Ein älteres Paar erzählt von sinnlichen und lustigen Momenten beim Aktfoto-Shooting für die Ausstellung „Keine Frage des Alters“ in der Galerie im Kunstkeller in Dresden.

Zwei Körper in inniger Umarmung. Er hält zärtlich seinen Kopf und die Hand an ihren Bauch als lausche er einer Melodie, die nur sie beide kennen. Ein Aktbild hängt auch in ihrem Schlafzimmer. Sein Schwager fand es schön fotografiert, doch die Leute seien zu alt!

„Wir sind nun mal nicht jünger, habe ich gesagt und er staunte und konnte es gar nicht glauben, dass wir es sind“, erzählt Willi schmunzelnd. Er ist 70 Jahre alt, studierter Elektrotechniker und arbeitete früher als Techniker bei AMD. Seine Frau Ute ist 60. Sie war leidenschaftliche Kartographin bis ihre Tätigkeit durch Computertechnik ersetzt wurde. Seit 2008 ist sie als Seniorenbegleiterin selbstständig. Zu sehen sind die schwarz-weißen Aktfotografien des Paares derzeit in der Ausstellung: „Keine Frage des Alters“ in der Galerie im Kunstkeller in Dresden. Wer glaubt, dass Älterwerden automatisch freudloser werden muss, der wird in dieser Schau eines Besseren belehrt. Zu sehen sind Menschen zwischen 50 und 80 Jahren bei ihren Lieblingsbeschäftigungen. Angefangen bei lustvollem Kochen, Sonnenbaden im Garten, Motorrad fahren einer älteren Dame im Grünen oder einem Ausflug mit dem Pferd bis hin zu inniger Zweisamkeit. 19 Frauen und fünf Männer stellten sich mutig und vergnügt ganz unverhüllt dem Kameraauge von Fotokünstler und Galerist Volkmar Fritzsche. Die rund 80 Bilder zeigen sinnenfroh und augenzwinkernd, mit wie viel Lust, Spaß und Schwung Menschen auch in höherem Alter noch vielfältig aktiv sind.

Ihr erstes Foto-Shooting hatten Willi und Ute im Mai 2007 für die Ausstellung „Jenseits der Lebensmitte“ im Fotostudio des Kunstkellers. „Dafür wurden aufgeschlossene Menschen, Singles und Paare, gesucht. Wir sagten uns, wir sind locker und probieren es mal“, so Willi. Obwohl er sich nicht schön findet, sagt er. Aber sie vertrauten dem Fotografen. Etwas komisch war es dennoch, sagt Willi, als sie sich im Fotostudio auszogen. Auch mit dem Wissen, dass die Bilder dann öffentlich zu sehen sind. „Doch während des Fotografierens und durch die angenehme Atmosphäre vergisst man, dass man nackt ist“, sagt Ute. Sie sind eins der ersten Paare, die Volkmar Fritzsche für seine Ausstellungen fotografierte. Die Reaktionen auf die Aktfotografien seien zumeist positiv. Sie wurde auf die Aufnahmen, die auch schon in Zeitungen erschienen, von Bekannten im Gymnastikkurs angesprochen. „Ich sehe es gelassen und freue mich darüber“, sagt Ute. Und Freunde, denen sie von ihren Aktfoto-Shootings erzählten, finden es mutig. Auch die bereits erwachsenen Kinder von Willi und Ute finden das gut. Beide haben zwei Söhne und jeweils vier Enkel. Außerdem sind sie mit FKK an der Ostsee, also natürlicher Nacktheit, groß geworden, erzählt der gebürtige Stralsunder. Vier Aktfoto-Shootings haben Willi und Ute inzwischen zusammen mit Fritzsche gemacht. Ihr lustigstes Erlebnis hatten sie bei einer multiplen Fotoserie, wo sie übermütig Lebensfreude zeigend auf einem Feld umher sprangen und in Brennnesseln landeten. „Erst hinterher habe ich gemerkt, wie die Füße brannten“, erzählt Ute. Die Aktfotografie sei ein schönes Hobby und zugleich eine von vielen gemeinsamen  Unternehmungen. „Ein Anreiz war die Neugier, es hat Spaß gemacht und ein bisschen prickelnd war es auch“, sagt Willi. „Nach dem ersten Mal waren wir noch essen und sind beschwingt nachhause gefahren.“ Es gebe auch der Beziehung einen Kick und für einen Moment ist der Alltag ausgeschaltet, sagt Ute. Da man sich auf eine andere Weise näher kommt, mit anderen Augen sieht und wieder eine andere Seite aneinander entdeckt beim Fotografieren. Und es fördere auch die Lust. „Es wäre aber übertrieben zu sagen, durch das Fotoshooting ist man danach wie frisch verliebt. Es ist eher umgekehrt. Die Liebe wird bestätigt, man erfährt sie neu und erlebt etwas Neues miteinander“, sagt Willi. Sie kennen sich seit 25 Jahren und sind seit 17 Jahren verheiratet. „Man kennt sich sehr gut, weiß wie der andere tickt und reagiert. Man hat nicht mehr die Schmetterlinge im Bauch. Es ist anders innig“, sagt Ute. „Man kommt mit einem Lächeln nachhause und freut sich, die Freude des anderen zu sehen, wenn man wieder da ist“, sagt Willi. „Es reibt auch mal. Viele gerade junge Leute bewältigen keine Probleme mehr miteinander, sondern gehen auseinander. Wir haben dann dafür auch den Erfolg miteinander.“ Warum die Liebe im Alter immer noch tabuisiert wird in der Öffentlichkeit?

„Viele sehen eben gern wohlgeformte und makellose Körper, obwohl es in der Realität gar nicht so ist“, sagt Willi. Zusammen älter werden, heißt auch die Lebensspuren am Körper, die nicht mehr knackige Haut und dass man schwächer wird, zu akzeptieren. „Wir haben ein Buch mit Bildern von verschiedenen Shootings, woran wir uns erfreuen, auch als  schöne Erinnerung“, sagt Ute. Eine von ihr betreute, 94jährige Dame sagte ihr einmal: „Genießen Sie die Zeit zwischen Siebzig und Achtzig. Danach geht es abwärts!“, erzählt Ute schmunzelnd. Die Liebe kennt kein Lebensalter. Und auch Schönheit hört nicht auf mit dem Alter. Wenn man sich den Blick dafür und die Wahrnehmung mit allen Sinnen bewahrt.

Die Ausstellung „Keine Frage des Alters“ ist noch bis 24. März im Kunstkeller zu sehen. Die nächste Ausstellung mit dem Titel „Nackte Haut in Kleidern aus Licht“ zeigt fotografische Lichtmalerei von Volkmar Fritzsche in farb- und fantasiereichen Körperbildern von 25 Modellen zwischen 18 und 80 Jahren. Die Eröffnung ist am 5. April  um 20 Uhr mit einer Light-Painting-Tanzperformance mit Carolina K. im Kunstkeller.

Geöffnet hat die Galerie im Kunstkeller, Radeberger Str. 15 in Dresden di von 15 – 21.30 Uhr, mi + do von 16.30 – 18.30 Uhr

 

 

 

Advertisements