schauspielhaus.

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